Ruß

Nach dem ersten Weltkrieg kam ich mit meinen Eltern in mein Heimatdorf zurück und wollte bei einem Gutsherrn dienen, weil wir zu Hause nichts zu essen hatten. Ich begab mich zu ihm und sagte: „Laßt mich bei Euch arbeiten!“
Er war wohlhabend und hatte drei Paar Pferde. Auch Knechte hatte er, so daß er mich nicht für Lohn nehmen wollte.
Ich sagte zu ihm: „Ich brauche Euer Geld nicht. Ich werde bei Euch den Ofen reinigen und den Ruß sammeln. Macht mir nur einen schönen Kasten für diesen Ruß!“
Der Mann hielt mich für einen Dummkopf und sagte: „Na gut, bleibe bei mir und arbeite! Mir fällt es nicht schwer, dir einen Kasten machen zu lassen.“
Obwohl ich erst vierzehn Jahre alt war, war ich schon groß und arbeitsam und gefiel dem Herrn besser als seine erwachsenen Knechte. Er ließ mir einen Kasten machen, ich fegte den Ofen aus und schüttete den Ruß in den Kasten. Eines Tages sagte ich: „Onkelchen, in vier Monaten, wenn ich genug Ruß gesammelt habe, gebt mir Pferde, um ihn auf den Markt zu bringen!“
Der Herr lächelte nur, und die erwachsenen Knechte sagten zu mir: „Wozu sammelst du den Ruß? Den kauft ja doch niemand. Du bist ein Dummkopf! Du arbeitest für nichts.“
„Jetzt bin ich ein Dummkopf“, sagte ich, „aber es kommt vielleicht die Zeit, wo ihr sagt, daß ich sehr klug bin.“
Zu meiner Herrin kam immer ein Pope zu Besuch. Als drei Monate vergangen waren und meine Kiste schon halb voll Ruß war, da vergaß ich einmal, sie zuzuschließen und fuhr mit meinem Herrn und den Knechten auf das Feld zum Pflügen. Ich hatte meinen Ruß immer verschlossen, aber diesmal hatte ich es nicht getan. Als der Pope merkte, daß wir aufs Feld gefahren waren, ging er zu meiner Herrin.
Meine Herrin gab ihm zu essen und zu trinken. Auf dem Wege zum Feld sagte ich zu meinem Herrn: „Wißt Ihr was, Onkelchen, laßt mich nach Hause gehen! Ich habe vergessen, die Kiste mit dem Ruß zuzuschließen.“
Er sagte: „Deinen Ruß stiehlt schon niemand. Den braucht ja doch keiner.“
„Ich bitte Euch aber trotzdem darum. Wißt Ihr, Onkelchen, ich arbeite für den Ruß fast schon vier Monate, und Ihr seht ja selbst, wie ich arbeite. Ich arbeite besser als die alten Knechte. Wenn man mir aber den Ruß stiehlt, ist die ganze Arbeit um-sonst, die ich in vier Monaten verrichtet habe.“
Da sagte der Herr: „Lauf und mach die Kiste zu, wenn du solche Angst hast!“
Ich kam nach Hause und lauschte unter dem Fenster, was drinnen vor sich ging. Ich sah hinein und sah die Herrin mit dem Popen feiern. Nach zwölf Minuten legten sie sich nackt schlafen. Da ging ich heran und klopfte an die Tür. Der nackte Pope erschrak und fragte: „Wo soll ich jetzt nur hin?“
Sie liefen beide hin und her, und da sahen sie, daß meine Kiste offen war. Da sagte meine Herrin: „Hier ist die Kiste von unserem Knecht. Sie ist offen, klettere schnell hinein!“
Dann machte sie die Tür auf und fragte: „Was willst du, Sascha?“
„Wissen Sie, gnädige Frau, ich habe vergessen, die Kiste zuzumachen.“
„Ach du Dummkopf, deine Kiste stiehlt doch niemand. Geh auf das Feld arbeiten!“
Ich aber antwortete: „Ich arbeite für den Ruß vier Monate lang, und jetzt nimmt ihn mir vielleicht jemand weg.“
Ich ging in das Haus und verschloß meine Kiste. Dann kehrte ich zu meinem Herrn zurück und fragte: „Wißt Ihr, Onkelchen, ich habe heute Leibschmerzen, laßt mich nach Hause gehen!“ Ich hatte nämlich Angst, daß meine Herrin inzwischen meine Kiste aufbrechen würde.
Mein Herr sagte: „Wenn du krank bist, dann geh und leg dich hin!“
In ungefähr fünf Minuten war ich wieder zurück und sah, daß die Kiste noch ganz war.
Am anderen Tage war in unserem Ort Markt. Ich bat meinen Herrn, mir die Pferde zu geben, damit ich meinen Ruß auf den Markt bringen konnte.
Mein Herr war einverstanden und sagte: „Na gut, fahr hin und verkauf deinen Ruß!“
Dann aber lachte er mich mit den Knechten zusammen aus und sagte: „Du bist ein Dummkopf! Wer wird schon Ruß von dir kaufen?“
Ich spannte die Pferde an, bat die Knechte und meinen Herrn, mir zu helfen, die Kiste auf den Wagen zu tragen, und fuhr dann mit dem Ruß auf den Markt. Ich fuhr sehr schnell durch die Schlag-löcher auf dem Weg, so daß der Pope in der Kiste von einer Seite auf die andere rollte. Nur die Zähne blieben weiß, aber sonst war er schwarz wie Ruß.
Ich kam auf den Markt, und dort waren viele Herren. Ich rief aus: „Wer will, kann für fünfhundert Złoty den Teufel sehen!“
Die Herren hatten viel Geld, und es bildete sich gleich eine Schlange von Leuten, die den Teufel für fünfhundert Złoty sehen wollten. Und sie gaben mir nicht nur fünfhundert, sondern sogar tausend Złoty, damit ich ihn so schnell wie möglich zeigte.
In etwa drei Stunden hatte ich so viel Geld zusammen, daß ich nicht wußte, wohin ich es tun sollte. Da öffnete ich den Deckel der Kiste, der Pope sprang heraus und lief auf dem Markt umher, und die Frauen riefen alle aus: „Da ist der Teufel, da ist der Teufel!“
Ich fuhr vom Markt nach Hause und zeigte meinem Herrn und den Knechten das Geld, das ich für den Ruß bekommen hatte.
Sie fragten mich verwundert: „Wer war denn so dumm, Geld für den Ruß zu zahlen?“
Dabei erinnerten sie sich an meine Worte: Es kommt die Zeit, da ihr sagen werdet, daß ich nicht dumm, sondern sehr schlau sei.
Ich gab ihnen allen Geld, so viel, wie sie in einem Jahr nicht verdient hatten, sie liefen zu dem Herrn, und er sagte: „Wenn du bei mir dienen willst, Russe, dann für Geld oder für Brot, den Ruß aber werde ich selbst sammeln und verkaufen.“
Ich aber sagte: „Geld habe ich selbst genug.“
Ich ging von ihm weg zu meinen Eltern.
Mein Herr aber konnte es vor Ungeduld nicht aushalten und brachte schon nach zwei Monaten den Ruß zum Markt.
Er kam hin und stellte sich in die Reihe, wo die Würste und die Semmeln verkauft wurden. Dann öffnete er seine Kiste.
„Was hast du da?“
„Ich verkaufe Ruß.“
In dem Augenblick erhob sich ein Sturm, ergriff den Ruß und wirbelte ihn auf die Leute, die Semmeln und die Würste.
Da stürzte sich die Polizei auf meinen Herrn und verhaftete ihn. Ehe es seine Frau erfuhr, saß er eine ganze Woche lang im Gefängnis und bekam nichts zu essen. Dann wurde ihm die Strafe auferlegt, den ganzen Schaden, den er mit seinem Ruß angerichtet hatte, zu bezahlen. Seine Wirtschaft aber reichte nicht aus, um den ganzen Schaden zu bezahlen. Da erfuhr mein Herr, was es heißt, Ruß zu sammeln, und er ging zu anderen Leuten, um bei ihnen als Knecht zu dienen.

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