Rollerbse

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sechs Söhne und eine Tochter. Eines Tages gingen die Söhne auf den Acker pflügen und trugen der Schwester auf, ihnen das Mittagessen aufs Feld zu bringen. Da sprach das Mädchen:
„Sagt mir bitte, wie ich euch finden kann?“
Die Brüder erwiderten:
„Wir werden eine Furche vom Haus bis zu dem Feld ziehen, wo wir pflügen. Gehe nur immer getrost an dieser Furche entlang.“
Und sie machten sich auf den Weg.
Ein Drache aber, welcher nicht weit von jenem Feld im Walde lebte, ebnete die Furche ein und zog eine andere geradewegs bis zu seiner Behausung.
Als nun die Schwester den Brüdern das Mittagessen aufs Feld trug, folgte sie der Furche und gelangte auf diese Weise in den Drachenhof. Dort ergriff sie der Drache.
Abends kamen die Söhne nach Hause und sagten der Mutter:
„Den ganzen Tag haben wir gepflügt, Ihr aber habt uns nicht einmal das Mittagessen geschickt.“
Erstaunt erwiderte diese:
„Wie soll ich das verstehen? Olenka trug es euch doch aufs Feld! Ich glaubte, sie würde mit euch nach Hause zurückkehren. Gewiß hat sie sich verirrt.“
Da sprachen die Brüder:
„Sogleich werden wir sie suchen gehen.”
Alle sechs machten sich auf den Weg, gingen die Furche entlang und erreichten die Behausung des Drachen. Wie froh waren sie, ihre Schwester dort zu finden! Aber bald fragte das Mädchen ängstlich:
„Wo soll ich euch nur verstecken, liebe Brüder. Gleich wird der Drache kommen und euch auffressen!“
Kaum hatte sie diese Worte gesagt, kam wirklich schon der Drache angeflogen.
„Oho!“ sprach er, „hier riecht es nach Menschenfleisch! He, ihr Burschen, seid ihr gekommen, um euch mit mir zu schlagen oder zu vertragen?“
„Natürlich zu schlagen!“ erwiderten die sechs Brüder.
„Dann laßt uns auf die eiserne Tenne gehen!“
Und sie gingen auf die eiserne Tenne. Allein der Kampf währte nicht lange. Der Drache schlug gewaltig drein und trieb die Brüder wie ein paar Pfähle in den Boden. Darauf packte er die fast zu Tode Geprügelten und warf sie in ein tiefes Verlies.
Vergeblich warteten die Eltern lange, lange Zeit auf die Heimkehr ihrer Kinder.
Eines Tages trug die Frau die Wäsche an den Fluß und bemerkte ein auf der Straße dahinrollendes Erbschen. Sie ergriff das Erbschen und verzehrte es.
Nach einiger Zeit gebar sie einen Sohn und nannte ihn Rollerbse.
Der Junge wuchs so rasch heran, daß man förmlich glaubte, ihn wachsen zu sehen. Obgleich noch jung an Jahren, war er schon von hohem Wuchs. Eines Tages machten sich Vater und Sohn daran, einen Brunnen zu graben. Dabei stießen sie auf einen riesigen Stein. Der Vater lief weg, um einige Leute um Hilfe zu bitten. Während der Vater fort war, hob Rollerbse den Stein allein heraus. Als nun der Vater mit mehreren Menschen zurückkam, und diese sahen, was Rollerbse vollbracht hatte, rissen sie vor Erstaunen Augen und Mund auf. Die Riesenkräfte des Jungen erschienen ihnen so ungeheuerlich, daß sie beschlossen, ihn zu töten. Da warf der Jüngling den Stein in die Luft und fing ihn mühelos wieder auf.
Entsetzt nahmen die Leute darauf Reißaus.
Nun gruben Vater und Sohn weiter und stießen auf ein großes Stück Eisen. Rollerbse zog das Eisen heraus und versteckte es.
Eines schönen Tages fragte der Junge seine Eltern:
„Sagt, habe ich denn keine Brüder und Schwestern?“
„Ach, lieber Sohn!“ erwiderten diese. „Du hattest sechs Brüder und eine Schwester.“ Und sie erzählten ihm, wie die Kinder eines Tages nicht wieder nach Hause zurückgekehrt waren.
„Hm“, sprach Rollerbse darauf, „dann werde ich sie suchen gehen.“
Der Vater und die Mutter wollten es ihm ausreden:
„Gehe nicht, lieber Sohn! Deine sechs Brüder sind fortgegangen und sicher dabei umgekommen. Du aber bist allein. Es wird auch dir ein Unglück zustoßen.“
„Nein, liebe Eltern, ich muß herausfinden, was aus meinen sechs Brüdern und der Schwester geworden ist!“
Er nahm das Eisen, das er ausgegraben hatte, und trug es zum Schmied.
„Schmiede mir“, sprach er, „eine gewaltige Keule, die nicht zerbricht!“
Und der Schmied fertigte solch eine Keule an, daß es allen schier unmöglich schien, sie aus der Schmiede zu tragen. Rollerbse nahm die Keule in die Hand, warf sie in die Höhe und sprach zum Vater:
„Ich lege mich schlafen! Weckt mich bitte in zwölf Tagen, wenn die Keule heruntersausen wird.“
Und er legte sich aufs Ohr. Am dreizehnten Tage war ein Sausen in der Luft, da kam die Keule angeflogen. Der Vater weckte den Sohn. Rollerbse sprang aus dem Bett, streckte der herabsausenden Keule den Finger entgegen, und als die Keule dagegen stieß, brach sie in zwei Teile auseinander. Da sprach der Jüngling:
„Nein, mit dieser Keule werde ich nicht auf die Suche nach meinen Geschwistern gehen. Ich lasse noch eine andere anfertigen.“
Und er trug die Keule zurück zum Schmied.
„Da hast du sie wieder“, sprach er. „Schmiede sie um, aber so, daß sie mir wirklich von Nutzen ist!“
Nim schmiedete der Meister eine noch viel größere Keule. Auch diese schleuderte Rollerbse in die Luft und legte sich abermals für zwölf Tage schlafen. Am dreizehnten Tag sauste die Keule hernieder und heulte, daß die Erde bebte. Da weckte man Rollerbse, und wieder streckte er der herabsausenden Keule den Finger entgegen. Diesmal aber wurde die Keule von dem Zusammenprall nur ein wenig krumm.
„Mit solch einer Keule kann ich mich auf die Suche begeben“, sagte Rollerbse zufrieden. „Backt mir bitte, liebes Mütterchen, ein paar Brotlaibe und bereitet Zwieback zu. Danach werde ich aufbrechen.“
Und er nahm die Keule, den Sack mit dem Brot und dem Zwieback, verabschiedete sich von Vater und Mutter und machte sich auf den Weg.
Auch er ging jene alte, kaum noch sichtbare Furche entlang, die in den Wald führte. Und er ging lange, lange durch den Wald, bis er an der Behausung des Drachen anlangte. Er trat durchs Tor ins Haus, doch der Drache war gerade fort. Nur ein Mädchen, es war seine Schwester Olenka, begegnete ihm in einem der Gemächer.
„Guten Tag, schönes Mädchen!“ sprach Rollerbse.
„Guten Tag, edler Jüngling! Doch was führt dich hierher? Wenn der Drache geflogen kommt, wird er dich auffressen!“ „Na, vielleicht frißt er mich auch nicht. Doch wer bist du?“ „Ich war die einzige Tochter meiner Eltern. Doch der Drache raubte mich, und auch meine sechs Brüder, die mich befreien kamen, vermochten nichts gegen ihn auszurichten.“ „Wo sind deine Brüder?“ fragte Rollerbse.
„Der Drache warf sie in ein tiefes Verlies; doch weiß ich nicht, ob sie noch am Leben sind.“
„Vielleicht gelingt es mir, dich zu befreien“, sprach Rollerbse.
„Du bist wohl nicht bei Sinnen“, versetzte das Mädchen, „sechs konnten mich nicht befreien, dann wirst du es allein auch nicht schaffen!“
„Mag sein!“ entgegnete Rollerbse.
Er setzte sich aufs Fensterbrett und wartete.
Nach einiger Zeit kam der Drache geflogen. Verwundert rief er aus:
„He! Hier riecht es nach Menschenfleisch!“
„Wie sollte es auch anders sein“, erwiderte Rollerbse, „denn ich bin hier.“
„Ho-ho-ho, Junge! Und was suchst du hier? Wollen wir uns schlagen oder vertragen?“
„Wozu vertragen? Lieber schlagen!“ antwortete ihm keck Rollerbse.
„Dann laß uns auf die eiserne Tenne gehen!“
„Mit Vergnügen!“
Als sie dort anlangten, sprach der Drache:
„Schlag zu!“
„Nein“, entgegnete Rollerbse, „führe du nur den ersten Schlag!“
Der Drache schlug darauf mit solcher Gewalt zu, daß er den Jüngling bis zu den Knöcheln in den eisernen Boden trieb. Allein Rollerbse riß die Füße aus dem Boden, holte weit mit der Keule aus und versetzte dem Drachen einen Schlag, der diesen bis zu den Knien in die eiserne Tenne drückte. Aber auch dem Drachen gelang es, sich loszureißen. Mit einem furchtbaren Hieb trieb er Rollerbse gleichfalls bis zu den Knien in den Boden. Da schlug Rollerbse ein zweites Mal zu und trieb den Drachen bis zu der Hüfte in die Tenne. Mit einem dritten Hieb tötete er ihn.
Nim konnte Rollerbse ungehindert in das tiefe Verlies gehen und seine Brüder, die wie lebende Leichname aussahen, befreien. Er nahm sie und die Schwester Olenka, sowie alles Gold und Silber, das der Drache besaß, mit sich, und sie kehrten nach Hause zurück.
Doch Rollerbse gab sich seinen Geschwistern nicht als Bruder zu erkennen. Als sie bereits einen weiten Weg zurückgelegt hatten, ruhten sich alle unter einer Eiche aus. Rollerbse, den der schwere Kampf mit dem Drachen ermüdet hatte, schlief ein. Da flüsterten die sechs Brüder miteinander:
„Man wird uns zu Hause auslachen. Zu sechst konnten wir den Drachen nicht überwinden, dieser Jüngling aber erschlug ihn allein. Und nun hat er auch noch die ganzen Schätze des Drachen.“
Lange berieten sie sich und verfielen endlich auf den Gedanken, den schlafenden Rollerbse mit Weidenbast so fest an den Eichenstamm zu binden, daß es ihm unmöglich sein würde, sich loszureißen. So war ihm der Tod durch die wilden Tiere des Waldes gewiß. Und die Brüder taten, wie sie es beschlossen hatten: Sie banden den Jüngling an die Eiche und gingen ihres Wegs.
Rollerbse aber schlief indessen und spürte nichts von all dem. Er schlief den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch, und als er erwachte – sieh mal einer an!-, da fand er sich an eine Eiche gefesselt. Mit aller Kraft riß Rollerbse an den Fesseln, und schon hatte er die Eiche mit den Wurzeln ausgerissen. Er nahm sie auf die Schultern und ging nach Hause.
Als er sich dem Hause seiner Eltern näherte, hörte er, daß die Brüder schon da waren und die Mutter fragten:
„Wie, Mütterchen, Ihr habt noch Kinder gehabt?“ ‘
„Aber gewiß! Ich hatte einen Sohn, Rollerbse genannt, und er zog aus, um euch zu befreien.“
Darauf sprachen die Brüder überrascht:
„Dann ist es unser Bruder gewesen, den wir an die Eiche gebunden haben. Laßt uns rasch zurücklaufen und ihn losbinden.“
Der wütende Rollerbse aber schleuderte die Eiche mit solcher Kraft auf den Boden, daß alles ringsum erbebte, und rief den Brüdern zu:
„Bleibt nur ruhig daheim, ihr Undankbaren!“
Nachdem er seine Eltern begrüßt hatte, sprach er:
„Ich werde nun wieder in die Welt hinausziehen.“
Er nahm die Keule auf die Schulter und entfernte sich. Wie er nun so dahinging, sah er auf einmal zwei Berge, einen zur rechten und einen zur Unken Seite. Zwischen ihnen stand ein Mann, der mit Händen und Füßen die zwei Berge auseinanderrückte. Rollerbse grüßte ihn freundlich und fragte: „Was machst du da, lieber Mann?“
„Ich rücke die Berge auseinander, um Platz für eine Straße zu schaffen.“
„Und wohin gehst du?“ fragte Rollerbse.
„Mein Glück suchen.“
“Dann haben wir denselben Weg. Doch wie heißt du?“ „Bergeversetzer. Und wie ist dein Name?“
„Rollerbse. Las uns zusammen gehen!“
„Warum nicht!“
Und sie setzten den Weg gemeinsam fort. Wie sie nun so gingen, da sahen sie auf einmal einen Mann im Walde stehen, der mit mächtigem Ruck Eichen mitsamt den Wurzeln ausriß. Da fragten ihn die zwei:
„Was machst du da, lieber Mann?“
„Ich reiße die Bäume aus, damit man bequemer durch den Wald laufen kann.“
“Und wohin gehst du?“
„Mein Glück suchen.“
„Dann haben wir denselben Weg. Doch wie heißt du?“ „Eichenentwurzler. Und ihr?“
„Rollerbse und Bergeversetzer. Laß uns zusammen gehen!“ „Einverstanden!“
Nun waren sie schon zu dritt. Wie sie so gingen, sahen sie auf einmal einen Mann mit einem riesigen Schnauzbart am Flusse sitzen. Als der Mann an seinem Schnauzbart drehte, teilte sich das Wasser, so daß man den Fluß überqueren konnte, ohne haß zu werden. Da fragten ihn die drei:
„Was machst du da, lieber Mann?“
„Ich wälze das Wasser weg, um den Fluß zu überqueren.“ „Und wohin gehst du?“
„Mein Glück suchen.“
„Dann haben wir denselben Weg. Doch wie heißt du?“ „Schnauzbartdreher. Und ihr?“
„Rollerbse, Bergeversetzer und Eichenentwurzler. Laß uns zusammen gehen!“
„Einverstanden!“
Und sie setzten den Weg gemeinsam fort. Bald zeigte es sich, wie nützlich es war, zusammen zu gehen. Stießen sie auf einen Berg, so räumte ihn Bergeversetzer aus dem Weg; kamen sie zu einem Wald, so riß Eichenentwurzler die Bäume aus; gelangten sie an einen Fluß, so wälzte Schnauzbartdreher das Wasser weg. Eines Tages gerieten sie in einen ungeheuer großen Wald, und wie sie sich umschauten, sahen sie inmitten des Waldes eine Hütte stehen. Sie traten ein. Niemand war darin. Rollerbse meinte:
„Hier werden wir übernachten.“
Sie übernachteten, und ain nächsten Tag sprach Rollerbse: „Bergeversetzer, du bleibst heute zu Hause und bereitest das Mahl zu! Wir anderen aber gehen auf die Jagd.“
Und sie gingen fort. Bergeversetzer bereitete das Mahl zu, dann legte er sich hin, um auszuruhen.
Plötzlich pochte jemand an die Tür:
„Mach auf!“
„Bist kein Edelmann, daß dir öffnet jedermann“, erwiderte Bergeversetzer spöttisch.
Die Tür ging auf, und wieder rief jemand:
„Trag mich über die Schwelle!“
„Bist kein Edelmann, daß dich trage jedermann.“
Da kroch ein kleines, altes Männchen mit einem klafterlangen Bart über die Schwelle, packte Bergeversetzer beim Schopf und hängte ihn flugs an einen Nagel an der Wand. Dann aß und trank es alles, was dieser vorbereitet hatte, riß ihm einen Streifen Haut vom Rücken und entfernte sich.
Bergeversetzer aber wand sich so lange am Nagel, bis es ihm endlich gelang, sich loszureißen; rasch machte er sich wieder ans Kochen, und als die Kameraden zurückkamen, war das Essen fast gar gekocht! Da fragten diese:
„Warum wurdest du nicht mit dem Kochen fertig?“
„Ich war ein wenig eingeschlummert!“
Nachdem sich alle sattgegessen hatten, legten sich die Kameradenschlafen. Als sie sich am nächsten Morgen vom Nachtlager erhoben, sprach Rollerbse:
„Heute bleibst du, Eichenentwurzler, daheim, und wir anderen gehen auf die Jagd!“
Und sie gingen fort. Eichenentwurzler aber bereitete das Mahl zu, dann legte er sich hin, um auszuruhen. Plötzlich pochte jemand an die Tür.
„Mach auf!“
„Bist kein Edelmann, daß dir öffnet jedermann.“
„Trag mich über die Schwelle!“
„Bist kein Edelmann, daß dich trage jedermann.“
Da kam das Männchen mit dem klafterlangen Bart angekrochen, packte Eichenentwurzler beim Schopf und hängte ihn an den Nagel an der Wand. Dann aß und trank es alles, was dieser vorbereitet hatte, riß ihm einen Streifen vom Rücken und entfernte sich.
Eichenentwurzler aber wand sich so lange am Nagel, bis es ihm gelang, sich loszureißen. Nun machte er sich rasch wieder ans Kochen. Da kamen auch schon die Kameraden und fragten: „Warum wurderst du nicht mit dem Kochen fertig?“
„Ich war ein wenig eingeschlummert“, erwiderte er. Bergeversetzer aber schwieg. Er allein wußte, was vorgefallen war.
Am dritten Tag blieb der Schnauzbartdreher zu Hause, und auch ihm widerfuhr genau dasselbe. Da sprach Rollerbse:
„Na, ihr seid mir schon faule Köche! Morgen werdet ihr auf die Jagd gehen, und ich bleibe zu Haus.“
Am nächsten Tag gingen jene drei auf die Jagd, und Rollerbse blieb daheim. Er bereitete das Essen zu und legte sich hin, um auszuruhen. Da donnerten Schläge an die Tür:
„Mach auf!“
„Wart einen Augenblick, gleich öffne ich!“ rief Rollerbse. Wie er die Tür öffnete, stand da ein kleines, altes Männchen mit einem klafterlangen Bart.
„Trag mich über die Schwelle!“
Rollerbse nahm das Männchen, trug es über die Schwelle und setzte es hin. Das Männchen aber kam immer näher und näher an ihn heran.
„Was willst du von mir?“ fragte Rollerbse.
„Das wirst du bald erfahren“, versetzte das Männchen und versuchte, Rollerbse am Schopf zu packen. Da sprach Rollerbse: „So einer bist du also!“ Blitzschnell packte er das Männchen beim Bart, schleppte es in den Wald und vergaß auch die Axt nicht. Er hieb einen Spalt in eine Eiche, steckte den Bart des Alten hinein und klemmte ihn fest.
„Wenn du so einer bist, Großväterchen, der einem gleich an den Schopf will, dann bleibe Heber hier sitzen. Ich komme bald wieder.“
Als er in die Hütte trat, waren schon die Kameraden da. „Wie steht’s mit dem Mittagessen?“
„Das ist längst fertig.“
Nach dem Essen sprach Rollerbse:
„Und jetzt kommt mit! Ich zeige euch etwas, worüber ihr Mund und Augen aufreißen werdet.“
Als sie aber zu jener Eiche kamen, war weder sie noch der Alte zu sehen. Der hatte vielmehr die Eiche mit den Wurzeln ausgerissen und sie hinter sich hergeschleppt. Da erzählte Rollerbse, was ihm widerfahren war, und die Freunde gestanden ihm ihrerseits ein, wie der Alte sie beim Schopf gepackt, an die Wand gehängt und ihnen einen Streifen Haut vom Rücken gerissen hatte.
„Ho-ho-ho!“ sprach Rollerbse. „Ist er so einer, dann müssen wir ihn suchen gehen.“
Wohin der Alte die Eiche hinter sich hergeschleppt hatte, war leicht zu erkennen. Sie folgten lange dieser Spur und gelangten an eine tiefe, schier bodenlose Grube. Da sprach Rollerbse:
„Bergeversetzer, steige hinunter!“
„Nein, soll den Alten doch der Teufel holen!“
„So steige du, Eichenentwurzler!“
Allein weder der Eichenentwurzler noch der Schnauzbartdreher zeigten Lust dazu.
„Wenn dem so ist“, sprach Rollerbse, “dann muß ich eben selbst hinunter steigen. Laßt uns aber zunächst Seile drehen.“ Als die Seile fertig waren, wickelte Rollerbse ein Ende um die Hand und sprach:
„Laßt mich mit dem Seil hinab!“
Und sie ließen Rollerbse am Seil hinunter. Lange glitt er so hinab, bis er endlich den Grund der Grube und eine völlig andere Welt erreichte. Neugierig ging Rollerbse durch diese unterirdische Welt. Plötzlich erhob sich ein großes Schloß vor ihm. Aus dem Inneren des Schlosses strahlten ihm Gold und Edelsteine entgegen. Wie er aber so durch die Gemächer ging, begegnete ihm auf einmal eine Jungfrau von solch unvergleichlicher Schönheit, daß wohl nirgendwo auf der Welt eine schönere zu finden war.
„Ach“, sprach sie, „was hat dich, guter Jüngling, hierher geführt?“
„Ich suche“, erwiderte er, „das kleine, alte Männchen mit dem klafterlangen Bart.“
„Oh“, sprach sie, „das Männchen zieht gerade seinen Bart aus der Eiche. Gehe nicht zu ihm, sonst wird er dich erschlagen. Vielen ist es schon so ergangen.“
Er wird mich nicht erschlagen können“, versetzte Rollerbse, „denn ich habe seinen Bart festgeklemmt. Doch warum bist du hier?“
„Ich bin eine Prinzessin“, sprach sie, „jenes alte Männchen hat mich geraubt und hält mich hier gefangen.“
Da sprach Rollerbse:
„Ich werde dich befreien! Führe mich zu ihm!“
Die Prinzessin tat, was Rollerbse sie geheißen. Und wirklich fanden sie das Männchen. Dieses aber hatte schon den Bart aus der Eiche herausgezogen. Als es Rollerbse erblickte, sprach es:
„Was suchst du hier? Wollen wir uns schlagen oder vertragen?“
„Wieso vertragen?“ rief Rollerbse, „schlagen natürlich!“ Und sie schlugen aufeinander los. Sie kämpften lange und erbittert, bis es Rollerbse schließlich doch gelang, das Männchen mit der Keule zu erschlagen. Darauf packten er und die Jungfrau alles Gold und alle Edelsteine in drei Säcke und begaben sich zu jener Grube, auf deren Grund Rollerbse herabgelassen worden war. Dort angekommen, rief Rollerbse:
„He-ee-eh, Kameraden! Seid ihr noch da?“
„Ja-a-a!“ ‘
Nun band Rollerbse einen Sack an das Seil und hieß sie, ihn hochzuziehen:
„Das ist euer!“
Sie zogen den Sack hoch und ließen das Seil wieder hinunter. Da band er den zweiten Sack daran:
„Auch dieser ist euer!“
Er gab ihnen auch den dritten Sack. So schenkte er ihnen alles, was er erkämpft hatte. Darauf band er die Prinzessin an das Seil und rief:
„Dies aber ist mein!“
Die drei zogen das Seil mit der Prinzessin hoch und wollten danach auch noch Rollerbse hochziehen. Allein sie dachten bei sich:
,Wozu ihn hochziehen? Warum soll nicht auch die Prinzessin unser sein. Wir werden ihn ein Stück hochziehen und dann fallen lassen; er wird hinunterstürzen und zerschmettert am Boden liegenbleiben.’
Rollerbse aber erriet ihre Gedanken, befestigte einen schweren Stein am Seil und rief:
„Zieht mich hinauf!“
Sie zogen das Seil hoch, ließen es aber nach einiger Zeit plötzlich fallen und – hui – sauste der Stein herab.
„Ha“, sprach Rollerbse, „dachte ich mir’s doch!“
Und er zog durch die unterirdische Welt. Wie er aber seines Weges ging, bewölkte sich auf einmal der Himmel. Regenschauer und Hagel prasselten nur so nieder. Da flüchtete er sich rasch unter eine Eiche. Wie er nun so dastand, drang von der Eichenkrone her das klägliche Gepiepse von Greifenjungen zu ihm. Rollerbse kletterte auf die Eiche und deckte das Nest mit seinem Mantel zu. Als sich das Gewitter verzogen hatte, kam der Riesenvogel Greif geflogen, der Vater jener Greifenjungen. Das zugedeckte Nest erblickend, fragte er:
„Wer hat euch zugedeckt?“
Die Jungen erwiderten:
„Wenn du ihn nicht frißt, sagen wir es dir.“
„Nein“, versprach der Greif, „ich werde ihn nicht fressen.“ „Dort unter dem Baum sitzt ein Jüngling, der hat uns zugedeckt.“
Da flog der Greif zu Rollerbse hernieder und sprach:
„Sag, hast du eine Bitte? Ich werde alle deine Wünsche erfüllen, denn es ist das erste Mal, daß meine Kinder am Leben geblieben sind. Immer, wenn ich fortfliege, regnet und hagelt es. Die Jungen verschlucken sich durch das viele Wasser und ersticken daran.“
„Bring mich bitte in die Oberwelt!“ sprach Rollerbse.
„Na, da hast du mir aber eine harte Nuß zu knacken aufgegeben. Aber es sei! Wir nehmen sechs Faß Fleisch und sechs Faß Wasser mit. Wende ich während des Fluges den Kopf nach rechts, wirfst du mir ein Stück Fleisch in den Schnabel. Wende ich ihn aber nach links, gibst du mir ein wenig Wasser zu trinken. Tust du das nicht, erreichen wir niemals das Ziel und stürzen hinunter.“
Sie nahmen also sechs Faß Fleisch und sechs Faß Wasser mit, Rollerbse bestieg den Greif und flugs ging es in die Höhe. Und sie flogen und flogen ohne Unterlaß. Sobald der Greif den Kopf nach rechts wendete, warf Rollerbse ihm ein Stück Fleisch in den Schnabel; wendete der Greif ihn nach links, gab der Jüngling ihm ein wenig Wasser zu trinken. Lange, lange flogen sie so und waren schon fast am Ziel. In diesem Augenblick wendete der Greif den Kopf nach rechts, doch die Fässer waren bereits leer. Da riß Rollerbse ein Stück aus seiner Wade und warf es dem Greif in den Schnabel. Nachdem sie oben angekommen waren, fragte der Greif:
„Was war das nur für ein schmackhaftes Stückchen Fleisch, das du mir zuletzt gegeben hast?“
Da zeigte Rollerbse ihm sein blutendes Bein.
Sogleich spie der Greif das Fleisch aus, flog davon und brachte heilendes Wasser. Als sie das Fleisch auf die Wunde legten und diese mit dem Wasser besprengten, wuchs es wieder an.
Nun kehrte der Greif nach Hause zurück, und Rollerbse ging seine Kameraden suchen. Jene aber waren bereits beim Vater der Prinzessin zu Besuch und zankten sich gehörig, weil jeder von ihnen die Jungfrau heimführen wollte.
Als Rollerbse im Schloß des Königs erschien, erschraken die drei sehr. Da sprach der Jüngling:
„Ihr habt mich verraten und verdient eine harte Strafe.“ Und nachdem er sie bestraft hatte, ließ er sie aus dem Lande weisen.
Nun nahm Rollerbse die Prinzessin zur Frau und lebte glücklich und zufrieden mit ihr ein ganzes Leben lang.

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