Die Heiligen Elias und Petrus

Vor langer Zeit, als Gott noch auf Erden wandelte, hatte er einmal die ganze Welt den Heiligen Elias und Petrus anvertraut. Aber wo zwei Herren sind, gibt es bekanntlich keine Ordnung. Der eine schickte Regen und der andere schönes Wetter. Da weinten die Wolken und wußten nicht, was sie machen und wem sie gehorchen sollten. Wenn es regnete, lief Petrus umher und schrie sie an: „Was macht ihr denn, ihr verfluchten Weiber, ihr macht ja das Heu naß, jetzt mähen doch die Leute!“
Die Wolken sagten: „Das hat uns Elias befohlen.“
„Ach, ihr Brummochsen“, brüllte Petrus, „ich werde euch euren Elias schon zeigen! Elias macht doch immer Mist!“
Petrus ergriff einen Besen, jagte die Wolken in die Ecken und fegte den Himmel sauber. Da kam plötzlich Elias herangeschossen und schrie, daß Himmel und Erde erdröhnten. Die Wolken dräng-ten sich erschrocken zusammen, krochen aus den Ecken, und schon ging ein Regen hernieder, der nicht nur die Flußufer, sondern auch die Hügel überschwemmte. Die Leute beklagten sich bei Gott darüber, daß sich die Herren zankten, und die Bauern schüttelten die Köpfe. Sie baten Gott darum, daß er gutes Wetter schicken möge. Gott rief Elias zu sich und schimpfte ihn aus. Elias aber sagte, daß es überall zuviel Ungeheuer und Teufel gäbe, die man mit Donner und Blitz erschlagen müsse, weil sie die ganze Welt besudelten. Da rief Gott auch Petrus zu sich und erklärte ihm, daß Elias zuweilen die Teufel verjagen müsse. Inzwi-schen ließ Elias ein solches Unwetter kommen, daß die ganze Erde bebte. Es war weder Tag noch Nacht, die Wolken drängten sich wie Tiere im Käfig, und am Himmel brodelte es wie in einem Topf. Es blitzte, daß es einem schwarz vor den Augen wurde, der Donner grollte ununterbrochen, schlug in Tannen und Eichen ein und setzte Ge-bäude und Heuschober in Brand.
Elias aber fuhr im Himmel umher und komman-dierte. „So ist es richtig, so ist es richtig! Ho – ho – ho! Noch mehr, noch mehr, verdrescht ihn, die-ses Scheusal… So, so ist es richtig… Ho – ho – ho! Schlagt ihm ins Genick! Ho – ho – ho! Ins Genick, ins Genick, verdrescht ihn, dieses Scheusal! Klatsch, klatsch! So ist es richtig, so ist es richtig! Ho – ho – ho!“
Die Leute baten den lieben Gott, das Gewitter zu beenden. Elias aber hörte nicht darauf. Petrus lief umher und spie Gift und Galle aus seinem zahnlosen Mund. Als Elias genug Spaß gehabt hatte, machte er seinen Wagen sauber, und dann fuhr er zur Sonne zu Besuch. Da fegte Petrus den Himmel rein und trocknete schnell die Erde. Und als die Zeit für die Getreideaussaat herankam, war die Erde trocken wie heiße Asche, und die Menschen gerieten in furchtbare Not, weil kein Regen fiel. Elias scherzte mit der Sonne und hatte die Erde ganz vergessen. Petrus und er waren aufeinander wütend und hatten keine Lust zu-sammenzutreffen.
Eines Tages beschlossen sie, durch die Welt zu gehen und die Leute zu fragen, wen sie mehr lieb-ten, Petrus oder Elias. Kurz nachdem sie auf die Erde herabgestiegen waren, trafen sie sich. Sie gingen zusammen weiter und stritten sich. Petrus sagte, daß ihn die Menschen mehr liebten, Elias aber meinte, daß sie ihn mehr liebten. Wie sollte man da herausbekommen, wer Recht hatte? Schließlich trafen sie einen Mann, der Buchweizen säte.
„Komm“, sagte Petrus, „wir wollen ihn fragen, wen die Bauern mehr lieben!“
„Fragen wir ihn“, antwortete Elias.
„Grüß Gott!“ sagte Petrus.
„Danke!“
„Sag uns, lieber Mann, wen liebt ihr mehr, den heiligen Petrus oder den heiligen Elias?“
Der Mann nahm das Sätuch von der Schulter, legte es auf die Erde, kratzte sich im Nacken und sagte: „Weiß Gott, wen wir mehr lieben! Vielleicht Elias, vielleicht aber auch Peter und Paul.“
„Schwatz kein dummes Zeug“, sagte Petrus, „sondern gib uns eine richtige Antwort!“
„Elias, Peter und Paul sind alle drei gute Heilige. Wir lieben sie alle.“
„Aber wen liebt ihr am meisten?“
Als der Bauer merkte, daß er nicht ausweichen konnte, sagte er: „Wahrscheinlich Peter und Paul.“
Da zitterte Elias vor Wut. Als sie weitergingen, sagte er: „Dafür werde ich ihm das Feld anstecken und vollkommen abbrennen lassen.“
Petrus aber antwortete: „Und ich werde es regnen lassen, damit alles gut wächst.“
Schließlich vereinbarten sie, wer zuerst Brot von diesem Acker äße, solle sich daran verschluk-ken.
Da schmunzelte Petrus, und sie gingen weiter.
Dieser Sommer war sehr schön. Am Tage war schönes Wetter, war es warm, und in der Nacht fiel entweder warmer Tau, oder es ging ein leiser warmer Regen nieder. Alles ging wie Hefeteig auf, und wenn man ein Kind auf das Feld gesetzt hät-te, wäre es auch mitgewachsen. Als der Buchweizen gürtelhoch gewachsen war, wurde er geerntet. Der Bauer stopfte die halbe Scheune damit voll. Er drosch den Buchweizen, mahlte ihn, und seine Frau buk einen ganzen Ofen frischer Brote daraus. Zu jener Zeit kamen Elias und Petrus in das Dorf und übernachteten bei dem Bauern.
Elias erkannte den Mann nicht mehr. So setzten sie sich zum Abendbrot nieder.
„Gott sei Dank“, sagte der Bauer, „heuer ist mein Buchweizen gut gewachsen, probiert nur das frische Brot, liebe Gäste.“
Elias war sehr hungrig, langte nach dem Brot und verschluckte sich beim ersten Bissen. Man versuchte alles mögliche, er trank Wasser nach, man schlug ihm mit der Faust auf die Brust und auf den Rücken und was sonst noch üblich ist. Schließlich erinnerte er sich an die verwünschten Brote, und er entschuldigte sich sofort bei dem Bauern und bei Petrus, als er wieder zu sich gekommen war.
Seit dieser Zeit macht sich Elias einen Spaß daraus, die Leute bei der Heuernte zu stören. Es wäre ja noch alles gut, wenn Petrus nicht so alt und taub wäre. Gott sagt: „Schick Regen, wenn die Leute darum bitten!“ Petrus aber versteht es nicht richtig und schickt ihn zur Erntezeit.

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