Nicht mit Kraft, sondern durch Kühnheit

In einem Dorfe lebte einmal ein Mädchen von ge-ringem Wuchs. Sie hatte auch nur etwa soviel Kraft wie eine Mücke. Die anderen Mädchen lachten nur über sie. Sie sagten, wenn ein Bursche sie anbläst, fliegt sie davon wie eine Feder. Aber sie war sehr mutig und hatte vor nichts und nieman-dem Angst. „Wovor sollte ich denn Angst haben“, scherzte sie manchmal, „ich fordere Gott nicht heraus, ich tue nichts Böses, das ihn kränken könnte.“
Eines Tages sagten die anderen Mädchen, daß sie wohl doch nicht so mutig wäre, wie sie immer behaupte, denn sie hätte sicher auch Angst, um Mitternacht allein auf den Friedhof zu gehen. Sie antwortete, daß sie doch gehen würde, aber die Mädchen wollten es ihr nicht glauben. Da wurde das Mädchen wütend, und wenn es auch klein war, so hatte es doch die Knochen voller Wut.
„Und ich gehe doch!“ sagte sie.
„Gehen wirst du vielleicht, denn du bist sehr dickköpfig, aber in Wirklichkeit fällt dir das Herz in die Kniekohlen, wenn du nur einen Baumstumpf siehst“, sagten die anderen Mädchen.
„Und ich gehe doch!“ piepste sie, stampfte wie eine Ziege mit dem Fuße auf und lief zum Friedhof, lief und sah sich nicht um. Als sie beim Friedhof ankam, blieb sie stehen und ging dann leise weiter. Um keine Angst zu zeigen, sang sie ein Lied. Nun hatten aber Diebe gerade den Guts-herrn bestohlen und brachten das Diebesgut auf einem Wagen zur Kapelle. Als sie das Lied hörten, hatten sie Angst, daß Menschen kämen, und liefen in den Wald. Das Mädchen kam zu der Kapelle und sah dort die angeschirrten Pferde stehen. Sie fragte, wer da sei, aber niemand antwortete. Sie griff in den Wagen und merkte, daß er allerlei Sachen enthielt. Da band sie die Pferde los, setzte sich auf den Wagen und fuhr nach Hause.
Die Bösewichte jagten dem Mädchen nach, konnten sie aber nicht einholen, sondern nur feststellen, wohin sie gefahren war. Sie brachte dem Gutsherrn die Pferde und die gestohlenen Sachen zurück, und dieser schenkte ihr viel Geld dafür. Nun lebte sie gut und verbrauchte das Geld des Gutsherrn, die anderen Mädchen aber hatten nichts und waren neidisch auf sie. Den Dieben tat es leid um die Sachen, aber noch mehr ärgerten sie sich darüber, daß ein so kleines Mädchen kei-ne Angst gehabt hatte, sie aber wie die Hasen da-vongelaufen waren. Da überlegten sie, wie sie sich rächen konnten. Nach einiger Zeit freite einer der Diebe um das Mädchen. Sie wollte aber nicht eher ja sagen, bis sie nicht wußte, wie er lebte. Das aber hatte er nur beabsichtigt. Er erzählte ihr, wo sie ihn finden könne. Sie schickte sich an, zu dem Dieb zu fahren. Die Mutter riet ihr ab und wollte sie nicht fahren lassen. Das Mädchen aber
ließ sich nicht beirren und beharrte auf seinem Willen. Gegen so viel Eigensinn war nichts zu ma-chen. Es zog sie dorthin wie das Schwein in den Gemüsegarten.
So sattelte sie ihre räudige Stute, setzte sich darauf und ritt übers Feld. Sie kam zum Wald und sah an einem Busch einen Knoten. Sie vermutete, daß die Diebe dort ein Zeichen gemacht hätten, um sich nicht zu verirren.
Sie bog also ab und ritt durch den Wald, immer dem Zeichen nach, ungefähr fünf Werst weit. Schließlich kam sie zu einem Sumpf, und dort war der Weg zu Ende. Es begann ein so dichter Wald, daß man nicht die Nase hineinstecken konnte. Sie band ihre Stute an eine Birke und kroch ins dich-teste Dickicht des Waldes. Sie bog mit beiden Händen die stechenden Äste auseinander und drang langsam durch das Dickicht. Sie war vielleicht eine Werst vorangekommen, da sah sie eine Hütte stehen. Sie schlich sich an die Hütte heran und erblickte darin eine ganze Bande von Räu-bern. Sie teilten gerade das gestohlene oder ge-raubte Gut unter sich auf. Sie schimpften dabei, schrien, schlugen sich und wären beinahe mit Messern übereinander hergefallen. Schließlich bemerkte sie auch ihren Bräutigam.
„Vielleicht ist er ihr Hauptmann?“ dachte .sie, denn er stand da, fuchtelte mit einem großen Messer herum und brachte die Streitenden aus-einander.
Als sie gesehen hatte, was los war, versteckte sie sich in einem Gebüsch und wartete, bis sich die Räuber beruhigt hatten. Schließlich sagte der Räuberhauptmann: „Die Sonne sinkt, und der Abend ist nah. Ans Werk, Burschen, ehe es dunkel wird! Es ist Zeit, in die Kirche beten zu gehen. Wir wollen morgen früh aufteilen, was wir an Geld be-kommen haben.“ Kaum hatte er das gesagt, da nahmen die Räuber ihre Sachen und verschwanden im Dickicht.
Das Mädchen erriet natürlich, daß die Räuber gegangen waren, um in der Nacht die Kirche auszurauben. Sie wartete ein Weilchen, kroch aus dem Gebüsch und ging in die Hütte, die voller Diebesgut war. Sie lief schnell wieder hinaus und über den Hof, denn sie wollte schnell ihre Stute erreichen, um noch rechtzeitig dem Geistlichen mitteilen zu können, daß die Räuber die Kirche ausrauben wollten.
Sie rannte zu dem Gebüsch und bemerkte gar nicht, daß die Lichtung mit Zweigen und Moos ausgelegt war. Als sie auf das Moos trat, fiel sie in eine Grube, die so tief war, daß kein Strahl Licht herabdrang. Sie versuchte herauszukommen, aber es ging nicht, denn die Wände waren glatt. Sie untersuchte, was auf dem Boden der Grube lag, und stellte fest, daß es lauter tote Menschen waren. Sie hob einen nach dem anderen auf und legte sie an der Wand auf einen Haufen, setzte oben noch einen darauf, stellte sich auf seine Schultern und griff mit den Händen nach den Zweigen. Aber da brach ein Zweig ab, und das Mädchen stürzte wieder hinab auf die Toten. Als sie nach dem Zweig gegriffen hatte, war aber ein starker Ast in die Grube gefallen. Sie ergriff diesen Ast, stellte sich auf den Toten, grub ein Loch in die Erde und schlug den Ast hinein. Als sie ihn in die Wand geschlagen hatte, untersuchte sie, ob er sie auch aushielte, stellte sich mit dem Fuß darauf und griff mit beiden Händen auf den Rand der Grube.
So kletterte sie aus der Grube heraus, schaute sich um und kroch, mit beiden Händen die Äste auseinanderschiebend, durch das Dickicht. Sie kam zwar hindurch, hatte sich aber im Dickicht verirrt. Sie lief hin und her, aber ihre Stute war nicht zu finden, sie war weg. Das Mädchen lief umher, rang die Hände und begann zu weinen, weil sie niemanden warnen konnte, bevor die Räuber die Kirche ausraubten. Schließlich kam sie auf die Lichtung, dort begegneten ihr zwei Wölfe, die so stark wie Kälber waren. Sie fletschten die Zähne.
Aha, dachte das Mädchen, die haben also meine Stute gefressen. Da wurde sie so wütend, daß sie sich mit bloßen Händen auf die Wölfe stürzte. Die aber erschraken über ihre Kühnheit dermaßen, daß sie in den Wald davonliefen. Das Mädchen lief weiter, die Sonne ging unter, und es begann dun-kel zu werden. Die Vöglein verstummten, und nur der Uhu ließ seinen Ruf ertönen. Eine Eule kam auf weichen Flügeln herbeigeflogen und setzte sich dem Mädchen fast auf den Kopf. Als sie fortflog und zu rufen begann, klang es, als ob ein kleines Kind weinte, und das Echo hallte durch den ganzen Wald. Auf einmal sah das Mädchen einen Mann auf ihrer Stute reiten. Sie erkannte in ihm einen Nachbarn, der Soldat war. Er war mit dem Beil in den Wald gegangen, um einen Baum zu fällen, war auf die Stute gestoßen und hatte versucht, ihren Herrn herbeizurufen, aber es war niemand gekommen, denn bekanntlich rauscht im Wald der Wind, und es ist nichts zu hören.
Vielleicht haben die Räuber die Stute und den Wagen des Nachbarn gestohlen und im Walde versteckt, hatte da der Soldat gedacht.
So hatte er die Stute abgebunden, sich auf den Wagen gesetzt und sich auf den Heimweg bege-ben. Nun kam ihm plötzlich aus dem Walde ein Wesen entgegen, und es fiel ihm ein, daß es vielleicht eine Elfe oder irgendein Gespenst sein kön-ne. Er schwang sich auf die Stute, das Mädchen aber lief ihm entgegen und schrie: „Onkel Soldat, Onkel Soldat, bleib stehen! Das ist doch meine Stute!“
Als der Soldat merkte, daß er mit der Stute die-sem Gespenst nicht entfliehen konnte, sprang er ab, holte sein Beil aus dem Wagen und lief, so schnell er konnte, davon, daß die Fersen rauch-ten.
Das Mädchen setzte sich auf den Wagen und rief dem Nachbarn zu: „Onkel Soldat, ich bin es doch! Hast du mich denn nicht erkannt?“
Er sah sich um, bekreuzigte sich und fragte: „Wenn du es bist, warum sind dann deine Zöpfe gelöst wie bei einer Wassernixe?“
Da erst sah das Mädchen, daß ihr Tuch in dem Dickicht aufgegangen war und die Zöpfe sich gelöst hatten. „Hab keine Angst“, sagte sie, „du siehst doch, ich bekreuzige mich.“
Da erst glaubte er ihr und kam zu ihr. Er setzte sich auf den Wagen, und sie fuhren so schnell wie möglich zur Kirche. Inzwischen war es schon Mitternacht geworden. Als sie zu der Kirche kamen, hatten die Räuber schon die Türen geöffnet und liefen drinnen umher. Das Mädchen verschloß die Türen wieder und schlug Pfähle dagegen, so daß die Räuber nicht herauskonnten und dort bleiben mußten. Da versammelten sich die Leute, fingen die Räuber und schlugen sie in Blöcke.
Am anderen Tag führte das Mädchen die Leute in den Wald und zeigte ihnen, was die Bösewichte angerichtet hatten. Es stimmt also, daß man nicht mit Kraft, sondern durch Kühnheit etwas erreicht.

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