Marusja

Es starb einmal eine Frau und hinterließ ihrer kleinen Tochter ein Kälbchen. Als die Frau im Sterben lag, sagte sie zu ihrer Tochter: „Zieh dir dieses Kälbchen groß, Marusja, und wenn du heiratest, ist es deine Mitgift!“
Der Vater verheiratete sich mit einer anderen, und das Mädchen bekam eine Stiefmutter. Aber die Stiefmutter hatte selbst zwei Töchter. Marusja war sehr hübsch, die Töchter der Alten aber waren häßlich, und die Burschen beachteten sie nicht. Da sah die Stiefmutter, daß Marusja ihre Töchter übertrifft, und wurde böse auf Marusja. Einmal schickte sie sie auf die Weide, die Kühe und die Schafe zu hüten und gleich die Schweine mit (wie auf dem Vorwerk). Sie gab ihr auch Werg, das sollte sie bis zum Abend spinnen, auf Docken wickeln und bleichen.
Das Mädchen hütete die Kühe und spann das Werg. Als sie auf die Sonne blickte, sagte sie: „Die Sonne steht niedrig, der Abend ist nah, aber das Werg ist noch nicht gesponnen. Ach mein Gott, ach Gott, da wird mich die Stiefmutter aus-schimpfen.“
Da kam ihr Kälbchen heran und sagte: „Leg dich lieber schlafen, deine Arbeit wird schon gemacht!“
Marusja schlief ein, und das Kälbchen nahm das Werg und die Fäden, wickelte sie auf die Hörner und machte aus dem Werg gebleichte Docken.
Die Stieftochter trieb das Vieh wieder nach Hause, die Stiefmutter stand schon am Tor und wartete. Da gab sie der Stiefmutter die Docken in die Hand. Die Stiefmutter wurde ganz grün vor Wut. „Wer hat das für dich gemacht?“
„Mütterchen, ich habe es selbst gemacht.“
„Du lügst, das hat jemand für dich gemacht!“
Am anderen Tag schickte die Stiefmutter ihre Tochter mit auf die Weide und befahl Marusja wiederum, bis zum Abend das Werg zu spinnen, in Docken zu wickeln und zu bleichen.
Und wieder hütete Marusja die Kühe und spann das Werg, und die Tochter der Alten beobachtete sie. Da schaute die Stieftochter auf die Sonne und sagte: „Die Sonne steht niedrig, der Abend ist nah, aber das Werg ist noch nicht alle.“
Das hörte das Kälbchen und sagte: „Bleib sitzen und spinne weiter dein Werg und singe Lieder – lalala, und dann schlafe ein! Schließe das eine Äuglein und schließe das andere!“
Als das Kälbchen dies gesagt hatte, da schliefen beide Mädchen ein. Das Kälbchen aber ging zu dem Spinnrad, nahm das Werg auf die Hörner und machte gebleichte Docken.
Marusja wachte auf und weckte die Tochter der Stiefmutter: „Steh auf, es ist Zeit, nach Hause zu gehen! Meine Arbeit ist fertig.“
Als diese aufstand, sah sie, daß das ganze Werg versponnen war und die Docken gebleicht waren, und sie dachte: Ich habe geschlafen, und sie hat gearbeitet.
Die Mädchen trieben die Kühe und die Schafe nach Hause, die Stiefmutter stand schon am Tor und wartete. Wieder gab ihr Marusja die gebleich-ten Docken.
Die Stiefmutter fragte die Stieftochter nicht mehr, sondern fragte ihre Tochter: „Wer hat ihr geholfen, diese Docken zu machen?“
Da sagte die Tochter der Alten: „Mütterchen, sie hat es selbst gemacht.“
Die Stiefmutter glaubte ihr nicht. „Du lügst! Das hat jemand für sie gemacht!“
„Bei Gott, sie hat es selbst gemacht.“
Am dritten Tag schickte die Stiefmutter ihre ältere Tochter zusammen mit Marusja auf die Weide und gab ihr Werg, das Marusja spinnen, in Docken wickeln und bleichen sollte.
Marusja hütete die Kühe und die Schafe und spann das Werg, und die Tochter der Alten beobachtete sie. Da schaute die Stieftochter auf die Sonne und sagte: „Die Sonne steht schon niedrig, der Abend ist nah, aber das Werg ist noch nicht gesponnen.“
Das hörte das Kälbchen und sagte: „Bleib sitzen, spinne das Werg und singe Lieder – lalala, und dann schlafe ein! Schließe das eine Äuglein und schließe das andere.“
Da schliefen beide Mädchen ein. Das Kälbchen kam, nahm das Werg auf seine Hörner, und es wurden gebleichte Docken.
Marusja wachte auf und weckte die andere: „Steh auf, es ist Zeit, nach Hause zu gehen! Mei-ne Arbeit ist fertig.“
Die andere stand auf und sah, daß alles Werg versponnen war und die Docken schon gebleicht waren, und dachte bei sich: Ich habe geschlafen, und sie hat gearbeitet.
Als sie die Kühe und Schafe nach Hause getrieben hatten, fragte die Stiefmutter wieder, wer Marusja geholfen hätte. Aber die Tochter der Stiefmutter sagte: „Sie hat es selbst gemacht. Bei Gott, sie hat es selbst gemacht.“
Und die Stiefmutter wurde noch wütender.
Am vierten Tag gab die Stiefmutter der Stieftochter wieder Werg und ging selbst mit das Vieh hüten.
Das Mädchen spann das Werg und sang Lieder, und die Stiefmutter beobachtete sie. Da schaute Marusja auf die Sonne und sagte: „Die Sonne steht niedrig, der Abend ist nah, aber das Werg ist noch nicht gesponnen.“
Das Kälbchen hörte das und sagte: „Bleib sit-zen, spinne das Werg und singe Lieder – lalala, und dann schlafe ein! Schließe das eine Äuglein und dann das andere.“
Als das Kälbchen dies gesagt hatte, schliefen beide ein, das Mädchen und die Stiefmutter.
Dann wachte Marusja auf und weckte ihre Stiefmutter: „Steh auf, es ist Zeit, nach Hause zu ge-hen, meine Arbeit ist fertig!“
Die Stiefmutter stand auf, schaute auf die gebleichten Docken und sagte: „Jetzt weiß ich, wer das gemacht hat! Das Kälbchen ist gekom-men, hat das Werg auf seine Hörner genommen, und es wurde zu Docken.“
Die Stiefmutter aber war eine Hexe. Sie hatte ein drittes Auge auf dem Rücken, und dieses Auge hatte das Kälbchen nicht mit verzaubert, denn es hatte nichts davon gewußt.
Sie trieben die Kühe und Schafe nach Hause, und die Stiefmutter sagte: „Dieses Kälbchen wer-de ich gleich schlachten l“
Marusja umarmte das Kälbchen, küßte es und begann zu weinen. „Ach mein liebes Kälbchen, meinetwegen mußt du jetzt sterben!“
„Weine nicht, mein Mädchen, das ist so beschlossen. Aber wenn mich die Stiefmutter ge-schlachtet hat, dann nimm meine Hufe und Hör-ner und grabe sie am Brunnen in die Erde!“
Die Stiefmutter schlachtete das Kälbchen und kochte dann das Fleisch.
Die Mädchen der Alten aßen mit der Mutter das Fleisch, aßen sich daran satt und legten sich schlafen. Die Stieftochter aber vergrub die Hufe und die Hörner in der Erde und begoß die Erde mit ihren Tränen.
In einer Nacht wuchs aus diesen Hufen und Hörnern ein goldener Apfelbaum mit goldenen Äpfeln. Auf den Zweigen dieses Apfelbaumes saßen Himmelsvögel und sangen, und in dem Brunnen, in dessen Nähe dieser Paradiesbaum gewachsen war, verwandelte sich das Wasser zu Wein, und auf dem Wein schwamm ein goldener Becher.
Da versammelten sich die Leute um den golde-nen Apfelbaum. Welch ein Wunder! Zu der Zeit war ein hübscher Königssohn auf der Jagd, er-blickte im Vorwerk die Menschenmenge und ritt dorthin. Er ritt direkt in die Menge hinein.
Er wollte einen goldenen Apfel ergreifen, aber die Himmelsvögel schwirrten auf, und die Zweige mit den Äpfeln hoben sich hoch in die Luft. Er wollte einen Becher Wein schöpfen, aber der Be-cher ging unter. Als er fortging, neigten sich die Zweige wieder nach unten, die Vögel setzten sich wieder darauf und begannen zu singen. Auch der Becher im Brunnen kam wieder hoch. Der Königssohn wollte so gern einen goldenen Apfel und den Wunderwein probieren, so daß er sagte: „Das Mädchen, dem es gelingt, für mich einen goldenen Apfel zu pflücken und mir einen Becher Wein aus dem Brunnen zu geben, wird meine Frau.“
Da sagte die Stiefmutter zu ihrer ältesten Tochter: „Geh, vielleicht kannst du die Äpfel pflücken!“
Als die Tochter der Alten hinging, flogen die Himmelsvögel von dem Apfelbaum fort, und der Apfelbaum hob seine Äste. Sie ging an den Brun-nen und wollte nach dem Becher greifen, aber der Becher war nicht mehr da. Als sie fortgegangen war, setzten sich die Vögel wieder auf den Apfel-baum, begannen zu singen, und die goldenen Äp-fel hingen ganz niedrig. Auch der Becher im Brunnen kam wieder nach oben.
Da sagte die Stiefmutter zur jüngeren Tochter: „Vielleicht gelingt es dir, einen goldenen Apfel abzupflücken und einen Becher Wein zu bekom-men.“
Die jüngere ging hin, da hoben sich die Zweige, die Vögel flogen davon, und sie kam nicht an die Äpfel heran. Auch den Becher im Brunnen bekam die Tochter der Alten nicht zu fassen. Aber als sie davonging, senkten sich die Äpfel herunter, und der Becher kam nach oben.
Dann gingen die Leute einer nach dem anderen an den Apfelbaum und an den Brunnen, aber niemandem gelang es, die Äpfel zu bekommen, und niemand bekam den Becher.
Da sagten die Leute zueinander: „Vielleicht gelingt es der Stieftochter, einen goldenen Apfel zu fassen und den goldenen Becher mit Wein.“
Es wurde gefragt, wo die Stieftochter sei. Da sagten die Töchter der Alten: „Sie ist im Stall.“
Das hörte der Königssohn, und er befahl, die Stieftochter herauszulassen. Sie öffneten den Stall. Sie kam heraus, und wie sie auf den Königs-sohn schaute, da glänzte ihr die Sonne in den Au-gen. Er sagte: „Fräulein, ich bitte Euch, einen gol-denen Apfel zu pflücken und mir einen Becher Wein zu holen.“
Als sie an den Apfelbaum heranging, ließ der Apfelbaum die Zweige ganz tief herunter, und sie pflückte zwei goldene Äpfel ab. Dann ging sie zu dem Brunnen, schöpfte den Becher voll Wein und brachte den Wein und die Äpfel zum Königssohn. Er trank den Wein, aß die Äpfel und sagte: „Ich danke Euch, mein Fräulein! Erwartet die Braut-werber!“ Und er ritt davon.
Am Morgen kamen die Brautwerber. Die Stiefmutter schloß die Stieftochter in den Stall ein und zog die ältere Tochter so an, wie die Stieftochter angezogen war. Dann führte sie ihre Tochter zu den Brautwerbern. Die Brautwerber dachten, daß dies die Braut sei.
Es kam der Tag der Hochzeit. Die Stiefmutter zog wieder ihre ältere Tochter so an, wie Marusja angezogen war, und schloß Marusja in den Hüh-nerstall ein. Der Königssohn erkannte den Betrug nicht gleich. Er wunderte sich nur, warum seine Verlobte so häßlich geworden war, und wurde traurig und nachdenklich.
Marusja aber hatte einen Hahn. Sie hatte ihm immer Weizen zu fressen gegeben, und deshalb liebte er sie. Dieser Hahn kam nun zum Königssohn und krähte. „Kikeriki!“
Was will der Hahn? dachte der Königssohn.
Der Hahn hackte nach dem Königssohn und lief davon. Der Königssohn ging ihm nach. Wieder hackte der Hahn nach dem Königssohn und lief davon. Der Königssohn machte noch einige Schritte, der Hahn aber erhob sich, flog auf das Dach des Stalles und krähte: „Kikeriki!“
Der Bräutigam folgte dem Hahn. Der Hahn aber flog vom Dach herunter unter den Hühnerstall.
Da dachte der Königssohn: Vielleicht hat man meine Braut vertauscht? Vielleicht ist sie im Hühnerstall eingesperrt wie damals?
Er öffnete den Hühnerstall, und da fand er sie.
Er nahm der Tochter der Alten den Verlobungsring fort, den er Marusja geschickt hatte, und brachte Marusja zu sich in den Palast. Dort zog sie sich an, und er feierte mit ihr Hochzeit.
Der goldene Apfelbaum aber verschwand in die-ser Nacht, und der Wein im Brunnen wurde wieder zu Wasser.
So lebte der Königssohn mit seiner jungen Frau ein Jahr. Es kam Krieg, und der Königssohn mußte in den Kampf ziehen. Marusja aber war schon schwanger. Der König versammelte sein Heer, verabschiedete sich von seiner Frau und zog in den Krieg.
Da kam die Zeit für Marusja, ein Kind zu gebären. Die Stiefmutter gab sich als Hebamme aus und tauschte die Stieftochter wieder aus. Sie legte ihre älteste Tochter anstelle von Marusja auf das Bett, und Marusja trug sie in dunkler Nacht aus dem Palast und brachte sie zum Meer. Sie warf sie ins Meer und verzauberte sie in einen Meeresfisch.
Der Krieg ging zu Ende, der Königssohn kam zurück und seine „Frau“ kam ihm mit dem Sohn auf dem Arm entgegen. Da bemerkte er, daß sie häßlich geworden war. Er dachte bei sich: Da hat sie nun ein Kind zur Welt gebracht und ist häßlich geworden.
Die Stiefmutter aber brachte jeden Tag das Kind zum Ufer des Meeres. Wenn sie zum Meer kam, rief sie: „Marusja, Fisch, komm schnell her-geschwommen, .dein Söhnchen weint!“
Marusja schwamm durch das Meer, und das Wasser ging nach beiden Seiten auseinander. Sie kam zum Ufer geschwommen, nahm das Kind und stillte es. Dann sagte sie: „Es soll nicht weinen, Weinen hilft ihm nicht!“
Sie stillte es und verschwand wieder im Wasser. Die Stiefmutter aber ging nach Hause.
Einmal war der Königssohn in der Nähe des Meeres auf Jagd nach Enten. Da sah er, wie eine Frau sein Kind trug. Sie brachte es zum Meer und rief: „Marusja, Fisch, komm schnell herge-schwommen, dein Kind weint!“
Der Königssohn stahl sich ganz nahe heran und versteckte sich in den Büschen. Als der Fisch herangeschwommen kam und das Kind zu stillen begann, da erkannte er seine richtige Frau. Er wollte sich auf sie stürzen, hielt sich aber zurück. Er er-kannte sie am Gesicht, aber sie war jetzt ein Fisch.
Der Königssohn beschloß, zum Geistlichen zu gehen und sich mit ihm zu beraten, was er tun sollte. Er war furchtbar aufgeregt.
Am Morgen kam er zu dem Geistlichen und erzählte ihm alles. Der Geistliche war einverstanden, zusammen mit dem Königssohn dorthin zu gehen und sagte: „Ich nehme Weihwasser und werde diesen Fisch taufen.“
Sie kamen zum Meer, versteckten sich in den Büschen und warteten. Schließlich brachte die Stiefmutter das Kind und rief: „Marusja, Fisch, komm schnell hergeschwommen, dein Söhnchen weint!“
Da sahen sie, daß ein Fisch durch das Meer schwamm und daß das Wasser zu beiden Seiten auseinanderging. Er kam zum Ufer geschwommen und nahm das Kind, um es zu stillen. Da sagte er: „Ob du weinst oder nicht, es hilft dir ja doch nichts!“
Da sprang der Pfarrer aus dem Busch und be-spritzte den Fisch mit Weihwasser. Sofort ver-wandelte sich Marusja wieder in eine Frau. Der Königssohn stürzte sich auf seine Frau. Sie umarmten sich und küßten sich. Die Stiefmutter aber erschrak und wurde verlegen. Sie wußte nichts zu sagen.
Als sie in den Palast kamen, befahl der Königssohn, die Tochter der Alten zu verjagen und die Stiefmutter ins Gefängnis zu werfen. Er fragte seine Frau Marusja, was mit der Stiefmutter geschehen solle, ob sie gehenkt oder erschossen werden soll.
Da sagte sie: „Ich vergebe ihr alles, mag auch Gott ihr vergeben!“
Aber Gott vergab ihr nicht. Die Stiefmutter wurde am gleichen Tag krank und starb nach einem Monat unter furchtbaren Schmerzen. Marusja aber lebte mit dem Königssohn hundert Jahre, und sie waren glücklich.

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