Maria Morewna

In einem Zarenreich lebte einmal ein Zarensohn Iwan; er hatte drei Schwestern, die erste hieß Maria, die zweite Olga, die dritte Anna. Vater und Mutter waren ihnen gestorben; auf dem Sterbe-bette hatten sie ihrem Sohn aufgetragen: „Wer zuerst um deine Schwestern freit, dem gib sie auch – behalte sie nicht lange bei dir!“ Der Zarewitsch begrub seine Eltern und ging aus Kummer mit den Schwestern in den grünen Garten spazieren. Auf einmal steigt am Himmel eine schwarze Wolke auf, zieht ein fürchterliches Gewitter herauf. „Kommt nach Hause, Schwestern!“ sagt Iwan Zarewitsch. Kaum waren sie im Schloß, da krach-te ein Donnerschlag, die Decke teilte sich, und zu ihnen ins Zimmer kam ein edler Falke geflogen; der Falke warf sich auf den Fußboden, wurde zu einem edlen Helden und spricht: „Sei gegrüßt, Iwan Zarewitsch! Früher bin ich als Gast gekom-men, jetzt aber bin ich als Freier hier; ich will bei dir um deine Schwester Maria, die Zarentochter, freien.“ – „Wenn die Schwester dich mag, ich ste-he ihr nicht im Wege – mag sie mit Gott gehen!“
Maria die Zarentochter war einverstanden; der Falke heiratete sie und trug sie davon in sein Reich.
Ein Tag folgt auf den anderen, eine Stunde jagt die andere – ein Jahr ist herum, ehe man sich’s versieht; Iwan Zarewitsch ging im grünen Garten mit seinen zwei Schwestern spazieren. Wieder zieht eine Wolke mit Wind und Blitzen auf. „Kommt nach Hause, Schwestern!“ sagt der Za-rewitsch. Kaum waren sie im Schloß, da krachte ein Donnerschlag, das Dach fiel auseinander, die Decke teilte sich, und ein Adler kam hereingeflo-gen; der Adler warf sich auf den Boden und wurde zu einem edlen Helden: „Sei gegrüßt, Iwan Zarewitsch! Früher bin ich als Gast gekommen, jetzt aber bin ich als Freier hier.“ Und er freite um Ol-ga, die Zarentochter. Iwan Zarewitsch antwortet: „Wenn Olga die Zarentochter dich mag, dann soll sie dich heiraten, ich stehe ihrem Willen nicht entgegen.“ Olga die Zarentochter gab ihr Einver-ständnis und nahm den Adler zum Manne; der Ad-ler ergriff sie und trug sie davon in sein Reich.
Es verging noch ein Jahr; Iwan Zarewitsch sagt zu seiner jüngsten Schwester: „Komm, wir wollen im grünen Garten ein wenig spazierengehen!“ Sie gingen ein wenig spazieren; wieder zieht eine Wolke mit Sturm und Blitzen auf. „Laß uns nach Hause gehen, Schwester!“ Sie kamen nach Hause und hatten sich noch nicht hingesetzt, da krachte ein Donnerschlag, die Decke teilte sich, und ein Rabe kam hereingeflogen; der Rabe warf sich auf den Boden und wurde zu einem edlen Helden: die vorigen waren schon schön gewesen, dieser aber war noch schöner. „Nun, Iwan Zarewitsch! Früher bin ich als Gast gekommen, jetzt aber bin ich als Freier hier; gib mir Anna, die Zarentochter, zur Frau.“ – „Ich stehe dem Willen der Schwester nicht entgegen; wenn sie dich lieb hat, mag sie dich heiraten.“ Anna die Zarentochter nahm den Raben zum Manne, und er trug sie davon in sein Reich.
Iwan Zarewitsch war nun allein; ein ganzes Jahr lebte er ohne die Schwestern, und es wurde ihm langweilig. „Ich will gehen“, sagt er, „und die Schwestern suchen.“ Er machte sich auf den Weg, ging und ging und sieht – auf dem Felde liegt ein Heer, eine geschlagene Streitmacht. Iwan Zare-witsch fragt: „Wenn hier noch einer am Leben ist, der melde sich! Wer hat dieses große Heer ge-schlagen?“ Es meldete sich einer, der noch am Leben war: „Dieses ganze Heer hat Maria Morew-na geschlagen, die schöne Königin.“ Iwan Zarewitsch ritt weiter und kam zu einem weißen Zelt; heraus trat zu seinem Empfang Maria Morewna, die schöne Königin: „Sei gegrüßt, Zarewitsch, wo-hin führt dich dein Weg – reitest du aus eigenem Willen oder gezwungen?“ Antwortet ihr Iwan Za-rewitsch: „Edle Helden reiten nicht gezwungen!“ – „Nun, wenn du es nicht eilig hast, dann sei in meinem Zelt mein Gast.“ Iwan Zarewitsch freute sich, blieb zwei Nächte im Zelt, gewann Maria Mo-rewnas Liebe und heiratete sie.
Maria Morewna, die schöne Königin, nahm ihn mit sich in ihr Reich; sie lebten einige Zeit zusammen, da kam der Königin in den Sinn, in den Krieg zu ziehen; sie übergibt Iwan Zarewitsch die ganze Wirtschaft und befiehlt: „Überall geh hin und hab auf alles ein Auge; nur in diese Kammer darfst du nicht sehen!“ Er hielt’s nicht aus, und sobald Maria Morewna davongeritten war, stürzte er sich sofort in die Kammer, öffnete die Tür und sah hinein – da hängt dort Kostschej der Unsterbliche, an zwölf Ketten angeschmiedet. Kostschej bittet Iwan Zarewitsch: „Hab Mitleid mit mir, gib mir zu trinken; zehn Jahre schmachte ich hier, hab nichts gegessen, nichts getrunken – der Hals ist mir ganz ausgetrocknet!“ Der Zarewitsch gab ihm einen ganzen Eimer Wasser; er trank ihn aus und bat wieder: „Mit einem Eimer kann ich mei-nen Durst nicht stillen; gib mir noch einen!“ Der Zarewitsch gab ihm einen zweiten Eimer; Kostschej trank ihn aus und bat um einen dritten, und als er den dritten ausgetrunken hatte, ge-wann er seine frühere Stärke zurück, schüttelte die Ketten und zerbrach alle zwölf mit einemmal. „Danke, Iwan Zarewitsch!“ sagte Kostschej der Unsterbliche. „Jetzt wirst du Maria Morewna nie-mals mehr sehen, genausowenig wie deine Oh-ren!“ Und mit einem schrecklichen Wirbelsturm fuhr er zum Fenster hinaus, holte Maria Morewna unterwegs ein, packte sie und entführte sie. Iwan Zarewitsch aber weinte bitterlich, rüstete sich zur Reise und machte sich auf den Weg: „Was auch immer geschehen mag, ich werde Maria Morewna finden.“
Er geht einen Tag, geht einen zweiten, und in der Morgendämmerung des dritten sieht er ein wunderschönes Schloß; am Schloß steht eine Ei-che, und auf der Eiche sitzt ein edler Falke. Der Falke flog von der Eiche herab, warf sich auf die Erde, verwandelte sich in einen edlen Helden und rief: „Ach, mein lieber Schwager! Gott mit dir!“ Maria die Zarentochter kam herausgelaufen, be-grüßte Iwan Zarewitsch voll Freude, fragte nach seiner Gesundheit und erzählte, wie es ihr geht. Der Zarewitsch blieb drei Tage bei ihnen zu Gast, dann sagt er: „Ich kann nicht lange euer Gast sein: ich bin auf dem Wege, meine Frau zu su-chen, Maria Morewna, die schöne Königin.“ – „Es wird schwer für dich sein, sie zu finden“, antwor-tet der Falke. „Laß auf jeden Fall deinen silbernen Löffel hier: wir werden ihn ansehen und an dich denken.“ Iwan Zarewitsch ließ seinen silbernen Löffel beim Falken und machte sich wieder auf den Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, und in der Morgendämmerung des dritten sieht er ein Schloß, noch schöner als das erste; beim Schloß steht eine Eiche, und auf der Eiche sitzt ein Adler. Der Adler flog von der Eiche herab, warf sich auf die Erde, verwandelte sich in einen edlen Helden und rief: „Steh auf, Zarentochter Olga! Unser lieber Bruder kommt.“ Olga die Zarentochter kam sogleich heraus, lief ihm entgegen, küßte und umarmte ihn, fragte nach seiner Gesundheit und erzählte, wie es ihr geht. Iwan Zarewitsch blieb drei kurze Tage bei ihnen und sagt: „Länger zu bleiben habe ich keine Zeit; ich bin auf dem We-ge, meine Frau zu suchen, Maria Morewna, die schöne Königin.“ Antwortet der Adler: „Es wird schwer für dich sein, sie zu finden; laß deine sil-berne Gabel bei uns: wir werden sie ansehen und an dich denken.“ Er ließ seine silberne Gabel bei ihnen und machte sich wieder auf den Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, und in der Morgendämmerung des dritten sieht er ein Schloß, noch schöner als die ersten zwei; beim Schloß steht eine Eiche, und auf der Eiche sitzt ein Rabe. Der Rabe flog von der Eiche herab, warf sich auf die Erde, verwandelte sich in einen edlen Helden und rief: „Zarentochter Anna! Komm schnell heraus, unser Bruder kommt!“ Anna die Zarentochter kam herausgelaufen, begrüßte ihn voll Freude, küßte und umarmte ihn, fragte nach seiner Gesundheit und erzählte, wie es ihr geht. Iwan Zarewitsch blieb drei kurze Tage bei ihnen und sagt: „Lebt wohl! Ich will gehen und meine Frau suchen, Maria Morewna, die schöne Königin.“ Antwortet der Rabe: „Es wird schwer für dich sein, sie zu finden; laß doch die silberne Tabakdose bei uns: wir werden sie ansehen und an dich denken.“ Der Zarewitsch gab ihm die silberne Tabakdose, nahm Abschied und machte sich wieder auf den Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, am drit-ten aber gelangte er zu Maria Morewna. Sie erblickte ihren Liebsten, warf sich an seinen Hals, vergoß viele Tränen und sprach: „Ach, Iwan Za-rewitsch, warum hast du nicht auf mich gehört, hast in die Kammer gesehen und Kostschej den Unsterblichen herausgelassen?“ – „Vergib, Maria Morewna! Denk nicht an das Vergangene, laß uns lieber losreiten, solange Kostschej der Unsterbliche noch nicht zu sehen ist; vielleicht holt er uns nicht ein!“ Sie brachen auf und ritten davon. Kostschej aber war auf der Jagd; gegen Abend reitet er nach Hause, da strauchelt unter ihm sein wackeres Pferd. „Was strauchelst du, unersättlicher Gaul? Oder spürst du irgendein Unheil?“ Antwortet das Pferd: „Iwan Zarewitsch war da, hat Maria Morewna entführt.“ – „Und können wir sie einholen?“ – „Wir können Weizen säen, warten, bis er reif ist, ihn mähen, dreschen, zu Mehl machen, fünf Öfen Brot backen, das Brot aufessen und ihnen erst danach hinterherreiten – auch dann kommen wir noch zurecht!“ Kostschej sprengte los und holte Iwan Zarewitsch ein: „Nun“, sagt er. „das erstemal vergebe ich dir we-gen deiner Gutherzigkeit, daß du mir Wasser zu trinken gegeben hast; auch ein zweitesmal will ich dir vergeben, beim drittenmal aber hüte dich – in Stücke werde ich dich hauen!“ Damit nahm er ihm Maria Morewna weg und ritt mit ihr davon. Iwan Zarewitsch aber setzte sich auf einen Stein und brach in Tränen aus.
Er weinte und weinte und ritt dann wieder zu-rück, Maria Morewna zu holen; Kostschej der Unsterbliche war gerade nicht zu Hause. „Reiten wir, Maria Morewna!“ – „Ach, Iwan Zarewitsch! Er wird uns einholen.“ – „Mag er uns immer einholen; wir werden doch wenigstens ein paar Stunden Zusammensein.“ Sie brachen auf und ritten davon. Kostschej der Unsterbliche ist auf dem Heimweg, da strauchelt unter ihm sein wackeres Pferd. „Was strauchelst du, unersättlicher Gaul? Oder spürst du irgendein Unheil?“ – „Iwan Zarewitsch war da, hat Maria Morewna mitgenommen.“ – „Und kön-nen wir sie einholen?“ – „Wir können Gerste säen, warten, bis sie aufgegangen ist, sie mähen und dreschen, Bier brauen, uns einen Rausch antrin-ken, ordentlich ausschlafen und ihnen erst danach hinterherreiten – auch dann kommen wir noch zurecht!“ Kostschej sprengte los und holte Iwan Zarewitsch ein: „Ich habe dir doch gesagt, daß du Maria Morewna niemals mehr sehen wirst, genau-sowenig wie deine Ohren!“ Damit nahm er sie ihm weg und entführte sie.
Iwan Zarewitsch war wieder allein, weinte und weinte und ritt dann wieder zurück, Maria Morew-na zu holen; zu der Zeit war Kostschej gerade nicht zu Hause. „Reiten wir, Maria Morewna!“ – „Ach, Iwan Zarewitsch, er holt uns doch ein, wird dich in Stücke hauen.“ – „Mag er mich immer in Stücke hauen, ich kann ohne dich nicht leben.“ Sie brachen auf und ritten los. Kostschej der Un-sterbliche ist auf dem Heimweg, da strauchelt unter ihm sein wackeres Pferd. „Was strauchelst du? Oder spürst du irgendein Unheil?“ – „Iwan Zarewitsch war da, hat Maria Morewna mitgenommen.“ Kostschej sprengte los, holte Iwan Zare-witsch ein, hackte ihn in kleine Stücke und legte sie in ein verpichtes Faß; das beschlug er mit eisernen Ringen und warf es ins blaue Meer; Maria Morewna aber nahm er mit sich.
Genau zu dieser Zeit wurde bei den Schwägern Iwan Zarewitschs das Silber schwarz. „Ach“, sagten sie, „da ist ein Unglück geschehen!“ Der Adler stürzte sich aufs blaue Meer hinab, packte das Faß und schleppte es ans Ufer, der Falke flog, um Wasser des Lebens, der Rabe, um Wasser des Todes zu holen. Sie trafen sich alle drei an der gleichen Stelle, zerschlugen das Faß, holten die Stükke Iwan Zarewitschs heraus, wuschen sie und legten sie aneinander, wie es sich gehört. Der Rabe besprengte ihn mit Wasser des Todes – da wuchsen die Stücke zusammen, vereinigten sich; der Falke besprengte ihn mit Wasser des Lebens – da zuckte Iwan Zarewitsch, stand auf und sagt: „Ach, wie habe ich lange geschlafen!“ – „Noch länger hättest du geschlafen, wenn wir nicht wä-ren!“ antworteten die Schwäger. „Komm jetzt mit zu uns, sei unser Gast.“ – „Nein, Brüder, ich will gehen, Maria Morewna zu suchen.“
Er kommt zu ihr und bittet: „Erfrage von Kostschej dem Unsterblichen, wo er sich ein so wackeres Pferd verschafft hat.“ Maria Morewna paßte einen günstigen Augenblick ab und fragte Kostschej aus. Kostschej sagte: „Hinter dreimal neun Ländern, im dreimal zehnten Reich, jenseits des Feuerflusses wohnt die Hexe Baba-Jagá; die hat eine Stute, auf der sie jeden Tag um die Welt fliegt. Sie hat auch viele andere herrliche Stuten; ich war drei Tage als Hirt bei ihr und habe keine einzige Stute verloren! Und dafür hat die Hexe mir einen jungen Hengst gegeben.“ – „Wie bist du denn über den Feuerfluß gekommen?“ – „Ich habe da ein Tuch – sobald ich dreimal nach rechts win-ke, entsteht eine hohe, hohe Brücke, an die kann das Feuer nicht heran!“ Maria Morewna hatte ge-nau zugehört, erzählte alles Iwan Zarewitsch, und das Tuch hatte sie weggenommen und gab es ihm.
Iwan Zarewitsch überquerte den Feuerfluß und ging weiter zur Hexe Baba-Jagá. Lange ging er, ohne zu trinken, ohne zu essen. Da kam ihm ein fremdländischer Vogel mit seinen Jungen in den Weg. Iwan Zarewitsch sagt: „Ich will doch wenigstens ein Vogeljunges essen.“ – „Iß nicht, Iwan Zarewitsch!“ bittet der fremdländische Vogel, „ich werde dir noch einmal nützlich sein.“ Er ging weiter – da sieht er im Walde einen Bienenstock. „Ich will doch“, sagt er, „ein wenig Honig nehmen.“ Die Bienenmutter läßt sich vernehmen: „Rühr meinen Honig nicht an, Iwan Zarewitsch! Ich werde dir noch einmal nützlich sein.“ Er rührte ihn nicht an und ging weiter; da kommt ihm eine Löwin mit ihrem Löwenjungen in den Weg. „Ich will doch wenigstens dieses Löwenjunge essen; ich habe solchen Hunger, mir ist schon ganz übel!“ – „Rühr es nicht an, Iwan Zarewitsch!“ bittet die Löwin, „ich werde dir noch einmal nützlich sein.“ – „Schön, sollst deinen Willen haben!“
Hungrig schleppte er sich weiter, ging und ging – da steht auf einmal das Haus der Baba-Jagá da, rings um das Haus zwölf Pfähle, auf elf Pfählen steckt ein menschlicher Kopf, nur einer ist noch frei. „Sei gegrüßt, Großmütterchen!“ – „Sei gegrüßt, Iwan Zarewitsch! Weswegen bist du ge-kommen – aus eigenem Willen oder gezwungen?“ – „Ich bin gekommen, mir bei dir ein reckenstarkes Pferd zu verdienen.“ – „Aber gern, Iwan Zarewitsch! Bei mir braucht man ja nicht ein Jahr zu dienen, sondern nur drei Tage; wenn du meine Stuten gut hütest, gebe ich dir ein Reckenpferd, wenn aber nicht, dann, nichts für ungut, muß dein Kopf auf dem letzten Pfahl stecken.“ Iwan Zare-witsch war’s einverstanden; die Baba-Jagá gab ihm zu essen und zu trinken und befahl ihm, sich an die Arbeit zu machen. Kaum hatte er die Stu-ten aufs Feld hinausgetrieben, da reckten sie die Schwänze in die Höhe und rannten auf den Wie-sen nach allen Richtungen auseinander; ehe sich’s der Zarewitsch versah, waren sie schon gänzlich verschwunden. Da weinte er und war betrübt, setzte sich auf einen Stein und schlief ein. Die Sonne war schon im Untergehen, da kam der fremdländische Vogel geflogen und weckte ihn: „Steh auf, Iwan Zarewitsch! Die Stuten sind jetzt zu Hause.“ Der Zarewitsch stand auf machte sich auf den Heimweg; die Hexe aber lärmt und schreit ihre Stuten an: „Warum seid ihr nach Hause ge-kommen?“ – „Wie hätten wir nicht heimkehren sollen? Die Vögel der ganzen Welt sind über uns hergefallen und haben uns beinahe die Augen ausgehackt.“ – „Nun, rennt morgen nicht auf den Wiesen umher, sondern verstreut euch in den tiefen Wäldern!“
Iwan Zarewitsch schlief die ganze Nacht, am Morgen aber sagt die Baba-Jagá zu ihm: „Paß ja auf, Zarewitsch! Wenn du meine Stuten nicht gut hütest, wenn du auch nur eine einzige verlierst, dann kommt dein ungestümer Kopf auf den Pfahl!“ Er trieb die Stuten aufs Feld; sie reckten sofort die Schwänze in die Höhe und rannten nach allen Richtungen in die tiefen Wälder. Wieder setzte sich der Zarewitsch auf einen Stein, weinte und weinte und schlief ein. Die Sonne stand hin-term Wald, da kam die Löwin gerannt: „Steh auf, Iwan Zarewitsch! Die Stuten sind alle zusammengetrieben.“ Iwan Zarewitsch stand auf und ging nach Hause; die Hexe lärmt schlimmer als zuvor und schreit ihre Stuten an: „Warum seid ihr nach Hause gekommen?“ – „Wie hätten wir nicht heim-kehren sollen? Die wilden Tiere der ganzen Welt sind über uns hergefallen und hätten uns beinahe in Stücke gerissen.“ – „Nun, lauft morgen ins blaue Meer!“
Wieder schlief Iwan Zarewitsch die ganze Nacht; am Morgen schickt ihn die Baba-Jagá, die Stuten zu hüten. „Wenn du sie nicht hütest, kommt dein Kopf auf den Pfahl.“ Er trieb die Stu-ten aufs Feld: sie reckten sofort die Schwänze in die Höhe, schwanden ihm aus den Augen und rannten ins blaue Meer; stehen im Wasser bis zum Hals. Iwan Zarewitsch setzte sich auf einen Stein, weinte und schlief ein. Die Sonne stand hinter dem Wald, da kam die Biene geflogen und sagte: „Steh auf Zarewitsch! Die Stuten sind alle zusammengetrieben; und wenn du wieder zu Hause bist, dann komm der Baba-Jagá nicht unter die Augen, geh in den Pferdestall und versteck dich hinter der Krippe. Dort ist ein grindiger junger Hengst, wälzt sich im Mist; den stiehl und geh in tiefer Mitternacht aus dem Haus.“
Iwan Zarewitsch stand auf, schlich sich in den Pferdestall und legte sich hinter die Krippe; die Baba-Jagá lärmt und schreit ihre Stuten an: „Warum seid ihr heimgekehrt?“ – „Wie hätten wir nicht heimkehren sollen? Schwärme und abermals Schwärme von Bienen sind über uns hergefallen, von der ganzen Welt, und haben uns von allen Seiten bis aufs Blut gestochen!“
Die Hexe schlief ein, genau um Mitternacht aber stahl ihr Iwan Zarewitsch den grindigen jungen Hengst, sattelte ihn, saß auf und sprengte davon zum Feuerfluß. Kam an diesen Fluß, winkte mit dem Tuch dreimal nach rechts – und plötzlich, hast du nicht gesehen, schwebte über dem Flug eine hohe, prächtige Brücke. Der Zarewitsch ritt über die Brücke und winkte mit dem Tuch nach links, aber nur zweimal – da war über dem Fluß nur noch eine ganz, ganz dünne Brücke! Früh-morgens wachte die Baba-Jagá auf – vom grindi-gen jungen Hengst keine Spur! Sie stürzte hinter-her, um die beiden zu verfolgen; was das Zeug hält, jagt sie in einem eisernen Mörser dahin, mit dem Stößel treibt sie an, mit dem Ofenbesen ver-wischt sie die Spur. Kam zum Feuerfluß, warf einen Blick darauf und denkt: „Schöne Brücke!“ Fuhr über die Brücke und war gerade bis zur Mitte gekommen, da brach die Brücke, und die Hexe Baba-Jagá plumpste in den Fluß; hier fand sie ei-nen schrecklichen Tod! Iwan Zarewitsch zog den jungen Hengst auf und fütterte ihn in den jungen Wiesen; es wurde ein wundervolles Pferd aus ihm.
Der Zarewitsch kommt zu Maria Morewna; sie kam herausgelaufen und warf sich an seinen Hals: „Wie hat Gott dich wieder zum Leben erweckt?“ – „So und so“, sagt er, „laß uns losreiten!“ – „Ich habe Angst, Iwan Zarewitsch! Wenn Kostschej uns einholt, wirst du wieder in Stücke gehauen.“ – „Nein, er wird uns nicht einholen. Ich habe jetzt ein prächtiges Reckenpferd, es fliegt wie ein Vogel.“ Sie bestiegen das Pferd und ritten los. Kostschej der Unsterbliche ist auf dem Heimweg, da strauchelt unter ihm sein Pferd. „Was strau-chelst du, unersättlicher Gaul? Oder spürst du ir-gendein Unheil?“ – „Iwan Zarewitsch war da, hat Maria Morewna entführt.“ – „Und können wir sie einholen?“ – „Das weiß Gott! Iwan Zarewitsch hat jetzt ein reckenstarkes Pferd, das ist besser als ich.“ – „Nein, ich ertrag es nicht!“ sagt Kostschej der Unsterbliche. „Ich reite hinterher.“ Ritt er nun lange oder kurze Zeit, jedenfalls holte er Iwan Za-rewitsch ein, sprang vom Pferd und wollte mit seinem scharfen Säbel auf ihn einschlagen; da traf ihn Iwan Zarewitschs Pferd aus aller Kraft mit dem Huf und zerschmetterte ihm den Kopf, der Zarewitsch aber machte ihm mit seiner Keule völ-lig den Garaus. Danach schichtete der Zarewitsch Holz zu einem Haufen, entfachte ein Feuer, ver-brannte Kostschej den Unsterblichen und ver-streute seine Asche in den Wind.
Maria Morewna bestieg Kostschejs Pferd, Iwan Zarewitsch das seine, und dann ritten sie zuerst den Raben besuchen, dann den Adler und schließ-lich auch den Falken. Wohin sie immer kamen, überall wurden sie freudig empfangen: „Ach, Iwan Zarewitsch! Wir haben schon nicht mehr gehofft, dich wiederzusehen. Nun freilich, nicht umsonst hast du solche Mühen bestanden: Eine solche Schönheit wie Maria Morewna, da kann man in der ganzen Welt suchen und wird keine zweite finden!“ Sie blieben eine Weile, feierten und ritten weiter in ihr Zarenreich; langten an und lebten von nun an herrlich und in Freuden, wurden reich und tranken Honigwein.

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