Die weiße Rose

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter. Er hatte sie lieber als alles auf der Welt. Eines Tages wollte der Mann zum Jahrmarkt ziehen. Die Töchter umringten ihn und trugen ihm ihre Wünsche vor.
“Ich möchte eine Kette haben, Vater”, sprach die Älteste.
„Und mir sollt Ihr einen Ring mitbringen”, sprach die Mittlere.
Die Jüngste schwieg.
„Und was möchtest du, mein Töchterchen?” fragte der Mann.
„Eine weiße Rose.”
Darauf fuhr der Mann zum Jahrmarkt. Einiges hatte er mitgenommen, um es zu verkaufen, einiges wollte er selber einkaufen. Für die Kette und den Ring war ihm kein Geld zu schade. Doch für seine Jüngste konnte er kein Geschenk finden, denn nirgends gab es weiße Rosen zu kaufen. Mißmutig kehrte er heim.
Da saß er nun traurig auf dem Fuhrwerk, als ein altes Weib auf ihn zukam.
„Warum ist der Herr so traurig?”
„Wie soll ich nicht traurig sein, wo sich doch meine jüngste Tochter eine weiße Rose gewünscht hat. Auf dem Jahrmarkt aber gab es solche Blumen nicht.”
Die Frau sprach:
„Steig von der Fuhre herunter und folge mir…”
Sie führte ihn bis vor das Stadttor und verschwand sodann. Das Tor nahm seine Peitsche in Empfang und öffnete sich. Da ging er zum zweiten Tor. Jenes nahm ihm den Hut ab und öffnete sich gleichfalls. Hinter dem dritten Tor erblickte der Mann einen herrlichen Blumengarten, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Dort blühten lauter weiße Rosen.
„Ach, welch eine Pracht! Da wird sich mein Töchterchen aber freuen”, sagte der Mann. Er bückte sich und pflückte eine Rose. Da krallte sich etwas an seiner Hand fest und ließ sie nicht los. Es war ein Ungeheuer.
„Laß meine Hand los, potz Blitz!”
„Schrei nicht so, es hilft dir sowieso nicht!” entgegnete das Ungeheuer.
„Was hängst du an mir wie eine Klette?”
„Sei vernünftig”, sprach das Ungeheuer. „Schwöre mir, daß das Mädchen, für das du die weiße Rose abgebrochen hast, morgen zu mir kommt. Sonst lasse ich dich nicht los, und deine Tochter wird über drei Tage sterben.”
Was für ein Unglück! Der Mann mußte einwilligen.
„Ich schwöre, daß sie kommt.”
Das Ungeheuer ließ die Hand los. Der Mann fuhr nach Hause, bescherte die Mädchen mit den Geschenken, doch selber irrte er mit der Furcht im Nacken umher. Konnte er dem Ungeheuer sein liebstes Töchterchen überlassen?
„Warum seid Ihr so traurig, lieber Vater?” fragten ihn die Töchter.
„Wie soll ich nicht traurig sein, wo ich doch geschworen habe, daß ich die jüngste von euch zu dem Ungeheuer schicke, das mir die weiße Rose gegeben hat.”
„Ich fürchte mich nicht, Vater. Laßt uns morgen hinfahren”, entgegnete die jüngste Tochter.
In aller Frühe brachte der Mann sein Töchterlein zu jenem gruslichen Tor. Es öffnete sich von selbst. Das Mädchen trat ans zweite Tor, der Vater jedoch blieb auf der Straße stehen.
Der Rosengarten war nicht mehr da, es gab lediglich eine Treppe, die in eine hübsch aufgeräumte Stube führte. In der Mitte stand ein Tisch mit allerlei Speisen darauf. Obwohl das Mädchen sehr hungrig war, rührte es nichts an. Es nahm auf einem Stuhl Platz und wartete geduldig.
Plötzlich erschien in der Tür ein alter Mann mit einem Bart und einer langen krummen Nase. Er war so häßlich anzuschauen, daß man bei seinem Anblick erschauderte. Er trat an das Mädchen heran und fragte:
„Kannst du mich liebgewinnen?”
Das Mädchen wandte sich ab und erwiderte:
„Nein, das kann ich nicht.”
Der Alte seufzte und ging. Am nächsten Abend kam er wieder angehumpelt. Er war noch gräßlicher geworden.
„Sag mir, kannst du mich liebgewinnen?”
„Nein”, antwortete das Mädchen.
Eine Träne kullerte über den langen Bart. Der Alte verließ wortlos das Zimmer.
Am dritten Abend stellte sich der Alte zur gewohnten Stunde ein. Todunglücklich stand er in der Tür und fing an zu flehen:
„Hab mich doch lieb, schönes Mädchen…”
Sie schwieg. Der Alte wartete. Eine Träne nach der anderen rann seinen langen Bart hinunter.
Das Mädchen wandte sich ihm zu und sprach leise:
„Ich will dir gut sein…”
Sobald sie dies gesprochen hatte, verwandelte sich der Alte in einen weißen Tauber.
Er flatterte auf und ließ sich auf des Mädchens Schulter nieder. Der Tauber konnte mit menschlicher Stimme sprechen. Er erzählte von seinem Glück und dankte dem Mädchen für die Zuneigung. Von nun an lebten das Mädchen und der Tauber vergnügt zusammen.
Einst sagte sie zu ihm:
„Ich möchte gern meine Schwestern und meinen Vater wiedersehen. Laß mich sie besuchen, lieber Tauber.”
Der Vogel erwiderte:
„Du kannst gehen, doch du mußt zurück sein, bevor die Sonne untergeht, wo sie gerade noch einen Fußbreit hoch über der Erde steht. Kehrst du nicht zurück, wird mir ein großes Unglück zustoßen. Ich will dir diese Blume geben, wenn sie verwelkt, dann weißt du, daß ich tot bin.”
„Ich komme wieder, lieber Tauber”, versprach das Mädchen.
Der Vogel sprach noch zu ihr:
„Es könnte auch sein, daß ich schon tot bin, wenn du zurückkehrst. Hab keine Furcht und weine nicht. Stich dir mit der Nadel in den kleinen Finger und laß einen Blutstropfen auf meine Stirn über dem rechten Auge fallen.”
Das Mädchen streichelte den Vogel, nahm die Blume und brach auf.
Die Schwestern freuten sich, daß sie quicklebendig und froh heimgekehrt war. Sie wunderten sich darüber, daß sie
einen Tauber zum Mann hatte. Die jüngste Schwester verweilte bei ihren Verwandten und wollte schon den Heimweg antreten. Aber ihre Schwestern ließen sie nicht fort und redeten auf sie ein, noch zu bleiben.
Düstere Wolken hatten sich am Himmel zusammengeballt und die Sonne bedeckt. Das Mädchen wußte nicht, wie spät es war und ob sie schon aufbrechen müsse. Der Tag ging schon zur Neige, aber sie war noch immer unterwegs. Die Blume in ihrer Hand verwelkte. Die Bäume rauschten:
„Warum hast du den Tauber betrogen? Er ist nun aus Sehnsucht nach dir gestorben.”
Die Schwalben flogen über ihrem Kopf und riefen:
„Der Tauber ist vor Sehnsucht nach dir gestorben!”
Und das Bächlein murmelte:
„Er ist tot… Er ist tot…”
Das Mädchen stürzte in das Zimmer. Der Tauber kam ihr nicht entgegengeflogen und ließ sich nicht auf ihrer Schulter nieder.
Er lag tot auf dem Fensterbrett.
„Er hat nach mir Ausschau gehalten”, sprach das Mädchen. „Er hat vergeblich auf mich gewartet.”
Da nahm das Mädchen die Nadel und stach sich in den kleinen Finger. Wie aus dem Boden gestampft stand plötzlich ein hübscher Jüngling vor ihr, prächtig wie ein junger Ahorn und heiter wie die Sonne. Er schloß das Mädchen in die Arme und sprach:
„Du hast den Bann der bösen Zauberin gebrochen und mich vor dem Tode gerettet. Werde meine Frau!”
Das Mädchen reichte ihm die Hand und sprach:
„Laß uns zu meinem Vater gehen, damit er uns den Segen gibt.”
Sie machten sich auf den Weg. Der Vater und die Schwestern freuten sich unendlich. Es wurde eine Hochzeit gefeiert, wie man sie im ganzen Dorfe noch nie zuvor gesehen hatte.
Die Jungvermählten lebten wie zwei Täubchen in Liebe und Eintracht, ohne sich je zu streiten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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