Undank ist der Welt Lohn

Ein Wolf war einmal schon halb in ein Fangeisen geraten, hatte sich aber mit genauer Not losrei-ßen können und suchte nun das Weite. Da erblickten ihn die Jäger und setzten ihm nach. Der Graue mußte einen Weg überqueren, auf der Straße aber lief gerade ein Bauer, der trug einen Sack und einen Dreschflegel, denn er kam vom Felde. Zu dem sagte der Graue: „Sei so gut, Bauer, ver-birg mich in deinem Sack! Die Jäger sind hinter mir her.“ Der Bauer war’s einverstanden, steckte ihn in den Sack, band den Sack zu und warf ihn auf die Schulter. Wie er weitergeht, kommen die Jäger dahergesprengt. „Hast du nicht einen Wolf gesehen, Bauer?“ fragen sie ihn. „Nein!“ antwortete ihnen der Bauer.
Die Jäger ritten weiter und waren bald nicht mehr zu sehen. „Sind sie fort, meine Mörder?“ fragte der Graue. „Ja, sie sind fort.“ – „Dann laß mich wieder heraus!“ Der Bauer band den Sack auf und ließ den Wolf heraus. Der sagte: „Weißt du was, Bauer, ich will dich fressen!“ – „Ach, Wolf, Wolf! Aus so großer Not habe ich dich errettet, und du willst mich fressen!“ – „Undank ist der Welt Lohn“, erwiderte der Graue. Der Bauer sieht, daß es schlecht um ihn steht, und sagt: „Wenn’s so ist, dann wollen wir weitergehen, und wenn der erste, dem wir begegnen, gleichfalls sagt, daß Undank der Welt Lohn ist, dann bleibe es dabei, dann sollst du mich fressen.“
Sie gingen weiter. Da begegnete ihnen eine alte Stute. Der Bauer fragt sie gleich: „Sei so gut, Mütterchen Stute, schlichte unsern Streit. Ich habe diesen Wolf hier aus großer Not errettet, aber er will mich fressen.“ Und er erzählte ihr alles, wie es gewesen war. Die Stute dachte lange nach und sagte: „Ich habe zwölf Jahre bei meinem Herrn gelebt, ihm zwölf Füllen geschenkt und mich von früh bis spät für ihn geplagt. Als ich aber alt ge-worden war und für die Arbeit nicht mehr taugte, da nahm er mich und hat mich in eine Schlucht gestürzt. Mit Mühe und Not bin ich wieder herausgeklettert und laufe nun, wohin der Weg mich führt. Ja, Undank ist der Welt Lohn!“ – „Siehst du, ich habe recht!“ sagte der Graue.
Der Bauer war sehr betrübt und bat den Wolf, er möge noch eine zweite Begegnung abwarten. Der Wolf war auch hiermit einverstanden. Da be-gegnete ihnen ein alter Hund. Der Bauer gab ihm die gleiche Frage auf. Der Hund dachte lange nach und sagte dann: „Ich habe zwanzig Jahre bei meinem Herrn gedient, Haus und Vieh bewacht, als ich aber alt geworden und nicht mehr bellen konnte, hat er mich vom Hof gejagt, und nun laufe ich, wohin der Weg mich führt. Ja, Undank ist der Welt Lohn!“ – „Nun, siehst du, ich habe recht!“ Der Bauer war noch mehr betrübt und flehte den Wolf an, noch eine dritte Begegnung abzuwarten, „dann magst du tun, wie’s dir be-liebt, wenn schon Undank mein Lohn sein soll.’
Beim dritten Male begegnete ihnen der Fuchs. Der Bauer wiederholte seine Frage. Der Fuchs be-gann zu streiten: „Wie soll denn das zugegangen sein, daß der Graue, dieser große Kerl, in einen so kleinen Sack hineingepaßt hat!“ Wolf und Bauer schworen bei Gott, das sei die reine Wahrheit. Aber der Fuchs glaubte ihnen nicht und sagte: „So zeig mir doch einmal, Bauer, wie du ihn in den Sack gesteckt hast!“ Der Bauer hielt den Sack auf, und der Wolf steckte seinen Kopf hinein. Der Fuchs rief: „Hast du etwa nur deinen Kopf im Sack versteckt?“ Der Wolf kroch ganz hinein. „Jetzt zeig mir doch einmal, Bauer, wie du den Sack zugeschnürt hast!“ Der Bauer schnürte den Sack zu. „Und wie hast du auf dem Felde Getreide gedroschen?“ Der Bauer begann, mit dem Flegel auf den Sack loszudreschen. „Und wie hast du dann umgewendet?“ Der Bauer fuhr mit dem Dreschflegel herum, traf den Fuchs am Kopf und schlug ihn tot. Dabei sagte er: „Undank ist der Welt Lohn!“

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