Gib mir das, was dir zu Hause unbekannt ist

Ein reicher Kaufmann ritt einmal vom Jahrmarkt nach Hause. Sein Weg führte durch einen dichten Wald, und nirgends war eine lebende Seele zu erblicken.
Unterwegs überraschte ihn die Nacht, es war so dunkel, daß man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Da mußte er haltmachen und übernachten. Er zündete ein Feuer an, band sein Pferd los, ließ es weiden, setzte sich ans Feuer, briet Speck am Spieß und aß Abendbrot. Da er unterwegs müde geworden war, schlief er schnell ein.
Als er am anderen Morgen aufwachte, traute er seinen Augen kaum. Rings um ihn war Wasser, die Wellen schlugen nur so ans Ufer und überflu-teten ihn beinahe. Da erschrak der Kaufmann. Nun ist mein Ende gekommen, dachte er bei sich, denn hier komme ich nicht heraus. Das Wasser kam immer näher und näher, und die Wellen wurden immer höher und höher. Da sah er einen Mann in einem Boot kommen. Dank sei Gott, er hat mir Rettung geschickt! „Lieber Mann, kommt schnell hergefahren, sonst ertrinke ich!“ schrie der Kaufmann, so laut er konnte. Das Boot kam immer näher, bald war es dicht am Ufer, aber es legte nicht an. „Rette mich, Bruder!“ bat ihn der Kaufmann, „nimm, was du willst, nur rette mich!“
„Gut“, sagte der Mann, „ich rette dich, aber nicht umsonst! Gib mir das, was dir zu Hause un-bekannt ist.“ Da überlegte und überlegte der Kaufmann, was gemeint war, was ihm im Hause unbekannt sein sollte. Ihm schien es, daß es so etwas nicht gäbe. Aber mochte es sein, wie es wollte, jetzt war keine Zeit zum Feilschen, und er mußte einverstanden sein. „Gut“, sagte er, „nur rette mich! Nimm, was mir zu Hause unbekannt ist!“
„Das sagst du so einfach dahin. Das ist nichts Gewöhnliches, nachher wirst du es bereuen. Nimm ein Stück Haut, schneide dich in den kleinen Finger und schreib das auf. Das ist dauerhafter!“
Der Kaufmann tat das auch und warf das Stück Haut in den Kahn. Der Mann hob es auf und brach in ein furchtbares Gelächter aus.
Auf einmal war das Wasser nicht mehr da. Da erriet unser Kaufmann, daß das niemand anderes als der Teufel gewesen war. Da war nichts zu ma-chen. Er fing sein Pferd ein, sattelte es und ritt nach Hause. Unterwegs wurde er so traurig, daß er fast sterben wollte. Sein Herz ließ ihn ein Un-glück ahnen. Er trieb das Pferd an, so sehr er konnte, denn er wollte schnell nach Hause. Als er angekommen war, eilte er schnell in die Hütte. Die Hütte war voller Gäste, seine Frau aber war nicht zu sehen.
„Seid gegrüßt, alle zu Hause!“ sagte er. „Was gibt es Neues?“
„Eine gute Neuigkeit… Deine Frau hat einen Sohn geboren…“, sagte jemand. Als der Kaufmann dies hörte, wurde ihm schwarz vor Augen. Ihm wurde ganz schwindlig, und er erstarrte vor Schreck. Er war immer kinderlos gewesen. Nun hatte ihm Gott einen Sohn geschickt, er aber hatte ihn dem Teufel verkauft. Die Gäste dachten je-doch, daß er vor Freude so erstarrt war.
Der Junge, der ihm geboren wurde, war sehr hübsch. Er wuchs wie Hefeteig. Sie nannten ihn Juri. Sie schickten ihn in die Schule, und er überflügelte alle im Lernen. Er wußte schon von Ge-burt an alles. Die Menschen freuten sich, wenn sie ihn ansahen, und beneideten seine Eltern. Der Va-ter aber wurde immer trauriger und trauriger. Der Sohn erriet bereits, daß hier etwas nicht in Ordnung war. Schließlich fragte er einmal den Vater: „Sag mal, Väterchen, warum bist du unzufrieden mit mir? Habe ich etwas getan, daß du mich nicht gern hast?“ Der Vater schwieg, und es konnte ei-nem leid tun, ihn anzusehen.
„Ich bin wohl nicht dein Sohn?“ fragte er.
„Nein, mein Söhnchen… Ich habe dich dem Teufel verkauft, als du noch nicht geboren warst.“ Und er erzählte ihm alles, wie es gewesen war.
„Wenn das so ist, Väterchen, dann sei beruhigt!“ sagte der Sohn, „das werden wir bald ha-ben. Ich wette um meinen Kopf, daß ich diesen Handel zerschlage.“ Er schickte sich zur Reise an. Er machte sich einen Bogen und schnitzte sich
Pfeile. Dann nahm er ein Hemd zum Wechseln, einen Kanten Brot, ein Stück Speck und etwas Geld und ging nachts leise fort, um den Eltern den Abschied nicht so schwer zu machen.
Als er ein Weilchen gegangen war, kam er zu einem Fluß. Die Brücke darüber war so schön, daß er etwas ausruhen wollte. Er legte sich hin, ruhte sich aus und aß Brot mit Speck. Plötzlich kamen zwölf Enten geflogen. Er wollte schon nach dem Bogen greifen, um eine abzuschießen. Da ließen sie sich auf das Wasser herab, schwammen ans Ufer und wurden zu so schönen Mädchen, daß es eine Freude war, sie anzuschauen. Sie begannen zu baden, Juri aber kroch langsam hinzu und nahm der einen die Kleider weg, die am Ufer lagen. Sie badeten, kamen aus dem Wasser heraus und zogen sich an. Nur einer von ihnen fehlten die Kleider. Da lief die Arme hin und her und fand sie nicht. Als die anderen sich angezogen hatten, wurden sie wieder zu Enten, erhoben sich in die Lüfte und flogen davon. Sie aber saß da und weinte. Schließlich rief sie laut: „Du, der meine Kleider weggenommen hat, antworte! Wenn du älter bist als ich, sollst du mein Onkel werden, wenn du jünger bist als ich, sollst du mein Bruder werden, wenn du so alt bist wie ich, mein Liebster sein.“ Da warf Juri ihr die Kleider hin. Als sie sich ange-zogen hatte, ging er zu ihr. Sie verglichen ihr Al-ter und stellten fest, daß es gleich war. Sie fragte ihn, wer er sei und woher er komme, wohin er wolle und warum. Er erzählte ihr alles ausführlich. Sie hörte ihn bis zu Ende an und sagte: „Du gehst zu niemand anderem als zu meinem Vater. Wenn das so ist, bin ich deine Dienerin. Ohne mich kommst du dort um. Du wärest nicht der einzige, der dort umgekommen ist. Sei beruhigt, wir wer-den uns dort sehen. Jetzt aber muß ich meine Schwestern einholen.“ Sie verwandelte sich in eine Ente und flog davon. In die Richtung, in die sie geflogen war, ging auch Juri.
Er kam zu einem Gehöft. Es stand auf einem Berg und war von allen Seiten befestigt. Er klopfte an das Tor. „Ich möchte zum Besitzer“, sagte er. Der Besitzer kam herrlich gekleidet heraus, das Gold glitzerte nur so an ihm. „Was willst du?“ fragte er Juri. „Die Sache ist so und so“, erzählte Juri, „ich suche den Herrn, an den mich mein Va-ter verkauft hat, als ich noch nicht geboren war.“
„Ich bin dein Herr“, sagte der Teufel, „und woll-te schon Boten nach dir ausschicken, denn deine Kinderjahre sind jetzt vorbei. Nun bist du von selbst zur Fronarbeit gekommen. So muß es auch sein. Dafür lobe ich dich.“
„Ja, lieber Herr, aber hast du denn eine Quittung von meinem Vater?“
„Auch die habe ich. Du bist mein mit Haut und Haaren. Wenn du mir treu dienst, gebe ich dir eine Quittung und lasse dich frei. Dann kannst du gehen, wohin du willst. Aber wenn du den Dienst vernachlässigst, ziehe ich dir bei lebendigem Leibe das Fell über die Ohren. Hier hast du eine Arbeit. Pflüge in der Nacht das Feld, säe Weizen, ernte ihn, drisch ihn, mahle ihn und backe mir für morgen früh Kuchen. Machst du es, bist du frei. Die Arbeit ist leicht.“ Er sagte es, drehte sich um und ging in sein Zimmer.
Na, da hat er mir ja eine Aufgabe gestellt, dachte Juri. Ich war in einer guten Schule, aber wie man das macht, weiß ich nicht. Nun ist es um mich geschehen.
Er begann zu weinen und ging im Hof hin und her. Am Ende des Hofes sah er eine Hütte stehen. Aus dem Fenster rief ihn eine bekannte Stimme: „Juri, Juri! Hast du mich vergessen? Ich habe dich doch gern!“ Er schaute hin und erblickte das Mäd-chen, dem er die Kleider weggenommen hatte. Sie stand da und rief ihn. Er trat in die Hütte und wunderte sich, daß diese so schön eingerichtet war. Er begrüßte das Mädchen und erzählte ihr, was für eine Arbeit ihm aufgetragen worden war.
„Fürchte dich nicht, schlaf ruhig! Es wird alles erledigt. Ich werde dir helfen. Ohne mich würdest du deinen Kopf nicht auf den Schultern behalten. Hier sind schon viele ums Leben gekommen. Leg dich hin und schlafe!“ Er mußte dem Mädchen ge-horchen und legte sich schlafen. Er schlief fest, denn er war unterwegs sehr müde geworden.
Das Mädchen aber ging um Mitternacht auf den Hof hinaus, winkte mit der Rute dreimal, und es erschienen dreißig Recken, einer nach dem anderen. Da standen sie nun und warteten auf ihren Befehl. Das Mädchen sagte etwas, und die Arbeit begann. Der eine pflügte, der zweite säte, ein anderer erntete, drosch, mahlte, buk… und bald war der Kuchen fertig.
Als Juri am Morgen aufwachte, war sein erster Gedanke, ob der Kuchen fertig wäre. Da sah er ihn auf dem Tisch liegen, und er war so schön rot und locker! Das Mädchen aber saß daneben.
„Fürchte dich nicht“, sagte sie, „er ist fertig, du brauchst ihn bloß auf den Tisch zu bringen.“ Sie zeigte ihm die Stelle, wo der Weizen gewachsen war, wo das Stroh hingebracht worden war und wo die Spreu lag, damit er Bescheid wußte, wenn ihr Vater nicht glaubte, daß er das geschafft hätte. Juri bedankte sich bei ihr und brachte den Kuchen auf den Tisch.
Der Herr wachte auf, trat aus seinem Zimmer – und sah Juri mit dem Kuchen stehen. „Er ist fer-tig, lieber Herr“, sagte Juri, „wie es der Herr befohlen hat, so ist es auch geschehen.“
Der Teufel schaute den Kuchen an, beschnup-perte ihn, kostete ihn, und es war alles so, wie er verlangt hatte.
„Na, du bist ja ein Prachtkerl! Wie ich sehe, bist du nicht einer der schlechtesten. Man sieht, daß du in der Schule warst. Ich habe schon gedacht, daß du es nicht schaffst. Wenn du so ein Meister bist, dann gebe ich dir eine Tochter zur Frau. Ich habe aber ihrer zwölf, alle sind noch ledig. Wähl dir irgendeine aus. Die dir gefällt, ist deine. Nur eines ist schlecht, ich habe keinen Platz zum Wohnen, habe keine Zimmer mehr. Aber ich gebe dir einen Rat. Du bist ein gelehrter Mann. Baue also in der Nacht ein Haus aus Stein. Das soll so viele Zimmer haben, wie es Tage im Jahr gibt. Die Decke soll so sein wie der Himmel, auf ihr sollen die Sonne, der Mond und die Sterne entlangwan-dern. Am Haus soll ein Fluß vorbeifließen. Über den Fluß soll eine Brücke gebaut werden, mit gol-denen und silbernen Bohlen. Und über die Brücke soll ein Regenbogen gespannt sein, der mit seinen Enden ins Wasser reicht. Mit einem Wort, es soll so sein, daß man sich nicht zu schämen braucht, es den Leuten zu zeigen. Wenn du ein solches Haus baust, wirst du mein Schwiegersohn. Baust du es nicht, verlierst du deinen Kopf. Bei mir ist das so. Wenn ich freundlich bin, bin ich freund-lich; wenn ich böse bin, bin ich böse. Jetzt aber geh!“
Unser Juri wurde ganz traurig, als er diesen Befehl gehört hatte. Platzen sollst du, du Teufel, dachte er bei sich. Da hat er mir wirklich eine ganz schwere Aufgabe aufgegeben. Was soll ich tun? Da muß ich zu dem Mädchen gehen, soll sie mich aus der Not retten! Und er ging zu ihr. Er kam hin und erzählte, welche Arbeit ihr Vater ihm aufgetragen hatte.
„Sei nicht traurig, das wird erledigt! Es wird rechtzeitig fertig“, sagte sie. „Jetzt aber geh über den Hof, als wenn du die Stelle aussuchst, wo du bauen wirst.“ So geschah es auch. Er ging umher und hielt Ausschau, und am Abend ging er heim-lich in die Hütte des Mädchens. Bis Mitternacht war es noch weit, und so unterhielten sie sich.
„Warum wohnst du allein in dieser Hütte, und warum wohnen deine Schwestern mit dem Vater im Steinhaus?“ fragte Juri das Mädchen.
„Sie haben mich hinausgejagt, weil ich keine Mutter habe, sondern nur eine Stiefmutter. Die lebt mit ihren Töchtern herrlich in den Zimmern. Mich aber haben sie in diesen Stall gesperrt.“
Sie unterhielten sich noch lange und legten sich dann schlafen. Um Mitternacht stand das Mädchen auf, ging auf den Hof hinaus, winkte dreimal mit der Rute, und es erschienen dreißig Recken. Sie standen da und warteten auf ihren Befehl. Da sagte sie zu ihnen: „Baut in der Nacht ein Haus aus Stein! In ihm sollen so viele Zimmer sein, wie es Tage im Jahr gibt. Die Decke soll so sein wie der Himmel. An der Decke sollen die Sonne, der Mond und die Sterne entlangwandern. Am Haus soll ein Fluß vorbeifließen. Über den Fluß soll eine Brücke gehen, mit goldenen und silbernen Bohlen. Und über die Brücke soll ein Regenbogen ge-spannt sein, der mit seinen Enden bis ins Wasser reicht.“ Kaum hatte es das Mädchen gesagt, da begann die Arbeit auch schon. Der eine sägte, der zweite schnitt, ein anderer hobelte, und bis zum Morgen war das Haus fertig. Wie gesagt, so ge-tan.
Juri trat auf den Hof hinaus, sah es und freute sich. Das Haus stand da, darüber erstrahlte am Himmel der Regenbogen, und die Brücke glänzte wie Feuer. Er trat in das Haus, schaute nach oben und wäre fast erblindet, so glänzte die Sonne, und so erstrahlten die Sterne.
Juri stellte sich auf die Brücke und wartete auf seinen Herrn. Der kam auch bald. Er schaute sich alles an und freute sich. „Du bist ein Prachtkerl, Juri“, sagte er, „bist meiner Tochter wert, wenn das deine Arbeit ist! Dagegen kann man nichts sagen, du hast dich angestrengt. Nun ja, es ist gut. Aber bis wir die Hochzeit feiern, habe ich noch eine Arbeit für dich. Ich habe ein gutes Pferd, das nicht zu bezahlen ist, das aber noch nicht zugeritten ist. Reite du es bis zur Hochzeit zu!“
Da war nichts zu machen. „Gut, Herr“, sagte Juri, „morgen reite ich es zu.“
Da kam die Stiefmutter mit ihren Töchtern, um sich das Gebäude anzusehen. Sie schauten es an und wunderten sich sehr. Als sie aber hörten, daß der Vater versprochen hatte, dem Meister eine Tochter zur Frau zu geben, da wollte jede von ih-nen ihn heiraten. Besonders die Frau des Teufels wollte, daß eine ihrer Töchter diesen Mann erhielt. Aber als es dunkel wurde, da zog es unseren Juri zu seinem Mädchen zum Übernachten.
Als er hinkam, erzählte er ihr, welche Arbeit ihr Vater ihm aufgetragen hatte. „Aber ich fürchte mich nicht“, sagte er, „diese Arbeit ist nach mei-nem Geschmack. Ich reite jedes Pferd zu.“
„Nein“, sagte das Mädchen, „prahle nicht vorher. Diese Arbeit ist die schwerste. Du denkst, das sei ein richtiges Pferd? Nein, das wird mein Vater, selbst sein. Er glaubt nicht, daß du das Haus gebaut hast. Aber fürchte dich nicht, ich gebe dir auch hier einen Rat. Schlafe ruhig!“ Juri gehorch-te, legte sich schlafen und begann laut zu schnarchen. Am Morgen weckte ihn das Mädchen. „Geh das Pferd einreiten!“ sagte sie. „Hier hast du meine Wunderrute: Wenn das Pferd störrisch wird, dann gib ihm mit dieser Rute eins zwischen die Ohren, und es wird ruhig!“ Juri nahm die Rute und ging.
Er ging in den Pferdestall. Dort stand ein Pferd mit goldenen Haaren und silbernen Haaren, die Augen blutig unterlaufen, aus den Nüstern züngelte eine Flamme, aus den Ohren trat der Rauch, und er konnte nicht herantreten. Juri schlug mit der Rute um sich, und die Hitze traf ihn nicht. Er trat an das Pferd heran, das sich auf die Hinter-beine stellte, bis zur Decke erhob und ihn nicht aufsitzen ließ. Und wenn es wieherte, erzitterte der ganze Pferdestall. Da gab ihm Juri eins zwi-schen die Ohren, und es fiel auf die Knie. Juri saß schnell auf. Das Pferd sprang wieder auf und hät-te ihn bald abgeworfen. Juri aber ließ sich nicht erschrecken und gab ihm eins zwischen die Ohren. Das Pferd tanzte unter ihm, er aber schlug es mit der Rute. Und das Pferd trug ihn dahin, flog, daß die Erde zu schwanken schien, und wollte Juri immer abwerfen, um ihn mit den Hufen zu zer-stampfen. Er aber schlug es nur immerzu mit der Rute.
Das Pferd flog dahin, flog über Berge, über Sümpfe, über Wälder, und schließlich wurde es müde und kehrte um. Bald lief es im Schritt, und so kamen sie zum Pferdestall. Juri stellte es dort ab und ging über den Hof. Aber wer ihm auch ent-gegenkam, niemand wollte mit ihm sprechen. So ging er zu dem Mädchen.
„Nun, ich sehe, du hast meinem Vater ein gutes Bad bereitet, denn du bist gesund zurückgekom-men. Leg dich schlafen, denn du bist wahrscheinlich müde!“ Und sie legten sich schlafen.
Am Morgen kam ein Bote vom Vater und rief das Mädchen ins Zimmer.
„Nun“, sagte sie zu Juri, „bald wird man dich rufen, dir eine Frau auszusuchen. Wir sehen uns alle ähnlich. Wenn du mich wählen willst, so schau mir auf die Stirn. Auf meiner Stirn wird eine Fliege sitzen.“
Wie sie gesagt hatte, so geschah es auch. Bald riefen sie Juri zum Herrn. Der Herr kam ihm mit verbundener Stirn entgegen.
„Nun, mein Schwiegersohn, wähle dir eine Frau aus! Welche dir gefällt, ist deine. Wie ich gesagt habe, so soll es auch geschehen.“ Sie gingen in das Zimmer. Juri sah dort die Mädchen stehen, die alle gleich aussahen. Er schaute und schaute, da erblickte er bei dem einen auf der Stirn eine Fliege. Er griff es am Arm und sagte: „Das soll meine Frau sein!“
„Wenn du diese willst, gut“, sagte der Teufel, „meine Kinder sind alle gleich. Laßt es euch gutgehen und bleibt gesund!“
Die Stiefmutter aber wurde ganz grün vor Wut, weil er nicht eine von ihren Töchtern gewählt hatte. Na, ich werde mich schon an ihnen rächen! dachte sie.
Das junge Paar ging in die Hütte übernachten, bis die Hochzeit stattfinden sollte. Als sie dort wa-ren, sagte das Mädchen: „Wir werden jetzt schlafen, denn um Mitternacht müssen wir uns auf den Weg machen. Wir müssen von hier fortlaufen, sonst bringt uns meine Stiefmutter um.“
Sie legten sich hin und ruhten sich ein wenig aus. Um Mitternacht wachten sie auf und machten sich auf den Weg.
Das Mädchen spuckte in jede Ecke ihrer Hütte und hieß Juri das gleiche tun. Dann brachen sie auf. Sie gingen ein ziemliches Stück. Schon war der liebe Tag gekommen und alles aufgestanden. Man wartete auf das junge Paar, aber es stand nicht auf. Da schickte man jemand zum Wecken. „Steht auf!“ sagten die Boten, „der Tag ist schon gekommen!“
„Wir stehen gleich auf!“ antwortete die Spucke.
Die Sonne stand schon fast im Zenit, da kamen die Diener wieder. „Steht auf“, riefen sie, „denn es ist bald Mittag!“
„Wir ziehen uns an“, antwortete die Spucke. Als es Zeit zum Mittagessen war, kamen die Diener wieder und riefen sie.
„Wir waschen uns“, antwortete die Spucke. Als sie kamen, um sie zum Mittagessen zu rufen, da war die Spucke ausgetrocknet, und niemand antwortete. Sie brachen die Türen auf, und niemand war da. Als sie das dem Teufel berichteten, ärger-te er sich so, geriet er so außer sich, daß er mit dem Kopf gegen die Wand rennen wollte. Die Stiefmutter aber schrie: „Schickt Boten hinterher, die sie lebend oder tot zurückbringen sollen!“ Da eilten die Boten hinterher und flogen dahin, so schnell die Pferde konnten. Juri und das Mädchen aber flohen auch, so schnell sie konnten. Das Mädchen legte das Ohr an die Erde und hörte die Boten kommen. „Ei“, sagte sie, „die Boten eilen uns nach. Sie werden uns bald eingeholt haben. Laß uns schnell fliehen! Wenn sie uns einholen, dann verwandle ich mich in ein Schäfchen, und dich verwandele ich in einen Hirten. Sie werden dich fragen, ob du nicht gesehen hast, daß ein Mann mit einem Mädchen vorbeigekommen ist. Sag, daß du sie nicht gesehen hast!“ Bald kamen die Boten auch.
Das Mädchen winkte mit der Rute und wurde zu einem Schäfchen und Juri zu einem Hirten.
„Hirte, hast du nicht einen Mann und ein Mäd-chen vorbeikommen sehen?“ schrien die Boten.
„Ich hüte hier von klein auf meine Schafe, habe aber niemanden gesehen“, sagte darauf der Hirte.
Die Boten kehrten um, denn sie dachten vom Wege abgekommen zu sein und die Spur verloren zu haben. Sie kehrten zurück und sagten dem Herrn, wie es war. „Wir haben niemanden gese-hen“, sagten sie. „Wir müssen die Spur verloren haben, vielleicht sind wir nicht den richtigen Weg geritten, denn wir haben einen Hirten und ein Schäfchen getroffen. Der Hirte hat uns gesagt, daß er von klein auf dort Schafe hütet, aber nie-manden gesehen hat.“
„Das waren sie doch!“ schrie die Herrin. „Eilt schnell hinterher und zerhackt sie mit Beilen!“
Die Boten machten sich auf die Jagd, aber in-zwischen waren Juri und das Mädchen schon weit davongeeilt. Plötzlich hörten sie die Erde beben.
Das Mädchen legte das Ohr an die Erde und sag-te: „Sie jagen uns nach!“ Sie flohen weiter, bis die Boten zu sehen waren. Das Mädchen winkte mit der Rute, da wurde sie zu einem Garten und Juri zu einem Gärtner.
Die Boten kamen heran und fragten: „Hast du nicht zwei Menschen vorbeikommen sehen, einen Mann und eine Frau?“
„Nein, ich habe niemanden gesehen, ich pflege meinen Garten hier schon leit langem“, antworte-te der Gärtner den Boten.
„Hat hier nicht ein Hirte Schafe gehütet?“
„Auch einen Hirten habe ich nicht gesehen.“
Da kehrten die Boten nach Hause zurück, denn sie dachten, daß sie vom Wege abgekommen seien. Juri aber eilte mit dem Mädchen weiter. Als die Boten zu Hause ankamen, sagten sie den Herrschaften, wie es gewesen war. „Wir haben niemanden gesehen. Sie sind wie Wasser zerronnen. Wir haben einen Gärtner im Garten getrof-fen, der uns gesagt hat, daß niemand den Weg entlanggekommen sei, auch kein Hirt, der ein Schäfchen getrieben hat. Wir sind zurückgekom-men, denn sollen wir den Wind auf dem Felde fangen?“
„Dummköpfe seid ihr!“ schrien sie der Herr und die Herrin an. „Ihr hättet den Garten und den Gärtner zerhacken sollen, denn das waren unsere Flüchtlinge. Nein, auf euch ist kein Verlaß. Wir müssen selbst hinterher jagen!“
Und so machten sich der Herr und die Herrin mit den Boten auf die Jagd. Sie flogen dahin, daß es rauchte, daß die Erde zitterte und es rumorte. Juri und das Mädchen waren aber schon fast zu Hause. Da hörten sie den Lärm und liefen noch schneller, denn sie ahnten, daß der Vater und die Stiefmutter ihnen nacheilten. Der Lärm wurde immer lauter und lauter. „Nein“, sagte das Mädchen, „wir kommen nicht mehr bis zu deinem Hause. Rette du dich wenigstens…“ Sie verwan-delte sich in einen Fluß und Juri in einen Fischer. Bald erreichten sie die Boten und, ohne ein Wort zu sagen, schlugen sie mit ihren Beilen in den Fluß. Da wurde er über und über voller Blut.
Juri aber stand am anderen Ufer und wußte sich keinen Rat.
„Verrecke, du Verfluchte!“ sagten der Teufel und seine Frau zu dem Fluß. „Und du Ränke-schmied, rette dich nur, zu dir kommen wir auch noch!“ Das sagten sie zu Juri und kehrten dann nach Hause zurück. Da hörte Juri, wie der Fluß stöhnte. „Ach, wie schwer habe ich es, ich muß hier so lange liegen, bis meine Wunden verheilt sind, wir werden uns lange nicht sehen. Geh nach Hause, Juri, und vergiß mich nicht! Und damit du an mich denkst, küsse niemanden! Denn wenn du jemanden küßt, vergißt du mich. Komm mich manchmal besuchen!“
Da ging Juri traurig nach Hause, er hatte ge-hofft, mit einer Frau nach Hause zu kommen, doch nun war es so gekommen.
Als ihn die Eltern sahen, wären sie vor Freude fast verrückt geworden. Sie wunderten sich nur sehr, daß er niemanden küssen wollte, noch nicht einmal sie. Da dachten sie, wer weiß warum. Und Juri blieb zu Hause und erfreute seine Eltern. Je-den Sonnabend ging er zum Fluß, um mit ihm zu sprechen, ließ sich von ihm ein sauberes Hemd für den Sonntag geben, gab das schmutzige ab und ging nach Hause. Er wartete darauf, daß die Wun-den des Mädchens verheilten.
So war schon eine geraume Zeit vergangen, der Fluß wurde sauberer, die Wunden des Mädchens begannen zu verheilen, da geschah folgendes: Juri schlief einmal ein, da kam ein alter Mann und küßte ihn im Schlaf. Juri wachte auf und vergaß das Mädchen.
Als eine gewisse Zeit vergangen war, dachte Juri daran, zu heiraten. Die Eltern hatten ihm schon lange ein Mädchen ausgesucht. Das Mädchen gefiel Juri, und sie feierten Hochzeit. Die Hochzeit war lustig. Aber Juri war irgendwie trau-rig und wußte selbst nicht warum. Man begann Brot zu backen und Blümchen und Sternchen aus Teig zu formen. Da trat eine Frau ein und sagte: „Gestattet mir, ihr Bäcker, euch einen Enterich und eine Ente aus Brot zu machen.“ Die Bäcker gestatteten es. Sie knetete einen Enterich und ei-ne Ente. Sie setzte den Enterich auf den Brotlaib des jungen Bräutigams, hielt die Ente in den Hän-den und sagte: „Du hast vergessen, wie ich dich befreit habe, Enterich1!“ Dann warf sie ihm ein Stück Teig an den Kopf. „Du hast vergessen, wie ich deinen Kopf gerettet habe!“ Sie warf ihm wie-der ein Stück Teig an den Kopf. „Du hast vergessen, wie ich deinetwegen Vater und Mutter verlassen habe und mit dir fortgelaufen bin!“ Sie warf ihm noch ein Stück Teig an den Kopf. „Erinnere dich daran, daß ich deinetwegen verwundet wor-den bin!“ Dann warf sie ihm noch ein Stück Teig an den Kopf.
Da erinnerte sich Juri an alles, was mit ihm ge-schehen war. Er erkannte sein Mädchen (das war sie nämlich) und fiel ihr um den Hals. „Das hier ist meine Frau, liebe Eltern!“ rief er. „Sie hat mich aus der Not befreit.“
Und man setzte sie neben den Bräutigam; der anderen aber bezahlte man ihre Ausgaben und schickte sie fort. Die beiden lebten noch lange und waren glücklich.

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