Dnepr und Sosh

Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne.
Der Vater hieß Newisnej, der ältere Sohn Sosh
und der jüngere, der wie ein Stiefkind behandelt
wurde, Dnepr. Da sagte der Vater zum Sosh:
„Komm morgen zu mir, Söhnchen! Ich werde dich
segnen, bevor du auf Wanderschaft gehst.“
Das hörte auch der Dnepr. Er stand am anderen
Morgen auf, zog sich einen haarigen Handschuh
über und ging zum Vater.
Der Vater war blind, und Soshs Hand war haarig.
Dnepr gab dem Vater die Hand und sagte:
„Segne mich Vater, ich gehe auf die Reise!“
Da segnete ihn der Vater und sagte: „Geh
durch die schönen Bezirke, Söhnchen, an Wiesen
und Städten vorbei!“
Sosh war gerade nicht zu Hause. Am nächsten
Tag kam er auch und sagte: „Segne mich, Väterchen!“
Da sagte der Vater: „Ich habe dich doch gestern
schon gesegnet!“
„Nein, das war ich nicht. Da mußt du den Dnepr
gesegnet haben.“
Da segnete ihn der Alte auch und sagte: „Geh
du durch das Moos und die Sümpfe, vielleicht
holst du ihn ein, bevor er ins Meer fließt. Wenn du
ihn abfängst, gehört dir sein Segen.“
Da lief der Sosh durch das Moos und die Sümpfe,
um den Dnepr einzufangen und sich anzueignen.
Der Dnepr war aber bereits ins Meer geflossen.
Er war zwar ins Meer geflossen, wollte ihm
aber nicht dienen. Er wollte in ein anderes Meer
weiterfließen. Wo gibt es denn das? Da flog ein
Rabe über das Meer, und der Dnepr sagte zu dem
Raben: „Rabe, Rabe! Ich werfe dir alles zu, was in
mir versinkt, paß du nur auf, daß ich nicht im
Meer auseinanderfließe, sondern hier hindurch in
ein anderes Meer gelange. Sowie ich das Meer
durchquert habe, krächze du! Dann kann ich meines
Weges gehen.“
Der Rabe sagte „Gut!“ und flog dem Dnepr nach
übers Meer. Da kam auf einmal ein Geier und fiel
über ihn her. Der Rabe schrie, und der Dnepr
dachte, daß er das Meer schon durchquert hätte,
und lief in der Mitte des Meeres auseinander.
So fließt der Dnepr durch Wiesen und Städte
und der Sosh durch Moos und Sümpfe.

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