Luzifers Tochter

In uralten Zeiten, als die Leibeigenschaft noch nicht abgeschafft war, lebten in einem Dorf ein Mann und eine Frau, und sie hatten einen Sohn namens Herassym. Tag und Nacht, egal ob es nun Wochen- oder Feiertage waren, rackerten sie sich auf den Feldern des Herrn ab, und der Rücken war ihnen schon krumm geworden. Der Mann hatte ein winziges Stück Acker, wo er etwas Mais anbauen konnte. Jahre verstrichen, und der Mann ward todkrank.
Und als er spürte, daß der Sensenmann ihn bald holen würde, ließ er seinen Sohn zu sich kommen und sprach:
„Ich muß sterben, mein Sohn. Mir war auf dieser Welt nichts Gutes beschieden. Ich hinterlasse dir lediglich diese windschiefe Hütte und den kleinen Acker, damit du wenigstens deinen täglichen Brei hast. Hüte dich vor der Gunst der Herren und dem Haß der Menschen.”
Herassym weinte und trug seinen Vater zu Grabe.
Dann arbeitete er auf dem herrschaftlichen Feld, daß die Schwarte krachte. An einem Sonntag ging er auf seinen Acker hinaus, um ihn zu besehen. Plötzlich hörte er im Mais ein Schwein grunzen.
„Ach, du schmutziges Borstenvieh, willst du mir meinen ganzen Mais auffressen?” rief er.
Das Schwein grunzte nur zur Antwort.
Herassym brach einen Maiskolben ab und hieb damit dem Schwein eins über den Rücken.
„Ich sperre dich in den Stall und lasse dich nicht eher heraus, als bis dein Besitzer kommt und den Schaden wiedergutmacht.”
Das Schwein lief vor ihm her und versuchte gar nicht zu fliehen. Herassym hatte sogar Mühe, ihm zu folgen, und sperrte es in den Stall. Ein Tag verging und ein zweiter, doch der Besitzer stellte sich nicht ein. Sicherlich wollte man ihm nicht den Schaden ersetzen. Schließlich hatte Herassym die Geduld verloren. Er beschloß, das Schwein auf die Straße zu jagen, damit es im Stall nicht verhungert.
Er ging hin, öffnete die Stalltür, doch drinnen war kein Schwein mehr, sondern ein lächelndes Mädchen. Es war so hübsch, daß dem Burschen der Mund vor Staunen offen blieb.
„Du bist mir ein guter Hausherr”, sprach das Mädchen, „hältst ein Schwein im Stall und gibst ihm nichts zu fressen.”
„Konnte ich denn wissen… Aber das Schwein hat mein Feld verwüstet. Wer bist du denn?”
„Ich bin die Marijka.”
„Und was machst du hier?”
„Ich warte, daß du mich rausläßt.”
„Und wohin gehst du dann?”
„In deine Hütte!”
„Was?” staunte Herassym.
„Ich will deine Frau sein.”
„Dann komm heraus.”
Das Mädchen trat aus dem Stall, nahm den Burschen freundlich bei der Hand und führte ihn in die Hütte. Dort fegte sie, räumte alles schön auf und machte das Abendbrot. Herassym sah wie verzaubert zu.
In aller Frühe kam der Verwalter des Gutsbesitzers und klopfte an die Tür:
„He, Herassym, komm heraus zum Frondienst!”
Marijka pflanzte sich vor der Tür auf und sprach:
„Mein Mann wird nicht mehr auf dem herrschaftlichen Feld arbeiten. Er hat genug geschuftet. Soll der Herr jetzt selber ackern.”
Der Verwalter stand vor ihr, als hätte man ihn mit siedendem Wasser verbrüht. Er hätte nie gedacht, daß man
Derartiges über die Lippen bringen kann, lief zum Herrn und trug ihm zu:
„Liebster Herr, der Herassym hat eine Frau. Sie ist schön wie eine Blume, doch hat sie eine Zunge, die scharf ist wie eine Sense. Sie hat gesagt, ihr Mann werde nicht mehr zum Frondienst kommen… Und außerdem hat sie gesagt, Ihr solltet selbst ackern.”
„Ach, wie klug sie ist! Solch ein schwatzhaftes Weib!”
erboste sich der Herr. „Wenn sie so schlau ist, dann soll ihr Mann diesen Brief auf den Mond bringen und mit einer
Antwort zurückkommen. Schafft er das nicht, hetze ich die Hunde auf sie los.”
Der Verwalter nahm den Brief, begab sich zu Herassym und klopfte mit dem Stock ans Fenster. Marijka öffnete die Tür:
„Da seid Ihr ja wieder!”
Da reichte ihr der Verwalter den Brief:
„Herassym soll ihn auf den Mond bringen und mit einer Antwort zurückkommen. Schafft er das nicht, hetzt der Herr die Hunde auf euch los.”
Herassym ließ den Kopf hängen. Noch nie hatte er gehört, daß Leute Briefe an den Mond geschickt hätten. Dorthin führt kein Weg. Hat man so was schon mal erlebt?
Marijka tröstete ihn:
„Verzag nicht, lieber Mann, es wird sich geben. Mach dich auf den Weg und geh bis zur Kreuzung. Gegen Mitternacht werden dort drei Kutschen vorbeifahren. Laß die erste und die zweite vorbeifahren, in die dritte aber wirf den Brief und warte auf die Antwort”
Herassym gehorchte seiner Frau. An der Kreuzung angelangt, ließ er sich am Rande des Weges nieder. Um Mitternacht kamen die drei Kutschen herbeigefahren. Die Pferde spien Feuer, ihre Mähnen und Schweife loderten wie rote Flammen, und unter den Hufen und Rädern stiebten nur so die Funken hervor. Herassym ließ die beiden ersten Kutschen vorbeifahren, in die dritte jedoch warf er den Brief.
Herassym setzte sich nun an den Wegrand und wartete auf die Antwort. Als die Hähne zum drittenmal gekräht hatten, vernahm er Hufschläge. Über ein Weilchen kam die erste Kutsche vorbeigesaust, dann die zweite. Von der dritten warf irgend jemand einen Brief herunter. Diesen Brief brachte Herassym nach Hause, übergab ihn seiner Frau und legte sich schlafen.
In aller Frühe kam der Verwalter den Brief holen.
Der Herr öffnete den Brief und las die Botschaft, die der Mond in goldenen Lettern geschrieben hatte:
„Quäle die Menschen nicht, denn dein Vater muß deswegen in der Hölle Holz tragen, du aber wirst in Pech sieden.”
Der Herr lachte auf und schrieb sodann einen Brief in die Hölle:
„Vater, teil mir mit, wo du das Gold vergraben hast.”
„Gebt Herassym den Brief, er soll ihn in die Hölle bringen und mit einer Antwort zurückkommen”, befahl er dem Verwalter.
Dieser klopfte erneut mit dem Stock ans Fenster. Marijka trat heraus und fragte:
„Was hat Euch hergeführt?”
„Ich habe einen Brief für Herassym. Er soll ihn in die Hölle bringen und mit einer Antwort zurückkommen.”
Da ließ Herassym den Kopf noch tiefer hängen.
„Ich kenne doch den Weg in die Hölle nicht!”
„Sei nicht traurig, lieber Mann”, lächelte Marijka.
„Geh nachts wieder zur Kreuzung und wirf den Brief in dieselbe Kutsche.”
Herassym war getröstet, denn die Kutsche kannte er gut. Er tat so, wie ihn seine Frau geheißen.
In der Frühe kam der Verwalter. Marijka gab ihm den Brief aus der Hölle. Der Herr las darin:
„Mein Sohn, im Garten stehen zwei Apfelbäume und ein Eichenbaum. Dazwischen habe ich den Goldschatz
vergraben.”
Der Herr grub den Schatz aus und ward noch reicher. Er rief den Verwalter herbei und sprach:
„Morgen will ich Hochzeit feiern. Wenn Herassyms Frau so klug ist, dann soll ihr Mann die Musikanten aus der Hölle bestellen. Ich will, daß sie meinen vornehmen Gästen zum Tanz aufspielen.”
Der Verwalter lief zu Herassym und klopfte mit dem Stock ans Fenster. Marijka trat hinaus und fuhr
ihn an:
„Hat mein Mann noch immer nicht genug für den Herrn getan?”
„Nein, noch nicht. Morgen will der Herr Hochzeit halten, und da sollen ihm die Musikanten aus der Hölle zum Tanz aufspielen. Herassym soll die Musiker herschaffen, ansonsten verliert er Kopf und Kragen.”
Herassym bekam furchtbare Angst. Er hatte noch nie gehört, daß es unter den Teufeln auch Musikanten gäbe.
Wo sollte er sie suchen, und wie konnte er sie dazu überreden, auf der Hochzeit des Gutsherrn zu spielen?
„Mach dir keine Sorgen, lieber Mann”, ermutigte ihn Marijka. „Gegen Mitternacht steigst du an derselben Kreuzung in die dritte Kutsche und fährst damit in die Hölle. Ich will dir ein Türhlein mitgeben, steck es oben unters Hemd. Sobald du verzagst, hole es hervor und wische dir damit übers Gesicht. Die Angst ist dann sogleich
vorbei.”
Was blieb dem armen Schlucker übrig? Gegen den mächtigen Herrn war er hilflos.
Abends ging er zur Kreuzung hinaus, ließ sich am Rande des Weges nieder und wartete. Gegen Mitternacht vernahm er die Hufschläge der Feuerpferde. Zwei Kutschen rasten an ihm vorbei. Als die dritte kam, nahm Herassym Anlauf und sprang hinein. Er holte Marijkas Tüchlein hervor und wischte sich damit übers Gesicht. Und schon wurde ihm froh zumute.
Die Kutsche eilte wie der Blitz daher. Unter den Pferdehufen sprühten Funken hervor, die Mähnen und Schweife loderten wie brennende Garben.
Gar nicht lange, da kamen sie in der Hölle an. Es war gruselig anzusehen, was da vor sich ging. In großen Kesseln kochten, schmorten und dampften die Seelen, und die Teufel drehten sie mit Heugabeln um. Kalter Schweiß trat auf Herassyms Stirn. Er holte das Tuch hervor und wischte sich damit übers Gesicht.
Luzifers Frau sah, wie er dies tat, und fragte ihn:
„Woher hast du dieses Tüchlein?”
„Das hat mir meine Frau Marijka gegeben.”
„Dies Tüchlein habe ich gewebt und es meiner Tochter geschenkt. Folglich bist du mein Schwiegersohn?”
„Woher weiß ich, wessen Schwiegersohn ich bin?” Herassym ließ ratlos die Arme hängen.
Er erzählte Luzifers Frau in allen Einzelheiten, wie er Marijka im Stall gefunden und sie liebgewonnen hatte und was für einen schlimmen Herrn sie hatten. Hernach fragte Luzifers Weib:
„Und was willst du hier?”
„Unser Herr heiratet. Und da will er, daß morgen auf seiner Hochzeit Musikanten aus der Hölle spielen. Ich bin
gekommen, mit den Teufeln zu verhandeln und mich mit ihnen zu einigen.”
„Kopf hoch, mein Schwiegersohn”, entgegnete Luzifers Frau. „Kehr nach Hause zurück, hab meine Tochter
lieb und seid beide glücklich.”
Herassym nahm Abschied, schwang sich auf die Kutsche und kehrte heim.
Am nächsten Tag hatten sich im Gutshaus reiche Gäste aus der ganzen Gegend eingefunden, denn der Herr heiratete die Tochter des Ministers. Alle trugen Gold-, Silberund Diamantschmuck. Die Tische drohten unter der Last der Speisen zusammenzubrechen.
Die Bauern standen auf der Straße und hielten Maulaffen feil. Für wen kein Platz nehr da war, der kletterte
auf einen Baum oder ein Dach. Die Leute starrten neugierig auf die Herrschaften wie auf eine Erscheinung aus dem Märchen.
Plötzlich erschienen im Hof zwölf funkelnde Kutschen.
Aus jeder stieg ein Musikant. Alle zwölf gingen in das Gutshaus und spielten dort solch einen feurigen Tanz, daß
der Palast wankte. Die vornehmen Gäste wurden zum Tanz aufgefordert. Sogar diejenigen, die gar nicht tanzen konnten, hüpften und sprangen umher, weil sie irgendeine geheimnisvolle Kraft vorantrieb. Der Herr und seine junge Frau hopsten nur so herum.
Die Musik hörte auch nicht eine Minute auf, und die Gäste mußten so lange tanzen, bis ihre Knochen auseinanderfielen. Und da war auch die Hochzeit zu Ende.
Ich war auch dabei, habe auf dem Dach von Herassyms Haus gesessen und mir diese wunderliche Hochzeit angesehen, um euch darüber zu erzählen.

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