Sirko

Ein Mann hatte einmal einen grauen Hund namens Sirko. Weil nun der Hund sehr alt geworden war, jagte ihn sein Herr aus dem Hause. Da irrte der arme Sirko über das Feld, allein und verlassen auf dieser Welt und dachte: Jahrelang diente ich treu meinem Herrn und half ihm nach Kräften. Nun, da ich alt geworden bin, gönnt er mir nicht einmal das Gnadenbrot und jagt mich aus dem Hause fort!4 So wanderte Sirko ziellos umher und hing seinen trüben Gedanken nach. Eines Tages begegnete ihm der Wolf und fragte ihn:
„Warum irrst du hier umher?“
Traurig entgegnete Sirko:
„Mein Herr vertrieb mich, Brüderchen, nun irre ich hier allein umher.“
Der Wolf sprach zu ihm:
„Wollen wir nicht versuchen, ob dein Herr dich wieder in Ehren aufnimmt?“
Sirko erwiderte:
„Versuche es, mein Freund, irgendwann hoffe ich es dir vergelten zu können.“
Da sprach der Wolf zu ihm:
„Höre gut zu: Wenn dein Herr und sein Weib zur Mahd gehen und ihr kleines Kind neben den Schober legen, dann halte dich in der Nähe auf. Ich packe das Kleine, du aber läßt es nicht zu. Ich werde so tun, als ob ich Angst vor dir hätte, und lasse das Kind’ fallen.“
Als die Zeit der Mahd herangekommen war, gingen der Mann und sein Weib aufs Feld. Die Frau legte ihr kleines Kind neben den Schober und half dem Mann bei der Arbeit. Da kam der Wolf übers Kornfeld gerannt, packte das Kind und lief mit ihm davon. Sirko setzte dem Wolf nach, holte ihn ein, und der Mann rief:
„Faß ihn, Sirko!“
Wirklich ließ der Wolf das Kind los, und Sirko brachte das Kind dem Manne zurück. Da holte dieser Brot und Speck aus dem Sack und sprach:
„Nimm, Sirko, friß! Das ist der Lohn dafür, daß du dem Wolf unser Kind wieder entrissen hast!“
Als der Bauer und die Bäuerin am Abend vom Feld nach Hause zurückkehrten, nahmen sie Sirko mit sich. Zu Hause angekommen, sprach der Mann:
„Frau, koche mir Weizenklöße! Doch bereite sie mit Speck zu!“
Als die Klöße gar waren, setzte der Bauer Sirko an den Tisch, nahm neben ihm Platz und sagte:
„Frau, tisch die Klöße auf, wir wollen nun das Abendbrot einnehmen.“
Die Frau tischte die Klöße auf. Der Mann gab Sirko einen vollen Teller davon und gab acht, daß dieser sich nicht die Zunge verbrannte.
Da dachte Sirko bei sich: ,Ich muß dem Wolf dafür danken, daß er mir soviel Gutes getan!’
Der Bauer aber wartete, bis die Fastenzeit vorüber war, und wollte danach seine älteste Tochter verheiraten. Sirko ging aufs Feld, suchte den Wolf auf und sprach zu ihm:
„Komm am Sonntagabend zu uns ins Dorf. Ich werde dich ins Haus führen und mich bei dir für deine Hilfe bedanken.“ Am Sonntagabend kam der Wolf an den Ort, wohin ihn Sirko bestellt hatte. An diesem Tage feierte der Bauer die Hochzeit seiner Tochter. Sirko empfing den Wolf, führte ihn ins Haus und setzte ihn unter den Tisch. Sirko nahm vom Tisch eine Flasche Schnaps und ein großes Stück Fleisch und setzte es dem Wolf vor. Die Leute, die bei Tische saßen, wollten den Hund dafür schlagen. Da sprach der Hausherr:
„Schlagt Sirko nicht, er hat mir einen großen Dienst erwiesen! Ich habe vor, ihm-solange er lebt-nur noch Gutes zu tun.“
Sirko nahm vom Besten, was man aufgetischt hatte, und setzte es dem Wolf vor. Nachdem dieser gefressen und getrunken hatte, konnte er nicht mehr an sich halten und sprach: „Nun werde ich singen.“
Sirko bat den Wolf jedoch:
„Singe nicht, sonst wird es dir schlecht ergehen. Wenn du mir versprichst zu schweigen, geh ich dir noch eine Flasche Schnaps.“
“Als der Wolf auch diese Flasche geleert hatte, sprach er: „Nun singe ich aber doch!“
Wieder bat ihn Sirko:
„Singe nicht, sonst sind wir beide verloren!“
Aber der Wolf versetzte:
„Ich halte es nicht aus, ich muß einfach singen!“
Und er heulte laut unter dem Tisch auf. Erschrocken fuhren die Leute auf, schauten hierhin, schauten dorthin und warfen schließlich auch einen Blick unter den Tisch. Da sahen sie den Wolf liegen. Viele kamen nun ins Haus gelaufen und erklärten sich bereit, den Wolf zu erschlagen. Sirko aber warf sich auf den Wolf und tat, als wollte er ihn erwürgen. Als der Hausherr dies sah, rief er:
„Schlagt den Wolf nicht, denn sonst erschlagt ihr mir den Sirko! Der wird’s ihm schon besorgen. Mengt euch nur nicht ein!“
Sirko jedoch führte den Wolf aus dem Haus, brachte ihn bis zum Feld und sprach:
„Du hast mir einmal sehr geholfen, aber auch ich blieb dir nichts schuldig. Nun sind wir quitt!“
Und sie verabschiedeten sich voneinander.

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