Iwan Zarewitsch und Blauäuglein, die Heldenjungfrau

Das ist auf dem Meere gewesen, auf dem Ozean; auf der Insel Kidan, da steht ein Baum, der hat goldene Wipfel, und auf diesem Baum geht der Kater Bajun umher; geht er nach oben, singt er ein Lied, und geht er nach unten, erzählt er Märchen. Das wäre ein Spaß und ein Vergnügen, da zuzusehen. Das ist noch nicht das Märchen, sondern erst die Einleitung; das Märchen kommt erst. Dieses Märchen wird von Morgen bis Nachmittag dauern, bis nach dem weichen Vesperbrot. Jetzt nun wollen wir das Märchen beginnen.
Es war in irgendeinem Zarenreich, einem frem-den Staat, da lebte ein Zar mit seiner Zarin. Der Zar und die Zarin hatten drei Söhne. Der älteste Sohn hieß Fjodor Zarewitsch, der zweite Sohn Wassili Zarewitsch, und der jüngste Sohn hieß Iwan Zarewitsch.
Dieser Zar veranstaltete ein Fest für alle Welt. Er hatte zu seinem Fest Fürsten und Bojaren und kühne Recken eingeladen. „Wer von euch würde, ihr Burschen, durch dreimal neun Länder ins zehnte Reich reisen, zur Jungfrau Blauäuglein? Würde von dieser Jungfrau Blauäuglein Wasser des Lebens und den Krug mit den zwölf Schnep-pen holen? Ich würde diesem Reiter ein halbes Reich verschreiben und einen halben Edelstein.“ Bei diesem Fest versteckt sich der Große hinter dem Mittleren, und der Mittlere versteckt sich hin-ter dem Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt keine Antwort. Da tritt sein ältester Sohn Fjodor Zarewitsch vor und sagt: „Wir haben keine Lust, das Reich fremden Leuten zu geben. Ich will diese Fahrt machen, diese Dinge holen und dir, Vater, geben.“ – „Nun, liebes Kind! Möge unser eigenes Gut uns auch zuteil werden.“ Also schön; Fjodor Zarewitsch geht nun durch die Pferdeställe, wählt sich ein Pferd, das noch keiner geritten, zäumt es mit einem Zügel, der noch kein Pferd gezäumt, nimmt eine Peitsche, die noch keiner geschwun-gen, legt ihm zwölf Gurte und einen an, nicht des schönen Aussehens wegen, sondern um seine Stärke, seine Kühnheit zu zeigen. Der Zarewitsch machte sich auf den Weg; man sah, daß er auf-saß, aber sah nicht, in welcher Richtung er davonjagte. Reitet er nun nah oder fern, tief oder hoch, zwischen Himmel und Erde, im fremden Land, – er gelangte zu einem Berg. Den halben Berg ritt er hoch, da liegt auf halber Höhe eine steinerne Platte, und auf diese Platte ist eine Aufschrift geschrieben, sind Kerben eingekerbt: „Drei Wege. Auf dem ersten Weg – selber hungrig sein; auf dem zweiten – selber satt, aber das Pferd hungrig, und auf dem dritten – mit einem Mädchen schlafen.“ Da überlegt er bei sich: „Bin ich selber hungrig, werde ich kaum lange leben; auf einem hungrigen Pferd werde ich nicht weit kommen, aber mit einem Mädchen schlafen, das will ich – dieser Weg ist der allerbeste für mich.“ Er schlug den Weg ein, wo stand „mit einem Mädchen schlafen“, und gelangt auf einmal zu einem einsamen Haus. Da kommt ein Mädchen herausgerannt: „Liebster, schon komme ich, aus dem Sattel heb ich dich; du sollst mit mir Brot und Salz essen und zur Nacht schlafen.“ – „Ach, Mädchen, Brot und Salz essen will ich nicht, und im Schlaf kann ich meinen Weg nicht verkürzen. Ich muß weiterreiten.“ – „Ach, Zarensohn, eile nicht zur Weiterreise, eile zum Mahl!“
Sie führt ihn ins Schlaf gemach: „Leg du dich an die Wand, ich will mich an den Rand legen. Dir werde ich dann zu trinken und mir zu essen bringen.“ – „Ach, schönes Mädchen, bei Christus ist die Nacht überall gleich.“ – „Bei mir aber etwas länger als bei den Menschen!“
Er legte sich an die Wand, sie stürzte das Bett um, und, marsch, flog er hinab, in eine Grube vierzig Saschen tief. Da sitzt er nun lange, und es verging eine ganz hübsche Zeit.
Nun veranstaltet sein Vater zum zweitenmal ein Fest, und wieder für alle Welt. Auch zu diesem Fest hatte sich allerhand Publikum versammelt: Zaren, Zarensöhne, Könige, Königssöhne – alle hatten sich zu diesem Ball versammelt. Da sagt dieser Zar: „Wer wohl, ihr Burschen, fände sich unter denen, die auserwählt sind, und fände sich unter denen, die Lust haben, in eben dieses Reich zu reiten, zu dieser Jungfrau Blauäuglein, diese Dinge zu holen und mir, dem Zaren, Wasser des Lebens zu bringen?“ Schön: unter diesem Publikum versteckt sich der Große hinter dem Mittleren, und der Mittlere versteckt sich hinter dem Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt keine Ant-wort. Da tritt wieder ein Sohn von ihm vor, der mittlere, Wassili Zarewitsch: „Väterchen! Ich habe keine Lust, das Reich in fremde Hände zu geben, aber Lust, die Dinge zu holen und in deine Hände zu legen.“ – „Nun, liebes Kind! Unser eigenes Gut soll uns auch wieder zuteil werden.“
Wassili Zarewitsch geht also durch die Pferde-ställe und wählt sich ein Pferd, das noch keiner geritten, zäumt es mit einem Zügel, der noch kein Pferd gezäumt, und nimmt eine Peitsche, die noch keiner geschwungen. Auch er legt ihm zwölf Gurte und einen an, nicht wegen des schönen Aussehens, sondern wegen seiner Reckenstärke, wegen des Heldenruhms. Der Zarewitsch machte sich auf den Weg. Man sah, daß er aufsaß, aber sah nicht, in welcher Richtung er davonjagte.
Auch er kommt zu diesem Berge. Auf halber Höhe liegt die Platte, und auf diese Platte ist eine Unterschrift geschrieben, sind Kerben eingekerbt: „Drei Wege trennen sich. Auf dem ersten Wege reiten – selber hungrig sein; auf dem zweiten – selber satt, aber das Pferd hungrig, und auf dem dritten – mit einem Mädchen schlafen.“ Dorthin wandte er sich: „Auf hungrigem Pferd kann ich nicht weiterreiten, und selber kann ich nicht lange weiterleben, aber mit einem Mädchen schlafen – dieser Weg ist für mich der allerbeste!“ Und auch er schlug den Weg „mit einem Mädchen schlafen“ ein und gelangt zu dem einsamen Haus. Da sagt das Mädchen: „Der Liebste kommt, schon geh ich, ihn aus dem Sattel heb ich. Er soll mit mir Brot und Salz essen und zur Nacht schlafen.“ – „Aber ich will nicht Brot und Salz essen, und ruh ich aus, kann ich meinen Weg nicht verkürzen.“ – „Ach, edler Held, Zarensohn, eile nicht zur Weiterreise, eile zum Mahl!“ Da legte er sich arglos aufs Bett schlafen. Sie aber warf auch ihn hinab: „Wer kommt geflogen?“ – „Wassili Zarewitsch! Und wer sitzt dort?“ – „Fjodor Zarewitsch!“ – „Nun, Brüderchen, wie sitzt sich’s denn?“ – „Ach, nicht übel. Hungers läßt sie einen nicht sterben, aber satt zu essen gibt sie einem auch nicht – ein Pfund Brot und ein Pfund Wasser.“ – „Ach, Bruderherz, da sitzen wir schön in der Patsche!“ – Und da sitzen diese Helden nun, die Zarenkinder.
Jener Zar veranstaltet wieder ein Fest für alle Welt. Er hatte zu seinem Fest Fürsten und Bojaren und kühne Recken eingeladen. „Wer von euch würde, ihr Burschen, durch dreimal neun Länder ins zehnte Reich reisen, zur Jungfrau Blauäuglein? Würde von dieser Jungfrau Blauäuglein Wasser des Lebens und den Krug mit den zwölf Schneppen holen? Ich würde diesem Reiter ein halbes Reich verschreiben und einen halben Edelstein.“ Auf diesem Fest versteckt sich der Große hinter dem Mittleren, und der Mittlere versteckt sich hin-ter dem Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt keine Antwort.
Da tritt sein jüngster Sohn Iwan Zarewitsch vor und sagt: „Wir haben keine Lust, das Reich frem-den Leuten zu geben. Ich will diese Fahrt machen, diese Dinge holen und dir, Vater, geben.“ – „Nun, liebes Kind! Möge unser eigenes Gut uns auch zu-teil werden.“
Also schön: Iwan Zarewitsch geht nun durch die Pferdeställe, wählt sich ein Pferd, das noch keiner geritten, zäumt es mit einem Zügel, der noch kein Pferd gezäumt, nimmt eine Peitsche, die noch keiner geschwungen, legt ihm zwölf Gurte und einen an, nicht des schönen Aussehens wegen, sondern wegen seiner Reckenstärke, wegen des Heldenruhms. Der Zarewitsch machte sich auf den Weg. Reitet er nun nah oder fern, tief oder hoch, zwischen Himmel und Erde, im fremden Land, – er gelangte zu dem Berg. Den halben Berg ritt er hoch, da liegt auf halber Höhe die steinerne Platte, und auf diese Platte ist eine Aufschrift geschrieben, sind Kerben eingekerbt: „Drei Wege. Auf dem ersten Weg – selber hungrig sein; auf dem zweiten – selber satt, aber das Pferd hungrig, und auf dem dritten – mit einem Mädchen schlafen.“
Er schlug den Weg ein, wo stand „selber hungrig sein“. Und er kommt zu einem einsamen Haus. Steht da ein Haus, eine Hütte, auf einem Hühnerbein, auf einer Hundepfote. „Diese Hütte – zum Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit!“ Die Hütte drehte sich zum Wald mit der Hinterseite und zu ihm mit der Vorderseite. Er ging hinein, da sitzt dort ein steinaltes Weib, eine Baba-Jagá, brüht Seide und wirft die Fäden über einen Querbalken. „Ach“, sagt sie, „lange hab ich kein Menschenfleisch zu sehen gekriegt: jetzt ist es von selbst zu mir gekommen. Ich will diesen Menschen braten, er soll die weite Welt nicht wie-dersehen.“ – „Ach, du alte Baba-Jagá, du Einbein, hast den Vogel noch nicht gefangen und rupfst ihn, hast den Burschen noch nicht erkannt und beschimpfst ihn. Du solltest sogleich aufspringen, dem edlen Helden, dem Wandersmann, zu essen geben und für die Nacht ein Lager bereiten; ich lege mich zur Ruhe nieder, und du könntest dich zu mir ans Kopfende setzen, könntest fragen, und ich würde erzählen, wer bist du und woher, lieber Mann? Wie heißt du?“ Da machte die Alte alles so, gab ihm zu essen, wie es sich gehört, setzte sich ans Kopfende und begann zu fragen, und er be-gann zu erzählen. „Wer bist du, mein Lieber, und woher, und wie heißt du? Aus welchem Lande bist du, und aus welchem Stamm, und welchen Va-ters, welcher Mutter Sohn?“ – „Ich bin, Großmütterchen, aus dem und dem Zarenreich, einem fernen Land, der Zarensohn Iwan Zarewitsch bin ich. Ich bin ausgezogen, durch dreimal neun Länder und dreimal neun Seen zu reiten, in ein fernes Reich zur Jungfrau Blauäuglein, Wasser des Lebens und der Jugend zu holen; ich bin ein Sendbote meines Vater.“ – „Nun, mein liebes Kind! – Eben diese starke Heldenjungfrau ist meine Nichte, meines Bruders Tochter; ich weiß nicht, ob du dieses Gut bekommst, mein Lieber.“ Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf und wusch sich aufs gründlichste. Verneigte sich nach allen vier Himmelsrichtungen und dankte ihr für das Nachtlager.
„Es braucht keinen Dank, Iwan Zarewitsch! Jedem steht ein Nachtlager zu, dem Fußwanderer wie dem Reiter, dem Armen wie dem Reichen, al-len Menschen, aber reite auf meinem Pferd weiter. Mein Pferd ist größer und meine Keule schwerer.“
Da ließ er sein Pferd bei der Alten und ritt auf ihrem Pferd weiter. Dieses Pferd ist tüchtiger, läuft schneller als seines. Er zieht dahin, ob nah, ob fern. Nicht so bald ist eine Tat getan, nicht so bald ein Märchen erzählt, und er reitet immer weiter. Der Tag neigte sich schon zur Nacht, da sah er vor sich ein Haus stehen, eine Hütte auf Hühnerbeinen, auf einer Hundepfote. „Ach, du Hütte auf Hühnerbeinen! Dreh dich zum Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit; ich will keine Ewigkeit bleiben, nur eine dunkle Nacht übernachten. Wie ich in diese Hütte hineinkomme, so auch wieder heraus, wie ich hineinreite, so auch wieder heraus.“ Da drehte sich die Hütte zum Wald mit der Hinterseite und zu ihm mit der Vorderseite, und er ritt hin. Plötzlich bekam ein anderes Pferd Witterung und begann zu wiehern, seines aber ließ sich noch lauter vernehmen, denn sie waren aus einer Herde. Das hörte die Alte in der Hütte. „Da ist wohl meine Schwester zu Besuch gekommen.“ Sie kam heraus. „Nicht deine Schwester ist gekommen, ein schöner Held ist gekommen.“ – „Kommt bitte herein in die Stube.“ Sie versorgte das Pferd und forderte ihn auf, hereinzukommen. Man begrüßt nach dem Gewand, aber verabschiedet nach dem Verstand. Was sich im Hause fand, das nahm sie und gab ihm zu es-sen, bereitete für die Nacht auch ein Lager und setzte sich ans Kopfende. „Wer bist du, lieber Mann? Wer und woher, und wie heißt du?“ – „Ich bin ausgezogen zur Jungfrau Blauäuglein, Wasser des Lebens und der Jugend zu holen. Und ich muß bei ihr den Krug mit den zwölf Schneppen voll Wasser des Lebens und der Jugend holen.“ – „Na, ich weiß nicht, mein Lieber, wie du das bekom-men willst. Sie ist die stärkste Heldenjungfrau. Sie ist meine Nichte, meines Bruders Tochter. Aber je weiter man in den Wald hineinfährt, um so mehr Holz schlägt man. Ich habe eine große Schwester, dorthin sollst du fahren, bei mir aber übernachten.“ Er übernachtete also bei der Alten. Am nächsten Morgen steht er in aller Frühe auf, wäscht sich aufs gründlichste und verneigt sich nach allen vier Himmelsrichtungen. „Ach, es braucht doch keinen Dank, Iwan Zarewitsch! Ein Nachtlager führt und trägt man nicht mit sich her-um, überall steht einem ein Nachtlager zu, dem Fußwanderer wie dem Reiter; laß der Schwester Pferd bei mir und nimm mein Pferd; mein Pferd ist noch geschwinder, und meine Keule noch schwerer.“ Da machte er sich sogleich auf den Weg und sieht, ob es weit ist. Die ganze Strecke durchreitet er schnell, Tag und Nacht unterwegs. Er kam zu einem Haus. „Ach, Hütte! Kehre dich zum Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit. Ich will keine Ewigkeit bleiben, sondern eine Nacht übernachten.“ Er ritt zu dieser Hütte, wie-der bekam ein Pferd Witterung und begann zu wiehern, seines aber ließ sich noch lauter ver-nehmen. Das hörte die Alte. „Da ist wohl die Schwester zu Besuch gekommen!“ Sie sah nach – es ist ihr Pferd, der Reiter aber ist ein Fremdling, und sie kennt ihn nicht. Nun, sie sagt also: „Kommt bitte herein in meine Stube. Man begrüßt Euch nach Eurem Gewand und verabschiedet Euch nach Eurem Verstand.“ Und es trug sich bei ihr das folgende zu: Sie gab dem Manne zu trinken und zu essen und bereitete ihm ein Lager. „Wer bist du, lieber Mann, und woher?“ – „Ich bin Iwan Zarewitsch; ich will durch dreimal neun Länder reiten, und ich reite durch dreimal neun Seen, rei-te ins dreimal zehnte Reich, und ich brauche Was-ser des Lebens und den Krug mit zwölf Schneppen.“ – „Aber wie nur, mein liebes Kind!? Rings um ihr Reich ist eine Mauer, drei Saschen hoch und einen Saschen breit, und eine Wache von dreißig Heldenjungfrauen, die lassen dich nicht zum Tor hinein. Du mußt aber mitten in der Nacht reiten und auf meinem Pferd – mein Pferd springt über die Mauer hinweg, zur Nachtzeit und in der ersten Nachtstunde. Den heutigen Tag laß noch verstreichen, heute Nacht aber mach dich hin-über!“ Und sie unterweist ihn wie folgt: „Nimm das Wasser an der und der Stelle, unter der und der Nummer, und wenn du ins Schlafgemach kommst, so schlafen sie; es sind ihrer dreizehn Heldenjungfrauen, auf der einen Seite von ihr sechs, und auf der anderen Seite sechs. Alle sehen gleich aus und sind gleich groß.“ Er setzte sich also auf ihr wackeres Pferd und ritt los als es schon Nacht war. Das Pferd sprengt dahin, Moore und Sümpfe überspringt es, Flüsse und Seen fegt es mit dem Schwanz zu. Das war eine Sache, da gab es kein großes Federlesen. Diese Strecke leg-te er ohne Aufenthalt zurück. Er kam zur Stadt, das Pferd sprang, ohne zu fragen, hinüber und setzte über die Mauer. Er fand die Dinge sogleich an der und der Stelle, unter der und der Nummer, drang weiter ein und wollte noch sie selbst sehen. Er kommt ins Schlafgemach. Sie schlafen. Auf der einen Seite sechs, auf der anderen sechs, und sie hat Arme und Beine weit von sich gestreckt. Da tränkte er sein Roß in ihrem Brunnen, den Brunnen aber deckte er nicht wieder zu, sondern ließ das Gewand, wie es war. Er muß reiten. Doch das Pferd hatte etwas gemerkt und sprach mit Men-schenstimme: „Du hast gesündigt, Iwan Zare-witsch; ich kann jetzt die Mauer nicht übersprin-gen.“ Er schlug das Pferd gegen die Rippen: „Ach, du Pferd, du Wolfsrachen, du Krautsack! Wir kön-nen hier nicht bleiben in diesem Reich.“ Da machte das Pferd einen Satz und streifte mit dem Huf-eisen des linken Hinterbeins die Mauer. An der Mauer begannen Saiten zu klingen und Glocken zu läuten, da begannen sofort Wölfe zu heulen, und durch das ganze Reich lief der Ruf: „Auf! Heute ist bei unserer Heldenjungfrau ein großer Diebstahl geschehen!“ Die Jungfrau Blauäuglein selbst machte sich mit ihren zwölf Heldenjungfrauen an die Verfolgung. Sie kommt zur einen Hütte, danach zur anderen. Er hatte das Pferd gewechselt, sie aber ritt ohne zu füttern. „Großmütterchen, hast du nicht den Hundesohn gesehen, diesen Lümmel?!“ – „Nein“, sagt die Alte, „habe ihn nicht gesehen. Iwan Zarewitsch ist vorbeigeritten, im ganzen Reich gibt es unter der Sonne keinen, der ihm gleicht – die Sonne ist am Himmel, er auf der Erde. Kehrt bitte um.“ – „Es ist mir nicht leid, daß er sein Roß getränkt hat, aber es kränkt mich, daß er den Brunnen nicht bedeckt hat!“ Plötzlich kam er zu der anderen Alten. Er bestieg das Pferd. Er ist vom Hof herunter – da kommt die Heldenjungfrau auf den Hof. „Großmütterchen, hast du niemanden gesehen?“ – „Nein, ein Held ist vorbeigeritten, doch schon lange, ein schöner Held – die Sonne ist am Himmel, er auf der Erde.“ Nun, er ging zu seinem Pferd und saß auf. Da er-blickte sie ihn; wie sie immer näher kam, kniete er nieder und bittet um Verzeihung. Die Helden-jungfrauen schicken sich an, auf ihn loszureiten und ihm den Kopf abzuschlagen. Sie antwortete, daß das Schwert kein demütiges Haupt schlägt. Steigt selbst vom Pferd und nimmt ihn an seinen weißen Händen und hebt ihn von der Erde auf. Nun schlugen sie hier, auf freiem Feld, unter dem weiten Himmel, auf den grünen Wiesen, auf seidi-gen Gräsern ein Zelt aus weißem Leinen auf. Da feierten und tanzten sie in diesem Zelt drei Tage und drei Nächte hintereinander. Hier gelobten sie sich Treue und wechselten die Ringe. „In drei Jahren komme ich zu dir, mein Reich werde ich auflösen.“ Sie antwortete ihm: „Zieh du nun nach Hause und kehre nirgends ein!“ Nun kam er in seine Gegend, an diese Wegscheide, an die gleichen Wege und denkt: „So ist es schön, ich reite heim, und meine Brüder sitzen irgendwo gefangen und verfaulen für nichts und wieder nichts.“ Da bog er vom Wege ab, sie zu suchen, und kam zu dem Haus. Sie sprang heraus und sagt: „Oh, Iwan Za-rewitsch! Schon lange erwarte ich dich, sollst Brot und Salz kosten.“ – „Ich will nichts kosten und nichts essen.“ – „Komm, ich helfe dir aus dem Sattel.“ – „Ich habe schon bessere als dich gesehen.“ Sie führte ihn hinein. Er legte sie aufs Bett und stieß sie hinunter. „Wer ist dort noch am Leben?“ Sie piepsten wie zwei Mücken: „Wir sind noch am Leben, Fjodor Zarewitsch und Wassili Zarewitsch.“ Er suchte bei ihr einige Stricke zusammen und holte sie heraus. Und sie traten vor die Wand. Die Spiegel an der Wand aber began-nen, sich mit Erde zu überziehen. „Wozu wollen wir die Leute erschrecken? Sind schon arg schwarz geworden.“ Er wusch sie mit Wasser des Lebens, sie wurden wie früher, verwandelten sich. Also schön, er saß sogleich auf und ritt los, sie aber gingen zu Fuß: sie hatten keine Pferde. Er kam an die Wegscheide. „Brüder, bewacht ihr meine Sachen und das Pferd, ich will ein wenig ruhen.“ Er legte sich also hin und versank in einen tiefen Schlaf. Da sagt Fjodor Zarewitsch: „Was denkst du, Wassili Zarewitsch?“ – „Daß wir in ihrem Keller hätten verfaulen müssen, wenn uns der Bruder nicht herausgezogen hätte. Uns wird der Vater ohne die Sachen kaum viel Ehre geben, er wird uns zu Hirten machen. Komm, wir wollen ihn in ein Loch werfen und seine Sachen neh-men!“ Und sie warfen ihn hinab. Da flog er hinunter, drei Tage und drei Nächte. Kam unten an und schlug sich die Beine auf. An einer Meeresküste kam er wieder zu sich. An diesem Meer gab es nur einen alten Eichenwald und kleine Fichten. Nur Himmel und Wasser. Da steigt ein Wetter auf, ein Gottessegen, aus dem Meer und vom Himmel. Die Jungen des Vogels Nagaj piepsen, und der Regen peitscht sie. Da zog er kurzerhand seinen Mantel aus, deckte des Vogels Nagaj Junge zu und stellte sich selbst vor dem Regen unter eine Eiche. Als das Wetter vorbei ist, kommt der Vogel Nagaj geflogen. In allen Tonarten: „Hat euch das Wetter nicht erschlagen, ein Unglück gebracht?“ – „Schrei nicht so, Mutter! Uns hat ein russischer Mann beschützt. Sei still, weck ihn nicht auf.“ – „Weswegen bist du hierhergekommen, lieber Mann?“ – „Mich haben meine Brüder verraten, leibliche Brü-der, aber schlimmer als Fremde.“ – „Was willst du haben für deine Mühe? Du hast meine Jungen be-schützt. Gold, Silber, Edelstein?“ – „Ich brauche nichts, Vogel Nagaj, kein Gold, kein Silber, keinen Edelstein. Doch kann ich nicht wieder in meine Heimat gelangen?“ – „Da brauche ich zwei Botti-che und an die zwölf Pud Rindfleisch.“ Er war ein wohlhabender Mann, ging zu den Fischern und Jägern ans Ufer hinunter und kaufte eine Menge Gänse, Schwäne und Grauenten. Die brachten sie, stellten dem Vogel den einen Bottich auf die rechte Schulter, den anderen auf die linke, er selbst setzte sich in die Mitte, begann das Füttern, und der Vogel zog in großer Höhe dahin. Er gab ihm, was in dem einen Bottich war, dann fütterte er aus dem zweiten. Gibt und gibt – und der ganze Vorrat wurde alle. Der Vogel aber dreht sich um. Er schnitt sich Finger und Zehen ab und gab sie hin. Sie kamen an. „Steig herunter, Iwan Zare-witsch!“ – „Ich kann nicht herunter: habe meine Finger und Zehen abgeschnitten.“ – „Habe nicht gewußt, daß das dein Fleisch war. Hätte dich ganz aufgefressen.“ Der Vogel spie alles wieder aus und machte sich auf den Rückweg. Iwan strich Wasser des Lebens und der Jugend darauf, er hatte ein Fläschchen für unterwegs bei sich. Er sieht nach, die Brüder sind nicht mehr da. Zu Fuß kam er in seines Vaters Reich. Aber Vater und Mutter wollen von ihm nichts wissen. Wie früher war da ein Kaufmannshandel, ein Branntweinladen. Er trinkt die ganze Zeit. Hörte, daß der Vater das Reich noch niemandem vermacht, die Sachen aber bekommen hat. Das war sogleich vorbei. Die Jungfrau Blauäuglein nämlich kam in dieses Reich gezogen. Drei Werst entfernt, auf freiem Felde, unter dem weiten Himmel, auf den grünen Wie-sen, auf seidigen Gräsern schlug sie ein Zelt aus weißem Leinen auf. Von diesem Zelt bis zum Zarenschloß baute sie eine drei Werst lange Brücke aus Ahorn: die Spitzen gedrechselt, das Geländer vergoldet. Auf diesen Spitzen sangen Vögel mit verschiedenen Stimmen. Und den Boden überzog sie mit kostbarem Tuch. Um acht Uhr morgens nun bekommt der Zar eine Aufforderung: „Eure
Kaiserliche Majestät! Liefert am heutigen Tag den Schuldigen aus, findest du aber den Schuldigen nicht, komme ich in Euer Reich, reiße dir bei lebendigem Leibe die Augen aus und nehme sie mit nach Hause.“ Er liest die Aufforderung und jammert. „Nun reit schon, Fjodor Zarewitsch! Du bist sicherlich schuldig, bist lange unterwegs gewesen.“ Der zieht nun los, Fjodor Zarewitsch, zu Fuß über diese Brücke. Bei der Jungfrau aber tummeln sich zwei Knaben in der Nähe des Zeltes – ihre eigenen. „Mutter, Mutter! Unser Vater ist auf dem Wege nach hier.“ – „Auf welcher Seite?“ – „Rech-terhand von der Brücke.“ – „Sowie ihr ihn gepackt habt, prügelt ihn durch!“ Die Kinder walkten ihn so durch, daß er nach Hause kam und dem Vater nichts sagte. Am zweiten Tag kommt wieder eine Aufforderung. „Liefert am heutigen Tag nun den Schuldigen aus. Gebt Ihr ihn nicht her, komme ich selbst und führe Euch in die Gefangenschaft.“ Da sagt er: „Geh du, sicherlich bist du schuldig, Wassili Zarewitsch!“ Wassili Zarewitsch ging. Und wie-der die Kinder: „Mutter, Mutter! Zu uns kommt wieder ein Vater.“ – „Auf welcher Seite?“ – “Linkerhand.“ (Auch er traute sich nicht, über die Brücke zu gehen.) „Packt ihn und prügelt ihn noch derber als den ersten durch!“ Sie walkten ihn durch, daß es eine Art hatte. Auch er ging zurück zum Vater; und zwar auf der Stelle, und beschwert sich über niemanden. Also schön: am dritten Tag kommt wieder eine Aufforderung. „Nun geht, sucht den Trunkenbold, meinen dritten Sohn.“ Der ging auf der Stelle. Als Begleitung
nahm er zwölf Mann mit, Betrunkene aus einer Teestube. Sie zerbrechen die Brücke, zerreißen den Stoff und lassen hinter sich eine leere Straße zurück. Die Jungen: „Irgendein Strauchdieb kommt mit seinen zwölf Gesellen. Sie zerbrechen die Brücke, zerreißen den Stoff und teilen ihn unter sich.“ Sie aber sagt: „Das ist euer Vater mit seinen Gesellen. Nehmt einen Edelstein, Speise und Trank und geht, euren Vater begrüßen.“ Sie trat selbst zur Begrüßung heraus und empfing sie. Die Kameraden erhielten jeder ein Gläschen, dann machten sie sich auf den Heimweg. Darauf wandte sie sich an den Zaren: „Die zwei hier haben ihn verraten, haben ihn ins untere Reich gestoßen. Er hat drei Jahre dort leiden müssen.“
Alles war reichlich vorhanden in diesem Zarenreich. Sie wurden getraut. Alle tranken auf diesem Fest. Und er setzte ihn auch auf den Zarenthron. Und er bestieg nun den väterlichen Thron, seinen Brüdern aber erwies er wenig Ehre. Man ließ sie laufen, sich ein Nachtlager zu suchen. Hier eine Nacht, dort zwei, die dritte Nacht aber durften sie nicht bleiben. – Was ich wußte, hab ich erzählt.
Schluß der Geschicht’, besser kann ich’s nicht.

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