Die undankbaren Söhne

Es war einmal ein alter Mann, der hatte schon ein langes Leben hinter sich. Gott schenkte ihm vier Söhne, die er zu tüchtigen Menschen erzog. Nim, da er müde und gebrechlich war, teilte er all sein Hab und Gut unter die Söhne auf, daß jeder damit sein Auskommen habe. Alle vier Söhne bekamen den gleichen Anteil. Der alte Mann aber dachte: »Meinen Lebensabend werde ich bei meinen Kindern verbringen/
Der Vater lebte nun bei seinem ältesten Sohn, der ihn anfänglich mit aller gebotenen Ehrfurcht behandelte. Aß man, schaffte man sich ein neues Kleidungsstück an, flickte man ein altes oder schnitt man ein Stück Leinen für ein neues Hemd ab, so wurde immer erst der Vater gefragt: „Braucht Ihr etwas?“ Und man folgte und gehorchte ihm, wie es sich einem Vater gegenüber gehört. An Sonn- und Feiertagen bekam der alte Mann sein Gläschen Schnaps. Kurz, es erging dem Vater bei seinem ältesten Sohn, wie es von einem guten Sohn eben nicht anders zu erwarten war.
Allein nachdem der Vater bei seinem Ältesten eine Zeitlang gelebt hatte, änderte sich manches. Es geschah zuweilen, daß der Sohn den Vater anschrie, und bald war es so schlimm, daß der Alte keine Ruhe mehr im Hause fand. Da merkte der alte Mann, daß sein Sohn ihn nicht mehr bei sich haben wollte und sogar schon mit einem Stückchen Brot geizte. Was blieb dem Alten weiter übrig, als das Haus zu verlassen und zu dem Zweitältesten zu gehen. Er dachte: ,Was auch immer kommen mag, ob es mir besser oder schlimmer ergehen wird, bei dem Ältesten kann ich nicht mehr bleiben/
Und der Alte siedelte zu seinem zweiten Sohn über. Aber auch bei diesem erging es ihm nicht besser: Aß er etwas, so warfen ihm der Sohn und die Schwiegertochter böse Blicke zu. Und wieviel Gezänk gab es wegen des Alten! Wiederholt fiel das Weib über ihren Mann her:
„Wir gönnen uns selber kaum ein Stückchen Brot, und nun haben wir noch diesen Alten auf dem Hals!“
Da hielt es der alte Mann nicht mehr aus und verließ auch das Anwesen seines zweiten Sohnes.
Alle vier Söhne nahmen der Reihe nach den Vater zu sich ins Haus, doch überall war es dasselbe. Jeder von ihnen schob den alten Mann den anderen Brüdern zu:
„Soll Euch, Vater, doch unser Bruder bei sich aufnehmen!“
Und jener schob ihn wieder den anderen Brüdern zu:
„Die Brüder haben bisher so gut wie gar nicht für Euch gesorgt!“
Die Söhne lagen sich wegen des Vaters ständig in den Haaren, und keiner wollte den anderen gegenüber nachgeben. Der Streit ging schließlich so weit, daß niemand mehr den Vater beherbergen wollte. Einer führte seine kleinen Kinder an, der nächste sein zänkisches Weib, der dritte hatte eine zu enge Hütte, und der vierte meinte, zu arm zu sein. Und alle dachten: ,Geh, Alter, wohin du auch gehen magst, nur geh endlich!’
Der alte Mann flehte seine Kinder an, weinte und bat sie. Doch er wußte nun selber nicht mehr, womit er noch ihre Herzen rühren sollte.
Die Söhne kamen zusammen und sagten zueinander: „Es ist Verleumdung, wenn man behauptet, keiner von uns wolle den Vater bei sich aufnehmen. Allein wohin mit ihm?“
Der Alte weit nie zänkisch gewesen, auch früher nicht. Man konnte mit ihm machen, was man wollte. Darum faßten die Söhne den Beschluß, den Vater zur Schule zu schicken. Sie sprachen: „Soll er auf der Schulbank sitzen! Kurz genug ist er zur Schule gegangen! Wir werden ihm der Reihe nach das Essen bringen!“
Und sie teilten dem Vater diesen Beschluß mit. Der Alte, der nicht mehr zur Schule gehen wollte, flehte die Kinder um Erbarmen an und sagte unter Tränen:
„Kinder, ich vermag doch kaum noch das Tageslicht zu sehen! Wie soll ich da erkennen, was in einem Buch geschrieben steht? Ich habe ja auch nie richtig lesen gelernt, selbst in meiner Kindheit nicht.“
Dem Alten war der Tod viel lieber, als noch einmal beim Küster in die Schule zu gehen. Allein was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes übrig, er mußte zur Schule gehen. Die Söhne setzten ihren Willen durch. Da es aber in dem Dorf keine Schule gab, mußte der alte Mann in ein anderes Dorf gehen. Der Weg zu diesem Dorf führte durch einen Wald. In diesem Wald begegnete der alte Mann einem reichen Herrn, der in seiner Kutsche des Weges fuhr. Als der herrschaftliche Wagen den Alten erreicht hatte, trat dieser zur Seite, verneigte sich vor dem reichen Herrn und schickte sich an weiterzugehen. Da hörte er, daß man ihn rief. Der Alte glaubte, der Herr wolle ihn etwas fragen, und trat an den Wagen heran. Der Herr stieg aus dem Wagen und richtete wirklich einige Fragen an ihn. Er erkundigte sich nach allem, was den Alten betraf.
Da nahm der Alte vor dem Herrn die Mütze ab und klagte ihm sein Leid. Tränen traten ihm in die Augen:
„Wehe mir, Euer Gnaden, wäre ich wenigstens kinderlos, dann müßte ich nicht soviel Leid erdulden. Habt Ihr je von so etwas gehört: Vier Söhne habe ich. Jeder von ihnen hat ein Haus, und doch schicken sie ihren alten Vater zur Schule. In der Schulbank soll ich noch einmal sitzen und lernen! Ihr würdet es mir sicher kaum glauben!“
So sprach der alte Mann zu dem Herrn. Diesem aber tat der Alte leid.
„Hör mal, Alter“, sprach er, „zum Küster brauchst du nicht zu gehen, kehre nach Hause zurück. Die Söhne werden dich nicht mehr zur Schule schicken. Ich weiß schon, was hier getan werden muß. Hab keine Angst, Alter, weine nicht mehr, und rege dich vor allem nicht mehr auf. Alles wird gut werden.“
Und wie ihn der Herr so tröstete, ward es dem alten Mann viel leichter ums Herz.
Nun holte der feine Herr eine Schatulle hervor, die wundervoll gearbeitet war. In solchen Schatullen bewahrten die Edelleute gewöhnlich ihren Schmuck oder ihr Geld auf. Der bloße Anblick dieser Schatulle entzückte einen schon; aber was mochte erst darin sein: welche Menge Geldes, was für köstlicher Schmuck…! Der Herr holte also diese Schatulle hervor und füllte sie mit Glassplittern. Als er die Schatulle damit bis zum Rande gefüllt hatte, schloß er sie, reichte sie dem Alten und sprach:
„Hier nimm sie, Alter, und geh zu deinen Kindern! Kommst du zu Hause an, dann versammle alle deine vier Söhne um dich und sage:
„Den Inhalt dieser Schatulle, meine lieben Kinder, habe ich mir vor langer, langer Zeit, als ich noch jung war und mich in der Welt umsah, mit viel Mühe erarbeitet. Ich werde es mir für meine alten Tage aufheben, habe ich damals gedacht, und die Schatulle mit dem vielen Geld unter einer Eiche im Walde vergraben. Später habe ich sie völlig vergessen. Nun aber, als ihr mich zur Schule schicktet, ging ich gerade durch jenen Wald und entsann mich: Hier muß es doch gewesen sein, wo du vor langer Zeit das Geld vergraben hast! Sieh doch einmal nach, ob es noch da ist… Nun, wie ihr seht, liebe Kinder, hier ist das Geld! Doch vor meinem Tode, meine lieben Söhne, dürft ihr es mir nicht nehmen. Nach meinem Tode aber soll der das meiste Geld erhalten, der mir mehr als die anderen entgegenkam, mehr als die anderen für mich sorgte, mit keinem Hemd, keinem Stückchen Brot geizte. Das ist alles, liebe Kinder, was ich euch sagen wollte. Wenn ihr mich nun bei euch aufnehmt, werde ich euch Dank wissen. Nach meinem Tode aber teilt ihr den Inhalt der Schatulle, wie abgesprochen, unter euch auf. Wollt ihr mich aber nicht bei euch behalten, na, dann gehe ich halt zu fremden Leuten. Nun, da ich soviel Geld besitze, gibt mir jeder etwas zu essen…!“
Der Alte tat, wie ihm der feine Herr geheißen-und wirklich -, die vier Söhne überboten sich nun gegenseitig an Freundlichkeit. Wann immer auch der Alte erschien, eilten ihm die Schwiegertöchter entgegen und sagten:
„Ohne Euch, Vater, ist das Leben kein Leben mehr. Das Haus kommt uns immer so verlassen und leer vor. Tretet aber nun ein, lieber Vater, ruhet aus! Ihr habt einen solch weiten Weg hinter Euch und seid gewiß müde!“
Kurz, seitdem der Vater von seinem Geld erzählt hatte, waren seine Söhne und ihre Weiber wie ausgewechselt. Allen hatte es die Schatulle angetan! Jeder von ihnen warf oft einen verstohlenen Blick auf das Kästchen. Ein schöner Batzen Geld mußte darin sein! Und von Zeit zu Zeit sagte der Vater:
„Wenn ihr weiterhin so freundlich seid, werdet ihr einmal viel Geld besitzen!“
Alle vier Brüder trachteten nun danach, sich in Liebesbezeigungen gegenüber dem Vater zu überbieten. Jeden Wunsch las man ihm von den Augen ab. Dem Alten ging es nun gut. Doch er befolgte den Rat jenes Herrn und ließ die Schatulle nicht aus seinen Händen. Eines Tages sprach er:
„Erst nach meinem Tode soll die Schatulle euch gehören, vorher nicht. Habe ich doch sehen müssen, wie ihr mich hieltet, nachdem ich euch alles gegeben und mit leeren Händen dastand. Das Geld ist euch sicher, darum laßt mich nur in Ruhe den Tod erwarten.“
Niemals mehr wurde er von seinen Kindern wie ein hergelaufener Bettler behandelt, nein, er lebte wie in seinem eigenen Hause. Und er starb ruhig. Die Schatulle aber blieb weiterhin verschlossen. Erst nach der Bestattung sollte, dem letzten Willen des Vaters entsprechend, das Geld verteilt werden. Die Söhne gaben sich alle erdenkliche Mühe, dem toten Vater ein würdiges Begräbnis zu bereiten. Ein Totenmahl fand zu seinen Ehren statt, nichts war ihnen für den Toten zu teuer.
Endlich erhob sich der Pope vom Tisch und bedankte sich bei allen vier Söhnen. Da bat ihn der älteste Sohn, vierzig Tage hintereinander Seelenmessen für den Toten zu lesen. Kaum hatte er darum gebeten, folgten schon die anderen Brüder seinem Beispiel. Die Söhne sprachen:
„Und sollten wir auch noch das letzte Lämmchen verkaufen müssen, für unseren lieben Vater wäre uns auch das nicht zuviel.“
Nun endlich war es soweit. Die Schatulle konnte geöffnet werden. Und wie sie die Schatulle so schüttelten, da klimperte es darin… Doch als die Brüder den Deckel des Kästchens hoben, glaubten sie ihren Augen nicht trauen zu dürfen: Glas, nichts anderes als Glas war darin.
Da packte sie das Entsetzen. Das konnte nicht mit rechten . Dingen geschehen sein. Eine solch schöne Schatulle, der Vater hatte sie doch selbst unter der Eiche ausgegraben – und nun weit nichts als Glas darin? Immer wieder riefen sie verwundert aus:
„Dieses Glas hat uns also der Vater vermacht!“
Einer der Brüder aber, der unterdessen im Flur mit der Bewirtung der Leute beschäftigt gewesen war, hörte das und kam wütend herein:
„He, euch nehmt ihr das Geld, und mir wollt ihr das Glas geben!“
Und die Brüder waren drauf und dran, sich zu verprügeln…

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