Von dem Unsterblichen

Den bettelarmen Bauern Wassyl nannten alle den Unsterblichen. Seine Hütte war voll von Kindern, insgesamt waren es ihrer zehn. Es war schwer, sie satt zu kriegen, und noch schwerer war es, sie nicht nackt herumlaufen zu lassen. Für den Winter kaufte ihnen der Vater ein Paar Bundschuhe. Zuerst fuhr ein Kind in die Schuhe hinein, lief auf die Straße, spielte eine Weile und kehrte geschwind wieder heim, damit das zweite nun die Schuhe anziehen konnte. Und so wurden die Bundschuhe tagtäglich arg strapaziert.
Wassyl der Unsterbliche war immer hungrig und traurig.
Einmal ging er in den Wald Krummholz sammeln. Den ganzen Tag über rodete er Baumwurzeln und hatte sich so abgerackert, daß er sich nur noch mühsam fortschleppen konnte. Er setzte sich auf einen Eichbaumstumpf, um sich auszuruhen, spie zornig aus und sprach:
„Hol der Teufel solch ein Leben! Käme doch der Gevatter Tod schneller zu mir. Wo er sich bloß herumtreiben mag, er hat mich ganz vergessen.”
„Hier bin ich, Wassyl”, vernahm er eine krächzende Stimme und spürte eine kalte, knochige Hand auf der Schulter. Der Mann blickte sich um. Da stand der Gevatter Tod. Wassyl erschrak so gewaltig, daß ihm die Zunge am Gaumen kleben blieb.
„Hast du nach mir gerufen?” fragte der Tod.
Wassyl erzählte ihm von seiner Not.
„Ich will nicht mehr leben. Wozu sich so quälen?”
„So geht das nicht, Wassyl, du darfst noch nicht sterben. Du hast doch einen ganzen Haufen kleiner Kinder.
Wer wird sie ernähren? Sei mein Freund, und ich helfe dir aus der Not.”
„Abgemacht.”
„Ich mache dich zu einem Arzt. Du wirst durch die Dörfer ziehen und die Kranken heilen. Man wird dich dafür entlohnen.”
„Ich soll ein Arzt werden? Ich kenne mich in der Medizin aus wie ein Esel in der Heiligen Schrift.”
„Du brauchst dich auch gar nicht darin auszukennen”, entgegnete der Gevatter Tod. „Vergiß nicht: ich werde stets bei dir sein. Niemand wird mich sehen, nur du allein. Steh ich zu Häupten des Kranken, so mußt du dreimal um das Bett herumgehen und zu dem Kranken sagen:
,Nichts zu machen, armer Bauer, dein letztes Stündlein hat geschlagen’. Steh ich jedoch zu Füßen des Kranken,
so sollst du freudig rufen: ,He, ich mach dich wieder gesund, lieber Mann! Du wirst noch lange leben!'”
Wassyl sah den Tod mißtrauisch an:
„Ich weiß sehr wohl, was für ein Freundchen du bist!
Du wirst nicht viel Federlesens mit mir machen und mich sehr bald im Stich lassen.”
„Ich schwöre, daß ich’s ehrlich meine.” Gevatter Tod erhob vor dem alten Eichbaumstumpf seine dürre Hand.
Am anderen Tag nahm Wassyl seinen Stock und zog hinaus zu einem Kranken, der nur noch drei Stunden zu leben hatte.
„Ich bin der Arzt”, sprach er zu der Frau und den Kindern des Kranken, die traurig auf der Bank saßen. „Geht hinaus, damit mich niemand stört.”
Als alle gegangen waren, schaute Wassyl hin und sah, daß der Tod zu Häupten des Kranken stand. Da packte er seinen Stock mit beiden Händen und schlug dem Gevatter Tod damit so wuchtig auf die Schulter, daß es krachte.
„Du scheußlicher Knochenmann, was stehst du zu Häupten dieses redlichen Mannes? Siehst du denn nicht, daß er kleine Kinder hat? Stell dich geschwind ans andere Ende…”
Und schon war der Tod am Fußende, wo er sich gehorsam niederließ.
Wassyl betastete den alten Mann und sprach:
„Über drei Tage kannst du deinen Acker pflügen.”
Und so geschah es auch: in drei Tagen pflügte und säte der Mann wieder.
Derweil suchte Wassyl andere Kranke auf. Der Tod stand nirgends mehr zu Häupten des Kranken, weil er fürchtete, von Wassyl Schläge zu bekommen. Von da an ging die Tür in Wassyls Haus nur noch dauernd auf und zu: von weit und breit kamen die Leute herbei, damit er sie rette. Und sie kamen nie mit leeren Händen und dankten ihm für die Hilfe.
Gevatter Tod ging neben Wassyl her und schnaubte durch die Nase. Ihm gefiel eine solche Freundschaft nicht,
aber er hatte ja vor dem Eichbaumstumpf den Schwur geleistet! Eines Tages sprach er zu dem Mann:
„Wir sind schon viele Jahre lang befreundet, doch du hast mich noch nie zu dir nach Hause eingeladen.”
„Komm am Sonntag”, erwiderte Wassyl.
„Gut, ich komme”, sagte der Tod hocherfreut.
Am Sonntag legte Gevatter Tod sein weißes Gewand an und zog los zu seinem Freund. Wassyl zeigte ihm seine Wirtschaft und den Haufen Kinder, die jedoch nicht mehr in Hunger und Armut aufwuchsen. Dann fragte er:
„Und wann soll ich dich nun besuchen?”
„Stell dich nächsten Sonntag an jenem Ort ein, wo wir uns zum erstenmal begegnet sind.”
„Einverstanden.”
Der Unsterbliche zog am besagten Tag eine neue Joppe und neue Lederschuhe an, setzte seinen Strohhut auf und zog los, Gevatter Tod einen Besuch abzustatten. Jener erwartete ihn bereits vor dem alten Eichbaumstumpf. Von dort aus führte er den Mann in seinen Palast. Sie gingen durch finstere Wälder, tiefe Schluchten, faulige Sümpfe und sprangen über Klüfte und Abgründe, bis sie bei einem schneeweißen Palast anlangten.
„Das ist mein Schloß”, sprach der Tod stolz.
Im Palast hatten sich viele Gäste eingefunden: lauter Könige, Prinzen und Minister. Ihre Gesichter sahen aus, als wären sie mit Mehl bestreut, und ihre Augen leuchteten wie Laternen. Die Gäste aßen, tranken, sangen und hüpften wie Ziegenböcke herum.
„Solch ein Pack!” sagte Wassyl. „Kein einziger anständiger Mensch ist da. Komm, zeig mir deine Wirtschaft.”
Gevatter Tod führte ihn durch den Palast. Wassyl verweilte in jedem Zimmer, doch in eines ließ man ihn nicht hinein. Das erzürnte ihn.
„Öffne das Zimmer”, befahl Wassyl, und es tat ihm leid, daß er seinen Stock zu Hause gelassen hatte.
„Das ist verboten.”
„Verboten? Wem? Dem du vor dem Eichbaumstumpf geschworen hast? Öffne im guten, sonst erlebst du Böses!”
Was tun mit solch einem aufdringlichen Freund? Der Schlüssel drehte sich krächzend im Schlüsselloch, und sie betraten einen riesigen Saal. Wassyl der Unsterbliche sperrte Mund und Ohren auf. Im Raum brannten Tausende von großen und kleinen Kerzen. Einige waren noch groß, andere waren schon fast herabgebrannt.
„Was ist das?” fragte der Unsterbliche.
„Das sind die Lebenslichter der Menschen.”
„Ist meins auch da?”
„Deins auch.”
„Welches ist es?”
„Die Kerze dort, die schon herunterbrennt”, erwiderte Gevatter Tod.
„Wenn sie erloschen ist, was geschieht dann mit mir?” fragte Wassyl.
„Dann stirbst du.”
Wassyl ließ den Kopf hängen. Dann stieß er den Tod in die Seite und bat ihn:
„Sei so nett, zünde mir anstelle dieses Kerzenstumpfs eine neue große Kerze an.”
„Das tu ich nie und nimmer!” fuhr ihn der Tod zornig an. „Wer geboren wurde, der muß auch sterben.”
Betrübt kehrte der Mann heim. Er war todbleich. Sein Weib ging um ihn herum und behandelte ihn wie einen Kranken. Wassyl schwieg lange, doch dann erzählte er:
„Meine Kerze ist schon fast heruntergebrannt.”
„Kann man sie denn nicht gegen eine andere austauschen?” stammelte die Frau unter Tränen.
„Ich habe den Tod darum gebeten, aber er will nichts davon wissen.”
Da begann die Frau laut zu jammern.
„Sei still, dummes Weib. Ich fürchte den Tod nicht.
Irgendeinen Trick werde ich mir schon einfallen lassen.”
Drei Tage und drei Nächte lang hatte Wassyl der Unsterbliche kein Auge zugemacht und nicht einen Krümel gegessen. Er grübelte und grübelte die ganze Zeit. Endlich stand er auf, krempelte die Ärmel hoch und fing an zu zimmern. Er fertigte ein ungewöhnliches Bett an, das sich um die Achse drehen konnte.
Als er sich krank fühlte, legte er sich in das Drehbett.
Sieh da! Gevatter Tod stand zu seinen Häupten. ,Da bist du ja, Sensenmann!’ dachte Wassyl und drehte das Bett,
so daß der Tod nun zu seinen Füßen stand. Über eine Weile huschte er wieder ans Kopfende des Bettes. Wassyl
drehte abermals sein Bett. Da flehte ihn der Tod an:
„Wassyl, stirb doch endlich, es ist schon Zeit. Die Leute lachen mich sonst aus.”
„So dumm bin ich nicht, ich sterbe, wann ich will.
Scher dich zum Teufel und laß mich in Ruh!”
„Damit du’s weißt — ich komme nicht nochmal!” Der Tod war schwer gekränkt und verschwand aus der Hütte.
Wassyl der Unsterbliche sprang gesund und munter auf. Bestimmt zieht er auch jetzt noch von Dorf zu Dorf und tut sein Bestes für die Leute.

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