Ilja Muromez

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, denen wurde ein Sohn Ilja geboren. Der Sohn konnte dreißig Jahre lang nicht laufen. Als der Vater und die Mutter einmal in die Kirche gegangen waren, kam ein alter Mann zu dem Sohn und sprach: „Mach mir auf!’’
Ilja sagte: „Ich kann nicht aufstehen.“
Der Alte aber sagte: „Steh auf und öffne mir!“
Ilja stand auf, öffnete dem Alten die Tür und stellte ihm Wein dafür hin, als Dank, daß er hatte aufstehen können. Der Alte trank nur wenig. Als er etwas abgetrunken hatte, reichte er das andere Ilja. Dieser trank das ganze Faß Wein aus. Der Alte stellte ihm ein neues hin, und Ilja trank auch dieses aus. Da sprach der Alte: „Fühlst du dich nun stark oder nicht?“
Ilja sagte: „Ja, wenn in der Erde ein Pfahl wäre, würde ich die ganze Erde umdrehen.“
„Geh“, sagte der Alte, „kauf dir bei einer alten Frau ein zottiges Pferd und füttere es mit Hirse. Dann wirst du auf ihm reiten können.“
Ilja kaufte sich ein Pferd, fütterte es mit Hirse, und da wurde es ein starkes Pferd. Dann machte er sich einen hundert Pud schweren Bogen und ritt hinaus ins freie Feld.
Ilja ritt über Felder und Berge, und plötzlich sank sein Pferd auf einem Felsen bis an die Knie ein. Ilja wollte nach Kiew reiten, aber da wurde ihm der Weg nach Tschernigow gewiesen. Er ritt weiter und kam an einen Fluß, und über den Fluß mußte eine Brücke gelegt werden. Er stellte das Pferd neben eine Fichte und begann die Fichte zu fällen. Als er die Fichte gefällt hatte, machte er eine Brücke über den Fluß. Er überquerte den Fluß, erblickte einen Menschen und fragte ihn: „Welcher Weg führt nach Tschernigow?“
Der Mann sagte ihm, daß er nicht nach Tscher-nigow kommen könne. Ilja fragte: „Warum denn nicht?“
Da sagte der Mann: „Dort ist ein Drache, der hat zwölf Köpfe. Er tötet einen Menschen auf sieben Werst Entfernung durch Pfeile. Da kommen noch nicht einmal Soldaten durch. Niemand kann gegen ihn an.“
Da sagte Ilja: „Aber ich komme durch!“
Der Mann zeigte ihm den Weg, und Ilja ritt los.
Als er sich dem Drachen auf fünf Werst genä-hert hatte, pfiff der Drache, und Iljas Pferd fiel auf die Knie.
Ilja sagte: „Warum bist du hingefallen? Du bekommst eins hinter die Ohren.“
Dann ritt er weiter. Er legte noch eine Werst zurück, richtete Pfeil und Bogen auf den Drachen und schoß ihm damit sechs Köpfe ab. Der Drache fiel von der Eiche und winselte wie ein Hund. Da trat Ilja ganz dicht an den Drachen heran und zerschlug ihn in kleine Stücke.
Von Tschernigow aus ritt Ilja direkt nach Kiew. Er kam nach Kiew und trat in eine Hütte, wo man ihn fragte: „Wie bist du hergekommen?“
Er erzählte ihnen alles.
Es waren auch Soldaten dort, und diese sagten: „Du hast eine unbesiegbare Kraft überwunden. Was willst du bei uns werden?“
Ilja sagte: „Ich will keine Belohnungen von euch.“
Er blieb zwei Tage dort und ritt dann weiter.
Er ritt über freie Felder und kam wieder zu den Felsen. Dort traf er einen Weggenossen, den Rek-ken Sorko. Der Recke Sorko hatte einen zweihundert Pud schweren Bogen und war noch stärker als Ilja.
Sorko sagte zu ihm: „Fahren wir zu meinem Va-ter auf Besuch. Aber wenn du zu meinem Vater kommst, gib ihm nicht die Hand. Mache den hundert Pud schweren Bogen im Feuer heiß und gib ihm den.“
Ilja ritt los. Er machte den hundert Pud schwe-ren Bogen heiß, der Alte aber war blind und konn-te nichts sehen. Ilja sagte zu ihm: „Sei gegrüßt, Alter!“ und gab ihm den Bogen.
Da sagte der Alte: „Du wirst noch lange leben, weil du eine so heiße Hand hast“, und zerdrückte den Bogen.
Ilja und Sorko blieben zwei Tage dort und ritten dann weiter. Sie ritten zusammen über freie Felder und über die Felsen. Da fanden sie eine Kiste, und Ilja sagte: „Das ist ein schöner Sarg!“
Da sagte Sorko: „Der paßt gerade für dich.“
Ilja legte sich in die Kiste, aber sie war zu groß für ihn. Da stieg er wieder aus der Kiste und sag-te: „Recke Sorko, leg du dich hinein! Laß uns se-hen, ob sie für dich paßt!“
Der Recke Sorko stieg vom Pferd, legte sich in die Kiste und sagte: „Mach sie zu, sie paßt gera-de.“
Da sperrte Ilja den Recken Sorko in die Kiste ein, jener aber sagte: „Mach auf, warum soll ich denn hier liegen?“
Ilja konnte sie aber nicht mehr aufmachen, denn um die Kiste hatte sich ein eiserner Reifen gelegt.
Da sagte Ilja: „Ich kann sie nicht aufmachen!“
„Schlag mit der Keule.“
Ilja schlug mit der Keule auf die Kiste, aber so-fort wurden es drei Reifen.
Da sagte er: „Ich kann sie nicht zertrümmern.“
„Schlage weiter!“
Ilja schlug noch einmal mit der Hundert-Pud-Keule, und plötzlich war die Kiste ganz aus Eisen.
Da sagte Ilja: „Ich kann dich nicht mehr befreien.“
Da sagte der Recke Sorko zu ihm: „Setz dich drei Tage zu mir, bis blauer, grüner und weißer Schaum aus mir fließt. Durch den Schaum wirst du meine Kraft erhalten.“
Ilja tat so, wie ihm der Recke gesagt hatte. Er aß den Schaum auf und wurde so stark, wie der Recke Sorko gewesen war. Er nahm das Pferd des Recken Sorko, setzte sich darauf und ritt los.
So ritt er wieder über freie Felder, und nicht einmal der Tod konnte ihn fassen. Er ritt auf einen eisernen Berg und sah dort auf dem Berg einen kleinen Napf stehen. Zwei Liter Wasser gingen dort hinein. Dieser Napf erschien ihm so interes-sant, daß er mitgenommen werden mußte. Ilja beugte sich vom Pferd herab, um den Napf zu nehmen. Er faßte ihm am Stiel an, konnte ihn aber nicht aufheben. Da dachte er: Ich bin so stark und kann Berge zertrümmern, wie kommt es nur, daß ich diesen kleinen Napf nicht aufhe-ben kann?
Ilja stieg vom Pferd, ergriff den Napf mit beiden Händen und wollte ihn aufheben. Er strengte sich so an, daß ihm das Blut aus den Augen schoß, aber er konnte den Napf nicht aufheben. Dadurch verlor Ilja zwei Teile seiner Kraft. Er ritt noch zwei Tage, wurde dann ganz schwach und starb auf den Felsen.

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