Von der Not

Einmal arbeitet ein armer Bauer in seinem ärmlichen Rock und seinem elenden Schuhwerk im Frost, hackt tüchtig Holz und kann sich doch nicht erwärmen; das Gesicht brennt ihm vor Frost. Da kommt ein Herr ins Dorf gefahren, nur zu zweit, mit einem Kutscher; die hielten an.
„Gott helfe dir, Bauer!”
„Dank auch, Herr!”
„In solcher Kälte hackst du Holz!”
„Ach, Herr, die Not ist’s, die hackt!”
Der Herr wunderte sich hierüber und fragt seinen Kutscher:
„Was heißt das, Kutscher, was für eine Not? Kennst du sie?”
„Ich höre das erstemal davon, Herr!”
Fragt der Herr den Bauer:
„Was ist das für eine, Bauer, die Not? Ich möchte sie mir gern einmal ansehen; wo hast du sie?”
Der Bauer sagt:
„Wozu brauchst du sie, Herr?”
„Je nun, ich möchte sie mir gern einmal ansehen!”
Zu der Zeit aber stand gerade auf dem freien Felde, auf einem Hügel, im Winter, mitten im Schnee, ein Grashalm.
„Nun”, sagte der Bauer, .dort, auf dem Hügel, Herr, steht die Not! Dort schwankt sie im Winde, und keiner sie finde.”
Der Herr sagt:
„Hast du nicht ein wenig Zeit, sie uns zu zeigen?”
„Das kann ich schon, Herr!”
Sie setzten sich in die Troika und fuhren aufs freie Feld, sich die Not anzusehen. Kamen hinaus auf den Hügel und fuhren an diesem Grashalm vorbei, ein anderer aber steht weiter weg. Der Bauer zeigt mit der Hand hin:
„Dort, Herr, steht sie abseits vom Wege, wir können nicht hinfahren: der Schnee ist zu tief.”
„Bewache doch unsere Troika”, sagte der Herr, „ich will hingehen und sie mir ansehen.”
Der Herr kletterte herunter und ging los, der Kutscher aber sagt:
„Herr, nehmt mich mit: ich möchte sie mir auch gern ansehen!”
Und die zwei Dummköpfe stiegen los durch den Schnee. An diesem Grashalm gehen sie vorbei, finden den nächsten, die Not aber sehen sie noch nicht. Der Bauer nun war nicht auf den Kopf gefallen, er schirrte die drei Pferde los, stieg auf und jagte davon. Fort war er! Und sie wissen nicht, wohin er geritten ist. So stiegen die zwei Dummköpfe nun im Schnee herum, und da hatte die Not sie überfallen. Sie gingen auf ihrer Spur zurück, kamen auf den Weg, gingen zu ihrem Wagen, von den Pferden aber war keine Spur zu sehen. Herr und Kutscher überlegten und überlegten. Was tun? Die Pferde sind nicht da, und den Wagen wollen sie auch nicht im Stich lassen. Da sagt der Herr zum Kutscher:
„Spann dich als Deichselpferd ein, Kutscher, ich will wenigstens als Beipferd ziehen.” Der Kutscher sagt:
„Nein, Herr, ihr seid stattlicher und ein wenig stärker, geht ihr als Deichselpferd, ich will als Beipferd gehen.”
Nun, es blieb dem Herrn nichts anderes übrig, er spannte sich als Deichselpferd ein. Und nun ziehen und ziehen sie, haben eine Weile gezogen und machen halt. Der Bauer aber hatte ihre Pferde versteckt, andere Kleider angezogen und kam ihnen entgegen. Der Bauer sagt:
„Was soll das, Herr, daß Ihr selber den Wagen zieht?” Der Herr sagt wütend:
„Verschwinde! Die Not ist’s, die zieht!” „Was ist das für eine, die Not?” „Geh dorthin aufs Feld, auf den Hügel!” Er selber aber zieht und zieht. Kam bis zum Dorf und mietete Pferde. Kam mit drei fremden Pferden nach Hause. Die Not hatte er kennengelernt: hatte drei Pferde verloren.

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