Feuer im Herzen und Verstand im Kopf

Das ist schon lange her. Ich war damals noch ein kleines dummes Mädchen, und eine alte Frau erzählte uns allerlei Märchen und Geschichten. Sie sagte, daß sie diese Geschichten von ihrem seligen Großvater gehört habe, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war. Viele Märchen hat sie uns erzählt, und solch schöne, daß man nicht genug davon hören konnte. Aber ich habe sie vergessen, denn, meine lieben Kinder, ich lebe schon lange. Vielleicht werde ich bald neunzig Jahre alt. Seht nur, wie ich krumm geworden bin wie ein zusammengebogener Ast. Früher war ich eine junge Frau wie Milch und Blut, und als ich noch als Mäd-chen herumlief, da schlug mir der Zopf an die Waden. Manchmal saßen wir fast die ganze Nacht bei einem Kienspan auf dem Hof und spannen so feine Fäden, daß man ein Hemd aus ihnen durch einen Ring hätte ziehen können. Da saßen wir, und eine Alte erzählte uns Märchen, damit wir nicht einschliefen. – Ja, jetzt hat Gott meinem Gedächtnis nachgeholfen, und mir ist ein Märchen eingefallen. Hört also, wie das war.
Es war einmal ein Mann, der war sehr neugierig und wollte alles wissen. Wohin er auch schaute, was er auch sah, immer fragte er, was das sei, wozu und warum. Die Leute sagten es ihm. Aber wenn auch sie es nicht wußten, dann sagten sie zu ihm: „Du bist ein wunderlicher Mensch. Du kannst noch soviel fragen und wirst doch als Dummkopf sterben, denn alles erfährst du doch nicht!“
Er hörte nicht auf die Menschen, verließ seine Wirtschaft und ging hinaus in die Welt. „Ich will zur hellen Sonne gehen“ sagte er, „sie scheint auf alles und sieht alles. Also weiß sie auch alles. Ich werde sie fragen, warum das so und so auf der Welt ist.“
So ging er und ging, da sah er am Wege einen Mann auf einem Stein sitzen, der immerzu schrie und fragte: „Wie lange werde ich noch hier sitzen?“ Und dieser bat ihn, die Sonne zu fragen, wann er aufstehen könne. Der Mann ging weiter und sah, wie ein Mann einen Zaun abstützte. Er sah es, aber er kümmerte sich nicht weiter darum. Er ging weiter und sah zwei Frauen in einem Fluß Wasser schöpfen. Es interessierte ihn, aber er wußte nicht, weshalb sie es taten, und ging weiter. Er war schon ganz dicht an die Sonne herangekommen, dort, wo sie aus der Erde hervorkommt und den Himmel hinaufklettert. Da sah er, wie ein Mann im Müll wühlte. Er ging weiter, und als er durch den Wald schaute, mußte er die Au-gen zukneifen, so hell war es dort. Er ging näher heran und sah den goldenen Palast der Sonne wie Feuer glänzen. Mit letzter Kraft und von dem Glanz fast blind, ging er hinein. Da traf er die Mutter der Sonne. Sie fragte ihn, warum er ge-kommen sei. „Ich bin zur Sonne gekommen“, sagte er, „um sie zu fragen, warum das so und so auf der Welt ist.“
Sie antwortete, daß die Sonne gerade zum Himmel aufgestiegen sei, um die Erde zu betrachten: „Warte, sie kommt bald zurück!“
Der Mann zündete ein Feuer an, setzte sich, wärmte sich und briet Speck am Spieß. Er aß sich an Speck und Brot satt.
Da bekam er Durst. Er ging zum Fluß, um zu trinken. Er hatte sich gerade über das Wasser gebeugt, als ein sehr hübsches Mädchen herauskam. Sie blickte ihn an, und er blieb wie versteinert stehen. Er stand da, schaute sie an und konnte die Augen nicht von ihr wenden. Er gefiel dem Mädchen, und sie sagte zu ihm: „Trinke kein Wasser aus dem Fluß, sonst verbrennt dich die Sonne!“
Sie führte ihn unter eine alte Eiche, wo eine Quelle war. Er beugte sich nieder und trank das reine kalte Wasser. Soviel er auch immer trank, er konnte sich nicht sattrinken und wollte immer mehr.
„Hör auf zu trinken!“ sagte das Mädchen, „denn man muß in allem gut Maß halten. Du willst wis-sen, warum alles so ist und nicht anders, weißt aber nicht, daß es leichter ist, alles Wasser auszutrinken als alles zu wissen. Du hast ein bißchen getrunken, du wirst also leben, ein bißchen die Welt ansehen und alles Notwendige wissen.“
Er sah, wie die Sonne vom Himmel in ihren Palast herabstieg, und hätte dorthin gehen müssen, aber er konnte die Augen nicht von jenem Mäd-chen wenden.
Da sagte sie: „Jetzt ist mein Vater1 nach Hause gekommen. Aber sag ihm nicht, daß du mich ge-sehen hast und was du erfahren hast!“
Sie erhob sich in die Lüfte und glänzte dort als schöner Stern. Er ging zu der Sonne in den Palast. Die Sonne sah, daß ein Mensch es gewagt hatte, zu ihr zu kommen, und sie begann ihn zu braten, daß die Wand ringsherum zitterte. Er aber hatte kaltes Wasser getrunken, und so geschah ihm nichts.
Die Sonne wurde wütend und rief ihn noch näher zu sich heran. Er zog die Mütze über die Au-gen und trat näher. Als die Sonne sah, daß sie nichts tun konnte mit dem hartnäckigen Menschen, fragte sie, was er wolle. Er erklärte der Sonne, warum er gekommen war, und sie sagte: „Wenn du alles erfahren hast, stirbst du bald.“
Dabei leuchtete sie ihm in den Kopf. Da fühlte er zwar, daß er viel wußte, aber der Kopf brannte, und das Herz war kalt wie Eis. Er ging von der Sonne fort und traf die Mutter der Sonne. Sie sag-te: „Du wirst sterben, Mensch, wenn du nicht das Herz erwärmst, denn ohne Herz verbrennt der Kopf.“
Er erführ, wie man das Herz erwärmt, suchte jenes Mädchen am Himmel und rief sie herunter.
Sie hörte es, der Stern fiel schnell vom Himmel herab, und das hübsche Mädchen war wieder bei ihm. Da begann es in seinem Herzen zu brennen, und er fühlte, solange es dort brennt, würde er wissen, wie es auf der Welt zugeht.
Sie ließen sich trauen und gingen in sein Land. Als sie zu der Stelle kamen, wo der Mann im Müll herumwühlte, sagte er: „Oh, Mensch, du suchst im Müll verlorenes Geld und vergeudest unnütz Zeit. Geh und tue deine Arbeit, dann verdienst du schneller Geld!“
Der Mann sah seinen Fehler ein und schaffte und arbeitete von nun an. So erwarb er sich eine Bauernwirtschaft und Geld für alles, was er haben wollte. Das Mädchen und der Mann gingen weiter, bis sie zu den Frauen kamen, die immer noch Wasser schöpften. Der Mann erklärte ihnen: „Soviel ihr auch schöpft, Wasser wird immer da sein, und soviel ihr auch redet, ihr habt doch nichts zu sagen!“
Sie gingen weiter und kamen dorthin, wo der Mann den Zaun abstützte. Da sagte er zu ihm: „Stütz im Leben nichts Verfaultes ab, denn es fällt doch um!“
Schließlich gingen sie zu dem Mann auf dem Stein und gingen an ihm vorbei. Sie gingen ein Stückchen weiter und riefen ihm von weitem zu: „Du sitzt so lange hier, bis sich ein anderer hersetzt, denn das Leben bestimmt für jeden seinen Platz!“
So kamen sie in ihr Land und erreichten das Dorf, in dem er wohnte. Aber seine herrenlose Hütte war schon abgerissen, die Bauern hatten Brennholz aus ihr gemacht. Da war nichts mehr zu machen, sie mußten sehen, wie sie weiterleben konnten. Der Mann baute ein Haus, um eine Bauernwirtschaft zu gründen. Nach einiger Zeit hatten sie es geschafft, führten ein gutes Leben und wurden immer reicher. Die Menschen wunderten sich, daß sie so gut zusammen lebten und sich nie zankten. Als sie den Mann danach fragten, ant-wortete er: „Wir leben so gut, weil wir Feuer im Herzen und Verstand im Kopf haben.“

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