Drei Pfaffen und ein Ei

In alten Zeiten trieben sich die Pfaffen in der Welt umher und redeten den Leuten ein, sie müßten den Gutsherren gehorchen, ehrlich arbeiten und der Kirche etwas geben. Gott aber sah nichts davon.
Die Leute gaben, was sie konnten, aber die Pfaffen verfraßen es bei den Gutsherren.
Da kamen einmal drei Pfaffen zusammen, ein Jesuit, ein Bernhardiner und ein Kapuziner. In der Nähe war kein Gutshof, wo sie essen und trinken konnten. Bekanntlich haben ja die Gutsherren die Pfaffen immer gut empfangen und bewirtet. Da blieb den Pfaffen nichts weiter übrig, als ohne Es-sen auszukommen. So gingen sie zusammen in eine Schenke, um sich zu stärken. In der Schenke bestellten sie Schnaps und etwas zu essen. Der Schenkwirt war ein armer Mann und hatte außer dem Branntwein nichts da, denn bekanntlich ist in einer kleinen Schenke nie etwas da. Die drei Män-ner tranken den Branntwein und bissen sich auf die Zunge. Wer etwas essen wollte, mußte sich von zu Hause in der Tasche oder im Rock einen Topf Sauerkohl, einen Kanten Brot, einen Fisch, Gurken oder etwas anderes mitbringen.
Die Pfaffen tranken ein Glas und auch noch ein zweites, aber zu essen hatten sie nichts. Da sahen sie auf dem Hof an der Scheune ein Huhn herum-laufen, und sie rannten los, um es zu fangen. Die Pfaffen liefen, die Röcke hochgehoben, konnten aber das Huhn nicht fassen. Das Huhn lief hierhin und dorthin, und die Pfaffen rannten hinterher, schließlich verlor es ein Ei und kroch unter die Scheune. Die Pfaffen hoben das Ei auf und ließen es kochen.
Man kochte das Ei und gab es ihnen. Nun wußten die Pfaffen nicht, wie sie es teilen sollten. Sie rechneten und rechneten, konnten aber zu keiner Lösung kommen. Schließlich einigten sie sich dar-auf, daß der das Ei essen sollte, der den schönsten Spruch aufsagen konnte.
Als erster nahm der Kapuziner das Ei, begann es abzupellen und sagte: „Gereinigt sei es von der Schale der Unwahrheit!“
Er wollte das Ei gerade in den Mund stecken und verschlucken, als es ihm der Bernhardiner entriß. Er streute etwas Salz darauf und sagte: „Bestreut sei es mit dem Salze der Weisheit!“
Als er dies gesagt hatte, wollte er das Ei in den Mund schieben und essen. Da riß ihm der letzte Pfaffe, der Jesuit, das Ei aus der Hand. Er schaute auf seine Kollegen und sagte: „Gereinigt bist du von der Schale der Unwahrheit, bestreut mit dem Salze der Weisheit. So also kehre ein zum Lobe deines Herrn!“ Mit diesen Worten führte der Jesuit das Ei zum Munde und verschlang es.
Seit dieser Zeit sind die Kapuziner und Bernhardiner mit den Jesuiten nicht mehr befreundet.

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