Wie ein Bauer den Frost besiegte

Es trafen sich einmal zwei Fröste, und da sagte der eine: „Wenn du wüßtest, Bruder, wie ich heute einen Gutsherrn habe frieren lassen! Der war so in warme Pelze gehüllt, daß es wirklich kein Vergnügen war.“
Da sagte der andere: „Einen Gutsherrn frieren zu lassen ist kein Kunststück. Aber wenn du einen Bauern zum Frieren gebracht hättest, dann hättest du Grund zu prahlen.“
Da lachte der andere und sagte: „Einen Bauern frieren zu lassen ist zehnmal leichter.“
„Das wollen wir mal sehen!“ sagte der andere, und sie gingen auseinander.
Als der erste Frost so seines Weges ging, sah er einen Bauern in einem zerlumpten Mantel auf einem Schlitten sitzen, vor den ein Ochse gespannt war. Als der Frost zu ihm kam und ihn abkühlen wollte, sprang der Bauer vom Schlitten, peitschte seinen Ochsen wie wild und lief nebenher. Im Wald warf er schnell Mantel und Handschuhe ab und begann Holz zu hacken, daß die Funken flo-gen und ihm der Schweiß in Strömen herunterlief. So konnte ihm der Frost nichts anhaben.
Da überlegte er ein Weilchen und sagte zu sich selbst: Der soll noch was erleben, den erledige ich heute noch! und kroch in einen Handschuh.
Der Bauer bemerkte das, nahm den Handschuh, legte ihn auf einen Baumstumpf und schlug mit dem Beilrücken darauf. Er schlug und schlug und schlug dem Frost alle Knochen entzwei. Danach schüttelte er den Handschuh aus, und der Frost fiel neben den Baumstumpf. Der Bauer aber fuhr mit dem Holz nach Hause.
Als sich am nächsten Tage die beiden Fröste trafen, sagte der zweite: „Nun, hast du einen Bauern frieren lassen?“
„Laß gut sein! Ich wollte ihm die Hand erfrieren lassen und bin in den Handschuh gekrochen. Da hat er mir mit dem Beilrücken alle Knochen entzweigeschlagen.“

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