Woher das Böse auf der Welt kommt

Überall, wohin man jetzt sieht, ist das Böse auf
der Welt. Man erzählt, daß einmal bei einem
Herrn ein Tagelöhner gedient hat, der mußte immer
den Mühlstein mit der Hand drehen. Wie er
so mahlte und mahlte, kam es ihm vor, als ob der
Mühlstein sagte: „Woanders ist es besser, woanders
ist es besser!“ Der Tagelöhner hörte das,
ging von seinem Herrn fort, dorthin, wo es besser
war.
So verdingte er sich bei einem anderen Herrn.
Aber auch dort mußte er das Getreide mahlen und
mit der Hand den Mühlstein drehen. Er mahlte
und mahlte und lauschte, was der Mühlstein sagen
würde. Da hörte er, wie die Mühle voller Unruhe
klapperte: „So wie hier, ist es auch dort! So
wie hier, ist es auch dort!“
Da ging der Tagelöhner auch von diesem Herrn
fort und suchte eine bessere Stelle. Aber soviel er
auch umherwanderte, überall mußte er den Mühlstein
mit der Hand drehen, und immer sagte der
Mühlstein: „So wie hier, ist es auch dort! So wie
hier, ist es auch dort!“
„Also geht es allen Tagelöhnern auf der Welt
schlecht“, sagte der Tagelöhner.
Das hörte sein Herr, er nickte mit dem Kopf und
sagte: „Wahrscheinlich geht es allen auf der Welt
schlecht.“
Und nun will ich euch erzählen, wie das Böse in
die Welt gekommen ist. Wenn ich die Wahrheit
sage, dann merkt sie euch, aber wenn ich Unwahres
sage, dann stört mich nicht und entschuldigt
es, denn wenn es alt wird, wird es auch zur
Wahrheit.
Vor langen, langen Zeiten lebten einmal Menschen,
die nichts Böses kannten. Die Welt ist
groß, und überall ging es ihnen gut. Wie sie arbeiteten,
so lebten sie auch. Es gab damals weder
Gutsherren noch Bauern, die Menschen lebten so
dahin, lebten, rühmten Gott und kümmerten sich
um nichts. Gott lebte aber damals noch auf der
Erde und kam zu den Menschen wie ihr Bruder. Er
lehrte sie, wie sie auf der Welt leben sollen, wie
sie Kinder kriegen, sie großziehen und die Erde
damit füllen sollen. Es gab weder Böses noch Gutes
auf Erden. Die Menschen blühten wie die Blumen.
Sie lebten wie die Vögel unter dem Himmel
und wie die Fische im Wasser. Sie lebten so dahin
und kannten weder Glück noch Not.
Aber was ist das schon für ein Leben? So lebt
auch das Getier im Walde, so leben auch die
Bäume. Gott sah dies alles und lehrte die Menschen,
sich Nahrung zu verschaffen, sich Kleidung
anzufertigen, sich vor dem Unwetter zu schützen
und Fische, Tiere und Vögel zu fangen. Da erkannten
die Leute, daß derjenige, dem Gott Verstand gegeben hatte, alles erreichen konnte,
was er wollte.
„Ja, wir sind auch jemand“, sagten die Menschen,
„was wir wollen, das tun wir auch. Wir sind
auch wie die Götter. Gott hat uns nur deshalb
nicht so viel Kraft und Stärke gegeben, weil er
Angst hat, daß wir die Erde beherrschen und ihn
selbst vom Himmel herunterholen könnten. Da
ging Gott von den stolzen Menschen fort, zurück
in den Himmel. Die Engel aber baten ihn, die
Menschen nicht zugrunde zu richten. Gott sagte
ihnen, daß er den Menschen die Macht über die
Erde geben würde, die Macht über alles, was auf
Erden wächst. Über jegliches Getier, was im Walde,
auf den Feldern, in den Sümpfen, auf der Erde
und unter der Erde lebt; über die Vögel, die unter
dem Himmelszelt dahinfliegen, und über die Fische,
die sich frei im Wasser bewegen. Die Menschen
würden die Macht über alles haben, was es
in der Erde und auf der Erde gibt, aber es würde
ihnen nur so lange gutgehen, wie sie nicht Macht
übereinander haben wollten. Wenn sie einander
beherrschen wollten, würden sie auch das Gute
und das Böse kennenlernen. Dann sollte es ihnen
so lange schlechtgehen, wie die einen Menschen
Macht über die anderen haben würden. Gott gab
den Menschen aber auch den Verstand, selbst zu
erkennen, woher das Böse auf der Welt kommt,
und dieser Verstand wird den Menschen auch den
Weg zeigen, das Böse zu besiegen, friedlich miteinander
zu leben und die Natur zu beherrschen
zum Nutzen aller Menschen.
Die Engel baten Gott, sie auf die Erde zu schikken,
damit sie den Menschen dienen und sie vor
dem Bösen bewahren könnten.
Gott erlaubte den Engeln, die Menschen zu beschützen,
und der hellen Sonne befahl er, den
Menschen Licht zu bringen, damit sie davon
Verstand bekämen, jenen großen Verstand, der
mächtiger ist als alles andere auf der Welt.
Die Engel bedankten sich bei Gott und flogen
zur Erde, um die Menschen zu beschützen. In der
Zeit aber, in der die Engel mit Gott gesprochen
hatten, hatte auch der Teufel nicht geschlafen. Als
er sah, daß sich Gott von den Menschen zurückgezogen
und die Erde verlassen hatte, hetzte er
die stärkeren Menschen auf, die schwächeren unter
ihre Macht zu bringen. Da nahmen die Stärkeren
den Schwächeren alles weg, ließen sie für sich
arbeiten und behandelten sie wie ihr Eigentum.
So machte der Teufel die Stärkeren und Listigeren
zu Gutsherren und gab ihnen die Macht über
alle schwächeren Menschen, und zu der Zeit ist
das Böse auf die Welt gekommen, ist so viel Böses
gekommen, daß man es gar nicht sagen kann.
Die Gutsherren jagten die Menschen wie Tiere,
quälten und verhöhnten sie, als seien es keine
Menschen, sondern Vieh.
Die Engel kamen herbeigeflogen, flogen hierhin
und dorthin und wollten die Menschen überreden,
den Gutsherren nicht zu gehorchen. Aber was half
das schon? Es wurde nur noch schlimmer. Die
Gutsherren hatten die Macht über die Erde, quälten die Menschen mit Hunger, schlugen und töteten
sie und hetzten einen auf den anderen.
Die Engel sagten, daß Gott im Himmel sei, daß
er alles höre und sehe und daß er die Gutsherren
für das Leid, was sie bringen, bestrafen würde.
Als die Gutsherren das hörten, sagten sie: „Ach,
was erzählt ihr uns da! Ihr habt dort im Himmel
gesessen und wißt nichts von dem, was hier auf
der Erde vor sich geht. Der Bauer kann doch gar
nicht ohne Gutsherrn leben. Er schlägt sich und
rauft sich. Man muß immer mit der Knute neben
ihm stehen und dazu noch hinter dem Gehöft eine
Fuhre Ruten bereithalten, denn dem Bauern juckt
das Fell ohne Knute. Er wühlt wie ein Schwein,
frißt sich voll, kriecht in den Dreck und denkt, er
sei ein Fürst. Der Bauer kann ohne Anleitung gar
nicht leben, denn er will nur das haben, was sein
Herr hat, und ist zum Arbeiten zu faul. Er kann
vor Hunger umkommen und wird doch faul auf
der Seite liegen bleiben. Ein Elend wäre es, wenn
der Bauer die Freiheit bekäme. Er würde die Welt
umkrempeln und nur Not zurücklassen.“
Als die Engel das gehört hatten, flogen sie zu
Gott, um sich zu beschweren.
Inzwischen herrschten die Gutsherren weiter
und hätten keine Not kennengelernt, wenn sie
nicht inzwischen angefangen hätten, sich gegenseitig
aufzufressen. Die Gutsherren rauften sich
und schlugen einander, und die Bauern mußten
alles ausbaden. Da schickte Gott die Engel auf die
Erde, um den Teufel zu bekämpfen, und die heiligen
Propheten schickte er, um die Menschen zu belehren. Aber weder die Engel noch die Propheten
konnten etwas ausrichten, denn sie kämpften
nur mit Worten. Das Böse aber kann man nur mit
dem Eichenknüppel beseitigen. Sie verkündeten
Gottes Wort, aber die Gutsherren lachten nur aus
vollem Halse darüber und strichen sich über die
Bäuche.
So müssen die Bauern bis heute arbeiten und
leiden. Sie haben kein Brot und sterben vor Hunger,
denn die Gutsherren nehmen ihnen alles
weg. Die Gutsherren aber herrschen, arbeiten
nicht und denken sich nur Böses aus, sie haben
des Teufels Macht hinter sich. Es gibt für die Bauern
keinen Ausweg aus diesem Leben, es gleicht
einem Steinhaufen, in dem die oben liegenden
schweren Steine die kleinen darunter zu Sand zerrieben
haben. Die oberen Steine werden wieder
von noch größeren gedrückt, die darauf liegen,
und auf diesen liegen noch schwerere und drükken
nach unten. Zuoberst jedoch liegt ein ganz
großer Stein.
Ebenso bedrückte das Böse seit undenklichen
Zeiten die Menschen wie die großen Steine den
Steinhaufen. Der Haufen kracht schließlich, zerdrückt
die kleineren Steine, zerreibt sie zu Sand,
sinkt immer tiefer ein und verschwindet dann in
der Erde. Vielleicht aber wird die Spitze bald erschüttert,
und der ganze Haufen fällt auseinander.
So ist es auch im Leben. Den armen Menschen
geht es immer schlechter, denn das Volk vermehrt
sich, aber die Welt wird nicht größer.
Für die Armen ist die Erde zu eng, alles Schöne
haben die Starken an sich gerissen und halten es
wie Wölfe mit den Zähnen fest. Die Menschen
bringen einander um und fressen sich gegenseitig
auf, sie sind schlimmer als die Tiere und wissen
nicht, daß einer allein keine Kraft hat, daß er wie
ein Wurm, wie ein Grashalm auf dem Felde ist.
Der Wind kommt, verweht alles und macht es
dem Erdboden gleich.
So gehen die Menschen dahin, als wären sie nie
geboren.
Der Mensch ist nur dann stark, wenn er nicht
allein ist, sondern mit den anderen Menschen in
Frieden und Eintracht lebt. Und was können die
Menschen alles schaffen, wenn sie sich gemeinsam,
wie ein Mann, ans Werk machen!
Aber all das wußten die Menschen noch nicht,
sie wußten nicht, wie man auf der Welt leben
muß, damit es allen gut geht. Jeder dachte nur an
sich selbst, jeder raffte nur zusammen, soviel er
konnte, jeder betrachtete die anderen als Feinde,
und jeder war des anderen Feind. So vergeudeten
die Menschen all ihre Kräfte dazu, ihre Feinde, die
doch ebensolche Menschen waren wie sie, zu besiegen.
Sie bekriegten und vernichteten sich seit
undenklichen Zeiten. So ist das Böse auf der Welt
entstanden.
Aber schließlich wird doch Gottes Wille geschehen.
Denn der klare Verstand kam auf die Welt
und begann zu wachsen. Er wuchs nur langsam,
weil jeder Mensch in seinem ganzen Leben nur
wenige Körnchen dazu beitragen konnte.
Aber wenn die Menschen sterben, werden neue
geboren. Sie leben ein Menschenalter lang und
machen dann den Platz für andere frei. Auch diese
bringen Kinder zur Welt und sterben wieder. So
kommen und gehen die Menschen wie das Wasser
in einem Fluß. Der Verstand aber wächst immer
weiter und kommt, wenn auch nur langsam, zu
Kräften. Er wird schließlich, hell wie die Sonne,
den Leuten in die Augen scheinen. Dann werden
sie wissen, woher das Böse auf der Welt kommt,
werden die Wahrheit erkennen und sich wie ein
Mann erheben, werden das widerliche Pack verjagen
und auf Erden wie im Paradies leben. Wir
werden das nicht mehr erleben, aber vielleicht
unsere Kinder und Enkelkinder.

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