Kosak Michailo

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein alter Mann mit seiner Frau in einer Hauptstadt. Das war, sa-gen wir einmal, entweder in Kiew oder in Moskau. Sie waren schon über die Siebzig hinaus und hatten keine Kinder. Einmal fuhr der Alte in den Wald, um Holz zu fällen. Nachdem er einen Baum gefällt hatte, begann es stark zu schneien, und bald war er über und über mit Schnee bedeckt. Und während er weiter fällte, bedeckte es ihn immer mehr, denn es fiel starker Schnee. Er dachte nach und begann sich zu bekreuzigen.
„Herrgott, wie bin ich unglücklich!“ sagte er. „Ich habe keine Diener und keine Mittel. Ich wollte Holz fällen, und da ist ein solcher Schneesturm gekommen, daß ich nicht weiterarbeiten kann.“
Der Schneesturm ließ etwas nach, der Alte zerkleinerte das Holz mit dem Beil und legte es auf den Schlitten. Dann fuhr er davon. Wie er so fuhr, sah er am Wege einen trockenen Baumstumpf. Er hielt das Pferd an und sagte: „Nun ja, ich werde von diesem Baumstumpf auch noch etwas abhak-ken.“
Er ging näher heran und schlug mit dem Beilrücken dagegen. Es flog etwas Schnee herum. Plötzlich war das Schreien eines Kindes zu hören.
Er bekreuzigte sich und sagte: „Herrgott! Was hö-re ich? Oder bilde ich mir das nur so ein?“
Da schlug er noch einmal gegen den Baumstumpf und hörte nun wieder die Kinderstimme. Jetzt werde ich den Baumstumpf roden, dachte er und begann rundherum zu graben. Als er rund-herum alles abgerodet hatte, fand er ein kleines Kind in dem Baumstumpf. Der Alte zog seinen Pelz aus und wickelte das Kind darin ein. Er legte es auf den Schlitten und brachte es in seine Woh-nung. Die Frau war froh, daß er endlich gekommen war, und sagte: „Das war ja ein furchtbarer Schneesturm, und du warst im Walde!“
Er antwortete: „Bete zu Gott! Ich habe etwas gefunden und weiß selbst nicht, woher es ist.“
„Was hast du denn gefunden?“
„Da“, sagte er, „ein Kind!“
Er brachte den Pelz mit dem Kind herein. Die Frau schien sich zu freuen, und dann begann sie zu Gott zu beten.
Schließlich sagte sie: „Gott hat es uns gegeben. Aber was sollen wir mit ihm anfangen? Wie kön-nen wir das erfahren?“
„Du leg dich auf den Ofen, Alte, und lege das Kind neben dich. Ich werde zu einem Kaufmann aus der ersten Gilde gehen, zu Komarow, er soll uns seine Mutter als Kinderfrau für das Kind ge-ben!“
Er ging zu dem Kaufmann und sagte: „Sei ge-grüßt, Kaufmann!“
„Sei gegrüßt, sei gegrüßt, Großväterchen Bobik. Was hast du uns Gutes zu sagen?“
„Ja, Herr Kaufmann, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen werden. Meine Frau hat einen Sohn ge-boren. Ich bitte Sie, wenn Sie erlauben, uns Ihre Mutter zu geben, um dieses Kind, meinen Sohn, zu warten.“
Der Kaufmann lachte den alten Mann aus und sagte: „Ach Großvater Bobik! Du mußt irgendeinen Betrug mit mir vorhaben. Nicht nur mit mir, sondern auch noch mit meinem Mütterchen. Ich weiß doch selbst, daß Ihr älter als siebzig Jahre seid und Eure Frau auch und daß Ihr keine Kinder gehabt habt. Jetzt aber sagt Ihr, daß Euch ein Sohn geboren ist. Ich verstehe, Großväterchen, ihr lebt in Armut, und ich bin ein Kaufmann. Wenn das mit dem Kinde stimmt, so werde ich dir hundert Rubel geben, aber wenn es nicht stimmt, wie willst du dich dann vor mir und meiner Mutter für das falsche Wort verantworten, Großväterchen?“
„Ich werde mich verantworten. Ich würde sogar auf meine alten Jahre meinen Kopf dafür geben, daß ich kein falsches Wort spreche.“
Der Kaufmann befahl, die Pferde vor die Kutsche zu spannen, ließ den Großvater und seine Mutter einsteigen und zum Hause des Großvaters fahren. Er hatte seiner Mutter hundert Rubel gegeben und gesagt: „Wenn sie ein Kind haben, dann gib dem Großvater die hundert Rubel. Wenn sie aber keines haben, dann bring den Großvater zu mir und komme auch selbst mit!“
Nun, sie kamen an. Die alte Mutter sah, daß dort ein Sohn geboren war. So blieb sie. Die Frau schickte ihren Mann zu einem Kaufmann, um dessen Tochter zur Taufe zu bitten. Der Alte ging. Er kam zu dem Kaufmann und sagte: „Seid gegrüßt, Herr Kaufmann!“
„Sei gegrüßt, sei gegrüßt, Großväterchen Bobik! Was hast du uns Gutes zu sagen?“
„Ja, meine Alte hat einen Sohn geboren. Ich bin um Eure Tochter Lisbeth gekommen, damit sie bei meinem Sohn Taufmutter ist!“
Der Kaufmann wunderte sich und lachte, ging zu seiner Familie und zu seiner Tochter Lisbeth und sagte, daß der Alte gekommen sei: „Damit du, meine Tochter Lisbeth, Taufmutter wirst!“
Da ging die ganze Familie des Kaufmanns zu dem Großväterchen und auch die Tochter. Sie schauten sich das Großväterchen an, und der Kaufmann sagte: „Nein, Großväterchen, du willst dich wohl über meine Tochter lustig machen. Wie willst du dich verantworten, Großväterchen?“
„Ich werde meinen Kopf dafür geben, wenn mein Wort falsch war.“
„Lisbeth, ich gebe dir hundert Rubel, dann fahr los!“
Er ließ ein Paar Pferde vor die Kutsche spannen und schickte seine Tochter zu dem Alten.
Er hatte gesagt: „Wenn dort ein Mensch gebo-ren ist, wenn diesem Großväterchen ein Sohn ge-boren ist, dann gib diese hundert Rubel, Lisbeth! Haben sie jedoch kein Kind, dann komme wieder zurück zu mir!“
Sie kamen an. Lisbeth sah, daß ein Sohn gebo-ren war und daß die Alte ihn wartete. Da blieb sie auch, die Tochter des Kaufmanns.
„Nun fahre zu dem und dem Kaufmann“, sagte die Frau zu ihrem Mann, „damit er seinen Sohn als Taufvater für unser Kind gibt.“
Der Alte ging. Er kam zu dem Kaufmann. Der Kaufmann kam heraus.
„Sei gegrüßt!“
„Sei gegrüßt, Großväterchen Bobik! Weshalb bist du gekommen, Großväterchen?“
„Ich bin zu Euch gekommen, um Euren Sohn Wassil zur Taufe zu bitten, weil mir ein Sohn geboren ist!“
Der Kaufmann wunderte sich, lachte und sagte zu dem Großvater: „Ach, Großväterchen, wie kann das sein? Du willst dich über meinen Sohn lustig machen. Ich weiß doch, daß du und deine Alte, daß ihr über siebzig Jahre seid und daß ihr keine Kinder gehabt habt!“
Der Kaufmann ging und erzählte seiner Familie, vor allem seinem Sohn Wassil, daß ein alter Mann gekommen sei und ihn als Taufvater erbitte. Da wunderte sich die Familie nicht wenig. Der Kaufmannssohn Wassil kam heraus und auch der Herr Kaufmann selbst. „Großväterchen, wie willst du dich verantworten?“
„Ich gebe meinen Kopf dafür!“
Da sagte der Kaufmann: „Mein Sohn, ich gebe dir hundert Rubel und befehle dir, ein Paar Pferde anzuschirren und mit dem Großväterchen zu fahren. Wenn ihm ein Sohn geboren wurde, dann gib ihm die hundert Rubel, aber wenn nicht, dann komm zurück zu mir und bringe auch das Großväterchen mit!“
Wassil, der Kaufmannssohn, kam an und sah die Alte als Kinderfrau und die Kaufmannstochter Lisbeth als Gevatterin dasitzen. So blieb er auch. Die alte Mutter wartete das Kind, und sie beteten zu Gott. Dann nahm die Tochter Lisbeth das Kind und fuhr mit Wassil zum Popen, und der fragte: „Wessen Kind ist das?“
„Das Kind ist von den und den alten Leuten!“ antworteten sie ihm.
„Ach nein, das muß irgendein anderes Kind sein, und ihr sagt mir, daß es von den und den Alten ist. Lisbeth und Wassil, womit wollt ihr mir bürgen, wenn ich dieses Kind taufe und euch zu Taufeltern mache?“
Da sagten sie: „Wir legen Euch je hundert Rubel hin, Väterchen. Ihr wißt, wer wir sind, und könnt uns finden, wenn etwas ist. Aber womit werdet Ihr uns bürgen, Väterchen?“
„Ich werde auch hundert Rubel hinlegen.“ Der Pope nahm hundert Rubel heraus und legte sie hin. „Nun gib auch du deine hundert Rubel, Was-sil“, sagte er, „und auch du, Lisbeth! Gebt sie dem Kirchenältesten in die Hand. Wenn alles stimmt, soll der alte Mann das Geld bekommen.“
Der Kirchenälteste nahm das Geld, und der Po-pe begann in seinem Buch nach einem Namen für das kleine Kind zu suchen. Er fand für ihn den Namen Kosak Michailo. Dann las er ein Gebet, Wassil und Lisbeth unterschrieben und fuhren in die Wohnung des Großväterchens.
Dort feierten sie die Taufe. Dieses Kind, Kosak Michailo, wuchs nicht in Jahren, sondern in Stunden. Am dritten Tage nach seiner Taufe begann es schon zu sprechen und bat seinen Vater: „Gebt mich in die Schule zum Lernen!“
Der Alte freute sich sehr darüber und wurde froh und munter, weil sein Sohn so schnell wuchs.
Er fragte ihn: „In welche Schule soll ich dich geben?“
Der Sohn antwortete mit Reckenstimme: „Gebt mich in die Gouvernementsschule.“
Der Alte wurde sehr traurig, als er das hörte, und sagte: „Ach du mein Sohn, Kosak Michailo! Ich würde dir doch raten, in die Gemeindeschule zu gehen.“
„Väterchen und Mütterchen“, sagte Kosak Mi-chailo, „warum soll ich in die Gemeindeschule ge-hen, wenn ich mehr weiß, als ich in der Schule lernen kann!“
Der Alte antwortete ihm: „Nun, Gott mit dir, so geh, wenn sie dich annehmen!“
Kosak Michailo stellte sich mit eigener Hand einen Geburtsschein aus. Er schrieb auf, an welchem Tage er geboren war, an welchem Tage getauft, wer seine Kinderfrau war, wer seine Taufmutter und sein Taufvater ist, von wem er geboren wurde (aber er ist ja nicht geboren wor-den, er wurde ja eigentlich im Baumstumpf gefunden) und in welcher Gemeinde. Er ging und gab diesen Geburtsschein dem Gouvernements-inspektor, ganz allein mit eigener Hand.
Der Inspektor wunderte sich und sagte: „Herrgott, ich arbeite schon lange in diesem Beruf und habe viel kennengelernt, aber mir ist es noch nicht passiert, daß einer an dem und dem Tage geboren wurde, noch so klein ist und schon alles versteht.“
Und er nahm ihn dann in die Gouvernementsschule auf.
Kosak Michailo lernte zwei Tage, dann ging er zu allen Lehrern. „Ach, meine Herren!“ sagte er. „Ihr habt doch nie in meinen Schulaufgaben einen Fehler gefunden!“
Die Lehrer verstanden und sagten: „Wirklich, Kosak Michailo, du hast recht mit dem, was du uns ins Gesicht sagst. Du verstehst mehr als wir!“
Das sagten sie ihm schon selbst.
Am dritten Tage entließen sie ihn aus der Schule und gaben ihm von sich aus ein Zeugnis mit, daß Kosak Michailo alles gut und ausgezeichnet wisse. Kosak Michailo kam zu seinem Vater und zu seiner Mutter und sagte: „So, jetzt habe ich schon die Gouvernementsschule hinter mir!“
Da freuten sie sich, der Alte und die Alte.
„Und jetzt beabsichtige ich, in die Schule zu gehen, wo die Söhne der Herrscher und die Fürsten-söhne lernen und wo es keine niedrigeren gibt als Generalssöhne!“
Da wurde dem Alten ganz anders, und die Alte weinte und sagte zu ihm: „Du bist unser Sohn und wirst uns doch nicht begraben! Ich sehe schon, du lernst noch nichts Rechtes.“
Kosak Michailo aber antwortete mit Recken-stimme: „Wie könnt ihr sagen, daß ich euch ver-lassen und nicht begraben werde. Ich werde im-mer euer Sohn sein und euch auch begraben.“ Er übernachtete dort und ging dann fort. Er kam in die Schule und gab dem Inspektor das Zeugnis aus der Gouvernementsschule. Der Inspektor las es durch und wunderte sich. „Ach“ – sagte er – „ich habe noch nicht gehört, daß wir schon mal einen solchen Schüler hatten. Ich weiß nicht, aber ich muß ihn annehmen!“
So kam Kosak Michailo in die Schule und begann zu lernen. Wozu die Zarensöhne und die Söhne der Fürsten und Generäle fünf Jahre brauchten, das lernte er an einem Tage. Die Lehrer befahlen Kosak Michailo, den Zaren-, Fürsten- und Generalssöhnen die Aufgaben abzuhören. So begann er sie abzuhören. Als man sie zum Mittag-essen gehen ließ, fingen zwei Zarensöhne an ihn zu ärgern, und die Fürstensöhne auch und die Generalssöhne, und so fielen alle über ihn her. Da überlegte er und sagte lachend: „Ach ihr, ihr seid Schüler und müßt lernen. Ich befolge doch nur die Anweisungen.“
Ein Zarensohn warf mit einem Stein nach ihm und traf ihn. Ein anderer traf auch. Da nahm auch ein Fürstensohn einen Stein und warf damit, und er traf ebenfalls. Ein Generalssohn warf auch. Damit kränkten sie Kosak Michailo sehr, aber er verzieh ihnen das Werfen. „Freunde, ich will euch verzeihen, aber ich erlaube nicht, daß ihr weiter nach mir werft!“
Der älteste Zarensohn aber lachte und sagte: „Ach du, was kannst du uns schon tun? Wir kön-nen mit dir machen, was wir wollen!“
Sie fingen wieder an nach ihm zu werfen.
Da nahm Kosak Michailo dem ältesten Zarensohn den Hut ab, hob mit der anderen Hand ein dreistöckiges Haus an und legte den Hut unter das Haus.
Da liefen alle fort.
Er ging in seine Wohnung und aß Mittag.
Der Zarensohn beschwerte sich bei seinem Vater, daß irgend so ein Untertan ihm den Hut mit der einen Hand abgenommen, mit der anderen ein dreistöckiges Haus hochgehoben und den Hut unter das Haus gelegt habe. Der Zar befahl seinem Adjutanten, Kosak Michailo durch einen Gendarmen holen zu lassen. Der Gendarm fand ihn nicht in der Wohnung. Er fand dort nur die beiden Alten.
„Ach ihr“, sagte er, „wo habt ihr euren Sohn hingehen lassen, was habt ihr ihn nur tun lassen?“
Der Alte und die Alte begannen vor dem General des Herrschergefolges zu weinen: „Euer Wille geschehe: Macht mit uns, was Ihr wollt, ebenso auch mit ihm! Was wir ihm auch immer sagen, er hört nicht auf uns. Er geht doch wohin er will.“
„Ihr habt ja recht, ihr Alten, ihr tut mir leid, ich habe eure Worte mit Interesse gehört, aber mit eurem Sohn wird nach dem Gesetz verfahren. Er wird auch nicht mehr in die Schule für die Gene-ralssöhne gehen dürfen.“
Vom Inspektor wurde angeordnet, daß alle Schüler um fünf Uhr abends zum Unterricht kom-men sollten und ebenso auch Kosak Michailo. Als er um diese Zeit dorthin kam, fielen sie wieder auf die gleiche Weise über ihn her. Er sagte zu ihnen:
„Ach Brüder, so solltet ihr nicht mit mir umgehen! Wenn ihr etwas freundlicher zu mir wäret, würde ich euch den Hut zurückgeben!“
Sie trieben es aber noch schlimmer. Da ärgerte sich Kosak Michailo und sagte: „Ach, Herrgott, es muß also sein, jetzt ist mir alles egal!“
Er schlug den älteren Zarensohn mit dem klei-nen Finger und tötete ihn gleich. Dann ging er zum Unterricht und erklärte dem Inspektor: „Ich konnte es nicht mehr aushalten, dauernd fielen meine Schulkameraden über mich her. Da habe ich ihnen einen kleinen Denkzettel gegeben. Ich nahm einem Zarensohn den Hut ab und legte ihn unter ein dreistöckiges Haus. Ich wollte den Hut zur Unterrichtsstunde wieder zurückgeben. Aber weil sie mich so geärgert haben, da habe ich den älteren Zarensohn nur mit dem kleinen Finger ge-stoßen. Ich wollte es gar nicht. Ich wußte nicht, daß mir das passieren würde. Als ich mich umsah, war er schon tot!“
„Oh, Kosak Michailo, da hast du ja etwas Böses angerichtet!“
„Was sollte ich tun? Das muß mein Schicksal sein! Wenn man mich zur Rechenschaft zieht, werde ich mich verantworten! Euch aber danke ich, daß ich bei Euch lernen durfte!“
Er kam zu seinem Vater und zu seiner Mutter und sagte: „Ach, gebt mir zu essen! Dann werdet ihr mich fünfzehn oder zwanzig Jahre oder überhaupt nicht mehr sehen.“
Die beiden Alten begannen laut zu weinen.
„Ach, Väterchen und Mütterchen, ihr sollt nicht weinen“, sagte er zu ihnen, „denn ihr lebt nur noch drei oder sechs Tage in dieser Hütte oder vielleicht noch nicht einmal so viel. Dann aber werdet ihr zusammen mit dem Zaren essen und trinken, und Diener werdet ihr genauso haben wie der Zar!“
Der Alte und die Alte wurden wieder froh und beteten zu Gott: „Dank dir, Herr, daß du uns das gegeben hast!“
Kosak Michailo blieb in der Hütte. Plötzlich zog ein gewaltig großes Heer heran, um Kosak Michailo zu holen und ihn auf Befehl des Zaren zum Ge-richt vor den Senat zu bringen. Da ging Kosak Michailo hinaus und sagte: „Ach, ihr Herren von der Kavallerie. Ich habe es nicht aus böser Absicht getan, aber weil sie mich so schlecht behandelten, mußte ich mich verteidigen! Geht nur, Brüder, ich komme schon mit!“
Und er ging. Er ging allein in den Senat und sagte zu dem Diensthabenden, dem Leiter der Wache, daß er dieses und dieses Verbrechen begangen habe. Der Leiter der Wache wußte davon nichts und fragte: „Wie ist dir denn das passiert, Bruder?“
Da begann er zu erzählen.
„Was denn, Bruder, und da kommst du selbst her? Du solltest lieber spazierengehen, es wird dir schon noch über werden, im Gefängnis zu sitzen!“
Da kam der Zar selbst, und Kosak Michailo verneigte sich. Der Zar sagte: „Du bist ein toller Kerl, Kosak Michailo. Hast meinen eigenen Sohn er-schlagen!“
Kosak Michailo antwortete: „Nun, dann verurteilt mich, weil ich ihn getötet habe!“
Die Richter kamen zur Verhandlung zusammen. Der Zar befahl, die Verhandlung in drei Stunden abzuschließen. Das geschah auch.
Der Zar hatte sieben Werst von der Stadt entfernt ein Badehaus. Viele Teufel, wie es schlimmere auf der Welt kaum gibt, trieben dort ihr Unwe-sen. Kosak Michailo sollte dorthin geschickt und drei Tage in diesem Badehaus eingeschlossen werden. Sie hatten beschlossen, ihn dorthin zu bringen, und setzten ihn in einen eisernen Wagen. Viele Soldaten mit blanken Schwertern gingen ne-ben dem Wagen her.
So brachte sie ihn zu dem Badehaus, schoben ihn hinein und verschlossen die Tür mit den stärk-sten Schlössern, die es gibt. Kosak Michailo setzte sich. Die Soldaten waren vielleicht gerade zwei Werst gegangen oder vielleicht auch nicht mehr als eine, als aus dem kleinen Badehaus ein fünfstöckiges Haus wurde. Kosak Michailo ging durch eine Etage, durch die zweite und spazierte in dem ganzen Haus herum. Es war alles für ihn da, verschiedene Speisen und Getränke.
Er ging hinaus auf die Treppe, gerade als die Sonne unterging. Da kamen ein paar Bettler. Er sprach sie an und lud sie ein, in seinem Haus zu übernachten.
„Ach, ihr armen Bettler, ich lade euch zu mir ein. Ich bin ganz allein im Hause, dann ist es nicht mehr so langweilig für mich!“ Die Bettler traten bei ihm ein. Er stellte ihnen die gleichen Speisen hin, die er selbst auch aß, und die gleichen Getränke, die er selbst auch trank. Die Bettler aßen und sagten zueinander: „Solange wir leben und durch die Welt wandern, haben wir so eine Bewirtung noch nie erlebt!“
Sie aßen Abendbrot, beteten zu Gott und legten sich schlafen. Am anderen Morgen standen sie früh auf und wollten sich auf den Weg machen. Da trat Kosak Michailo zu ihnen und fragte sie: „Wo wart ihr und was habt ihr gehört? Habt ihr nicht irgend etwas Neues gehört und gesehen?“
„Ach, lieber Herr, gesehen haben wir nichts, aber wir haben gehört, daß in unserem Zarenreich ein Kosak Michailo geboren ist. Der soll den Zarensohn getötet haben, und man hat ihn deshalb in ein Badehaus gesteckt, wo alle Teufel hausen. Sie haben ihn in das Badehaus hineingestoßen und zugeschlossen, und so sitzt er nun dort!“
„Ja, ihr armen Herren, mir ist auch, als hätte ich schon davon gehört. Nun, geht mit Gott!“
Wieder verbrachte er einen Tag in dem Haus. Er ging durch eine Etage, durch die zweite und spa-zierte im ganzen Haus herum. Es war alles für ihn da: verschiedene Getränke und verschiedene Speisen.
Er trat auf die Treppe hinaus. Als die Sonne unterging, sah er ein paar alte Bettler daherkommen und lud sie ein. „Ach, ihr Bettler, zur Nacht geht ihr in die Stadt. Ihr müßt doch wissen, daß man in der Nacht schlecht in einer Stadt unterkommt.
Kommt nur zu mir herein und übernachtet bei mir!“
Die Bettler blieben stehen und traten ein. Er gab ihnen zum Abendbrot zu essen, was er selbst auch aß. Sie aßen und sagten zueinander: „Solange wir auf der Welt leben, haben wir solche Speisen, wie man sie uns hier gegeben hat, noch nicht gegessen!“
So aßen sie Abendbrot, beteten dann zu Gott und legten sich schlafen. Am Morgen standen sie auf, beteten und wollten sich wieder auf den Weg machen. Da trat Kosak Michailo zu ihnen und fragte: „Ach, ihr Herren Bettler, wo wart ihr über-all, und was habt ihr gehört? Habt ihr nicht irgend etwas Neues gehört oder gesehen?“
Da antworteten ihm die Bettler: „Ach, gesehen haben wir nichts, aber gehört haben wir etwas. In irgendeinem Zarenreiche, in irgendeinem Staate, nicht gerade in dem, in dem wir leben, gibt es ein seltsames Stück Brachland. Es pflügt sich selbst, wird mit Hirse bestellt, und um Mitternacht kommt ein Pferd und frißt die Hirse auf. Mehr wissen wir auch nicht!“
„Ach, ich danke euch, ihr Herren Bettler. Was ihr mir gesagt habt, sind gute Nachrichten. Nur, wie kann ich dieses Pferd bekommen?“
Die Bettler bedankten sich und gingen fort. Kosak Michailo ging durch das Haus, erfreute sich an ihm, ging durch eine Etage, durch eine andere, überhaupt durch das ganze Haus.
Er trat auf die Treppe hinaus, als die Sonne un-terging. Da kamen noch zwei Bettler. Er rief ihnen zu: „Ach, ihr armen Bettler, gegen Abend geht ihr in die Stadt! Dort läßt man euch nicht ein zur Nacht. Kommt zu mir und übernachtet bei mir!“
Sie traten ein, und er stellte ihnen Abendbrot hin, dasselbe, was er auch aß. Sie aßen und sag-ten zueinander: „Soviel wir auch durch die Welt gewandert sind, solch ein Essen haben wir noch nicht bekommen.“
So aßen sie Abendbrot, beteten dann zu Gott und legten sich schlafen. Am Morgen standen sie früh auf, beteten und wollten sich auf den Weg machen. Kosak Michailo trat zu ihnen, und sie dankten ihm für das Nachtlager: „Wir danken Euch für das Nachtlager, lieber Herr. Solange wir auch umhergezogen sind, solche Bewirtung haben wir noch nirgends erhalten!“
Da sagte er zu ihnen: „Ach, ihr armen Bettler, wo seid ihr gewesen und was habt ihr gesehen? Habt ihr nicht irgend etwas Neues gesehen oder gehört?“
„Gesehen haben wir nichts, aber gehört haben wir etwas. In irgendeinem Zarenreiche, in irgend-einem Staate, nicht gerade in dem, in dem wir leben, wohnt eine Zarentochter, eine preußische Königstochter, eine große Schönheit, die niemand an sich heranläßt. Sie ist sehr stolz auf ihre Schönheit, und ihr Vater hält sie unter strenger Bewachung. Er hat ein Haus für sie bauen lassen mit einer hohen starken Mauer darum, so daß niemand darübersteigen kann und auch nicht mit dem Pferd hinüberkommt!“
„Ich danke euch, ihr Armen! Eure Nachricht ist mir sehr recht. Ich möchte das Mädchen gern zur Frau haben!“
„Nun danken wir Euch, lieber Herr!“
„Geht mit Gott!“
Kosak Michailo lebte nun in seinem Haus weiter.
Da erinnerte sich der Zar an ihn und schickte drei Arbeiter zu ihm. Dem einen gab er einen Be-sen, dem anderen eine Schaufel und dem dritten einen schmutzigen Sack und befahl ihnen, die Knochen zusammenzufegen und dort hinzuschütten, wo wenig Leute vorbeigehen. Sie gingen also los und suchten das Badehaus. Als sie, wie es be-fohlen war, sieben Werst von der Stadt entfernt waren, sagten sie zueinander: „Wohin sollen wir denn noch gehen?“
Der zweite sagte: „Es muß aber hier sein!“
Der dritte meinte: „Dieses Haus war früher nicht hier!“
Kosak Michailo hörte das, trat zu ihnen heraus und fragte: „Was wünscht ihr, meine Herren? Wer hat euch geschickt und wozu, und was könnt ihr nicht finden?“
Sie erschraken sehr und fragten sich, was das für ein Herr wäre. Er wiederholte: „Sagt nur, was ihr sucht! Vielleicht weiß ich es!“
„Ach nein“, sagten sie, „das wißt Ihr nicht!“
„Vielleicht weiß ich es doch!“
„Hier war früher ein Badehaus, in dem alle Teu-fel ihr Unwesen trieben. Ein Kosak Michailo war hier eingesperrt worden, weil er den Zarensohn getötet hatte. Uns hat man nun hergeschickt, um die Knochen herauszuholen und dorthin zu brin-gen, wo niemand vorbeigeht!“
„Geht und sagt dem, der euch geschickt hat, daß Kosak Michailo lebt. Der Zar soll mir eine Keule von hundert Pud Gewicht mit zwei Zoll Sil-ber darauf schmieden lassen, und sie soll aus wei-chem Eisen sein, genau so wie es das Badehaus war.“ Da gingen sie fort von ihm und berichteten das ihrem Vorgesetzten, der sie geschickt hatte. Dieser schrieb augenblicklich ein Protokoll für den Herrn Zaren. Kosak Michailo lebe und verlange vom Zaren eine Keule von hundert Pud Gewicht mit zwei Zoll Silber darauf. Der Zar wurde wü-tend, weil nicht der Richtige mit dieser Aufgabe betraut worden war und weil alles so ausgegan-gen war, ließ dann aber doch seinen Schmieden Anweisung geben. Sein Adjutant mußte einen strengen Befehl schreiben und ihn dem Chef der Stadtpolizei übergeben. Der Chef der Stadtpolizei holte die besten Schmiede seiner Stadt zusam-men und fragte diese: „Hört, Brüder, könnt ihr an einem Tag eine Keule von hundert Pud Gewicht mit zwei Zoll Silber darauf schmieden?“
Die Schmiede sagten: „Wir befolgen Euren Be-fehl und werden ihn ausführen.“
Sie schmiedeten die Keule in einem halben Tag und brachten sie dem Polizeichef. Dieser übergab sie dem Zaren. Der Zar befahl, sie Kosak Michailo zu bringen, und schickte seinen Adjutanten mit den Arbeitern los. „Bringt sie hin und gebt sie ihm und bittet ihn zum Tee in mein Haus!“
Der Adjutant machte sich mit den Arbeitern auf den Weg und brachte die Keule hin. Kosak Michailo kam heraus. Der Adjutant fiel vor ihm auf die Knie und sagte: „Sei gegrüßt, Kosak Michailo!“ Dann erklärte er, daß ihn der Zar unbedingt zum Tee erwarte.
Kosak Michailo antwortete: „Ach, Brüder, viel-leicht lade ich den Zaren als Gast zu mir ein.“
Er nahm die Keule in die rechte Hand und ging hinaus ins freie Feld. Dort warf er sie mit großem Schwung hinauf in den Himmel, setzte sich wieder und wartete eine Stunde, eine zweite und schaute hinauf. Jetzt kam die Keule geflogen. Er hielt den kleinen Finger hin, und sie zerfiel in zwölf Teile. Da kam er zum Adjutanten: „Geh und fahre zu deinem Herrn! Wenn du mir nicht glaubst, geh, sammle die Splitter zusammen, in die die Keule zerfallen ist! Ich hatte euch gebeten, mir eine Keule aus weichem Eisen zu machen. Ihr aber habt sie aus Töpfererde zusammengeschustert! Fahre zum Zaren und sage ihm, er soll mir eine Keule von zweihundert Pud schmieden lassen und aus dem gleichen Eisen, wie das Badehaus war, mit vier Zoll Silber darauf!“
Der Adjutant antwortete: „Zu Befehl, Kosak Michailo!“ und fuhr los.
Er kam zum Zaren und berichtete. Der Zar gab dem Adjutanten neue Befehle. Die alten Schmiede sollten verhaftet werden und andere eine neue zweihundert Pud schwere Keule aus weichem Eisen machen mit vier Zoll Silber darauf.
Der Adjutant fuhr mit den Befehlen los und gab dem Polizeichef folgenden Auftrag: „Holt die besten Schmiede, auf die Ihr Euch am meisten verlassen könnt, zusammen!“
Der Polizeichef antwortete: „Zu Befehl, Eure Exzellenz!“
Er holte die Schmiede zusammen und sagte: „Ich gebe euch den Befehl, eine Keule aus zweihundert Pud weichem Eisen mit vier Zoll Silber darauf zu schmieden!“
„Zu Befehl!“ sagten sie. „Wir werden uns für Euch bemühen!“
Nun holten sie alles Eisen, von dem sie wußten, daß es sehr weich war, zusammen und begannen zu arbeiten. In weniger als zwölf Stunden schmie-deten sie eine Keule und brachten sie dem Polizeichef. Der Polizeichef gab sie dem Adjutanten. Der Adjutant berichtete dem Zaren. Da sagte der Zar zu dem Adjutanten: „Fahr, Bruder, du allein sollst mein Gesandter sein!“
Der Adjutant holte die Arbeiter, nahm die Keule und fuhr los. Er kam zu Kosak Michailos Haus, ließ die Arbeiter am Haus zurück, stieg die Treppe hinauf und fiel auf die Knie.
Kosak Michailo schaute hinaus.
„Kosak Michailo!“ rief er. „Ich habe sie gebracht!“
„Wieviel wiegt sie?“
„Zweihundert Pud.“
„Habt Ihr sie aus gutem Eisen gemacht oder aus Ton zusammengeschustert, aus dem die Töpfer Schüsseln machen?“
„Der Zar bittet Euch zu sich zum Tee!“
Kosak Michailo antwortete: „Ach, Herr Adjutant, vielleicht lade ich den Zaren zu mir zum Tee ein!“
Er nahm die Keule in die rechte Hand, ging ins freie Feld und schleuderte sie in den Himmel. Dann saß er eine Stunde und zwei Stunden dort. Da sah er, wie die Keule heruntergeflogen kam. Er hielt den kleinen Finger der rechten Hand hin, die Keule fiel darauf und zerbrach in zwölf Teile. Dann ging er zum Adjutanten.
„Ach“, sagte er, „wie soll ich denn zum Zaren Tee trinken gehen? Geh, und richte ihm aus, daß ich nicht hinkomme. Soll der Zar erst eine Keule von dreihundert Pud schmieden lassen, mit sechs Zoll Silber darauf und aus ganz weichem Eisen! Denkt daran, wie das Badehaus, in das Ihr mich gesperrt habt! Dann komme ich zum Zaren Tee trinken!“
Und der Adjutant fuhr los. Er berichtete dem Zaren, daß die Keule zersprungen sei und daß Ko-sak Michailo gebeten habe, ihm eine Keule von dreihundert Pud mit sechs Zoll Silber darauf schmieden zu lassen.
Der Zar ließ dem Polizeichef durch den Adjutanten sofort den Befehl geben, die Schmiede zu verhaften und andere anzustellen. Der Polizeichef verhaftete die Schmiede und nahm andere. „Ach, Brüder“, sagte er zu ihnen, „wie wird es euch ergehen? Die anderen haben eine Gaunerei begangen, doch bemüht ihr euch, Brüder, erhaltet ihr auch eine Belohnung!“
„Wir werden uns bemühen, Euer Hochwohlge-boren, wir werden Euren Befehl so gut wie möglich ausführen!“
Sie begannen gleich zu schmieden, und sie schmiedeten und schmiedeten einen ganzen Tag. Dann brachten sie dem Polizeichef die Keule. Der Polizeichef brachte sie dem Zaren. Der Zar schickte den Adjutanten damit fort: „Nun fahre, Bruder! Und sag ihm, daß er unbedingt meine Bitte erfüllen und zu mir kommen soll!“
Der Adjutant fuhr mit den Arbeitern los, um die Keule hinzubringen.
Kosak Michailo trat heraus. „Seid gegrüßt, Ad-jutant!“ sagte er.
„Sei gegrüßt, Kosak Michailo!“
„Nun wie ist es, habt Ihr die Keule geschmiedet?“
„Haben wir, und wenn sie Euch auch diesmal nicht gefällt, macht mit mir, was Ihr wollt!“
„Nicht doch, du bist doch der Gesandte des Za-ren. Aber wo ist sie denn, die Keule?“
„Dort!“
„Laßt sie herbringen!“
Und sie brachten sie ihm. Kosak Michailo nahm die Keule in die rechte Hand, ging ins freie Feld hinaus und schleuderte sie zum Himmel hinauf. Dann saß er eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden und wartete.
Nach der vierten Stunde kam die Keule zurück. Kosak Michailo machte das rechte Knie krumm, die Keule fiel darauf und verbog sich nur etwas. Er nahm sie, drückte sie zurecht, griff sie mit der rechten Hand und schleuderte sie wieder zum Himmel hinauf. Dann wartete er wieder eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden, und in der fünften Stunde sah er, daß die Keule ihre größte Höhe schon erreicht hatte und auf die Erde zurückkehrte. Mit ihrem stumpfen Ende grub sie eine Grube von siebzig Sashen1 Durchmesser und eineinhalb Arschin Tiefe. Mit dem Stiel bohrte sie ein Loch von siebzig Sashen und blieb doch ganz. Kosak Michailo nahm sie in die rechte Hand, ging zum Adjutanten und sagte: „Zarendiener, ich danke Euch, daß Ihr die Keule geschmiedet habt. Fahrt zum Zaren und sagt ihm, daß ich um neun Uhr morgens zu ihm Tee trinken komme. Vorher aber gehe ich mein Väterchen und Mütterchen besuchen. Ich will nachschauen, ob sie noch leben und gesund sind oder schon tot. Von dort komme ich dann zum Zaren!“
Der Adjutant fuhr los und kam zum Zaren. „Ko-sak Michailo hat mir gesagt, daß er um neun Uhr morgens zu Euch kommen wird. Vorher aber wird er noch seine Eltern besuchen, da Kosak Michailo sechs Tage nicht bei ihnen war!“
Der Zar gab seinem Adjutanten einen Befehl für alle Divisionen und Divisionskommandeure. Aus jedem Regiment sollten alle Musikanten zusam-menkommen. Alle Soldaten sollten Paradeuniform anziehen und in jeder Gasse, mit Ausnahme der, durch die niemand geht, aufgestellt werden. Die Musikanten sollten in den nahegelegenen Straßen stehen und die Kommandeure daneben. So befahl es der Zar dem Adjutanten. Der Adjutant gab den Befehl an alle Divisionschefs, diese an die Re-gimentskommandeure, an die Zugführer, und so ging es immer weiter.
So wurden innerhalb eines Tages alle Truppen durch den strengen herrschaftlichen Befehl mobi-lisiert und aufgestellt. Als Kosak Michailo in die Stadt kam und man ihn bemerkte, machte man Meldung und gab diese an alle Regimenter weiter, und dann spielte die Musik einen Marsch. Die Sol-daten sangen, der Heerführer trat zu Kosak Michailo, salutierte und sagte: „Sei gegrüßt, Kosak Michailo!“
„Ich danke euch für den Empfang, Brüder!“
Der Adjutant des Zaren wandte sich an ihn: „Herr Kosak Michailo, der Zar heißt Euch will-kommen!“
„Ach, Bruder Zarendiener, ich hab dir doch gesagt, daß ich mein Väterchen und mein Mütter-chen besuchen muß. Du hast doch Arbeiter ge-schickt, um meine Knochen auszufegen, und mein Wort werde ich nicht brechen!“
Kosak Michailo ging. Er kam zu seinem Väterchen und Mütterchen, sie waren am Leben, aber schwach, und hatten niemand, der ihnen in ihrem Alter helfen konnte. Er sagte: „Seid gegrüßt!“ und küßte ihnen die Hand, dem Väterchen und dem Mütterchen. Sie freuten sich und wurden gleich gesund. Sie zogen ihn hinein und sagten, daß sie schon gar nicht mehr gehofft hatten, ihn lebend und gesund wiederzusehen.
„Ach, Väterchen und Mütterchen, ihr macht mir Spaß. Ein ganzes Menschenleben lang habt ihr gelebt und habt wenig Verstand in eurem Kopf. Ich habe euch doch gesagt, daß ich wiederkomme. Ich habe euch doch gesagt, daß ihr euer Alter in der Zarenfamilie verbringen und auch Diener-schaft haben werdet!“
Kosak Michailo lehnte seine Keule an ihre Hütte, ging hinein und setzte sich zum Mittagessen nie-der. Sie sahen, daß er Speisen aß, die sie noch nie gesehen hatten. Er lud sie zum Essen ein. Da setzten sie sich hin und aßen mit ihm. Dann bete-ten sie zu Gott und dankten ihrem lieben Sohn für das gute Essen. Er aber antwortete ihnen: „Ihr dankt Gott also mehr als mir. Geh, Väterchen, und hole mir meine Keule, sonst schleppt sie noch jemand weg!“
Der Alte ging hinaus, schaute sich die Keule an und bekam Angst. Er kam zurück und fragte: „Was steht denn da an meiner Hütte?“
Kosak Michailo lachte und sagte: „Ach, ich habe euch doch schon mal gesagt: Ein ganzes Men-schenalter habt ihr gelebt und habt doch wenig Verstand in eurem Kopf! Das ist meine Keule, mit der ich durch die Welt reisen und mir eine Frau suchen muß!“
Der Zar konnte es gar nicht erwarten, daß Ko-sak Michailo mit seinem Väterchen und seinem Mütterchen zu ihm kam. Der Adjutant mußte zu ihm gehen. Als Kosak Michailo ihn erblickte, trat er hinaus und sagte: „Gesandter des Zaren! Ich habe Euch doch gesagt, ich komme, also komme ich auch. Ich breche mein Wort nicht!“
Der Adjutant sagte: „Aber ich bin geschickt worden, also mußte ich fahren!“
„Nun, dann nimm mein Väterchen und mein Mütterchen, setz sie neben dich und reise mit ih-nen zum Zaren. Ich komme erst in einer Stunde.“
Der Adjutant fuhr mit dem Alten und der Alten los.
Er brachte die alten Leute in das Haus des Zaren und meldete dem Zaren, daß er sie auf Befehl des Kosak Michailo gebracht habe.
„Ich danke dir, Adjutant, du hast dir große Ver-dienste erworben. War er liebenswürdig? Vielleicht kannst du sie mir auch wieder vom Halse schaf-fen? Aber wenn Kosak Michailo befohlen hat, sein Väterchen und sein Mütterchen zu mir zu bringen, will er wohl, daß sie bei mir bleiben!“
Der Zar begrüßte sie: „Großväterchen und Großmütterchen, wie soll ich euch nur empfan-gen? Ich schätze euch doch so.“
Der Zar nahm das Großväterchen an der Hand und die Zarin das Großmütterchen, sie küßten sie und führten sie in ihr Haus und ließen verschiede-ne Speisen kommen. Da sagten der Großvater und die Großmutter: „Eure Zarenhoheit! Wir konnten unseren Sohn wirklich nicht mit herbe-kommen. Wenn wir ihm etwas sagen, dann ant-wortet er immer: ‚Ihr habt ein Menschenalter gelebt und habt doch so wenig Verstand in eurem Kopf.’“
Dann setzten sich die alten Leute zum Essen nieder. Nach einer halben Stunde erschien Kosak Michailo im Hause des Zaren. Niemand von der ganzen Armee, die aufgestellt war, hatte ihn kommen sehen. Und er sagte: „Brot und Salz. Ganz einfach.“
Der Zar antwortete: „Ich heiße Euch zum Essen willkommen. Doch weiß ich nicht, wer Ihr seid.“
„Ich bin Kosak Michailo, der Sohn dieser alten Leute, die mit Euch speisen.“
Der Zar erschrak, fiel auf den Boden und lag dort fünf Minuten. Kosak Michailo faßte den Zaren am Arm, hob ihn hoch und sagte: „Wovor habt Ihr in Eurem eigenen Hause Angst?“
Und er, der Zar, sagte nur: „Ich sah Euch nicht kommen und weiß auch nicht, wie Ihr zu mir he-reingekommen seid. Euer Wille geschehe, Kosak Michailo!“
„Nun denn, hoher Herrscher, ich verzeihe Euch, daß Ihr mich in solch ein Badehaus gesperrt habt, wo alle Teufel hausen. Ich will, daß Ihr mein Vä-terchen und mein Mütterchen mit denselben Spei-sen, mit derselben Kleidung versorgt wie Euch selbst und ihnen auch Diener gebt. Ich junger Bursche aber will hinaus in Gottes Welt gehen.“
Der Zar antwortete ihm: „Ich danke Euch für diesen kleinen Auftrag, Kosak Michailo.“
„Damit auf Wiedersehen, Eure Zarenhoheit! Ich gehe jetzt.“
„Brauchst du etwas für den Weg? Vielleicht hast du kein Geld?“ fragte der Zar.
„Ach, Eure Zarenhoheit, was fragt Ihr da? Ob ich kein Geld habe? Auf Wiedersehen! Ich gehe jetzt.“
Und damit ging er.
Nun ging er also. Ein Märchen läßt sich schnell erzählen, eine Sache aber nicht so schnell tun. Er kam zu dem Hirsefeld. Die Hirse war schon reif geworden und stand so dicht wie ein Wald. Kosak Michailo schleuderte seine Keule um sich, nahm die Halme auf, wand vier Garben zusammen und stellte sie über Kreuz auf. Dann setzte er sich un-ter die Garben und blieb dort still sitzen. Um Mit-ternacht hörte er plötzlich ein Pferd. Das Pferd kam zu dem Hirsefeld und begann von der Hirse zu fressen. Es fraß sich bis zu den Garben durch, blies die Nüstern auf, schnaufte und sprach mit menschlicher Stimme: „Ei, wer ist denn hier? Ich fürchte niemanden auf der Welt außer Kosak Mi-chailo. Kosak Michailo aber ist noch sehr jung, er kann noch nicht hier sein.“
Kosak Michailo saß schweigend da. Das Pferd wiederholte dieselben Worte und streckte dabei die Schnauze nach den Garben aus. Es fraß sie auf, und da ergriff Kosak Michailo es an der Mäh-ne. Er sah, daß es gesattelt und geschirrt war. Kosak Michailo faßte die Zügel, das Pferd bäumte sich auf und flog gen Himmel. Kosak Michailo setzte sich in den Sattel und ritt los. Es war ein richtiger Sattel, wie er für einen Recken sein muß-te. Er nahm die Keule in die rechte Hand und schlug das Pferd einmal. Der Schlag tat dem Pferd weh, und es sagte mit Reckenstimme: „Ist wirk-lich Kosak Michailo auf mir und niemand anders?“
Und das Pferd wurde dort oben sehr müde, es fiel nieder und fuhr bis zum Rücken in die Erde hinein. Es war nur noch der Rücken zu sehen. Da kletterte Kosak Michailo heraus und sagte zu dem Pferd: „Ich hole dich aus der Erde heraus. In dem und dem Zarenreich, in dem und dem Staate gibt es eine Zarentochter, eine preußische Königstoch-ter, eine sehr, sehr hübsche, es gibt keine schö-nere als sie auf der Welt. Können wir beide dort-hin reiten? Weißt du, Pferd, sie wohnt dort in einem besonderen Haus. Um dieses Haus ist eine starke Mauer, so daß kaum ein Vogel hinüberflie-gen kann. Können wir dort hinüber, Pferd?“
Das Pferd entgegnete: „Sag mir, wer du bist! Ich spüre, daß du Kosak Michailo sein mußt.“
Er lachte laut heraus, als das Pferd dies sagte. „Hast recht, er ist es.“
„Dann will ich dir auch sagen, daß ich über die Mauer fliegen kann. Die Zarentochter wird dich an den Händen fassen und dich in ihr Haus bitten. Du aber höre nicht auf sie, sondern zieh sie hinauf in den Sattel! Dann gib mir einen leichten Schlag, nicht so einen, wie eben!“
Da sagte Kosak Michailo zu dem Pferd: „Du hast mich, glaube ich, zu hoch hinauf getragen, doch verzeih mir das Schlagen, mein Pferd! Ich werde es nicht mehr tun.“
Er faßte das Pferd an der Mähne, zog es aus der Erde heraus und sagte: „Nun dann, Pferd, reiten wir zur Zarentochter.“
Das Pferd erklärte ihm, daß ihr Vater auch ein Reckenpferd habe. „Ihr Vater ist ein Recke und wird uns auf seinem Pferde nachjagen.“
Da sagte Kosak Michailo: „Dank dir, Pferd, daß du mir das gesagt hast, das habe ich noch nicht gewußt. Sag mir noch mehr, Pferd! Wird mich der Vater einholen?“
„Ja“, antwortete das Pferd.
„Aha, aber wird er mich besiegen?“
„Ja“, antwortete das Pferd.
„Oh weh!“
Kosak Michailo erschrak und dachte daran, daß er nun in einem fremden Lande sein Leben lassen müßte. Zuerst wollte er gar nicht losreiten. Aber dann dachte er: Man wird einmal geboren und muß auch einmal sterben. „Reiten wir los, mein Pferd, Gottes Wille geschehe!“
Und sie ritten los. Sie kamen in das Zarenreich, in den Staat, wo die Zarentochter, diese preußi-sche Königstochter, lebte. Er ritt zu dem Garten und sah die große starke Mauer.
Er gab dem Pferd einen leichten Schlag, das Pferd erhob sich in den Himmel und flog über die Mauer. Als die Zarentochter, diese preußische Kö-nigstochter, sie erblickte, lief sie zum Fenster, reichte ihm die rechte Hand und fragte: „Ach, hört und staunt! Ist der kühne Bursche selbst gekom-men, oder hat der Rabe seine Knochen gebracht?“
Er packte ihre Hand, ging aber nicht in ihr Zimmer, sondern hob sie zu sich auf den Sattel. Das Pferd schien von der Zarentochter gekränkt worden zu sein, als hätte sie ihm unanständige Worte gesagt. Es flog zurück. Mit den Vorderfüßen kam es über die Mauer, doch mit den hinteren be-rührte es sie. Es zerbrach die ganze Mauer in kleine Teile. Die ganze Stadt lag voller Ziegel, alle Bauten, außer dem Hause des Zaren.
Da wieherte das Reckenpferd in seinem Stall. Der Vater der Zarentochter war gerade beim Es-sen. Er ließ das Essen stehen und lief, nur im Hemd, hinaus.
„Ach, du mein Reckenpferd! Du hast mir mit Reckenstimme gesagt, daß meine Tochter, die preußische Königstochter, gestohlen und entführt worden ist. Sag mir ehrlich, Pferd, können wir sie einholen?“
„Ja“, antwortete das Pferd.
„Auch besiegen?“
„Ja, das können wir!“
Der Zar wandte sich an seinen Offizier, ergriff ein scharfes Schwert und jagte ihnen auf seinem Pferd nach. Er stieß auf Kosak Michailo. Kosak Mi-chailo hatte nicht gehört, daß er ihnen nachjagte, und der Zar nahm sein scharfes Schwert und schlug Kosak Michailo den Kopf ab. Dann zog er seine Tochter zu sich auf den Sattel, nahm Kosak Michailos Pferd und ritt wieder davon. Kosak Mi-chailo blieb tot an der Stelle liegen.
Der Zar kam nach Hause und setzte sich wieder hin, um Mittag zu essen. Als er fertig war, legte er sich schlafen. Die Zarentochter, die preußische Königstochter, hatte ein weiches Herz voller Mit-leid. Der Vater tat ihr leid, und auch dieser Bur-sche tat ihr leid. Sie dachte: Vielleicht gibt es gar keinen anderen als diesen, so, wie er war? Der Zar hatte Lebenswasser und Heilwasser. Als er noch seinen Reckenschlaf schlief, als sei er von einer Reise zurückgekehrt, nahm die Zarentochter, die preußische Königstochter, ihrem Vater die Schlüssel aus der Tasche, und der Vater merkte nicht, daß sie die Schlüssel nahm. Sie ging in den Keller und nahm von dem Heil- und von dem Le-benswasser.
Dann ging sie zu Fuß dorthin, wo der erschlagene Kosak Michailo lag. Sie legte seinen Kopf an die Adern, wie es sein mußte, und dann goß sie Heilwasser darauf. Da heilte gleich alles zusam-men. Dann goß die Zarentochter Lebenswasser auf ihn, und er wurde lebendig, stand auf und rief: „Ach, wie fest war ich eingeschlafen!“
Er hatte alles vergessen, auch warum er ge-kommen war. Plötzlich sah er das hübsche Mäd-chen sitzen. Er fragte sie: „Seid gegrüßt, wer seid Ihr, warum sitzt Ihr bei mir?“
„Weißt du etwa nicht mehr, wer ich bin, Kosak Michailo? Ich bin die Zarentochter, die preußische Königstochter, das hübsche Mädchen, und möchte deine Frau werden.“
Er antwortete: „Ja, als du mir das sagtest, habe ich dich gleich erkannt. Wo ist mein Pferd? Ach, du mein Gott, wo soll ich es finden?“
Er schaute in die andere Richtung. Da lag seine Keule, die richtige für ihn. Er sagte: „Ich danke Gott, daß meine Keule da ist. Vielleicht finde ich auch noch mein Pferd.“
Die Zarentochter, die preußische Königstochter, antwortete: „Auf diesem Pferde kannst du mich nicht bekommen, denn du mußt noch in Gottes Welt hinaus. Du warst schon verzaubert und getötet. Du mußt wieder in Gottes Welt gehen und leiden. Also, auf Wiedersehen!“
Sie verabschiedeten sich.
„Geh mit Gott! Doch was ich dir gesagt habe, ist noch nicht alles.“
„Ich bitte dich, sag mir alles, sag mir, wohin ich gehen soll!“
„In einem Zarenreich, in einem Staate, lebt die Hexe Baba-Jaga-Eisenbein. Sie hat drei Töchter. Diese drei Töchter können sich in verschiedene Tiere verwandeln. Verding dich bei ihr und hüte ihre drei Stuten!“
Er ging los. Er hatte furchtbaren Hunger. Da lief ihm ein Wolf über den Weg. Kosak Michailo sagte zu sich selbst: „Man müßte diesen Wolf töten und essen, denn von etwas muß ich mich ja ernäh-ren.“
Der Wolf hörte das und sprach: „Ach, Kosak Mi-chailo, schlag mich nicht und verdirb mich nicht. Ich will dir auch helfen, wenn du in Not bist!“
Da tat ihm der Wolf leid, und er ging weiter. Er wollte zwar etwas essen, aber er ging weiter. Schnell läßt sich ein Märchen erzählen, aber nicht schnell eine Sache tun. Da lief ihm ein Hase über den Weg. Er wollte ihn töten und aufessen. Der Hase aber sagte mit menschlicher Stimme zu ihm: „Schlag mich nicht, verdirb mich nicht, ich will dir auch helfen, wenn du in Not bist!“
Da ging Kosak Michailo weiter. Er wollte zwar gern etwas essen, ging aber weiter. Er kam ans Meer und wollte hinüber. „Ach, Herrgott, ich will mich hinsetzen und etwas ausruhen“, dachte er, setzte sich hin, um auszuruhen, und schlief ein. Er schlief drei Tage lang.
In dieser Zeit kam ein starker Sturm auf, und ein Walfisch schwamm durch das Meer. Plötzlich hörten die Wellen auf, der Walfisch blieb quer zum Meer liegen und konnte sich nicht mehr in Sicherheit bringen. Da sagte Kosak Michailo: „Ach, Herrgott, ich will diesem Fisch den Kopf abhauen, und mich daran stärken für den ganzen Weg.“
Als er seine Keule nahm, um den Kopf abzu-schlagen, sagte der Walfisch: „Ach, Kosak Michailo, schlag mich nicht, verdirb mich nicht, ich will dir auch helfen, wenn du in Not bist! Du siehst ja, daß ich dir schon jetzt helfen kann, auf die andere Seite zu kommen.“
Kosak Michailo wurde von dem Wal auf die an-dere Seite getragen. Dann sagte er: „Ach, ich muß ihn wieder ins Meer zurücklassen“, packte ihn am Schwanz und warf ihn ins Meer zurück. Dann ging er weiter. Er kam zur Hexe Baba-Jaga-Eisenbein und sagte: „Guten Tag!“
„Sei gegrüßt, Bursch, wohin führt dich Gott?“
Er sagte zu ihr: „Großmütterchen, ich suche Ar-beit.“
„Was willst du dafür haben, Geld, Brot, Klei-dung oder noch etwas anderes?“
„Ach, Großmütterchen, das kann ich erst sagen, wenn ich bei Euch gedient habe. Aber sagt mir, was Ihr für Arbeit habt; ist sie auch nicht zu schwer für mich?“
„Ach nein, junger Bursche, es wird nicht zu schwer sein. Du brauchst bei mir nur drei Tage lang drei Stuten zu hüten.“
„Gut, Großmütterchen“, antwortete er, „das kann ich vielleicht tun.“
„Nun, dann bleib! Hier hast du das Abendbrot, übernachte hier und steh morgen früh auf! Heute will ich dir aber noch zeigen, wo meine Stuten stehen.“
Sie zeigte es ihm.
„Nun leg dich schlafen, junger Bursche!“
Er legte sich schlafen und schlief gleich ein. Am anderen Morgen stand er auf und ging zur Scheu-ne. Er öffnete die Scheune, und da standen die Stuten. Ja, sie waren hungrig, und er trieb sie fort. Das hörte die Alte. „Ach, du guter Bursche! Warum jagst du sie ohne Futter fort und nimmst dir selbst nichts mit? Hier hast du wenigstens eine Pastete!“
Er nahm die Pastete und trieb die Stuten los. Er trieb sie in die grünen Wiesen, zu den seidigen Gräsern an den Quellwässern, dann breitete er seinen Kaftan aus und legte sich schlafen. Er aß seine Pastete, und als er sie gegessen hatte, schlief er ein. So schlief er zwei Stunden lang. Da erwachte er, schaute um sich und sah, daß die Stuten nicht mehr da waren. Er lief im Recken-schritt und -tritt in alle vier Richtungen, ging un-gefähr fünfzig Werst, aber es waren keine Stuten zu finden. So stand er da und weinte. Da kam der Wolf gelaufen. „Ach, Kosak Michailo, warum weinst du, warum heulst du?“
„Wie sollte ich nicht weinen und heulen, wo ich solch ein Unglück habe. Meine Stuten, die ich zum Hüten bekommen habe, sind nicht mehr da.“
Da sagte der Wolf: „Aha, aber ich weiß, wo dei-ne Stuten sind. Du kannst sie nicht finden. Bleib hier an dieser Stelle stehen! Sie waren Stuten, jetzt sind sie Wölfinnen! Bleib hier an dieser Stelle stehen, nimm einen blauen Stein und wirf ihn auf sie, wenn ich sie heranjage!“
So stand er dort. Da jagte sie der Wolf ihm zu. Sie standen auf den Hinterpfoten, die Wölfe, die-ses Getier.
Kosak Michailo nahm einen blauen Stein, warf nach ihnen und sagte: „Wölfinnen wart ihr, ver-wandelt euch jetzt in Stuten!“
Wie sie Wölfinnen gewesen waren, so verwandelten sie sich jetzt in Stuten.
Er setzte sich auf eine, ritt los und gab ihnen seine Keule zu kosten. Da stöhnten sie aber!
Als er zu Hause ankam, trat die Hexe Baba-Jaga-Eisenbein heraus und fragte, ob den Stuten nichts zugestoßen sei und wo er denn gewesen sei, daß er so spät mit ihnen nach Hause komme. „Bald geht die Sonne unter, ich habe dir aber be-fohlen, nicht zu spät zu kommen. Doch, guter Bursche, das erste Mal will ich dir verzeihen. Mor-gen bemühe dich aber, früher zu kommen!“
Er brachte die Stuten in den Stall, die Hexe Ba-ba-Jaga gab ihm Abendbrot und schickte ihn ins Bett. „Leg dich hin, guter Bursche, schlaf, ruh dich aus, du bist müde!“
Er aß Abendbrot, betete zu Gott und legte sich schlafen.
„Aber ich sage dir, guter Bursche, schlaf nicht zu tief, damit dich niemand wegschleppt!“
„Geh, Alte!“ sagte er zu ihr.
Als sie gegangen war, kam das Hündchen dieser Alten, aus schwarzer Wolle und von kleinem Wuchs, und sagte: „Sei gegrüßt, Kosak Michailo, guter Bursche!“
Da wunderte er sich: „Herrgott, woher mag er wissen, daß ich Kosak Michailo bin?“
„Ich will dir sagen, was die Hexe Baba-Jaga jetzt macht. Sie bestraft in der Badestube ihre Töchter. Wenn du prüfen willst, ob das wahr ist, dann geh und schaue nach.“
Er ging zur Badestube, öffnete das Fensterchen und schaute vorsichtig hinein, daß ihn die Hexe nicht sah. Diese schlug ihre mittlere Tochter und befahl ihr: „Wenn auch die älteste, dieser Schelm, ihr Wort gebrochen hat, du Bestie brich es nicht! Ihr sollt zu Häsinnen werden und in den dunklen Wald laufen, so weit weg wie der gestrige Tag. Er darf euch dort nicht finden!“
Die mittlere antwortete: „Ich höre, Mütterchen, ich will es tun!“
Kosak Michailo ging fort und legte sich schlafen, und er schlief, als wäre er nirgendwo gewesen.
Als Gott den Tag schickte, verfuhr er wieder in der alten Weise: er stand auf, nahm die Zügel und ging in die Scheune. Er schirrte die Stuten an, saß auf und wollte losreiten. Das hörte die Hexe Baba-Jaga. „Ach, du guter Bursche, was jagst du los, ohne gegessen zu haben? Du willst doch bestimmt essen?“
„Ach, Großmütterchen, vielleicht will ich heute nicht essen. Ich habe gestern gut Abendbrot ge-gessen.“
„Nein, nimm, hier hast du eine Pastete, iß sie, wann du willst.“
Er wollte sie nicht nehmen, nahm sie aber dann doch. Nun ritt er in die grünen Wiesen, zu den seidigen Gräsern an den Quellwässern. Die Stuten liefen umher. Er schaute die Pastete an und wollte sie so gern essen. Dann nahm er sie und aß sie doch. Als er sie gegessen hatte, schlief er ein, und so schlief er drei Stunden lang. Als er erwachte und um sich schaute, waren keine Stuten mehr da. Er rannte im Reckenschritt und -tritt in vier Richtungen und ging etwa fünfzig Werst, aber er fand keine Stuten. Da stellte er sich hin und wein-te. Plötzlich kam der Hase zu ihm gelaufen. „War-um weinst du, guter Bursche, warum heulst du?“
„Wie sollte ich nicht weinen und heulen, wenn mir solch ein Unglück passiert ist? Die Stuten, die ich hüten sollte, sind nicht mehr da.“
Der Hase sagte zu ihm: „Aha, aber ich weiß, wo deine Stuten sind. Du kannst sie nicht finden.
Bleib hier an dieser Stelle stehen. Sie waren Stu-ten, jetzt sind sie Häsinnen. Bleib an dieser Stelle stehen, nimm einen blauen Stein und wirf ihn auf sie, wenn ich sie heranjage.“
Sie gingen zu zweit weiter, dorthin, wo Kosak Michailo gestern gewesen war. An dieser Stelle blieb er stehen. Plötzlich jagten die Hasen herbei und standen auf den Hinterfüßen. Er nahm einen blauen Stein, warf ihn auf sie und sagte: „Häsin-nen wart ihr, werdet jetzt zu Stuten!“
So wie sie vorher Häsinnen waren, so wurden sie jetzt zu Stuten. Er setzte sich auf sie und ritt nach Hause, dabei gab er ihnen seine Keule zu kosten. Da stöhnten sie aber! Als er ankam, war die Sonne gerade untergegangen, und die Hexe Baba-Jaga trat heraus und sagte: „Ach, guter Junge, du versiehst deinen Dienst schlecht und bringst die Stuten spät! Aber heute will ich dir noch einmal verzeihen, paß auf, daß du morgen nicht zu spät kommst, sonst ist deine Arbeit hier vorbei, und ich werde dir nichts bezahlen! Nun leg dich schlafen und geh nirgendwo hin, ich werde mich in der Badestube waschen.“
Die Hexe Baba-Jaga nahm drei Fuhren Eisenru-ten mit sich in die Badestube und zerschlug sie alle drei an ihrer mittleren Tochter. Dann befahl sie der jüngsten: „Ach du, dir befehle ich zum letzten Mal, zu Fischweibchen zu werden und ins dunkle Meer auf den Grund zu gehen. Geh an dei-nen Platz!“
Da gingen sie und stellten sich wieder in die Scheune. Als Gott den Tag gab, stand Kosak Michailo auf, betete zu Gott, nahm die Zügel, ging in die Scheune und schirrte die Stuten an. Dann setzte er sich auf eine und wollte losreiten. Das hörte die Alte. „Ach, du Bursche, was reitest du los, ohne gegessen zu haben? Du weißt doch, daß man essen muß. Ich habe zwar geschlafen, bin nicht gesund, will aber auch essen. Da hast du eine Pastete, iß sie, wann du willst.“
Er wollte sie nicht nehmen, nahm sie dann aber doch. Nun ritt er in die grünen Wiesen, zu den seidigen Gräsern an den Quellwässern. Er nahm die Pastete, warf sie fünfzig Werst fort und dach-te: Wenn ich sie nicht sehe, dann werde ich sie auch nicht essen wollen! Dann breitete er seinen Kaftan aus und legte sich schlafen. Aber er bekam Hunger, schlimmer als je zuvor. Da ging er los, im Reckenschritt und -tritt. Er hob die Pastete auf und aß sie. Als er sie gegessen hatte, schlief er direkt auf dem Wege ein, ohne zu seinem Kaftan gekommen zu sein. So schlief er drei Stunden, und als er aufwachte, da waren die Stuten nicht mehr da. Er rannte im Reckenschritt und -tritt in alle vier Richtungen etwa fünfzig Werst, aber kei-ne Stuten waren zu sehen. Er kam zum dunklen Meer und weinte. Plötzlich tauchte der Walfisch auf. „Warum weinst du, Kosak Michailo, warum heulst du?“
„Wie sollte ich nicht weinen und heulen? Den letzten Tag diene ich, und nun sind die Stuten nicht mehr da, und die Sonne geht schon unter.“
Da antwortete ihm der Walfisch: „Siehst du, jetzt brauchst du mich. Sie waren Stuten, jetzt sind sie Fischweibchen geworden und liegen auf dem Grund des dunklen Meeres. Bleib an dieser Stelle stehen, nimm einen blauen Stein und wirf ihn auf sie, wenn sie heranjagen.“
Da stand er nun, und sofort jagten sie herbei. Er nahm einen blauen Stein, warf ihn auf sie und sagte: „Fischweibchen wart ihr, werdet jetzt zu Stuten!“
So, wie sie vorher Fischweibchen waren, so wurden sie jetzt zu Stuten. Er legte ihnen Zügel an, setzte sich auf die jüngste und gab ihnen sei-ne Keule zu kosten, und am meisten der jüngsten. Als er dann zum Tor kam, war die Sonne schon lange untergegangen.
„Ach, mein Lieber“, sagte die Hexe, „es ist spät.“
„Mütterchen, es ist der letzte Abend, ich habe schön gehütet!“
„Nun, Gott mit dir, geh Abendbrot essen und leg dich schlafen. Ich gehe in die Badestube und wasche mich. Bleib aber auf dem Hof! Wenn ich mich nicht wasche, dann kann ich heute nicht schlafen.“
Er legte sich schlafen. Die Alte aber nahm drei Fuhren Eisenruten mit sich in die Badestube. Das Hündchen kam zu Kosak Michailo, bellte und sag-te: „Ach, Kosak Michailo, du schläfst. Schlaf nicht, sondern geh und schau, was die Alte ihren Töch-tern befiehlt!“
Er stand auf und ging zur Badestube. Er trat an das Fensterchen und schaute hinein. Die Hexe Baba-Jaga schlug und schlug ihre Töchter und sagte dann zur ältesten: „Komm her, du Tochter einer Hündin! Spuck drei Hengste aus mit gleicher Stimme, mit gleichen Haaren, mit goldener Mähne und mit silberner Mähne!“ Sie spuckte sie aus.
Dann sagte sie zu der mittleren: „Komm her, du Tochter einer Hündin, spuck drei Hengste aus mit gleicher Stimme, mit gleichem Haar, mit gol-dener Mähne und mit silberner Mähne!“ Sie spuckte sie aus.
Dann rief sie die jüngste Tochter: „Und du spuck zwei Hengste aus und danach einen räudi-gen, buckligen und mißlungenen!“
Sie spuckte zwei Hengste mit gleicher Stimme, gleichen Haaren, goldener Mähne und silberner Mähne und einen dritten, buckligen, räudigen und mißlungenen aus. Dann nahm die Alte diesen acht Hengsten die Kraft fort und legte sie in den räudi-gen hinein. Kosak Michailo sah das, lief zurück und legte sich schlafen. Die Alte führte die acht Hengste und die Stuten hinaus und stellte sie auf, den neunten Hengst stellte sie in einen engen Stall. Kosak Michailo schlief die Nacht durch, stand früh auf, wusch sich, betete zu Gott und wartete, bis die Hexe Baba-Jaga aufstehen würde. Die Alte stand auf. „Nun, guter Bursche, was willst du für deine Arbeit haben?“ fragte sie. „Du hast nicht gut gedient, aber ich verzeihe dir. Was willst du, Geld oder etwas anderes?“
„Ach, Mütterchen, für Geld bringt mich nur je-mand um.“
„Was willst du dann?“
„Ich möchte von Euch einen kleinen Hengst ha-ben, Mütterchen.“
„Nun, Hengste habe ich acht Stück. Die sind nicht übel. Nur der neunte ist ein ganz elendes Tier. Wähl dir also von den acht einen aus, den du möchtest.“
„Gut.“
Die Alte öffnete den Pferdestall, und da standen die Hengste, mit gleichen Haaren, gleicher Stim-me, mit goldener Mähne und mit silberner Mähne. Auch der neunte, der mißlungene, räudige und blinde, stand da. Da sagte sie: „Nimm dir einen von den acht, der andere ist mißlungen.“
Er aber antwortete: „Ach, Großmütterchen, be-haltet die guten. Ihr wart ja sowieso nicht zufrie-den mit meinem Dienst, also Gott mit Euch, ich nehme den schlechtesten.“
„Aber nein“, sagte sie, „nimm einen von diesen acht, ich verzeihe dir.“
„Ach laß nur, auch der wird für mich in Ordnung sein.“
„Nun schade“, sagte sie, „du wirst mit ihm um-kommen, aber ich werde ihn dir schon geben müssen.“
So stritt sie und stritt und gab ihm doch schließlich den Hengst. Er nahm ihn mit. Er führte ihn hinweg, kam zum Meer und wollte sich auf den Hengst setzen. Da sagte der Hengst: „Setz dich noch nicht auf mich, Kosak Michailo, mach keine Dummheiten. Ich bin noch zu jung, ich halte dich nicht aus. Leg dich schlafen, mich aber laß Muttermilch saugen. Dann werde ich mehr Kräfte bekommen.“
Kosak Michailo legte sich schlafen, und das Pferd, der Hengst, ging Muttermilch saugen. Kosak Michailo schlief drei Tage, und der Hengst saugte drei Tage lang Muttermilch. Plötzlich kam er angelaufen, und es war, als zittere die Erde.
Kosak Michailo stand auf, schaute um sich, er-griff seine Keule, wollte sie schleudern und das Pferd töten. Da bäumte sich das Pferd auf und sprach zu ihm mit Reckenstimme und Pferde-schnaufen: „Ach, Kosak Michailo! Schlag mich nicht und verdirb mich nicht, ich bin doch dein Pferd. Du kannst jetzt auf mir sitzen und reiten und wirst deine Braut bekommen.“
Kosak Michailo wurde lustig. „Gott sei Dank, daß ich jetzt losreiten kann“, sagte er. Er faßte das Pferd am Zügel, setzte sich darauf und erklär-te ihm: „In einem Zarenreiche, in einem Staate, gibt es eine Zarentochter, eine preußische Königs-tochter, die lebt in einem Weingarten, getrennt von ihrem Vater und ihrer Mutter. Der Garten ist mit einer so hohen Mauer umgeben, daß selten ein Vogel darüberfliegen kann. Können wir beide hinüberfliegen, mein Pferd?“
Das Pferd antwortete: „Ja, das können wir!“
„Der Zar hat auch solch ein Reckenpferd und ist selbst ein Recke, kann er uns beide einholen?“
„Ja, das kann er!“ sagte das Pferd.
„Kann er uns auch besiegen?“
„Nein, das kann er nicht!“
„Gut, ich danke dir! Gott sei Dank, daß er es nicht kann.“
„Nur, geh nicht zu ihr ins Zimmer, sondern zie-he sie zu dir auf den Sattel und schlage mich mit einem leichten Schlag!“ sagte das Pferd.
Er setzte sich aufs Pferd und ritt los. Als er zu dem Garten kam, gab er dem Pferd einen leichten Schlag, und es übersprang die Mauer, sprang zu der Zarentochter, der preußischen Königstochter, hinüber. Diese sah es und sagte: „Ach hört und staunt! Ist der kühne Bursche selbst gekommen, oder hat der Rabe seine Knochen gebracht?“
„Nein“, sagte er, „nicht der Rabe hat meine Knochen gebracht, sondern der kühne Bursche ist selbst gekommen.“
„Nun will ich Euch ins Zimmer bitten“, sagte die Zarentochter.
„Nein, ich bitte Euch zu mir auf den Sattel.“
Er faßte sie an der rechten Hand und setzte sie in den Sattel. Das Pferd ärgerte sich gleich, als ob ihm die Zarentochter unanständige Wörter gesagt hätte, und flog los. Das Pferd, das im Pferdestall stand, wieherte mit Reckenstimme. Der Zar schlief zu dieser Zeit. Er stand auf, zog sich die Pantoffeln an und lief hinaus, nur mit dem Hemd bekleidet und mit nichts weiter. „Ach, du mein Reckenpferd, warum wieherst du, warum rufst du mich?“
„Ihr schlaft, und unsere Königstochter ist schon lange entführt worden. Sie sind schon lange fort-geflogen.“
„Was denn, können wir sie einholen, mein Pferd?“
„Ja, das können wir!“
„Und besiegen?“
„Nein, das können wir nicht!“
Da wurde der Zar traurig. Was soll nun werden? Einholen können wir sie, aber besiegen können wir sie nicht, das heißt, ich muß mein Leben las-sen. Da kann man nichts tun. Er ging in sein Zimmer, zog sich an, nahm ein scharfes Schwert mit, sattelte sein Pferd und ritt los. Als er auf Ko-sak Michailo stieß, zog er sein scharfes Schwert aus der Scheide, nahm es in die rechte Hand und holte aus, um Kosak Michailo den Kopf abzuschla-gen. Kosak Michailo merkte nichts. Da schlug sein Pferd mit dem Hinterbein aus und erschlug das andere Pferd. Kosak Michailo spürte den Stoß und drehte sich um, aber sie waren schon zehn Werst von dort entfernt.
„Holen sie uns wirklich ein, mein Pferd?“
„Ja doch.“
„Was war denn das für ein Stoß?“
„Da habe ich mit dem rechten Bein das Pferd erschlagen. Der Zar selbst ist noch unter den Le-benden.“
„Kehr zurück, mein Pferd, ich werde auch ihn besiegen.“
Das Pferd kehrte dorthin zurück. Als Kosak Michailo auf den Zaren traf, schlug er ihn im Vorbei-reiten! Und da schlief der Zar auf der Stelle ein. Er kam nicht mehr dazu, sich zu verteidigen. Dann ritt Kosak Michailo los. Er ritt und ritt und ritt und kam schließlich auf ein freies Feld bei sei-nem Zarenreich, auf ein gewaltiges Feld. Das ganze Feld war mit den Kriegern eines geschlagenen Heeres bedeckt. Das Pferd watete bis zu den Fes-seln im Blut. Er ritt in die Mitte des Feldes und fragte: „Ach, ihr Herren von der Kavallerie, ihr Krieger des russischen Zaren, wer ist hier er-schlagen und wer nicht? Antwortet mir und sagt, wer dieses Heer besiegt hat.“
Die, die noch nicht ganz tot waren, antworte-ten: „Dieses Heer hat der Recke Truchon geschla-gen.“
„Und mit wem schlägt und rauft er sich?“
„Mit der alten Hexe Baba-Jaga.“
„Worum schlagen und raufen sie sich denn?“
„Er will die alte Hexe Baba-Jaga erschlagen und ihre Tochter heiraten.“
„Und wann haben sie sich geschlagen?“
„Um neun Uhr morgens“, wurde geantwortet.
Er nahm die Uhr heraus, schaute darauf und ritt los. Er ritt und ritt und ritt. Das Märchen läßt sich schnell erzählen, aber eine Tat kann man nicht so schnell vollbringen. Er kam zu einem anderen Feld, einem noch größeren, dort lag ein noch grö-ßeres Heer. Das Pferd ging schon bis zu den Knien im Blut. Er ritt in die Mitte des Feldes und fragte: „Ach, ihr Herren von der Kavallerie, ihr Krieger des russischen Zaren! Wer ist hier erschlagen und wer nicht? Antwortet und sagt mir, wer dieses Heer besiegt hat!“
Ein nicht Erschlagener antwortete: „Das hat der Recke Truchon besiegt.“
„Und mit wem schlägt und rauft er sich?“
„Mit der alten Hexe Baba-Jaga.“
„Worum schlagen und raufen sie sich?“
„Er will die alte Hexe Baba-Jaga erschlagen und ihre Tochter zur Frau nehmen.“
„Ein Dummkopf ist er, darauf verwendet er so viel Kraft. Wann haben sie sich geschlagen?“
„Um zehn Uhr morgens.“
Er nahm seine Uhr heraus, schaute darauf und ritt los. Er ritt und ritt und ritt. Das Märchen läßt sich schnell erzählen, aber eine Tat kann man nicht so schnell vollbringen. Er kam zu einem drit-ten Feld. Es war ein noch größeres, und dort la-gen noch mehr Krieger. Das Pferd watete schon bis zum Bauche im Blut. Er ritt in die Mitte dieses Feldes und fragte: „Ach, ihr Herren von der Kaval-lerie, ihr Krieger des russischen Zaren, wer ist hier erschlagen und wer nicht? Antwortet und sagt mir, wer dieses Heer besiegt hat!“
Einer, der nicht erschlagen war, antwortete: „Das hat der Recke Truchon besiegt!“
„Und mit wem schlägt und rauft er sich?“
„Mit der alten Hexe Baba-Jaga.“
„Worum schlagen und raufen sie sich?“
„Er will die alte Hexe Baba-Jaga erschlagen und ihre Tochter zur Frau nehmen.“
„Ein Dummkopf ist er! Darauf verwendet er so viel Kraft! Wann haben sie sich geschlagen?“
„Um elf Uhr morgens.“
Er ritt weiter, trieb sein Pferd noch mehr an und kam zur Wohnung des Recken Truchon. Dessen Pferd weidete unter einem Fenster. Truchon selbst aß Mittag. Kosak Michailo stieg von seinem Pferd und dachte: Wie kann ich wissen, wer von uns stärker ist? Ich will es einmal erproben.
Er ließ sein Pferd auf das Pferd des Recken Tru-chon los, und als Kosak Michailos Pferd aus den Nüstern blies, lief das andere Pferd ungefähr drei Werst weit weg, und Kosak Michailos Pferd mach-te sich daran, das Futter des anderen Pferdes zu fressen. Kosak Michailo amüsierte sich. Er ging in das Haus des Recken Truchon. Dessen Keule stand im vorderen Zimmer. Kosak Michailo nahm sie in die linke Hand und seine eigene in die rech-te und schlug die eine gegen die andere. Dann sagte er: „Wessen Keule zerbricht, der ist selbst auch schlechter.“ Die Keule des Recken Truchon ging entzwei wie eine Erbse.
Der Recke Truchon, der gerade aß, hörte das. Er schaute aus dem Fenster, sein Pferd war da-vongejagt, und ein fremdes fraß das Futter. Er schrie: „Wer ist in meinem Hause? Ich fürchte niemanden auf der Welt außer Kosak Michailo. Aber ich habe gehört, daß er nicht mehr unter den Lebenden ist.“
Er drehte sich um, um hinauszulaufen, aber da stand Kosak Michailo. Truchon fragte: „Ach hört und staunt! Bist du selbst gekommen, guter Bur-sche, oder hat der Rabe deine Knochen herge-bracht? Sage mir ehrlich, wer du bist! Ich bitte dich, mit mir zusammen zu Mittag zu essen.“
Kosak Michailo antwortete ihm: „Das mußt du selbst herausbekommen, Recke Truchon.“
Sie nahmen sich an der Hand und gingen Mittag essen. „Du scheinst Kosak Michailo zu sein, aber ich glaube, du warst erschlagen?“
Er antwortete ihm: „Wirklich, ich war erschla-gen.“
Sie nahmen sich an der Hand, und Kosak Mi-chailo ging mit Truchon. Sie aßen zu Mittag, tran-ken Reckengetränke und führten Reckengesprä-che. Kosak Michailo sagte zu seinem Pferd: „Ach, du mein Pferd, iß auch du! Wir werden uns mit-einander vertragen, von uns gibt es so wenige.“
So aßen sie, und die Pferde fraßen gemeinsam Reckenfutter. Kosak Michailo sagte: „Weißt du, ich will dir etwas sagen: Wir reiten nach dem Mittag-essen gemeinsam auf das freie Feld und versu-chen, einander einen Schlag zu geben. Dann wer-den wir sehen, wer von uns der Stärkere ist.“
Und so ritten sie auf ihrem Pferd, jeder auf sei-nem. Als sie auf dem Feld waren, fragte Truchon: „Wer von uns wird vorn stehen und wer wird weg-reiten?“
Kosak Michailo antwortete: „Ich werde vorn stehen, du aber reite davon, so weit dein Pferd kann, und schone mich nicht, damit wir die Wahr-heit ohne Fehler erfahren.“
Der andere ritt davon, nahm einen Anlauf, so weit es sein Pferd schaffen konnte, schoß dann los und schlug auf Kosak Michailo ein. Danach ritt er davon. Kosak Michailo stand da, wie er stand. Er fragte sein Pferd: „War hier jemand?“
Das Pferd antwortete ihm: „Da muß eine Mücke gekommen sein. Sie hat gesummt und ist wieder zurückgeflogen.“
Da lachte Kosak Michailo, war lustig und sagte zu seinem Pferd: „Es muß wirklich so sein, daß keiner stärker ist als wir in Gottes weiter Welt.“
Da freute er sich. Als Truchon angeritten kam, sein Pferd anhielt und stehenblieb, fragte er: „Konntet Ihr erfahren, wieviel Werst Ihr von mir fortgeritten seid?“
Der Recke Truchon sagte: „Ich bin dreißig Werst davongeritten.“
„Hast du mich mit allen Kräften, ohne mich zu schonen, geschlagen?“
Der Recke Truchon sagte: „Ja, ich habe zuge-schlagen, ohne dich zu schonen.“
„So bleib jetzt du stehen, und ich werde reiten.“
Kosak Michailo ritt nicht dreißig Werst, sondern nicht mehr als zehn und ritt auch ganz im Marsch-schritt. Er nahm ein Tuch aus der Tasche, ritt ganz nahe an den Recken Truchon heran und we-delte mit dem Tuche – da wäre Truchon bald vom Pferd gefallen und sagte: „Ach, Kosak Michailo, dein Wille geschehe, mach, was du willst. Wir sind zwei, und ich bin jünger als du, und der dritte hat-te noch keine Zeit für dich. Ich bitte dich loszurei-ten und dich mit dieser Hexe Baba-Jaga-Eisenbein für mich zu raufen.“
„Gut, Recke Truchon! Ich höre auf dich, ich rei-te, ich werde mich mit der alten Hexe Baba-Jaga raufen. Vielleicht ist sie auch stärker als ich.“
Und er ritt los. Als er ins freie Feld kam, kam sie auch. Sie trafen zusammen. Er sah ihr nicht in die Augen und sagte: „Ach, Mütterchen, wie sollen wir uns beide raufen? Im Grase ist es nicht schön. Blase mal nach allen vier Seiten, Alte, damit hier alles blank wird!“
Die Alte blies nach allen vier Seiten, und das Feld wurde ganz blank. Sie blies die Büsche und alles weg.
„Ach, Recke Truchon (sie wußte nicht, daß er es nicht war), das wird uns auch nicht angenehm sein. Blas mal Sand hier auf diese Felder!“
Als er Sand dorthin geblasen hatte, begannen sie sich zu raufen. Sie schlug mit ihrer Kelle, er aber schlug sie mit seiner Keule. Er schlug die alte Hexe Baba-Jaga bis zum Gürtel in die Erde. Da begann sie ihn zu bitten: „Ach, Recke Truchon, wenn sich die Zaren und die Könige schlagen, können sie sich auch verschnaufen, du aber läßt uns nicht verschnaufen.“
Er antwortete ihr: „Nein, Alte, ich möchte nicht verschnaufen und lasse dich auch nicht ver-schnaufen!“
Dann schlug er die Alte bis zum Hals in die Er-de, schlug ihr den Kopf ab, riß den Rumpf heraus und verbrannte ihn zu Asche. Die Asche verstreu-te er und ritt zu dem Recken Truchon zurück. „So, Recke Truchon, deine alte Hexe Baba-Jaga habe ich erschlagen.“
„Aber Kosak Michailo, was machen wir denn mit der Tochter? Soll sie für mich bleiben, oder nimmst du sie dir?“
Kosak Michailo antwortete: „Du weißt ja, daß ich schon eine Frau habe und keine andere mehr brauche, mir genügt eine. Nimm du sie dir, du kannst sie alle drei haben.“
Der Bursche Truchon lachte und sagte: „Ein Freund ist mehr wert als ein leiblicher Bruder. Ein leiblicher Bruder kann nicht so teilen wie Kosak Michailo. Auf Wiedersehen. Ich danke dir!“
„Lebe wohl mit diesen schönen Mädchen. Ich will meine Zarentochter heiraten und mit ihr leben!“
Sie verabschiedeten sich, und jeder ritt in seine Gegend, da lebten sie gut und wurden reich.

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