Wie die Füchsin das Klageweib gemacht hat

Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten eine Tochter. Einmal hatte die Tochter Bohnen gegessen und eine zu Boden fal-len lassen. Die Bohne wuchs und wuchs, bis sie an den Himmel gewachsen war. Der Alte kletterte in den Himmel. Wie er oben angekommen war, ging er umher, schaute sich um und sagt: „Ich will doch meine Alte hierher holen; die wird eine Freude haben!“ Kletterte zur Erde herunter, steck-te seine Alte in einen Sack, nahm den Sack zwischen die Zähne und kletterte wieder nach oben: kletterte, kletterte, wurde müde und ließ den Sack fallen. So schnell er konnte, rutschte er hinunter, machte den Sack auf – da liegt seine Alte, bleckt die Zähne und hat die Augen weit aufgerissen. Er sagt: „Was lachst du. Alte? Warum bleckst du so die Zahne?“ Als er aber sah, daß sie tot war, vergoß er bittere Tränen.
Sie hatten ganz allein gelebt, an einem einsa-men Ort. So war auch keiner da, die Klagelieder für die Alte zu singen. Der Alte nahm einen Sack mit drei Paar schneeweißer Hühnchen und machte sich auf den Weg, ein Klageweib zu suchen. Da sieht er einen Bären kommen und sagt zu ihm: „Bär, stimme doch mal ein Klagelied an für meine Alte! Ich will dir auch zwei schneeweiße Hühnchen geben.“ Der Bär fing an zu brüllen: „Ach du, mein geliebtes Mütterchen! Wie weh ist mir um dich!“ – „Nein“, sagt der Alte, „du verstehst es nicht zu jammern!“, und ging weiter. Er ging und ging und traf einen Wolf; er ließ ihn ein Klagelied anstim-men, aber auch der Wolf kann es nicht.
Wie er noch weiter ging, begegnete ihm die Füchsin. Er ließ sie ein Klagelied anstimmen und versprach ihr ein Paar schneeweiße Hühnchen. Da begann die Füchsin zu singen: „Ach du, mein Mütterchen, den Tod bracht’ dir das Väterchen.“ Das Lied gefiel dem Bauern, und so ließ er die Füchsin ein zweites Mal singen, dann noch ein drittes und viertes Mal; da fiel ihm ein, daß er nur drei Paar Hühnchen hatte. „Füchsin“, sprach da der Alte, „ich habe das vierte Paar zu Hause liegen lassen; wir wollen zu mir gehen.“ Die Füchsin folgte ihm. Zu Hause angekommen, nahm der Alte den Sack, steckte ein paar Hunde hinein, legte die sechs Hühnchen obenauf und gab ihn der Füchsin. Die nahm den Sack und rannte davon. Nach einer Weile macht sie an einem Baumstumpf halt und sagt: „Ich will mich auf den Baumstumpf setzen und ein weißes Hühnchen essen.“ Aß es auf und rannte weiter. Darauf setzte sie sich wieder auf einen Baumstumpf und aß das zweite Hühnchen, danach das dritte, das vierte, das fünfte und sechste. Als sie den Sack aber zum siebenten Mal aufmachte, sprangen die Hunde heraus und gin-gen auf sie los.
Die Füchsin lief, was die Beine hergaben, ver-steckte sich unter einem großen Holzklotz und fragt: „Öhrlein, Öhrlein, was habt ihr getan?“ – „Wir haben gelauscht und aufgepaßt, damit kein Hund die Füchsin faßt!“ – „Äuglein, Äuglein, was habt ihr getan?“ – „Wir haben nach allen Seiten gespäht, damit die Füchsin den Hunden entgeht!“ – „Beinchen, Beinchen, was habt ihr getan?“ – „Wir rannten über Stock und Stein, die Füchsin sollt’ nicht gefangen sein!“ – „Und du, langer Schwanz, was hast du getan?“ – „Ich habe mich an Baumstümpfe, Sträucher und Stämme gekrallt, damit die Hunde die Füchsin beißen und zerrei-ßen!“ – „So einer bist du also! He, Hunde, nehmt meinen Schwanz und freßt ihn auf!“ Und damit steckte sie den Schwanz heraus. Die Hunde packten zu, zogen am Schwanz die Füchsin selbst heraus und zerrissen sie in Stücke.

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