Russische Volksmärchen

Die russische mündliche Volkserzählung ist sehr vielseitig. Märchen, Sagen, Legenden, sagenartige Memorate – alle diese Arten der mündlichen Erzählung haben ihre spezifischen Wesenszüge, unterscheiden sich in ihrer Thematik, ihren Sujets, im System ihrer Gestalten und in ihrem Stil.
Andererseits sind sie häufig so sehr miteinander verwandt, gehen so leicht ineinander über, daß eine Abgrenzung bisweilen schwierig ist.
Das Märchen unterscheidet sich von den anderen Arten der mündlichen Prosa dadurch, daß es vom Erzähler als etwas Erfundenes, als Spiel der Phantasie dargeboten wird, mag es nun vom unsterblichen Kostschej oder
von Peter I. handeln, von der Baba-Jagá, vom dummen Gutsherrn oder vom habgierigen Popen. Nicht zufällig auch definiert das Volk in seinen Sprichwörtern das Märchen als etwas „Erdichtetes“ und unterstreicht damit seine Verschiedenheit vom Lied und von der Erzählung wirklicher Ereignisse. Das Element des Phantastischen ist es, wodurch das Wesen des Märchens, seine „Märchenhaftigkeit“, die Spezifik der konkreten Gestaltung seines Ideengehaltes bestimmt wird.
Mit dem Wort „Märchen“ bezeichnen wir sowohl moralisch-belehrende Tiererzählungen wie auch Zaubermärchen, die voll von Wundern sind, kuriose Abenteuer- und satirische Schwankmärchen, obwohl doch jede dieser Arten der mündlichen Prosa ihre charakteristischen Besonderheiten hat.
Betrachten wir zum Beispiel das Zaubermärchen, dessen Handlung sich im dreimalneunten Zarenreich, im dreimalzehnten Staat abspielt, dessen Held den Drachen mit den drei Köpfen besiegt, auf dem fliegenden Teppich fliegt, das Tischtuchdeckdich und die Tarnkappe in seinen Besitz bringt, dann erhebt sich tatsächlich die Frage, was ein solches Märchen mit der Fabel vom schlauen Fuchs gemein hat, der den dummen Wolf betrügt, oder aber mit der Erzählung vom schlauen Bauern, der einer dummen Gutsherrin eine Sau mit ihren Ferkeln entführt und den Gutsherrn dazu bringt, unter seinem Hut einen “Falken“ zu bewachen.
Diese Märchen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Thematik, sondern durch das ganze System ihrer Gestalten, die Art und Weise ihrer Komposition und ihre stilistische Methode, das heißt durch ihren gesamten Stil.
Dennoch besitzen alle diese auf den ersten Blick so unterschiedlichen Arten mündlicher Prosa ein gemeinsames Merkmal, das sie in ihrer schöpferischen Methode von den benachbarten Arten der mündlichen Prosa – der historischen Sage, der religiösen Legende und der phantastischen kleinen Geschichte – unterscheidet.
Das charakteristische Merkmal des Märchens ist, wie gesagt, seine bewußte Orientierung darauf, daß es sich um Erdichtetes handelt, ist, mit anderen Worten, der Charakter der poetischen Erfindung, ihre Rolle, ihre Funktion.
Wie wenig wahrscheinlich auch die Ereignisse sein mögen, von denen die Sage zu berichten weiß, wie töricht auch die Erzählung von den Fährnissen der heiligen Wundertäter sein und wie phantastisch die Erzählung von den Waldgeistern oder den Nixen auch anmuten mag, der Erzähler glaubt an die Wahrheit seiner Geschichte oder tut zumindest so, als glaube er daran, er bietet den Zuhörern seine Erzählung
als Mitteilung von Ereignissen, die sich tatsächlich zugetragen haben, und betont ihre Glaubwürdigkeit. Für alle diese Genres (Legende, Sage, phantastisches Memorat) ist
charakteristisch, daß sie auf die Logik von Tatsachen orientieren.
Es handelt sich bei ihnen um Berichte von außergewöhnlichen Menschen, interessanten Ereignissen und erstaunlichen Vorfällen. Im Unterschied hierzu ist die Tendenz des Märchens ganz anderer Art, handelt es sich bei ihm doch um eine Orientierung auf dichterisch Erfundenes, auf ein Spiel der Phantasie. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Erzählten wird hierbei überhaupt nicht gestellt. Dies wird unterstrichen sowohl durch den bei östlichen Märchen beliebten Typ der Anfänge: „Ob es nun so war oder nicht – vom Himmel fielen drei Äpfel herab“, als auch durch Schlußformeln des Typs: „Das Märchen ist aus – mehr gibt es nicht zu lügen“, durch die Verlagerung der Märchenhandlung in ein unbestimmtes „dreimalneuntes Zarenreich“, einen „dreimalzehnten Staat“, durch die Zwischenbemerkungen der Erzähler und die hierauf erfolgenden Reaktionen der Hörer: „Der lügt euch dreimal die Hucke voll“, „ein bekannter
Lügner“.
Orientierung auf dichterische Erfindung ist charakteristisch für die Märchenarten aller Völker. Der Erzähler und seine Zuhörer glauben keineswegs an die reale Möglichkeit einer Reise des Helden auf dem fliegenden Teppich, an die Existenz der Tarnkappe und des neunköpfigen Drachens oder an die „Vernünftigkeit der Beziehungen“ zwischen Wolf und Fuchs, ja sie glauben ebensowenig daran, daß der Tagelöhner den Popen zwang, Heu zu essen, oder daß der Zimmermann den hochmütigen Gutsherrn dreimal durchgeprügelt hat. Die betonte, bewußte Orientierung auf die dichterische Erfindung bildet das Hauptmerkmal des Märchens als Genre.
Diese Besonderheit ist schon mehrfach sowohl von russischen wie auch von ausländischen Forschern festgestellt worden, wenn auch meist nicht für das Genre insgesamt, sondern lediglich für die Zauber- und die Tiermärchen. Als Arbeitsgrundlage könnte, so scheint mir, die folgende Definition des Märchens akzeptiert werden:
Das Volksmärchen ist ein episches, im mündlichen Überlieferungsbereich beheimatetes Kunstwerk, vorwiegend in Prosaform, das die Welt des Zauberhaften, des Abenteuerlichen oder des gewöhnlichen Alltags zum Gegenstand hat und auf dichterischer Erfindung beruht.
Eine Orientierung auf dichterische Erfindung als Hauptprinzip der künstlerischen Methode des Märchens anzuerkennen, bedeutet jedoch keineswegs, seine Verbindung mit der Wirklichkeit zu leugnen, jener Wirklichkeit, die den Ideengehalt des Märchens, den Charakter seiner Sujets, seiner Gestalten, der Details der Erzählung und seine Sprache bestimmt. „In jedem Märchen sind Elemente der Wirklichkeit
enthalten“, sagt Lenin. (W. I. Lenin, Werke, Bd. 27, S. 79 [russisch], S. 88 [deutsch].)

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