Vom Jüngling, der den Menschen die Sonne, den Mond und die Sterne wiedergegeben hat

Es lebten einmal ein sehr reicher Gutsherr und seine Frau. Und als sie nun alt geworden waren, verfielen sie in Trübsal, weil sie niemanden hatten, dem sie ihren Reichtum vererben konnten. Da ging die Gutsherrin zu einer Quacksalberin, um sie um Rat zu fragen.
„Im Meer gibt es ein wundersames Fischlein”, sprach die Quacksalberin. „Die Frau, die es verzehrt, wird einen Knaben gebären.”
Die Gutsherrin kehrte heim, erzählte alles ihrem Mann und bat ihn:
„Kauf mir jenes Fischlein.”
Sodann fuhr der Herr bis ans Meer und erkundigte sich bei den Fischern:
„Könnt ihr mir jenes Fischlein fangen, von dem meine Frau einen Knaben gebären wird?”
„Warum nicht? Doch zuerst müßt Ihr uns ein Faß Schnaps geben, damit der Knabe fröhlich wird, ein Faß Honig, damit er den Mädchen gefällt, und ein Faß Geld, damit er auch reich wird.”
„Ich will euch alles geben. Wann kann ich denn das Fischlein abholen? Ihr müßt euch aber beeilen…”
„Schnell ist ein Märchen erzählt, aber gar nicht so schnell ein Fischlein gefangen. Kommt über eine Woche wieder.”
Als die Woche um war, brachte der Herr alles mit, was die Fischer verlangt hatten. Jene gaben ihm das Fischlein.
Bei dem Herrn diente eine alte Huzulin als Köchin. In der Küche roch es so herrlich, daß der Huzulin das Wasser im Munde zusammenlief. Es wäre eine Sünde gewesen, von dem Fischlein nicht ein kleines Stückchen zu kosten.
Ja, und welche Köchin probiert denn nicht die Speise, die sie zubereitet? Sie brach ein Stückchen ab, aß es auf und brachte der Herrin das Fischlein. Monate verstrichen, und die Köchin gebar einen Sohn, und einige Tage später schenkte auch die Herrin einem Knaben das Leben.
Als der Sohn der Herrin herangewachsen war, gab man ihn in die Schule, der Knabe der Huzulin aber hütete die Gänse auf dem Anger. Das Zimmer, in dem der Herrenjunge spielte, durfte er nicht betreten.
Und so vergingen viele Jahre. Der Huzulenknabe wuchs zu einem prächtigen Jüngling heran, der schön war wie die Sonne. Die alte Huzulin konnte sich nicht sattsehen an ihm.
Da trug es sich einst so zu, daß morgens die Sonne nicht aufging, sich abends der Mond nicht einstellte und die Sterne nicht leuchteten. Die Leute gingen traurig umher, als sei das Ende der Welt gekommen. Es hieß, der Teufel hätte die Sonne, den Mond und die Sterne gestohlen.
Der Kaiser ließ im ganzen Reich die Nachricht verbreiten: „Wer die Sonne, den Mond und die Sterne wiederfindet, der soll die Prinzessin zur Frau bekommen.”
Der Huzule sagte zu seiner Mutter:
„Ich möchte vor den Kaiser treten und mir seine Tochter ansehen. Ich will nämlich wissen, ob es sich auch lohnt, daß ich mich ihretwegen mit den Teufeln einlasse.” Sprach’s und zog in die Hauptstadt. Da stand er nun vor dem Thron und rief:
„Eure Majestät, ich will die Sonne, den Mond und die Sterne wiederfinden, doch zeigt mir zuerst die Prinzessin,
damit ich weiß, wie sie aussieht”
Man führte die Prinzessin herein. Der Junge schlug Feuer, zündete einen Holzspan an, besah sich die Kaiserstochter und sprach:
„Fürwahr ein hübsches Mädchen… Ihretwegen kann man selbst in die Hölle fahren.”
Gegen Mitternacht ritt der Huzule zu einer großen Brücke jenseits eines finsteren Waldes. Er band sein Pferd an einer Weide fest, riß ein Brett von der Brücke ab und warf es in den Fluß. Darauf versteckte er sich im Gebüsch und wartete.
Alsbald vernahm er Hufschläge. Irgend jemand stand vor der Brücke und rief zornig:
„Wer hat mir meine Brücke kaputt gemacht? He, wo ist der Taugenichts?”
„Hier bin ich”, erwiderte der Junge aus seinem Versteck.
„Komm heraus, ich werde dich verprügeln.”
„Du Beelzebub, du glaubst wohl, mir mit deinen Hufen einen Schreck eingejagt zu haben? Gib lieber den Leuten die Sonne, den Mond und die Sterne zurück, sonst schlage ich dich kurz und klein.”
„Die gebe ich nicht her. Komm heraus, ich will dich verprügeln.”
„Wozu die Mühe?” verhandelte der Junge. „Du sollst lieber zu Feuer und ich zu Regen werden. Dann werden wir sehen, wer die Oberhand gewinnt.”
„Einverstanden!” rief der Teufel.
Ehe man sich’s versah, brannte ein lichterlohes Feuer und prasselte ein starker Regen hernieder. Das Feuer brannte, und der Regen dämmte es ein. Der Regen strömte, und das Feuer flackerte. Der Regen prasselte nieder, und das Feuer zischte wie in der Hölle.
Langsam erlosch das Feuer, doch der Regen goß immer stärker, als wären alle Wolken am Himmel geplatzt.
Endlich ging das Feuer aus. Der Dampf verzog sich, und es war nur ein Häufchen Asche übriggeblieben. Als der Junge die Asche zerstreute, sah er, daß darunter die Sonne glänzte. Er holte sie hervor und klemmte sie unter den Arm. Dann schwang er sich in den Sattel und eilte zum Kaiser.
Am Rande des Weges erblickte er eine Hütte, und da er gern gewußt hätte, wer darin wohnte, spähte er durchs Fenster. Drinnen waren lauter Hexen, die Draht spannen, Zinn gössen und aus Kaffeesatz orakelten. Eine von ihnen legte Karten.
Da verwandelte sich der Junge in eine Fliege, schwirrte in die Hütte und ließ sich an der Wand nieder. Die Hexe, die Karten legte, flüsterte vor sich hin:
„Die Karten sagen, daß irgendein Jüngling meinen Mann getötet und die Sonne gestohlen hat. Ich werde ihm den Garaus machen! Ich will mich in einen Birnbaum mitten auf einem Feld verwandeln. Sobald er an diesem Feld anlangt und eine Birne ißt, soll er sich daran verschlucken und ersticken.”
Die Fliege schwirrte davon und ward wieder zum Jüngling. Er begab sich in das Kaiserschloß. Dort aß er sein Abendbrot und ging zu Bett. Aber vorher befahl er:
„Niemand soll mich wecken. Die Sonne wird es tun…”
In der Frühe erwachten die Leute aus dem Schlaf, und die warme Sonne blickte auf sie herunter! Die Menschen frohlockten und die Vögel zwitscherten.
In der nächsten Nacht schwang sich der Junge wieder in den Sattel und ritt zur Brücke.
Er band sein Pferd an der Weide an, riß ein zweites Brett von der Brücke ab und warf es in den Fluß. Dann versteckte er sich hinter einem Baumstumpf und harrte der Dinge, die da kamen.
Nach einer Weile vernahm er Hufschläge. Ein zweiter Teufel stellte sich ein. Er trat an die Brücke heran, besah sie sich und polterte los:
„He, wer hat das Brett gestohlen? Komm nur heraus! Komm, zeig dich doch!”
„Hier bin ich!” Und der Junge trat hinter dem Baumstumpf hervor.
„Warum trachtest du nach Streit mit uns?”
„Gebt den Leuten den Mond zurück.”
„Ohne Prügel wirst du ihn nicht bekommen!”
Der Junge sann nach und erwiderte:
„Wozu das Blutvergießen? Du sollst lieber zu einem Stein und ich zu einem Rammpfahl werden. Du rollst den Berg hinunter und prallst gegen den Pfahl. Wenn der Pfahl zerbricht, dann hast du gesiegt, wenn nicht, dann gibst du den Mond wieder her.”
Gesagt, getan. Ein gewaltiger schwarzer Stein rollte vom Berg und prallte so stark gegen den Rammpfahl, daß der Stein zersplitterte und sich in feinsten Sand verwan¬delte. Der Junge buddelte aus dem Sand den Mond heraus und jauchzte vor Freude. Doch er brachte den Mond nicht in das kaiserliche Schloß, sondern warf ihn hoch an den Himmel zurück. Überall ging es nun lustig zu. Die Nachtigallen sangen, die Hunde bellten und die Frösche im Sumpf quakten.
Der Jüngling schwang sich aufs Pferd und ritt zum Schloß. Vor dem Hexenhaus aber hielt er an und blickte durchs Fenster. Drinnen wurde Draht gesponnen und Zinn gegossen. Eine Hexe legte Karten. Der Huzule verwandelte sich in einen Floh, sprang in die Hütte und hüpfte der Hexe auf den Kopf. Jene murmelte vor sich hin:
„Irgendein Schurke hat diese Nacht wieder einen Teufel umgebracht. Das soll er büßen. Ich befehle der Sonne, daß sie sengt und sticht, ich selbst aber verwandle mich in einen Brunnen auf dem Feld. Wenn er von meinem klaren Wasser trinkt, dann platzt er wie eine Seifenblase.”
Der Floh hüpfte sodann aus dem Haus und wurde wieder zu einem Jüngling. Er bestieg das Pferd und sprengte auf das Schloß zu.
In der dritten Nacht begab er sich abermals zur Brücke, riß das letzte Brett heraus und warf es in den Fluß.
Der Teufel ließ nicht auf sich warten. Da kam er auch schon angerannt und brüllte:
„Wer schaltet und waltet hier?”
„Ich bin’s.” Und der Jüngling trat aus dem Gestrüpp heraus.
„Sag, warum läßt du nicht die Finger von unserer Brücke?”
„Ich will, daß die Sterne wieder am Himmel leuchten.”
„Dann laß uns zuerst unsere Kräfte messen.”
„Sei vernünftig, Teufel”, sprach der Huzule. „Ich habe schon zweien von euch das Genick gebrochen. Dir wird’s genauso ergehen. Rück im guten mit den Sternen raus.”
„Erst verprügel ich dich.”
„Wie du willst. Doch fessel mich lieber mit den stärksten Seilen. Du wirst sehen, daß ich sie wie Spinnweben zerreiße.”
Der Teufel fesselte den Jungen mit den dicksten Seilen und machte einen solch dicken Knoten, daß ihn nicht einmal hundert Mann aufbekommen hätten.
„Wenn du die Fesseln nicht zerreißt, dann werf ich dich in den Fluß”, drohte er.
„Gut. Dreh dich jetzt um.”
Der Teufel wandte sich ab. Der Junge aber, der ein kleines Messer in der Hand hielt, zerschnitt rasch die Seile, befreite sich von ihnen und sprach:
„Schon geschafft!”
Dem Teufel verging vor Angst Hören und Sehen. Er erblaßte und zitterte wie Espenlaub.
„Jetzt fessel du mich”, brummte er.
Der Huzule schlang das Seil um den Teufel, wie der Böttcher das Faß umbindet, drehte sich um und rief:
„Fertig, los!”
Der Teufel strengte sich so an, daß ihm beinahe die Augen herausgequollen wären. Er schnaufte, wälzte sich auf dem Erdboden, wetzte den Strick an einem Stein und heulte wie ein tollwütiger Hund. Doch nichts half.
„Du hättest mehr Brei essen müssen, um die Fesseln zu zerreißen”, grinste der Junge. „Her mit den Sternen, sonst wirst du den Fröschen im Teich Gesellschaft leisten.”
„Du sollst sie haben”, fügte sich der Teufel.
„Wo sind sie?”
„Unterm Pferdesattel.”
Der Junge holte die Sterne hervor und fing an, sie zu zählen. Lange schichtete er die Sterne in Haufen. Wie viele es waren, kann man jetzt nicht mehr genau sagen, aber der Huzule merkte, daß ein Stern fehlte.
„Wo ist der Stern?” fuhr er den Teufel an.
„Es sind alle da.”
„Du lügst! Einer fehlt. Raus mit der Sprache, sonst kriegst du eine Tracht Prügel!”
Der Teufel begriff — der Huzule war nicht an der Na¬se herumzuführen. Kleinlaut gab er zu:
„Einen Stern habe ich meiner Liebsten geschenkt, der Hexe.”
Der Junge überlegte nicht lange. Er setzte den gefesselten Teufel auf den Pferderücken, schwang sich in den Sattel und sprengte zur Hexe. Unter dem Fenster lauschten sie, wie die Hexe Karten legte und murmelte:
„Donnerwetter! Auch der dritte Teufel ist verschwunden! Bestimmt hat ihn der Huzule zugrunde gerichtet.”
„Ich bin hier”, rief der Teufel.
„Ach, mein liebster Beelzebub, nur immer herein!”
„Ich kann nicht, Liebling, ich bin gefesselt. Gib dem Burschen den Stern zurück, den ich dir geschenkt habe, damit er mich laufen läßt.”
Der Huzule trat ins Haus. Die Hexe gab ihm den Stern zurück.
„Nimm meinem Liebsten die Fesseln ab”, flehte sie.
„Nein, ich brauche ihn noch.”
Die ganze Nacht hindurch warf der Junge die Sterne hoch in den Himmel, damit jeder wieder an seinem richtigen Platz stünde. Als er damit fertig war, klemmte er den Teufel unter den Arm und fuhr mit ihm in die Hauptstadt.
Die Leute dankten ihm für die Sonne, den Mond und die Sterne. Lediglich die Schankwirte, die kaiserlichen Minister und die Spitzbuben dankten ihm nicht, denn in der Dunkelheit konnten sie leichter ihre krummen Geschäfte machen.
Der Junge nahm dem Teufel die Fesseln ab und sprach:
„He, du Beelzebub, hol alle Schankwirte, Minister und Spitzbuben herbei. Beschmier sie mit Pech, wälze sie in Federn und führe sie drei Tage und drei Nächte lang auf Jahrmärkten herum.”
Hals über Kopf stürzte der Teufel los, um den Befehl auszuführen. Der Jüngling begab sich zum Schloß, trat vor den Thron und sprach:
„Eure Majestät, ich habe alles getan wie versprochen. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind wieder an ihrem richtigen Platz. Ich will jetzt fortziehen und meine Mutter holen, damit sie sich die Prinzessin ansieht und sagt, ob sie eine solche Schwiegertochter haben möchte.”
„Ich habe nichts dagegen”, willigte der Kaiser ein.
Der Huzule brach nach Kolomija auf. Die Sonne sengte und stach. Da erblickte der Jüngling einen Birnbaum mit reifen Früchten, doch er mied den Baum. Der Durst peinigte ihn. Als er den Brunnen mit dem kristallklaren Wasser sah, ging er an ihm vorbei.
Er holte seine Mutter und kehrte mit ihr zum Kaiser zurück. Die Mutter fand an der Prinzessin Wohlgefallen.
Darauf ward Hochzeit in aller Pracht gefeiert.

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