Wer das Geld erdacht hat

Es war einmal ein Mann, der war so geizig, daß er anderen Menschen nicht einmal einen Schluck Wasser geben wollte. Er hatte an allem Überfluß. Seine Ställe waren voll Vieh, er aber zitterte stets, daß ihm ein räudiges Kälbchen verenden könnte. Seine Scheunen barsten vor Getreide, aber das war ihm noch nicht genug. Wie ein Rabe saß er über jedem Körnchen und ließ niemanden auch nur daran riechen. Sein Getreide verfaulte in den Speichern, er aber war neidisch, wenn er bei anderen Leuten nur einen schlecht gepflügten Acker sah. Vor Habgier vertrocknete er wie ein Stock, aber nichts erfreute ihn. Er aß nur noch einmal am Tage, und zwar nur Kartoffeln. Oft mischte er Spreu unter die Kartoffeln, buk sie auf Kohlen und aß sie mit kaltem Wasser, und damit es etwas besser schmeckte, streute er Asche darauf. Die anderen Leute lachten über den dummen Men-schen, dem sogar das Brot leid tat und der daher Spreu aß. Sie gaben ihm den Spitznamen Spreufresser. Spreufresser zitterte für sein Hab und Gut und war mit allen Kräften bestrebt, noch mehr zu erwerben. Aber bekanntlich kann man allein von seiner Hände Arbeit nicht sehr reich werden, denn in der Landwirtschaft kommt das eine hinzu und das andere geht weg, wie Wasser in einem Fluß.
Der Geizige scharrte Reichtümer zusammen und zitterte um sie, und der Teufel freute sich, denn diese Seele war ihm sicher. Spreufresser konnte es kaum mehr aushalten, er platzte förmlich vor Habgier und konnte nicht genug bekommen.
Da erfuhr er von den Leuten, daß es ein Farnkraut gäbe, zu dessen Besitzer alles Hab und Gut von selbst geflossen käme. Er fragte die Leute aus, und sie erzählten ihm, daß das Farnkraut nur einmal im Jahr, am Tag des heiligen Johannes, wächst, aber daß es schwer sei, dieses Kraut zu bekommen, denn es wird von Teufeln und furchtbaren Ungetümen bewacht. Der Spreufresser war so hinter dem Reichtum her, daß er keine Angst davor hatte, und seine Habgier ließ ihn nicht mehr ruhen.
Nach einiger Zeit kam der Johannistag. Vor Sonnenuntergang nahm der Spreufresser einen Sack und ging in den Wald. Inzwischen war die Sonne untergegangen. Am Himmel erglänzten die Sterne, und es waren ihrer so viele, daß man sie nicht zählen konnte. Spreufresser aber dachte nur daran, daß es soviel Reichtum auf der Welt gibt wie Sterne am Himmel. Und die Gier erfaßte ihn noch stärker, all diesen Reichtum zu besitzen. Im Walde war es jetzt dunkel wie in einem Sacke. Nur an einer Stelle schienen die Sterne durch die Zweige. So leuchtet vielleicht das Farnkraut, dachte Spreufresser und hielt Ausschau danach.
Er kroch umher, kroch in das Dickicht, stach sich fast die Augen aus, lief in dem dichten Wald umher und konnte nicht wieder hinausgelangen.
Da lauschte er, ob nicht irgendwo ein Hund bellte, aber nichts war zu hören. Er setzte sich auf einen Baumstumpf und wußte nicht, wohin er gehen sollte. Plötzlich hörte er Lärm im Walde, die Erde erzitterte, und ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken. Wohin er auch schaute, überall tanzten Teufel mit Hexen, und furchtbare Ungeheuer standen und klatschten in die Hände. Ihre Augen glänzten wie glühende Kohlen, und sie fletschten ihre Zähne. Er erschrak, aber er konnte nichts tun, er setzte sich hin und zitterte wie ein Hund im Frost. Da sah er, daß unweit etwas im Farnkraut glänzte wie ein Sternchen. Er erriet daß dies die gesuchte Blume war, und wollte dorthin stür-zen. Aber das ging nicht. Er hatte kaum zwei Schritte getan, als einige Teufel mit Geschrei und Lärm herbeieilten und ihm den Weg versperrten. Da stand er nun und konnte sich nicht bewegen. Nur seine Zähne klapperten wie im Fieber.
Zuerst wollte er sich bekreuzigen, aber dann dachte er, daß der Reichtum nur dorthin geht, wo kein Kreuz ist.
Nun, dachte er, da ich ja doch verloren bin, würde ich sogar dem Teufel meine Seele verkaufen, wenn nur etwas da wäre, wofür. Er hatte das gerade gedacht, als plötzlich ein Teufel zu ihm ge-laufen kam und sagte: „Du hast mich gerufen? Hier bin ich! Ich gebe dir Reichtum, soviel du willst, du aber gib mir deine erbärmliche Seele, die du sowieso nicht brauchst, so selten, wie es dir am Herzen nagt.“
Der Spreufresser willigte ein, dem Teufel seine Seele für die Reichtümer zu geben, und fragte nur, wie lange er diesen Reichtum behalten dürfe.
„Er wird immer dein sein“, sagte der Teufel, „denn die Menschen werden dich nie vergessen, solange die Welt steht. Sie werden sagen, daß aller Reichtum dir gehört.“ Und sie feilschten um die Jahre, die ihm der Teufel noch zum Leben gäbe. Sie handelten es aus, und der Teufel ließ sich vom Spreufresser eine Quittung geben, die dieser mit Blut aus seinem kleinen Finger unterschrieb. Da gab der Teufel dem Spreufuchs das Farnkraut und lehrte ihn, wie er es gebrauchen sollte.
Von dieser Zeit an strömte alles Gut zu dem Spreufresser wie Bäche in den Fluß. Bald hatte er so viele Reichtümer gesammelt, daß er schon keinen Platz mehr dafür hatte. Er erkannte, daß er nicht noch mehr Reichtümer aus der ganzen Welt zusammenholen konnte, denn sie nahmen zuviel Platz ein und waren so schwer, daß sie die Erde nicht mehr tragen konnte. Da rief er wieder den Teufel zu sich. Der versprach ihm: „Gut, ich will dir etwas geben, worin aller Reichtum zusammengefaßt ist und das wenig Platz
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nnimmt.“ Da sammelte der Teufel von den Menschen Schweiß, Tränen und Blut, goß alles in einen Kessel, kochte und kochte und kochte daraus Gold. Der Spreufresser sah das Gold und sagte: „Gib es her, solch glänzende Sachen habe ich überhaupt noch nicht!“
„Nein“, sagte der Teufel, „wir lassen es erst unter die Menschen. Es wird dort allen Reichtum zu-sammenholen und dann zu dir kommen.“
So erfand der Teufel das Geld und ließ es in die Welt hinaus, um die Menschen zugrunde zu richten. Nach einiger Zeit hatte sich bei dem Spreu-fresser viel Geld angesammelt, so viel, daß er die ganze Welt mit allem Reichtum und allen Menschen kaufen konnte. Aber er wußte auch, daß seine Frist bald abgelaufen war und er sterben mußte. Er versuchte den Tod zu bestechen, aber der lachte nur über die Dummheit des Menschen, daß seine Knochen klapperten. Er suchte Kurpfu-scher und Doktoren auf, die ihn vom Tode retten sollten, aber sie sagten nur, daß alle Menschen sterben müssen. Da erkannte er, daß er sich nicht mehr retten konnte, und versuchte es mit einer List. Er verscharrte das Gold in einem Keller, nahm allerlei Speisen mit und setzte sich dazu, um sich vor dem Teufel zu verstecken. Aber da kam der Tod und sagte: „Woraus du entstanden bist, dazu werde auch wieder!“
Als der Tod das gesagt hatte, verwandelte sich das ganze Gold in Schweiß, Tränen und Blut der Menschen, füllte den Keller bis an die Decke und ersäufte den habgierigen Spreufresser. In dem Augenblick erschien der Teufel, um die Seele zu holen, ergriff sie und sagte: „Solange die Welt steht, wird man sich daran erinnern, daß du alle betrogen und von Schweiß, Tränen und Blut gelebt hast.“

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