Märchen vom goldenen Hahn

Saß einmal, vor langen Zeiten,
Irgendwo im neunmalweiten
Zarenreiche auf dem Thron
Der berühmte Zar Dadon.
Einst, in seinen jungen Jahren,
Der gefürchtetste der Zaren,
Führt’ er tapfer Streich auf Streich
Gegen manches Nachbarreich.
Als das Alter aber nahte,
Blieb er still in seinem Staate
Und beschloß, in Frieden nun
Nichts zu tun – als auszuruhn.
Doch die Nachbarn seines Reiches
Taten jetzt dem Zar ein Gleiches
Und bedrohten überall
Ihn mit Krieg und Überfall.
Um das Land vor den Gefahren
Eines Einfalls zu bewahren,
Unterhalten mußte er
Ein gewaltig Kriegerheer.
Und die Feldherrn mit dem Heere
Setzten wacker sich zur Wehre,
Stritten spät und stritten früh –
Doch vergebens war die Müh.
Stehn sie weit im Westen Posten,
Schlüpft der Feind ins Land von Osten;
Sie nach Osten – er, zum Hohn,
Jetzt vom Meer her. Zar Dadon
Weinte nur vor Gram und Kummer,
Fand nicht Schlaf und fand nicht Schlummer.

Um die Zeit, da dies geschehn,
Lebt’ ein weiser Sarazen,
Weit gerühmt als Sternendeuter.
Eilends kam vom Zar ein Reiter,
Grüßte von Dadon und bat:
„Hilf mit einer Wundertat!“
Vor Dadon erschien der Weise,
Neigte tief das Haupt, das greise,
Griff in einen Sack und holt’
Einen Hahn hervor aus Gold.
„Diesen Hahn, den ich dir reiche“.
Sprach er, „setz auf eine Speiche,
Und mein goldner Vogel hier
Wird, ein treuer Wächter dir,
Deines Reiches Grenzen schützen.
Schweigend wird er oben sitzen,
Wie im Schlafe eingenickt,
Wenn dein Staat in Frieden liegt;
Kaum jedoch, daß sich verwegen
Wieder deine Feinde regen,
Krieg und Unheil, Zar Dadon,
Irgendwo dem Lande drohn,
Wird der Hahn im Nu erbeben
Und ein wild Geschrei erheben.
Jener Seite zugewandt,
Wo Gefahr droht deinem Land.“
Zar Dadon, in seinem Glücke,
Er versprach im Augenblicke
Goldne Berge ihm zum Lohn,
„Für den Dienst“ – so sprach Dadon –
„Will ich deinen ersten Willen,
Den du kundtust, dir erfüllen,
Was auch immer dein Begehr –
Gleich als ob’s mein eigner war.“

Treu, von seiner hohen Speiche,
Wachte nun der Hahn im Reiche.
Kaum gewahrt’ er irgendwo,
Daß Gefahr dem Zaren droh’,
Fuhr im Nu er in die Höhe
Und erhob ein wild Gekrähe:
„Kikerii – kerikukuh!
Schlaf nur Zar, regier in Ruh.“
Und wie einst, in frühern Zeiten,
Schlug Dadon nach allen Seiten,
Und kein einzig feindlich Heer
Wagte einen Einfall mehr.

Jahre kamen, gingen friedlich,
Und der Hahn saß unermüdlich.
Da geschah’s im achten Jahr –
Tief im Schlummer lag der Zar –,
Daß ein wild Geschrei ihn weckte,
Aus dem besten Schlaf ihn schreckte.
„Zar!“ – so schrie sein Feldherr, bleich,
„Wieder droht Gefahr dem Reich.
Vater deines Volks, erwache!“
„Meine Herrn, was gibt’s? Zur Sache!
Wer bedroht mein Reich? Wer rief?“
Sprach Dadon und gähnte tief.
„Zar, ich kam, um dich zu wecken,
In der Hauptstadt Lärm und Schrecken:
Auf der Speiche, heute nacht,
Ist der goldne Hahn erwacht;
Kräht nach Osten. Zum Palaste
Strömt das Volk.“ Dadon erblaßte.
Sprang ans Fenster: Welch ein Bild!
Oben schreit der Hahn wie wild.
„Nicht gezögert, schnelle, schnelle,
Auf, zu Pferd!“ – Und auf der Stelle
Zog ein Heer aus von Dadon
Mit dem Jüngern Zarensohn.
Wieder ward es still im Reiche,
’s schwieg der Hahn auf seiner Speiche,
Zar Dadon, er gähnte tief,
Sank in seinen Thron – und schlief.

Sieben Tage gingen ohne
Nachricht hin vom Zarensohne.
Kam’s zum Kampfe? Oder nicht?
Keine Kunde! Kein Bericht!
Und am achten Tage plötzlich
Fängt der Hahn aufs neu entsetzlich
Von dem Posten an zu krähn
Und nach Osten sich zu drehn.
Zar Dadon vernahm die Kunde,
Ließ ein Heer zur selben Stunde
Mit dem ältern Sohne gehn,
Um dem Jüngern beizustehn.
Wieder warn in Furcht und Bangen
Sieben Tage hingegangen,
Ohne daß dem Zar Dadon
Nachricht kam von seinem Sohn.
Und am achten Tage: Wieder
Sträubt der Hahn sein Goldgefieder,
Schaut nach Osten hin – und kräht.
Zar Dadon sprach ein Gebet
Zu Elias, dem Propheten,
Nahm sein Schwert, gleich nach dem Beten,
Und mit einem dritten Heer
Zog nach Osten selber er.

Und das Heer geht sieben Tage,
Und der Feldzug wird zur Plage,
Und kein Feind ist noch zu sehn
Und kein Schlachtfeld zu erspähn.
Keine Spur von Kriegerleichen.
Heldengräbern und dergleichen –
Nichts gewahrte Zar Dadon.
Welch ein Wunder! dacht er schon.
Und es neigt zum achten Male
Sich die Sonne schon zu Tale –
Ins Gebirge tritt der Zar!
Welch ein Anblick, wunderbar!
Vor Dadons erstaunten Blicken,
Zwischen hohen Bergesrücken.
Mitten in die Schlucht gestellt.
Schimmert hell ein Seidenzelt.
In der Schlucht, von Blut gerötet:
Eine Kriegerschar getötet –
Schweigend, wie verzaubert lag
Alles rings. Dadon erschrak.
Eilte hin zum Zelt. Entsetzlich!
Seine Söhne sah er plötzlich.
Sah sie bleich und blutbedeckt
Auf dem Rasen hingestreckt.
Ohne Helm und Panzer beide:
Leblos, vor dem Zelt aus Seide.
Hielten sie einander dort
Mit den Schwertern sich durchbohrt.
Und es irrten ihre Pferde
Über aufgestampfte Erde.
„Wehe! wehe!“ schrie der Zar.
Raufte wild sein greises Haar.
„Meine Falken, meine Schätze
Lockte wer in seine Netze.
Wehe mir! Und weh dem Staat!
Meine letzte Stunde naht.“
Nach Dadon – auf zwanzig Meilen
Ward gehört des Heeres Heulen,
Bis hinauf zu Bergeshöhn
Drang ihr Jammer und Gestöhn.
Bis hinab zum tiefsten Tale
Klang ihr Weh. Mit einem Male.
Wie berührt von Zauberhand,
Tat sich auf die Seidenwand:
Aus dem Zelte, jung und blühend.
Wie das Morgenrot erglühend,
Trat die Zarin Schamachan
Vor Dadon – und sah ihn an.
Und Dadon, ihr zugewendet,
Wie die Eule, die geblendet
Von dem Morgensonnenstrahl.
Wurde stumm mit einemmal.
Sah verzückt nur auf die Schöne
Und vergaß die beiden Söhne,
Ihren Tod und seinen Gram.
Lächelnd ihm entgegenkam
Nun die Zarin. Sich verneigend,
Nahm sie ihn am Arme schweigend.
Und voll Anmut zog sie ihn
Sanft zu ihrem Zelte hin.
Als sie dann im Zelte waren,
Setzte sie zu Tisch den Zaren.
Labte köstlich ihn und tat
Auf ein Bett ihn aus Brokat.
Sieben Tag und sieben Nächte
Schwelgte Zar Dadon und zechte.
Unterwarf sich ganz dem Bann
Der Zariza Schamachan.
In der achten Morgenröte
Stand er auf vom Frühgebete.
Nahm die Jungfrau und die Schar –
In die Heimat zog der Zar.
Und es lief von Mund zu Munde
Schon die wundersame Kunde
Von der schönen Schamachan.
Von der Zarin, weit voran.
Bis zur Residenz im Staate.
Als Dadon sich dieser nahte,
Strömte jubelnd, mit Geschrei,
Zum Empfang das Volk herbei,
Drängte sich in dichten Scharen
Um den heimgekehrten Zaren
Und begrüßte froh und laut
Zar Dadon und seine Braut.
Zar Dadon zeigt sich der Menge.
Da erblickt er im Gedränge.
Einem Schwane gleich, so weiß,
Einen Sarazenengreis –
Seinen Freund, den Sternendeuter.
„Ah, willkommen!“ wendet heiter
Sich zum Alten hin der Zar.
„Sah dich lange nicht, fürwahr.
Näher, näher, Freund, zu mir her,
Und erzähl, was führt dich hierher?
Nun? Was steht zu Diensten? Sprich!“
„Zar Dadon, entsinnst du dich,
Was du mir versprachst vor Jahren?
Wandte dieser sich zum Zaren.
„Für den goldnen Hahn zum Lohn,
Sprachst du damals, Zar Dadon.
Will ich deinen ersten Willen,
Den du kundtust, dir erfüllen.
Was auch immer dein Begehr,
Gleich als ob’s mein eigner war.
Nun, was du versprachst, das will ich
Fordern jetzt, wie’s recht und billig!
Schenk mir für den goldnen Hahn
Die Zariza Schamachan.“
Sprachlos blieb der Zar. Er traute
Seinen Ohren kaum und schaute
Ganz entsetzt den Alten an.
„Ach, die Zarin!“ rief er dann.
„Bist von Sinnen, ohne Zweifel.
Oder spricht aus dir der Teufel.
Welch ein Wunsch! Was fällt dir ein!
Ich versprach’s, ich sag nicht nein:
Doch für alles gibt es endlich
Seine Grenzen selbstverständlich.
Und wozu die Jungfrau dir?
Alter, sei vernünftig mir:
Was dein Herz ersehnt, begehr es.
Sprich es aus, und ich gewähr es,
Wär’s auch ein Bojarenschloß.
Ein Palast, ein Zarenroß,
Nimm das edelste des Stalles,
Wünsch dir meinen Kronschatz, alles –
Ich gewähr’s, und wenn es gleich
Auch mein halbes Zarenreich.“
„Will kein Zarenroß zum Lohne.
Will nicht Schloß noch Zarenkrone:
Gib mir für den goldnen Hahn
Die Zariza Schamachan.
Weiter nichts, nur sie begehr ich.“
„Nicht – dann nicht! Zum Teufel scher dich!“
Heftig spuckte aus der Zar:
„Nichts bekommst du, alter Narr.
Aus den Augen mir, geschwinder!
Schafft ihn fort, den alten Sünder.
Fort mit ihm, solang er heil!“
Eine kurze, bange Weil
Stand der Alte noch im Zaudern.
Doch mit Zorn ist nicht gut plaudern.
Seinen Stab erhob Dadon.
Auf die Stirne traf Dadon –
Lautlos brach der Alte nieder,
Und im Augenblick verschied er.
Schaudernd steht das Volk und schaut
Wie erstarrt. Kein Sterbenslaut
War zu hören rings im Kreise.
Nur die Jungfrau lachte leise:
„Ha-ha-ha!“ und „hi-hi-hi!“ –
Keine Sünde fürchtet sie.
Und Dadon, noch heiß vom Streite.
Neigt sich liebevoll zur Seite
Hin zur schönen Schamachan:
Schaut sie zärtlich lächelnd an.

In die Stadt, in hellen Scharen,
Zieht das Volk ein mit dem Zaren –
Düster blickt der goldne Hahn.
Wie sie dem Palaste nahn.
Da erblitzt er und erklingt er,
Vor dem ganzen Volke springt er
Auf den Scheitel Zar Dadon,
Hackt hinein – und schwirrt davon.
Leblos, wie vom Blitz erschlagen,
Sank Dadon aus seinem Wagen.
Und die Jungfrau – sie verschwand
Von der Stelle, wo sie stand;
Blieb bis heute noch verschwunden –
Niemand hat sie je gefunden.

Nur ein Märchen war’s, nicht mehr –
Doch sei’s manchem eine Lehr.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


2 + eins =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>