Gott, der arme Bauer und die Richter

Es war einmal ein armer Bauer, der ging auf den Jahrmarkt und kaufte sich eine trächtige Stute. Als er nach Hause zurückkehrte, überfiel ihn die dunkle Nacht in einem Dorfe. Er bat um Nachtla-ger, aber niemand ließ ihn hinein. Schließlich sagte ein Bauer: „Da war vorhin schon ein alter Mann hier, der bat auch um Nachtlager. Er übernachtet dort hinter dem Dorf. Geh auch du dorthin!“
Nun, er ging und kam auch dorthin. „Sei gegrüßt, Onkelchen!“
„Sei gegrüßt!“
„Kann ich nicht hier bei dir mit übernachten?“
„Ja, das kannst du.“
Dieser Alte war Gott selbst. Er steckte einen Pfahl in die Erde und sagte: „Da binde deine Stute an!“
So übernachteten sie zusammen. Als sie am anderen Morgen aufstanden, hatte die Stute gefohlt. Da begann der Alte wegen des Fohlens zu streiten. Der Bauer sagte: „Meine Stute hat ge-fohlt!“
Der Alte aber sagte: „Nein, mein Pfahl hat gefohlt!“
Sie stritten und stritten und beschlossen, vor Gericht zu gehen.
So führte der Bauer den Alten zum ersten Ge-richt, zum zweiten und zum dritten, und überall gewann der Alte. Er gab überall den Richtern Geld.
Als sie alle Gerichte aufgesucht hatten, sagte der Alte zu dem Bauern: „Nun waren wir vor all deinen Gerichten, laßt uns jetzt zu meinem Ge-richt gehen und sehen, was mein Richter sagt!“
So kamen sie zum Erzengel Gabriel.
Gott sagte: „Richte du über uns, heiliger Ga-briel! Die Sache ist so und so; du sollst entscheiden, ob seine Stute oder mein Pfahl gefohlt hat.“
Erzengel Gabriel sah ihn nur an und sagte dann: „Herr, ich bin durch ein blaues Meer gegangen und habe Hafer gesät; ich weiß nicht, ob er aufgegangen ist oder nicht, lieber Herr.“
Da sagte der Herrgott: „Wie kann denn Hafer in dem Meere wachsen?“
„Und wie kann ein Pfahl ein Fohlen bekommen?“
Nach diesem Urteil schickte der Herrgott den Bauern mit Stute und Fohlen fort, und der arme Bauer ging nach Hause.

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