Wie ein alter Mann in die Schule ging und sich dadurch Geld verdiente

Vor langer Zeit arbeitete einmal ein Bauer, der Apanas hieß, bei einem Gutsherrn. Er kannte nur seine Arbeit, und der Gutsherr, der Nichtstuer, kommandierte ihn. Eines Tages pflügte Apanas auf dem Felde. Da kam der Gutsherr zu ihm, und Apanas fragte ihn: „Wie kommt es, daß ich hier arbeite und pflüge, Ihr aber, lieber Herr, nichts tut?“
Da antwortete der Gutsherr: „Ich bin zur Schule gegangen und habe das gelernt.“
Da dachte Apanas so bei sich: Nun, dann gehe
ich auch in die Schule. Er war aber schon ungefähr
fünfzig Jahre alt.
Als er in die Schule kam, fragte ihn der Lehrer: „Was gibt’s, Onkelchen?“
„Ich will lernen.“
Da sagte der Lehrer: „Zu spät!“
Da dachte Apanas: Wenn ich heute zu spät gekommen bin, dann komme ich morgen früher.
Am anderen Tage kam Apanas wieder in die Schule. Ein anderer Lehrer sah ihn an und sagte: „Es ist schon zu spät für dich zum Lernen, Alter!“
Noch dreimal kam Apanas in die Schule, und jedesmal sagten die Lehrer zu ihm: „Zu spät!“ Die Arbeit beim Gutsherrn hatte er inzwischen schon aufgegeben. So ging er in den Wald und war traurig. „Was soll ich nur tun?“
Da sah er plötzlich die Kutsche des Gutsherrn leer dahinjagen. Die Pferde waren aus irgendeinem Grunde scheu geworden und mit der Kutsche losgerast, der Gutsherr, der Kutscher und die Koffer waren herausgeflogen.
Als Apanas weiter seines Weges ging, fand er einen Reisesack. Er hob ihn auf und ging weiter. Er brachte ihn in ein Versteck, nahm das Oberteil ab und schnitt in eine Ecke ein kleines Loch. Als er den Reisesack ein wenig schüttelte, fiel ein Gold-stück heraus. Er hatte noch nie in seinem Leben so viel Geld gesehen. Da er schon einige Tage nicht beim Gutsherrn gearbeitet hatte, war er hungrig. Er versteckte den Reisesack und lief mit dem Goldstück in einen Laden, um sich etwas zu essen zu kaufen. Es kostete insgesamt fünfzehn Kopeken. Er gab der Verkäuferin das Geldstück und dachte: Das Geldstück ist klein, mal sehen, wieviel sie herausgibt.
Die Verkäuferin sah es an und sagte: „Warte, ich kann nicht herausgeben!“ Dann suchte sie in ihrem Kasten nach und gab ihm vier Rubel und fünfundachtzig Kopeken.
Da dachte Apanas: „Was für Geld! Da kann ich ja leben.“
Da lief er wieder zu seinem Versteck, öffnete den Reisesack und erblickte darin so viele Goldstücke, daß er laut ausrief: „Mein Gott! So viel Geld!“ Es waren ungefähr vierzigtausend Ru-bel. Er aber konnte das Geld gar nicht zählen.
Da ging er ins Städtchen und sah an einem Pfahl eine Bekanntmachung hängen. Ein wenig konnte er ja lesen und schreiben, und da stand: „Am Sonntag wird auf einer öffentlichen Auktion ein Gut versteigert.“
Da dachte er: Ich habe ja Geld. Ich gehe hin, vielleicht bekomme ich das Gut auf der Auktion.
Als er nach Hause zurückkam, erwartete ihn ei-ne unangenehme Nachricht. Der Gutsherr, der das Geld verloren hatte, hatte die Pfaffen aufgefordert, alle Leute zur Beichte zu holen.
Da dachte Apanas traurig: Natürlich wird der Pfaffe fragen, ob ich das Geld gefunden habe. Dann muß ich es zurückgeben und kann mir das Gut nicht kaufen.
Dann ging er auch zum Pfaffen.
Der Pfaffe nahm um die Beichte ab und fragte: „Welche Sünden hast du begangen? Hast du et-was gestohlen oder gefunden?“
Apanas überlegte und sagte: „Ich habe Geld gefunden.“ Er erzählte, daß er Geld gefunden habe, als er zur Schule ging.
Da dachte der Pfaffe: In die Schule ist er als junger Bursche gegangen, das Geld aber hat der Gutsherr erst gestern verloren, also ist es nicht das Geld. So vergab er dem Bauern alle Sünden.
Voller Freude lief Apanas zur Auktion und kauf-te für dreißigtausend Rubel das ganze Gut mit allem lebenden und toten Inventar.
Einige Tage später wollte der Gutsherr, bei dem Apanas früher gearbeitet hatte, einen Ball veran-stalten, und er schickte Einladungen an die anderen Gutsherren. Apanas erhielt ebenfalls eine Ein-ladung zum Ball (denn der Gutsherr konnte ja nicht ahnen, daß ein Bauer das Gut gekauft hatte).
Apanas kam, trat in den Palast des Gutsherrn und setzte sich wie alle anderen Gutsherren im Saal an den Tisch. Der Gastgeber kam herein und sah Apanas in Gutsherrenkleidung sitzen. Da frag-te er ihn: „Wie kommst denn du in unsere Gesell-schaft?“
Apanas zeigte dem Gutsherrn die Dokumente.
Der Gutsherr fragte: „Wo hast du denn das Geld her?“
„Erinnerst du dich noch, Gutsherr, du hast mir auf dem Feld gesagt, daß man zur Schule gehen muß? Siehst du, ich bin in die Schule gegangen und habe Geld verdient. Es wäre gut, wenn alle Tagelöhner aufhören würden, beim Gutsherrn zu arbeiten, und dafür in die Schule gehen würden. Dann wären alle den Gutsherren gleich, und niemals mehr würden Menschen gequält.“

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