Wie der Wolf und der Hund einen Prozeß führten

Ein Mann besaß einmal einen ganz alten Hund. Der war schon so alt, daß er nicht einmal mehr bellen konnte. Da mochte ihn der Mann nicht mehr und gab ihm nichts zu fressen. Der Hund sagte sich von seinem Herrn los und lief davon.
Als er so lief und weinte, begegnete ihm der Wolf und fragte: „Warum weinst du?“
„Wie sollte ich nicht weinen? Mein Herr mag mich nicht mehr und gibt mir nichts zu fressen, weil ich alt geworden bin und nicht mehr bellen kann.“
„Weshalb geht’s dir nicht gut? Früher, als du noch jung warst, hast du mich nicht an das Haus herangelassen. Da mochte dich dein Herr gern.“
„Was soll ich schon tun? Es ist eben jetzt so auf der Welt, daß man sich an die Alten nicht mehr erinnert.“
„Ich will dir helfen! Wenn die Frauen dieses Herrn aufs Feld gehen, legen sie das Kind in die Wiege. Dann werde ich es mir schnappen und damit in den Wald laufen. Du aber läufst mir nach, und ich gebe dir das Kind.“
Die Frauen gingen aufs Feld und legten das Kind in die Wiege. Der Wolf schlich sich heran, packte das Kind und lief damit in den Wald. Die erschrockenen Frauen standen da und weinten. Da kam plötzlich der alte Hund herbei und lief dem Wolf nach. Er nahm ihm das Kind ab und brachte es den Frauen. Die Mutter des Kindes freute sich und gab dem Hund gleich Milch und Brot. Die Frauen gingen nach Hause und erzählten, was geschehen war. Da nahm der Mann den Hund wieder zu sich. Er nahm ihn zwar, gab ihm aber trotzdem wenig zu essen. Der Hund wurde ganz schwach vor Hunger und konnte seine Beine nicht mehr heben. Er ging in die Badestube und legte sich ruhig dort hin.
Da kam der Wolf und sagte: „Guten Tag, wie geht es dir? Geht es dir immer noch nicht gut?“
„Wie sollte es mir gut gehen? Ich kann meine Beine kaum noch heben. Mein Herr feiert heute Hochzeit, ich Armer aber muß vor Hunger verrekken.“
„Stimmt es wirklich, daß heute Hochzeit ist?“
„Ehrenwort, es stimmt!“
„Komm mit zur Hochzeit, da werden wir aber leben!“
„Ich habe Angst davor, geschlagen zu werden.“
„Ach wo, laß uns gehen!“
„Wie kommen wir denn in das Haus, wenn die Türen geschlossen sind?“
„Jetzt sind ja doch alle betrunken, da stehen die Türen sicher sperrangelweit offen. Zwäng dich vorsichtig zwischen den Beinen der Leute hin-durch und stoß mit dem Schwanz den Leuchter herunter. Dann komme ich herein, und wir lassen es uns gut gehen. Du wirst Plinsen und Kuchen essen und ich Fleisch und Knochen.“
Der Hund ließ sich von dem Wolf überreden, und sie gingen los. Der Hund zwängte sich zwi-schen den Beinen der Leute hindurch, stieß den Leuchter mit dem Schwanz herunter, und der Wolf kam herein. Sie setzten sich beide nieder, der Hund unter dem Tisch und der Wolf in einer Ecke unter der Bank. Die betrunkenen Leute saßen am Tisch und ließen versehentlich ganze Stücke Kuchen, Plinsen und Fleisch herabfallen, die der Hund und der Wolf aufsammeln konnten. Der Hund fraß Plinsen und Kuchen, und der Wolf fraß Fleisch und Knochen. Als sie sich sattgefressen hatten, sagte der Wolf: „Wie wäre es, wenn wir jetzt etwas trinken würden?“
Der Hund kroch unter eine Bank und fand dort eine Flasche mit Branntwein.
Der Wolf sagte zu ihm: „Bring sie hierher! Wir trinken jeder ein Glas, dann wird’s lustiger!“
Der Hund gehorchte, brachte die Flasche herbei und trank einen Schluck. Dann saßen sie zusammen, schwatzten miteinander, tranken Brannt-wein und bekamen schließlich einen Schwips.
Da sagte der Wolf: „Weißt du, was für ein Gedanke mir gekommen ist, Bruder?“
„Was denn für einer?“
„Ich habe gedacht, wir sollten jetzt singen!“
„Nein, singe hier nicht, sonst ergeht’s dir schlecht!“
„Nein, ich halte es nicht mehr aus, ich muß singen!“
Der Hund gab nach und sagte: „Na, dann fang an zu singen!“
„Nein, fang du an, meine Stimme ist tiefer!“
„Nein, fang du an!“
Lange stritten sie sich herum, aber schließlich konnte der Hund doch den Wolf überreden. Der Wolf begann zu singen, heulte vor sich hin, und der Hund fiel ein: Wu, wu, wu!
Auch die Leute sangen, aber trotzdem hörten sie den Wolf und den Hund, erschraken und schrien: „Hier sind sie, hier sind sie!“
Ein jeder nahm, was ihm gerade in die Hände fiel, der eine einen Feuerhaken, der andere eine Forke und der dritte einen Stampfer, und schlug damit auf den Wolf und den Hund ein. Mit Mühe und Not konnten die beiden entkommen. Sie lie-fen zurück in die Badestube und legten sich schlafen.
Als sie ausgeschlafen hatten, beklagte sich der Hund beim Wolf: „Ach, wie mir mein Kopf weh-tut!“
„Das macht nichts, das geht vorüber. Nach ei-nem Rausch hat man immer Kopfschmerzen.“
Schließlich verabschiedete sich der Wolf vom Hund. „Was willst du denn jetzt machen?“ fragte er den Hund.
„Das weiß ich selbst nicht. Wenn mir jemand Leder brächte, dann könnte ich vielleicht Stiefel nähen.“
„Gut, ich bringe dir Leder. Mach mir Stiefel daraus! Was für Leder brauchst du denn?“
„Bringe mir Leder einer jungen Kuh, dann nähe ich dir die Stiefel!“
Der Wolf lief los und holte eine halbe Kuh. „Wann kann ich die Stiefel abholen?“
„Ungefähr in drei Tagen.“
Der Hund fraß die halbe Kuh in drei Tagen auf. Dann kam der Wolf und fragte: „Na, was ist, sind die Stiefel fertig?“
„Fertig sind sie schon. Du müßtest mir aber noch einen großen Hammel bringen. Dann kann ich die Stiefel wie für Edelleute inwendig mit Schafleder füttern.“
Der Wolf ging los und holte einen Hammel. „Wann sind denn nun die Stiefel fertig?“
„In ungefähr zwei Tagen.“
Der Wolf ging weg, und der Hund verspeiste den Hammel.
Nach zwei Tagen kam der Wolf wieder und sag-te: „Gib mir die Stiefel!“
„Ja, weißt du, Bruder, als ich die Stiefel genäht hatte, habe ich sie auf einen Haken gehängt, um sie dir zu geben. Dann bin ich ein Viertel Branntwein trinken gegangen, und als ich zurückkam, hatte sie jemand gestohlen.“
Da sagte der Wolf: „Das verzeihe ich dir nicht. Ich werde dich verklagen.“
Der Hund war einverstanden, und der Wolf sag-te: „Besorg dir Zeugen und komm an dem und dem Tag zu den drei Eichen auf dem Berg, dort findet der Prozeß statt!“
Dann trennten sie sich. Der Wolf nahm einen Bären und ein Wildschwein als Zeugen, und der Hund bat Denis’ Hund, für ihn zu zeugen. Der sagte aber zu ihm: „Mein Herr drischt heute, da muß ich die Schober bewachen. Geh zu Rygors Hund!“
Er ging hin, aber Rygors Hund sagte: „Geh zu Martins Hündin! Sie hinkt und ist immer ohne Ar-beit. Die kommt bestimmt mit.“
Er ging hin und bat die Hündin. Sie kam mit. Dann holte er noch einen Kater und einen Hahn, und sie gingen zusammen zum Gericht. Der Bär war auf die Eiche geklettert, um nach dem Hund auszuschauen. Da sah er dessen Zeugen kom-men. Der Kater hielt den Schwanz in die Höhe, der Hahn krähte, und die hinkende Hündin mach-te immer tap, tap, tap. Da erschrak der Bär und sagte zu dem Wolf und dem Wildschwein: „Seht nur, was er für Zeugen hat: Der eine schreit, der zweite trägt eine Lanze, und der dritte sammelt schon Steine. Wenn die über uns kommen!“ Sie versteckten sich schnell. Der Bär kletterte noch höher auf den Baum, das Wildschwein grub sich im Moos ein und ließ nur das Schwänzchen sehen, und der Wolf lief ins Moor unter einen Busch. Als der Hund mit seinen Zeugen ankam, war niemand da. Sie setzten sich hin und warteten. Da wackelte das Wildschwein, das unter dem Moos lag, mit dem Schwanz. Der Kater aber dachte, daß sich dort eine Maus bewegte, und packte schnell zu. Da fuhr das Wildschwein zusammen, sprang auf und rannte davon. Der Kater sprang vor Schreck auf die Eiche, da dachte der Bär, daß es ihm an den Kragen gehen sollte. Er sprang von der Eiche herunter, genau auf den Wolf. Da liefen alle auseinander, und der Prozeß fand nicht statt.

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