Die goldene Feder

Vor langen, langen Jahren lebten einmal zwei Brüder, die fuhren einmal nach Senno.
Sie fuhren und fuhren und fanden auf dem Wege ein kleines Kind und ein Fohlen. Da sagte der ältere: „Laß mir dieses Kind!“ Der Jüngere aber sagte: „Nein, laß es mir!“ Und so begannen sie sich um das Kind zu zanken. Sie zankten sich und zankten sich und beschlossen endlich: „Wir wollen zum Gutsherrn gehen und ihm dieses Kind bringen. Wir wollen den Gutsherrn entscheiden lassen.“
„So laß uns gehen!“ So redeten sie und gingen zum Gutsherrn. Sie brachten das Kind und das Fohlen selbst hin. Als sie dem Gutsherrn das Kind und das Fohlen gaben und der Gutsherr beides sah, gefielen sie ihm sehr. Da sagte er zu ihnen: „Warum streitet ihr euch? Gebt sie mir lieber! Ich bezahle euch dafür.“
Die Brüder berieten miteinander und gaben dann dem Gutsherrn das Kind und das Fohlen. Der Gutsherr bezahlte ihnen so viel dafür, wie sie vereinbart hatten.
Das Kind und das Fohlen blieben beim Guts-herrn. Dieser sperrte jedes in ein Zimmer ein. Ein Zimmer für das Kind und das andere Zimmer für das Fohlen. Das Kind nannte der Gutsherr Iwanko. So zog sie der Gutsherr groß, und sie wuchsen auf. Sie wuchsen aber nicht in Jahren, sondern in Stunden. Schnell erzählt sich ein Märchen, aber eine Sache wird nicht so schnell getan. Iwanko wuchs heran. Der Gutsherr schickte ihn vom Gut in das Dorf, sagen wir von Bogdanowo nach Andrejtschiki, damit er die Bauern zur Fronarbeit ho-le. Iwanko setzte sich auf sein Pferd und ritt los. Da sah er auf dem Wege eine goldene Feder liegen, und was für eine schöne! Als Iwanko sich hinunterbeugte, um sie aufzuheben, sagte das Pferd zu ihm: „Iwanko! Rühr die Feder nicht an, sonst geschieht ein Unglück!“
Iwanko hörte nicht auf das Pferd, nahm die Fe-der und ritt in das Dorf, um den Bauern dort zu sagen, daß sie am nächsten Tage zum Gutsherrn zur Arbeit kommen sollten, und ritt zurück zum Hof. Als er dort angekommen war, brachte er die Feder in sein Zimmer und legte sie da hin. Als er sie hingelegt hatte, erstrahlte das ganze Zimmer. Der Gutsherr kam, sah die Feder und sagte zu Iwanko: „Iwanko, gib mir diese Feder!“
Iwanko sagte: „Nimm sie dir!“
Der Gutsherr brachte die Feder in seine Zimmer, und sie beleuchtete die Zimmer bei Tag und bei Nacht. Seit der Zeit begann der Gutsherr Iwanko zu lieben und Mitleid mit ihm zu haben. Da aber schwärzten die Tagelöhner Iwanko beim Gutsherrn an und sagten: „Ach du, unser lieber Gutsherr! Iwanko hat gesagt, daß er den Vogel fangen kann, der diese Feder verloren hat.“
Der Gutsherr ließ Iwanko rufen und sagte zu ihm: „Nun, Iwanko! Wenn du die Feder gefunden hast, dann such auch den Vogel, der die Feder verloren hat! Wenn nicht, dann schlägt dir mein Schwert den Kopf von den Schultern!“
Als Iwanko das gehört hatte, begann er bitterlich zu weinen. Er lief zum Pferd und sagte: „Ach du mein Pferdchen! Ach mein Gott, ach Gott! Was soll ich tun?“
„Was ist denn?“
„Ach was soll schon sein? Der Gutsherr hat mir befohlen, so, wie ich die Feder geholt habe, so soll ich auch den Vogel holen, der die Feder verloren hat. Aber wenn ich diesen Vogel nicht finde, hat der Herr gesagt, wird mir sein Schwert den Kopf von den Schultern schlagen.“
„Na siehst du, Iwanko, ich habe dir doch ge-sagt: Rühr die Feder nicht an, sonst geschieht ein Unglück. Aber das ist noch kein Unglück. Das Un-glück steht noch bevor.“
„Aber was soll ich denn tun?“
„Geh zum Gutsherrn und laß dir ein Faß Teer und eine Rolle Leintuch geben!“
Iwanko ging zum Gutsherrn, ließ sich dort ein Faß Teer und eine Rolle Leintuch geben und brachte es dem Pferd.
„Nun setz dich auf mich, Iwanko, und nimm das Faß Teer und die Rolle Leintuch!“
Iwanko saß auf, und sie ritten los. Sie ritten, ritten und kamen zu einem Fichtenhain. Da sagte das Pferd zu Iwanko: „Jetzt nimm das Leintuch, Iwanko, schmiere es mit Teer ein und breite es in diesem Fichtenhain aus!“
Iwanko schmierte das Leintuch ein, breitete es in dem Fichtenhain aus, setzte sich versteckt hin und hielt Wache. Nach einer Weile kam ein Vogel geflogen. Er setzte sich auf das Leintuch und blieb auch daran kleben. Das Pferd rief: „Schnell, Iwan-ko, fange ihn, damit er nicht wieder fortfliegt!“
Iwanko sprang hervor und ergriff ihn. Er steckte ihn in die Seitentasche, setzte sich auf das Pferd und ritt los. Er kam zum Gutsherrn, gab ihm den Vogel und ruhte sich dann aus.
Es verging einige Zeit, da verfaulte dem Guts-herrn das ganze Heu. Der Gutsbesitzer überlegte und überlegte, warum das Heu verfault sein könn-te, konnte es aber nicht herausfinden. Da kamen die Tagelöhner wieder und schwärzten Iwanko bei dem Gutsherrn an. Sie sagten: „Ach, lieber Gutsherr! Iwanko hat gesagt, daß er zu Gott gehen könne, um danach zu fragen.“
Der Gutsherr ließ Iwanko rufen. Die Tagelöhner riefen Iwanko. Als er zum Gutsherrn kam, sagte dieser zu ihm: „Iwanko, geh zu Gott und frage ihn, warum mein Heu verfault ist. Wenn du nicht hingehst, schlägt dir mein Schwert den Kopf von den Schultern!“
Iwanko lief zu seinem Pferd, fing bitterlich an zu weinen und sagte: „Ach mein Gott, ach Gott. Ach du mein Pferdchen! Was soll ich nun tun? Der Gutsherr hat gesagt, ich soll zu Gott gehen, um zu fragen, weshalb sein Heu verfault ist.“
Da sagte das Pferd: „Na siehst du, Iwanko, ich hab’ dir doch gesagt: Rühr die Feder nicht an, sonst geschieht ein Unglück. Doch dies ist noch kein Unglück. Das ganze Unglück steht uns noch bevor.“
„Aber was sollen wir tun?“
„Setz dich auf mich, Iwanko, und laß uns losreiten!“
Iwanko saß auf, und sie ritten los. Sie ritten und ritten, und da sahen sie eine Hütte stehen. Sie gingen in die Hütte, drinnen schaukelte ein alter Mann auf dem Ofen hin und her und schrie um Hilfe. Als Iwanko in die Hütte eingetreten war, fragte er: „Wohin führt dich Gott, Iwanko?“
„Ich gehe zu Gott, um zu fragen, weshalb das Heu des Gutsherrn verfault ist.“
„Ach du, mein Enkelchen, frage Gott, warum ich so auf dem Ofen hin- und herschaukeln muß und nicht heruntersteigen kann und warum mir meine Füße abgefroren sind.“
„Ist gut, ich werde fragen.“
Iwanko ritt weiter und weiter und weiter, da sah er auf dem Wege eine junge Frau liegen, alle traten sie und fuhren über sie hinweg.
„Wo führt dich Gott hin, Iwanko?“
„Ich gehe zu Gott, um zu fragen, weshalb das Heu des Gutsherrn verfault ist.“
„Frage Gott, Iwanko, warum ich hier mein gan-zes Leben auf dem Wege liegen muß und mich alle treten und alle über mich hinwegfahren.“
„Gut“, sagte Iwanko und ritt weiter. Er ritt und ritt, und da sah er, wie zwei Männer Wasser aus einem Brunnen in den anderen gossen und nicht fertig damit wurden.
„Wo führt dich Gott hin, Iwanko?“
„Ich reite zu Gott, um zu fragen, weshalb das Heu des Gutsherrn verfault ist.“
„Sage Gott, Iwanko, daß wir hier unser ganzes Leben lang Wasser aus einem Brunnen in den an-deren gießen und nicht fertig werden können. In dem einen Brunnen wird es nicht weniger und in dem anderen nicht mehr.“
„Gut, ich sage es!“, sagte Iwanko und ritt weiter.
Er ritt und ritt und kam zum Meer. Da sah Iwanko im Meer einen Fisch liegen, der sich nicht umdrehen konnte.
„Wo führt dich Gott hin, Iwanko?“
„Ich reite zu Gott, um zu fragen, weshalb das Heu des Gutsherrn verfault ist.“
„Iwanko, frage doch Gott, warum ich hier auf einer Seite liegen muß und mich nicht umdrehen kann.“
„Gut“, sagte Iwanko, „ich werde fragen.“
Iwanko ritt über das Meer hinweg und ritt weiter. Er ritt und ritt, da sah er eine Hütte stehen. Er ritt um die Hütte herum, und plötzlich trat ein alter Mann heraus. „Wohin reitest du, Iwanko?“
„Ich reite zu Gott, um zu fragen, weshalb in diesem Sommer das ganze Heu des Gutsherrn verfault ist.“
„Dem Gutsherrn ist das Heu verfault“, sagte der alte Mann – das war niemand anderes als Gott –, „weil die Jungfer Polonjanka zwölf Tage im Meer gebadet hat und mit der Sonne spazierengegan-gen ist. Deshalb hat die Sonne nicht geschienen, es hat geregnet, und deshalb ist das Heu des Gutsherrn verfault.“
Da sagte Iwanko: „Ich habe unterwegs einen Mann gesehen, der in seiner Hütte auf dem Ofen hin- und herschaukelte und um Hilfe schrie, weil er nicht heruntersteigen konnte, und dem die Fü-ße abgefroren sind.“
„Dieser Mann ist der Frost. Er hat bei den Men-schen viele Sachen einfrieren lassen, viele Men-schen haben durch ihn Hunger gelitten, und viele Menschen hat er zu Waisen gemacht. Wenn er die Hände über Kreuz legt1 und verspricht, daß er niemand mehr frieren lassen und niemand krän-ken will, dann soll er gehen können. Wenn er aber dafür die Hände nicht über Kreuz legt, so wird er weiter auf dem Ofen liegen müssen und nicht he-runterkönnen.“
„Und was ich noch gesehen habe: Da liegt eine junge Frau auf dem Wege, alle fahren über sie hinweg, und alle treten sie, sie haben sie schon festgetreten.“
„Diese junge Frau war eine Hexe, eine Schlange, die fremde Milch gestohlen hat. Die Menschen hatten zwölf Kühe und keine Milch, sie aber hatte nicht eine einzige Kuh und hatte doch Milch. Men-schen sind durch sie zugrunde gegangen! Sie liegt auf dem Wege, weil sie die Menschen so sehr gekränkt hat. Wenn sie die Hände über Kreuz legt und schwört, daß sie nicht mehr von fremden Kü-hen Milch stehlen will, so soll sie aufstehen. Wenn sie es aber nicht schwört, dann soll sie weiter auf dem Wege liegen!“
„Und was ich noch auf dem Wege gesehen ha-be: Zwei Männer gießen Wasser aus einem Brun-nen in den anderen und können nicht damit fertig werden, denn in dem einen Brunnen wird es nicht weniger und in dem anderen nicht mehr.“
„Diese Männer waren früher reich und haben oft die armen Bauern, junge und alte, zu sich zur Fronarbeit geholt und sich über sie lustig ge-macht. Wenn sie die Hände über Kreuz legen und schwören, daß sie das nicht mehr tun wollen, dann werden sie alles Wasser herausbekommen. Wenn sie dafür aber nicht die Hände über Kreuz legen, dann werden sie weiter schöpfen müssen.“
„Und was ich noch gesehen habe: Da liegt auf dem Meer ein großer Fisch schon sein ganzes Le-ben lang auf einer Seite und kann sich nicht um-drehen.“
„Dieser große Fisch hat ein Regiment Soldaten gefressen. Wenn er sie herausläßt, dann soll er weiterschwimmen können, wenn er sie aber nicht herausläßt, dann wird er weiter dort liegen müs-sen.“
Da ritt Iwanko zurück zum Hof des Gutsherrn. Er ritt und ritt und kam zum Meer, wo jener große Fisch lag. Der Fisch sagte: „Nun, Iwanko, was hat Gott über mich gesagt?“
„Warte, ich gehe auf die andere Seite, dann sa-ge ich es dir.“
Er ging auf die andere Seite und sagte: „Gott hat gesagt, daß du das Regiment Soldaten he-rauslassen sollst, dann kannst du weiterschwimmen. Wenn du es aber nicht herausläßt, kannst du nicht weiterschwimmen.“
Der große Fisch sperrte das Maul auf, und da kamen die Soldaten heraus, und die Musik spielte. Wie sie alle heraus waren, schwamm der große Fisch weiter. Iwanko zog weiter. Er ritt und ritt, da sah er die beiden Männer Wasser schöpfen.
„Nun, Iwanko, was hat Gott über uns gesagt?“
„Wartet, laßt mich erst vorbeigehen.“
Er ging vorbei und sagte dann: „Gott hat fol-gendes über euch gesagt: Ihr wart früher reich und habt die armen Bauern, junge und alte, zur Fronarbeit zu euch geholt und habt euch über sie lustig gemacht. Wenn ihr die Hände über Kreuz legt und schwört, daß ihr die Armen nicht mehr kränken wollt, dann sollt ihr mit dem Wasser-schöpfen fertig werden. Wenn ihr es aber nicht tut, dann werdet ihr es nie schaffen.“
Als die Männer das hörten, liefen sie hinter Iwanko her. Iwanko lief und lief und konnte ihnen nur mit Mühe entkommen.
Er ging weiter und sah dort auf dem Weg die junge Frau liegen, alle gingen und fuhren über sie hinweg und hatten sie schon ganz festgetreten.
„Nun, Iwanko, was hat Gott dort über mich gesagt?“
„Warte, ich gehe erst vorbei und sage es dir dann.“
Er ging vorbei und sagte zu ihr: „Du warst früher eine Hexe und hast fremde Milch gestohlen, hast viele Menschen gekränkt, und die Menschen sind damals umgekommen. Wenn du die Hände über Kreuz legst und schwörst, daß du es nicht mehr tun willst, so wirst du gehen können, wenn du sie aber nicht über Kreuz legst, wirst du ewig hier liegenbleiben.“
Die junge Frau versprach es und legte die Hän-de über Kreuz, da konnte sie vom Wege aufste-hen. Iwanko zog weiter. Er ritt und ritt und kam zu jenem Mann, der auf dem Ofen hin- und her-schaukelte.
„Nun, Iwanko, was hat Gott über mich gesagt?“
„Warte, ich gehe erst vorbei, und dann sage ich es dir.“
Er ging vorbei und sagte: „Du warst früher der große Frost und hast viele Sachen bei den Menschen einfrieren lassen, viele Menschen haben deinetwegen Hunger gelitten, und viele Menschen hast du zu Waisen gemacht. Wenn du die Hände über Kreuz legst und schwörst, daß du die Menschen nicht mehr kränken willst, dann kannst du vom Ofen heruntersteigen, wenn du das aber nicht tust, wirst du niemals heruntersteigen kön-nen.“
Der Mann legte die Hände über Kreuz, stieg vom Ofen herunter und ging von dannen. Iwanko ritt weiter. Er ritt, ritt, ritt, ritt und kam endlich zum Gutshof. Der Gutsherr fragte ihn: „Nun, Iwanko, was hat Gott gesagt? Weshalb ist mein Heu verfault?“
„Dein Heu, Gutsherr, ist verfault, weil die Jung-fer Polonjanka zwölf Tage im Meer gebadet hat und mit der Sonne spazierengegangen ist. Deswegen gab es keine Sonne, sondern es hat geregnet, und so ist dein Heu verfault, hat Gott gesagt.“
„Du bist ein Prachtjunge, Iwanko, geh und ruhe dich aus!“
Iwanko ging sich ausruhen. Es verging einige Zeit, da schwärzten die Tagelöhner Iwanko wieder beim Gutsherrn an. Sie sagten: „Lieber Gutsherr! Iwanko hat gesagt, daß er die Jungfer Polonjanka herbeischaffen könne.“
„Ruft mir Iwanko her!“
Sie liefen und riefen Iwanko aus seinem Zimmer. Er kam zum Gutsherrn, und der Gutsherr sagte: „Iwanko, schaff mir diese Jungfer Polonjanka herbei! Wenn du sie nicht herbeischaffst, wird dir mein Schwert den Kopf von den Schultern hauen!“
Iwanko begann zu weinen und lief zu seinem Pferd. „Ach du mein Pferdchen! Ach mein Gott, ach Gott! Was soll ich tun? Der Gutsherr hat ge-sagt, ich soll ihm die Jungfer Polonjanka beschaffen, und wenn ich sie nicht herbeischaffe, wird mir sein Schwert den Kopf von den Schultern schlagen!“
„Siehst du, Iwanko, habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Feder nicht anrühren, sonst geschieht ein Unglück? Nun, diesmal ist es noch kein Un-glück, das Unglück steht uns noch bevor.“
„Was sollen wir tun?“
„Setz dich auf mich, wir wollen losreiten und die Jungfer Polonjanka suchen!“
Iwanko saß auf, und sie ritten los. Sie ritten und ritten, da sahen sie den Frostmann gehen, der vorher auf dem Ofen gelegen hatte.
„Guten Tag, Iwanko! Wohin führt dich Gott?“
„Sei gegrüßt, ich gehe die Jungfer Polonjanka suchen, der Herr hat es mir befohlen.“
„Nun, Iwanko, dann komme ich auch mit. Du hast mir doch geholfen, vielleicht kann ich dir auch etwas helfen!“ So gingen sie zu zweit weiter. Sie gingen und gingen, da trafen sie jene junge Hexe, die auf dem Wege gelegen hatte.
„Guten Tag, Iwanko! Wohin führt dich Gott?“
„Sei gegrüßt! Ich gehe die Jungfer Polonjanka suchen, der Gutsherr hat mir befohlen, sie herbeizuschaffen.“
„Ich komme auch mit, Iwanko. Du hast mir doch geholfen, vielleicht kann ich dir auch etwas helfen.“
So waren sie nun schon zu dritt. Sie gingen und gingen und trafen auf die beiden Männer, die Wasser aus dem Brunnen geschöpft hatten. Sie sagten Iwanko aber nicht guten Tag. Da gingen sie zu dritt weiter.
Sie gingen und gingen und kamen zum Meer. Wie sollte man die Jungfer Polonjanka aus dem Meer herausbekommen? Sie überlegten und überlegten, und schließlich fiel ihnen etwas ein. Die junge Frau verwandelte sich in einen kleinen La-den und stellte sich am Meeresufer auf. In diesem Laden gab es viele schöne Bänderchen und Tücher zu sehen, alles war schön und ordentlich, und es war alles da, was man brauchte. Es war so schön dort, das man es nicht beschreiben kann. Die Jungfer Polonjanka steckte den Kopf aus dem Meer, und als sie den Laden erblickte, wollte sie auch gern etwas daraus haben. Aber sie fürchtete, daß dort jemand sei. Sie steckte den Kopf ein zweites Mal heraus, guckte und guckte, es war niemand zu sehen, denn Iwanko hatte sich mit seinem Pferd versteckt, die junge Frau war zu dem Laden geworden, und der Mann zu Frost. Sie steckte den Kopf zum dritten Mal heraus, guckte und sah wieder niemanden. Da dachte sie bei sich: Wenn dort niemand ist, dann will ich in den Laden gehen. Sie stieg aus dem Meer und ging dorthin. Kaum war sie herausgestiegen, als der Frost das ganze Meer einfror. Das Pferd schrie Iwanko zu: „Lauf, Iwanko, und fange die Jungfer Polonjanka schnell!“
Als diese hörte, daß man sie fangen wollte, lief sie zum Meer. Aber dort war schon überall Eis. Iwanko ergriff sie auch sofort.
„Nun halte die Jungfer Polonjanka schön fest und laß uns losreiten, Iwanko“, sagte das Pferd.
Iwanko dankte der jungen Frau und dem Frost dafür, daß sie ihm geholfen hatten, die Jungfer Polonjanka zu fangen, setzte sich auf das Pferd und ritt zum Gutsherrn zurück. Sie kamen zum Hof, Iwanko gab dem Gutsherrn die Jungfer Polonjanka und ging sich ausruhen. Er ruhte sich gerade etwas aus, da befahl die Jungfer Polonjanka dem Gutsherrn, ihr Kästchen aus dem Meere holen zu lassen. Der Gutsherr rief schnell Iwanko und sagte: „Hol mir das Kästchen der Jungfer Po-lonjanka aus dem Meer! Wenn du es nicht holst, Iwanko, dann schlägt dir mein Schwert den Kopf von den Schultern.“
Da weinte Iwanko und erhob ein Jammergeschrei. Er lief zu seinem Pferd. „Ach, mein Pferdchen! Ach du mein Väterchen! Ach mein Gott, ach Gott! Was soll ich jetzt tun?“
„Was ist denn los?“
„Der Gutsherr hat mir gesagt, wenn du die Jungfer Polonjanka herbeigeschafft hast, dann schaffe auch jetzt ihr Kästchen aus dem Meer herbei. Wenn du es nicht herbeischaffst, dann wird dir mein Schwert den Kopf von den Schultern schlagen.“
„Siehst du, Iwanko! Habe ich dir nicht gesagt, daß du die Feder nicht anrühren sollst, sonst geschieht ein Unglück? Doch das ist noch kein Un-glück, das Unglück kommt noch. Aber irgendwie müssen wir das Kästchen herbeischaffen. Setz dich auf mich, wir reiten los!“
Iwanko saß auf, und sie ritten los. Sie ritten und ritten und ritten und sahen niemanden. Sie kamen zum Meer, da schaute der große Fisch heraus, der auf der einen Seite gelegen hatte. „Guten Tag, Iwanko, wohin führt dich Gott?“
„Ich soll das Kästchen der Jungfer Polonjanka aus dem Meer herbeischaffen, hat der Gutsherr gesagt.“
„Nun, Iwanko, du hast mir vorher geholfen, jetzt will ich dir helfen. Setz dich hierher, ich wer-de allen meinen Fischen befehlen, das Kästchen zu suchen!“ Iwanko setzte sich ans Ufer, und der große Fisch schwamm ins Meer hinein und befahl allen Fischen, das Kästchen zu suchen. Die Fische suchten und suchten, fanden es aber nicht. Der große Fisch befahl wiederum zu suchen, ein zwei-tes Mal. Die Fische suchten und suchten, aber sie fanden wieder nichts. Als der große Fisch zum dritten Mal zu suchen befahl, da zogen aber alle Fische los! Oh, wie zischte und brauste da das Meer! Sie suchten und suchten, und schließlich brachte ein kleines Fischchen das Kästchen der Jungfer Polonjanka. Der große Fisch ergriff das Kästchen und gab es Iwanko. Der nahm das Kästchen, bedankte sich, setzte sich auf das Pferd und ritt zum Gutsherrn.
Er kam zum Hof, gab das Kästchen der Jungfer Polonjanka und ging in sein Zimmer, um sich auszuruhen. Als er sich ausgeruht hatte, dachte er bei sich: Nun gehe ich nirgends mehr hin.
Aber denkst du! Die Jungfer Polonjanka befahl dem Gutsherrn, das Heil- und Lebenswasser her-beizuschaffen. Der Gutsherr rief Iwanko: „Iwanko, geh und hole mir das Heil- und Lebenswasser. Wenn du es bringst, ist es gut, aber wenn du es nicht bringst, wird dir mein Schwert den Kopf von den Schultern schlagen!“
Als Iwanko das hörte, begann er zu weinen und große Tränen zu vergießen. Er lief zu seinem Pferd. „Ach mein Gott, ach Gott! Ach du mein Pferdchen, mein Vater! Was soll ich tun?“
„Was gibt es denn?“
„Ach, der Gutsherr hat mir befohlen, das Heil- und Lebenswasser zu holen, und wenn ich es nicht bringe, dann wird mir sein Schwert den Kopf von den Schultern schlagen!“
„Siehst du, Iwanko, habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Feder nicht anrühren, sonst wird ein Unglück geschehen? Doch das ist noch kein Un-glück, das Unglück kommt noch. Setz dich auf mich. Laß uns losziehen!“
Iwanko saß auf, und sie ritten los. Wie sie so ritten und ritten, kamen sie schließlich zum Meer. Da sagte das Pferd zu Iwanko: „Steig ab und schlachte mich!“
„Wie könnte ich dich denn schlachten! Wer würde mich dann beraten?“
„Ich sage dir doch: Steig ab und schlachte mich! Du steigst in meine Knochen, und wenn die Krähen mich hacken, fange schnell ein Junges!“
Iwanko sagte wieder: „Wie könnte ich dich denn schlachten!“
Aber das Pferd sprach: „Laß nur, schlachte mich! Da kann man nichts machen!“
Iwanko stieg vom Pferd, schnitt ihm den Bauch auf, kroch hinein und versteckte sich in den Kno-chen. Er saß da und paßte auf die Krähen auf. Da kamen sie auch schon. Die jungen Krähen flogen herbei und schrien: „Vater, Fleisch! Vater, Fleisch!“ Doch der alte Rabe schrie: „Nein, Kinder, das ist unser Verderb, unser Verderb ist das!“ Aber ein Rabenkind flog heran und setzte sich auf die Knochen. Es wollte gerade hacken, da wurde es von Iwanko ergriffen. Da begann der Rabe zu bitten, Iwanko solle ihm doch sein Kind wiederge-ben.
Iwanko aber sagte: „Flieg und bringe mir das Heil- und Lebenswasser, dann gebe ich es dir. Sonst aber nicht!“
„So gib mir zwei Flaschen, Iwanko!“
Iwanko gab ihm zwei Flaschen. Er band die eine Flasche an den einen Flügel, die andere an den anderen und flog los. Er flog und flog und kam dorthin, wo es das Heil- und Lebenswasser gibt. Da sah der Rabe, daß alte Weiber mit Schürhaken das Wasser bewachten. Es gelang ihm nicht, an das Wasser heranzukommen. Er flog immer um sie herum. Diese Weiber sahen ihn und sagten: „Guckt nur, was für ein sonderbarer Vogel mit Flaschen unter den Flügeln!“
Sie sahen nach ihm hin und gingen vom Wasser weg. Da flog der Rabe schnell zum Wasser, schöpfte in die eine Flasche Heilwasser und in die andere Lebenswasser, stieg auf und flog zu Iwan-ko zurück. Er brachte ihm das Wasser. Iwanko packte das Rabenkind und riß es in zwei Teile auseinander. Dann nahm er Heilwasser und goß es auf das Rabenkind, da wuchs es wieder zu-sammen. Dann goß er Lebenswasser darauf, und das Rabenkind wurde wieder lebendig. Es war schon vorher ein schönes Rabenkind gewesen, aber jetzt war es noch hübscher. Da sagte Iwan-ko: „Flieg und fülle mir die Flaschen nach!“ Der Rabe nahm die Flaschen, versteckte sie unter den Flügeln, nahm auch hübsche Bänder mit und flog los. Er kam zu dem Wasser, dort saßen wieder die alten Weiber mit den Schürhaken und ließen nie-manden heran. Was sollte er dort tun? Er flog et-was vom Wasser fort und ließ die Bänder fallen. Die alten Weiber liefen, um die Bänder aufzule-sen. Da flog der Rabe schnell zum Wasser, schöpfte es in seine beiden Flaschen und flog da-von. Iwanko nahm das Wasser, benetzte das Pferd damit, gab dem Raben sein Kind zurück und ritt zum Gutshof. Dort gab er der Jungfer Polon-janka das Heil- und Lebenswasser. Sie sagte: „Vielleicht betrügst du mich. Ich wende dich zer-hacken müssen!“
Iwanko sagte: „Hacke!“ Sie nahm das Beil und zerhackte Iwanko in kleine Stückchen. Dann nahm sie das Heilwasser, bespritzte ihn damit, und er wuchs wieder zusammen. Sie bespritzte ihn mit dem Lebenswasser, und Iwanko erhob sich. „Ach“, sagte er, „wie schön war ich eingeschlafen!“
Iwanko war hübsch gewesen, aber jetzt war er noch viel hübscher geworden! Da sagte der Gutsherr zur Jungfer Polonjanka: „Mach das auch mit mir!“ Jungfer Polonjanka nahm das Beil und zer-hackte den Gutsherrn in kleine Stückchen, legte ihn in einen Topf und kochte ihn.
Iwanko aber freite um Jungfer Polonjanka, heiratete sie, und so lebten sie zusammen.

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