Über Weiberlist

In Petersburg lebte einmal ein Kaufmann, der Gu-litow hieß und einen sehr hübschen Sohn hatte. Einmal fuhr der Vater nach Sachsen, um dort mit verschiedenen Waren zu handeln. Der König von Sachsen hatte einen Sohn, der auch sehr hübsch war. Die Söhne Gulitows und des Königs von Sachsen waren beide bereits verheiratet.
Da lud der König von Sachsen einmal Könige und Kaufleute zu sich ein. Nach dem großen Gelage rührten die Soldaten die Trommeln, weil ein großes Wunder gezeigt werden sollte. Der König von Sachsen wollte seinen Sohn zur Schau stellen und dessen Schönheit zeigen. Warum tat er das? Er tat es, um mit der Schönheit des Sohnes zu prahlen. Er sagte: „Ihr Könige alle und das ganze Volk! Wer ist hübscher als er?“
Die Könige schwiegen alle und sagten gar nichts. Gulitow aber sagte: „Dein Sohn ist schön, dein Sohn ist hübsch, aber ich habe einen Sohn, der nicht schlechter ist als deiner.“
Da wurde der König ärgerlich und sagte: „Meine Herren, ihr seid alle Zeugen! Soll sein Sohn herkommen, damit wir ihn uns ansehen können. Wenn unsere Söhne gleich schön sind, dann kann er sieben Jahre lang in Sachsen Handel treiben, aber wenn sein Sohn häßlicher ist als meiner, so wird ihm auf dem Marktplatz der Kopf abgeschla-gen.“
Der Kaufmann Gulitow schickte zu seinem Sohn in Petersburg eine Stafette mit einem Brief, in dem er ihn aufforderte, sofort nach Sachsen zu kommen.
Als der Sohn den Brief erhalten hatte, machte er sich auf die Reise. Er hatte große Angst, denn er war noch nie zur See gefahren. Er betete zu Gott und bestieg das Schiff. Da stellte er fest, daß er seine Taschenuhr nicht bei sich hatte. Er lief zurück, aber weniger, um die Uhr zu holen, als sich noch einmal von seiner Frau zu verabschieden.
Er lief nach Hause, seine Uhr lag im Schlafzim-mer. So ging er direkt ins Schlafzimmer. Als er hereinkam, traf er den Verwalter mit seiner Frau an. Er war sehr wütend und entsetzt darüber, sagte aber kein Wort und fuhr nach Sachsen.
In Sachsen angekommen, brachte man ihn gleich zum König. Als ihn der Vater sah, erschrak er sehr, denn sein Sohn war ganz schwarz und häßlich geworden. Der König rief die Zeugen auf dem Platz zusammen. Alle kamen. Sie sahen, daß Gulitows Sohn häßlich und der Sohn des Königs von Sachsen so hübsch wie eine Mohnblume war. Da befahl der König: „Der Kaufmann soll ins Ge-fängnis geworfen und seinem Sohn der Kopf ab-geschlagen werden, wie ich gesagt hatte!“
Da sagten alle Könige: „Nein, das ist nicht richtig, einem unschuldigen Menschen den Kopf abzuschlagen. Er ist doch das erste Mal übers Meer gefahren, das wird ihm so schlecht bekommen sein. Gebt ihm sechs Monate Zeit, gebt ihm gut zu essen und zu trinken, dann werden wir weitersehen!“
Der Königssohn nahm Gulitows Sohn zu sich ins Haus, aß die gleichen Speisen wie er, und sie gin-gen zu zweit im Garten spazieren. Im Garten war eine Laube, und in der Laube stand ein Sofa mit Kissen. Der Königssohn sagte zu Gulitows Sohn: „Nach dem Spaziergang wollen wir uns auf dem Sofa ausruhen.“
„Gut!“
Die Frau des Königssohnes war sehr schön. Der Königssohn fuhr eines Nachts mit seinem Vater für drei Tage fort. Gulitows Sohn aber war neugie-rig; als er im Garten spazierenging, dachte er bei sich: Ich will einmal unter dieses Sofa kriechen und sehen, was mittags hier geschieht.
Er kroch unter das Sofa und legte sich hin. Um zwei Uhr mittags kam ein lahmer Sattler und legte sich auf das Ruhebett. Eine Minute später kam die Frau des Königssohnes, und der Sattler sagte: „Warum bist du nicht gleich gekommen? Wenn man uns hier sieht, gibt es einen großen Krach.“
„Entschuldigt bitte, ich habe erst meinen Vater und meine Mutter zu Bett gebracht.“
Sie legten sich auf das Bett…, dann gingen sie auseinander.
Gulitows Sohn kroch unter dem Sofa hervor und dachte bei sich: „Warum bin ich denn bloß so wütend geworden, als ich meine Frau mit dem Verwalter angetroffen habe? Das war doch wenigstens noch ein Verwalter, aber hier treibt es die Königstochter mit einem lahmen Teufel.“ Er wurde wieder lustig und dachte: Aha, nicht nur meine Frau!
Von nun an erholte sich Gulitows Sohn wieder.
Der Königssohn kam nach Hause, und am an-deren Morgen gingen sie zusammen im Garten spazieren. Gulitow war vorher in die Küche ge-gangen, hatte dort ein großes, scharfes Messer geholt und es in den Stiefelschaft gesteckt. Als sie zu dem Sofa kamen, sagte Gulitow: „Komm, Kö-nigssohn, wir legen uns unter das Sofa und pas-sen auf, was geschieht. Aber wenn du über das, was du sehen wirst, nicht schweigst, Königssohn, werde ich dich mit diesem Messer hier erstechen!“
„Ich werde schweigen. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, daß ich schweigen werde.“
„Na, dann komm!“
Sie krochen unter das Sofa, und nach einer hal-ben Stunde kam der Sattler und legte sich darauf. Eine Minute später kam auch die Frau des Königs-sohnes.
„Nun, Königssohn, siehst du es?“
„Ich sehe es, Bruder.“
„Schweig, sonst gibt’s was!“
„Hast du es gesehen, Bruder?“
„Ja, ich habe es gesehen, Bruder!“
„Nun, jetzt siehst du, Königssohn, was mir so zugesetzt hat. Meine Frau hat es mit dem Verwalter getrieben, aber hier war die Königstochter mit einem einfachen Mann zusammen.“
Nun ging es dem Königssohn schlecht, und er magerte ab, der Kaufmannssohn aber wurde im-mer hübscher.
Da sagte der Königssohn zum Kaufmannssohn: „Laß uns in die Welt hinausziehen! Wenn wir noch anderswo so etwas sehen, kehren wir zum Hofe zurück, aber wenn nicht, dann kommen wir auch nicht mehr hierher.“
So zogen sie los. Sie nahmen Gold und Silber mit und legten ungefähr dreihundert Werst zu-rück. Sie kamen zu einer Lichtung, auf der ein Bauer von gewaltigem Wuchs pflügte. Auf dem Rücken trug er einen Sack. Sie setzten sich hin und unterhielten sich: „Bruder, der Bauer pflügt mit einem Sack auf der Schulter, was hat das zu bedeuten?“
Da sahen sie, wie der Bauer zu pflügen aufhörte, den Sack von den Schultern nahm und aufband. Eine Frau kam heraus und gab ihm Mittagessen und sah ihm beim Essen zu. Dann wurde der Bauer müde und legte sich schlafen. Er war kaum eingeschlafen, da winkte die Frau mit einem Tuche, und aus den Büschen sprang ein Bursche heraus und begann sie zu liebkosen.
Als der Bauer wieder aufgewacht war, fragte er: „Frau, wo bist du?“
„Ich bin hier!“
Ehe der Bursche es sich versah, wurde er mit in den Sack gesteckt. Das beobachteten der Kaufmannssohn und der Königssohn. Der Bauer spannte wieder die Stute vor den Pflug, legte den Sack auf die Schultern und pflügte weiter. „Laß uns hingehen, Königssohn, und ihn umarmen!“
Sie gingen zum Bauern. „Helf dir Gott!“
„Danke!“
„Onkelchen, was trägst du dort auf den Schultern?“
„Was geht das euch an? Nun gut, ich werde es euch sagen. Ich trage meine Frau schon drei Jah-re lang so mit mir herum, weil ich Angst habe, daß fremde Burschen sie lieben.“
„Zeig sie uns, Bruder! Wir geben dir dafür eine Handvoll Gold.“
Der Bauer band den Sack auf, da sprang der Bursche in die Büsche und versteckte sich. Der Bauer verprügelte seine Frau. Sie gaben ihm eine Handvoll Gold und zogen weiter.
So kamen sie in ein fremdes Königreich. Dort ernannte sie der König gleich zu Ministern.
„Hört zu, meine Herren“, sagte der König zu ihnen, „ich gebe einem von euch meine Tochter zur Frau.“
„Ach, lieber König, bei uns ist das nicht so üblich.“
„Wie ist es denn bei euch?“
„In unserem Königreich haben immer zwei zusammen eine Frau.“
„Na gut, ich lasse euch beide mit ihr trauen.“
So ließ er die beiden feierlich mit der Königstochter trauen.
Als sie im Garten spazierengingen, sagten sie: „Wir wollen ein breites Bett bestellen.“
Sie ließen ein breites Bett bauen und stellten es in das Schlafzimmer. Die Königstochter legte sich in die Mitte, und die beiden an die Seiten. Da sag-te sie: „Derjenige, den ich anstoße, soll sich zur Seite rollen, mit dem anderen werde ich dann schlafen. In der nächsten Nacht will ich dann den anderen anstoßen und mit dem ersten schlafen.“
Im Schlafzimmer war an der Decke über dem Bett ein Fenster, das sich öffnen ließ. Als nach ei-ner Woche die beiden Männer im Garten spazie-rengingen, gab der Kaufmannssohn dem Königs-sohn eine Ohrfeige. Da fragte der Königssohn: „Warum hast du mich geschlagen?“
„Weil du immer mit der Frau schläfst.“
„Aber Bruder, sie stößt mich doch jede Nacht an.“
„Nein, Bruder, entschuldige, sie stößt mich auch an. Wir wollen heute einmal aufpassen. Wenn sie mich anstößt, rolle ich zur Seite, und wenn sie dich anstößt, tust du das gleiche. Danach werden wir uns wieder umdrehen und nachsehen, was ge-schieht.“
Sie gingen zu Bett und fragten: „Meine Liebe, warum ist dort das Fenster in der Decke?“
„Das kann man aufmachen, wenn es zu heiß ist.“
Sie schwiegen. Die Königstochter stieß erst den einen und dann den anderen an, beide rollten zur Seite und begannen zu schnarchen. Sie schliefen aber nicht, denn sie wollten ja sehen, was weiter geschah. Da öffnete sich das Fenster, und an einem Stück Leinwand ließ sich ein Mann direkt zu ihr herab.
Sie rollten sofort zur Mitte und fingen ihn. Es war der Schuster Jurko.
„Wir wollen dir vergeben, denn sonst erginge es dir schlecht. Wir haben nun gesehen, daß es bei euch genauso ist wie bei uns.“
Dann ließen sie ihn frei.
Sie gingen hinaus und sagten: „Komm, laß uns nach Hause fahren! Hier ist es genauso wie bei uns.“
Dann ließen sie die besten Pferde satteln, schwangen sich darauf und ritten davon, der Kö-nigssohn nach Sachsen und Gulitows Sohn nach Petersburg. Dort beschäftigten sie sich mit ihren Angelegenheiten.
Der König aber, ihr Schwiegervater, sagte zu seiner Tochter: „Wo sind denn meine Schwiegersöhne?“
„Sie sind in den Garten hinausgegangen und haben gesagt: ‚Ihr seht uns nie mehr wieder!’“

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