Die Eiche Dorochwej

Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten drei Töchter. Als die alte Frau ihre Töchter großgezogen hatte, starb sie. Der Alte aber heiratete eine andere, eine junge Frau. Da die Stiefmutter nicht die leibhaftige Mutter war, konnte sie ihre Stieftöchter nicht leiden und sagte zu dem Alten: „Bring deine Töchter entweder in den Wald oder ins Wasser oder aufs freie Feld. Wenn nicht, dann gehe ich selbst aus dieser Welt.“
Dem Alten taten die Töchter leid. Noch mehr aber tat ihm seine junge Frau leid. So hörte er auf sie und nicht auf seinen Verstand und sagte zu seinen Töchtern: „Nun, meine lieben Töchter, nehmt ihr die Körbe, und ich nehme die Axt, wir wollen ins Moor gehen!“
Als sie ins Moor gekommen waren, sagte er zu ihnen: „Sammelt in diesem Wäldchen Beeren, meine lieben Töchter, ich gehe in das andere Wäldchen und hole Späne!“
Er ging so weit von ihnen fort, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten, nahm ein Fichtenbrett und band es an eine weiße Birke. Dann stieg er schnell aufs Pferd und ritt nach Hause, damit ihm das Herz nicht wegen seiner leiblichen Töchter wehtat und damit sie ihn nicht einholen konnten. Das Brett aber schlug weiter gegen die Birke. Da sagten die Mädchen: „Unser Väterchen hackt noch immer Kienspäne“, und sammelten weiter Beeren. Sie sammelten und sammelten, bis die dunkle Nacht über sie kam. Da sagte die älteste Schwe-ster: „Wir wollen zum Vater gehen, liebe Schwestern, vielleicht hat er uns vergessen.“
Als sie zu der Stelle kamen, wo das Brett gegen die Birke schlug, war niemand da. Da weinten sie und weinten heiße Tränen.
Die älteste Schwester aber sagte: „Nun ist unsere Todesstunde gekommen. Die böse Stiefmutter konnte uns nicht leiden, und da hat sie unseren Vater gezwungen, uns aus der Welt zu schaffen. Er aber wollte nicht auf sie hören und hat uns in diesen Wald gebracht.“
Da sagte die mittlere: „Wir wollen uns unter die grüne Fichte setzen und das Brot essen, das wir in dem kleinen Beutel haben, und dann wollen wir weitergehen, bis wir irgendwohin kommen.“
Sie fanden eine große Fichte, setzten sich darunter und blieben da sitzen. Wie schämten sie sich ihres leiblichen Vaters, daß er auf diese böse Stiefmutter gehört und sie hier hergebracht hatte, seine leiblichen, eigenen Töchter, damit sie in dem dunklen Wald umkommen sollten! Wie wein-ten sie da, wie vergossen sie da heiße Tränen! Sie weinten und weinten, bis von ihren heißen reinen Tränen Flüsse in alle vier Himmelsrichtungen flossen.
Und ein Fluß floß bis an das Haus des Zaren. Der Zar stand am frühen Morgen auf, wusch sich schön und betete zu Gott. Dann ging er auf den Balkon hinaus und erblickte den Fluß, von dem gestern noch nichts zu hören und zu sehen war. Der Zar konnte sich nicht genug über diesen Fluß wundern, und er wollte gern wissen, woher er kam. Er rief seine treuen Diener zusammen und befahl ihnen: „Meine treuen Diener! Geht am Ufer dieses Flusses entlang bis zu der Stelle, wo er entspringt. Was ihr dort findet, ganz gleich, ob es ein Baum ist oder ein Brunnen, ein Mensch oder ein Vogel, ein Tier oder ein Käfer, bringt es her zu mir!“ Da gingen die Diener, ob viel oder wenig, ob lange oder kurz, und als sie zu der Fichte kamen, sahen sie unter ihr die drei hübschen Mädchen, die drei Schwestern.
„Nun, ihr hübschen Mädchen“, sagten sie, „wir nehmen euch mit in das Zarenhaus. So hat es uns der Zar befohlen.“
Die Mädchen gehorchten. Als sie zum Zaren kamen, verneigten sie sich tief.
Da fragte sie der Zar: „Wer seid ihr, und woher kommt ihr?“
Da antworteten sie ihm: „Wir sind aus einfachem Hause. Die böse Stiefmutter konnte uns nicht leiden und hat unserem leiblichen Vater befohlen, uns in den dunklen Wald zu bringen. Wir haben dort viel gelitten, geweint und sind traurig gewesen. Da sind von unseren heißen Tränen Flüsse in alle vier Himmelsrichtungen geflossen.“
Der Zar schaute sie an, die Mädchen waren so hübsch, daß man es weder im Märchen erzählen noch mit der Feder beschreiben kann. Der Zar sagte: „Ihr gefallt mir, Mädchen, und ich bin ledig. Die geschickteste von euch nehme ich zur Frau.“
Da antwortete ihm die älteste: „Wenn du mir ein Weizenkörnchen gibst, Zar, dann speise ich damit dein ganzes Königreich!“
Da sagte die mittlere: „Und ich kleide mit einem Faden das ganze Zarenreich in Seide.“
Nach ihnen fragte der Zar die jüngste: „Und was kannst du und verstehst du?“
Da antwortete sie ihm: „Du unser bester Zar, du unser liebster Vater! Ich bin nicht klug und nicht dumm. Aber wenn du mich zur Frau nimmst, werde ich zwölf Söhne zur Welt bringen, die haben alle die gleiche Stimme, die gleichen Haare, den gleichen Gang, die gleiche Sprache und das gleiche Gesicht, sind bis zum Knie aus Gold, bis zum Gürtel aus Silber und haben an der Stirn einen klaren Mond, im Rücken kleine Sterne und an den Schläfen eine rote Sonne!“
Der Zar überlegte und hielt Rat mit seinen Fürsten. Er beschloß, die jüngste zu heiraten. Den anderen aber gab er Land und allerlei Reichtümer.
So lebten sie miteinander drei Jahre. Da wurde die Zarin schwanger. In dieser Zeit aber mußte der König in fremde, ferne Länder in den Krieg ziehen. Er ritt los, und die Zarin gebar zwölf Söh-ne, die hatten alle die gleiche Stimme, die glei-chen Haare, den gleichen Gang, die gleiche Spra-che und das gleiche Gesicht; sie waren bis zum Knie aus Gold, bis zum Gürtel aus Silber und hat-ten an der Stirn einen klaren Mond, im Rücken kleine Sternchen und an den Schläfen eine rote Sonne. Die älteren Schwestern beschlossen, die Kinder zusammen mit der Mutter umzubringen. Sie bestachen deshalb die Amme. Aber die Zarendiener ließen die Alte nicht heran und hüteten die Zarin mit den Söhnen wie ihren Augapfel. Sie schickten einen Boten mit einem Brief zum Zaren, in dem sie schrieben, daß ihm Gott eine solche Freude beschert hat. Der Bote ging einen ganzen Tag. Als ihn die dunkle Nacht überfiel, suchte er sich ein Nachtlager und gelangte zu der ältesten Schwester. Als diese erfuhr, wer er war, sagte sie: „Übernachte bei uns, lieber Gast! Wir wollen dir ein Bad bereiten. Du solltest dir den Straßenstaub abspülen.“
Der Alte war einverstanden. Er legte den Brief hinter die Ikone und ging ins Bad. Als er im Bad war, nahm sie den Brief, las ihn durch und schrieb der mittleren Schwester: „Liebe Schwester! Unsere liebe Schwester hat zwölf Söhne zur Welt gebracht, wie sie es gesagt hatte. Wir wollen dem Zaren schreiben, daß sie etwas geboren hat, was weder ein Käfer noch eine Unke, noch ein Frosch ist, daß es nicht geht und nicht kriecht, keine Notdurft verrichtet und nicht trinkt. Dann wird er befehlen, sie umzubringen, und eine von uns hei-raten.“
Der Bote kam aus dem Bad, aß Abendbrot und legte sich schlafen. Am anderen Morgen stand er früh auf, wusch sich, betete und machte sich wieder auf den Weg. Er ritt bis in die dunkle Nacht hinein.
Als ihn die dunkle Nacht überfiel, gelangte er zur mittleren Schwester. Diese fragte ihn genauso wie die älteste über alles aus und machte ein Bad zurecht. Er ging ins Bad. Inzwischen las sie den Brief der Schwester und verbrannte den, der an den Zaren gerichtet war. Statt dessen schrieb sie so, wie ihr die älteste Schwester geschrieben hat-te. Und sie fügte noch hinzu: „Das Tier, das deine Frau zur Welt gebracht hat, ist so häßlich, daß man es in keiner Fabel beschreiben, in keinem Märchen erzählen, noch den Menschen zeigen kann!“ Sie klebte diesen Brief zu und legte ihn hinter die Ikone.
Als der Bote aus dem Bad kam, aß er Abend-brot und legte sich schlafen. Am anderen Morgen stand er früh auf, und nachdem er sich gewaschen hatte und inbrünstig gebetet, machte er sich wieder auf den weiten Weg. Er ritt und ritt, kam zum Zaren und gab ihm den Brief. Als der Zar ihn gelesen hatte, erschrak er: „Mein Gott, ach mein Gott! Was hatte sie gesagt, und was hat sie nun geboren!“ Er überlegte und schrieb dann: „Was dort auch geboren ist, sei es ein Käfer oder eine Unke oder irgendein anderes Tier, laßt es in Ruhe, bis ich wieder zurückkomme!“
Der Bote ritt mit diesem Befehl zurück und kam in der Nacht zur mittleren Schwester. Genau wie beim ersten Mal ließ sie wieder ein Bad für ihn zurechtmachen. Er legte den Befehl des Zaren hinter die Ikone und ging ins Bad. Sie aber nahm ihn, las ihn, verbrannte ihn und schrieb statt dessen, daß sie, die kühnen Burschen, sofort hingerichtet werden sollen.
Der Bote kam aus dem Bad, aß Abendbrot und legte sich schlafen. Am anderen Tag ritt er wieder weiter. Er ritt bis in die späte Nacht hinein und übernachtete dann bei der älteren Schwester. Auch diese bereitete ihm ein Bad. Als er ins Bad gegangen war, las sie jenen Brief und fügte hinzu: „Es sollen elf Söhne in einen Ledersack eingebunden werden, die Zarin mit dem jüngsten Sohn in ein Teerfaß gesetzt und alle ins Meer geworfen werden.“
Der Bote kam mit diesem Befehl in die Hauptstadt. Und die Stadt glänzte von ihnen, den kühnen Burschen! Die Fürsten und die Bojaren er-götzten sich an ihnen und wunderten sich sehr über den Befehl des Zaren. Da war aber nichts zu machen, denn der Wille des Zaren ist der Wille Gottes, und den muß man ausführen! Sie nahmen elf Söhne und nähten sie in einen Ledersack, den jüngsten setzten sie zusammen mit der Mutter in ein Faß, teerten sie ein und stießen sie ins blaue Meer.
Aber der Sack ging nicht unter, sondern schwamm. Und er schwamm in ein dreimalneuntes Land, in ein dreimalzehntes Zarenreich. In diesem Zarenreich stand die Eiche Dorochwej mit ihren zwölf Wurzeln, direkt am Ufer des blauen Meeres. Und in dieser Eiche war ein großer Hohl-raum. Da sagte der älteste Bruder: „Meine lieben Brüder, Gott läßt uns ausruhen. Laßt uns den Sack zerreißen und ins Freie gehen!“
Da antworteten sie ihm: „Den Sack können wir nicht zerreißen, Brüderchen!“
„Ach“, sagte er da, „uns hat die Mutter zur Welt gebracht, sie hat uns zum Glück gesegnet, segnen auch wir einander!“
Sie segneten einander einmal, zweimal und dreimal, und als sie sich nach dem dritten Mal or-dentlich anstrengten, da flog jener Sack in kleine Stücke auseinander.
Sie krochen heraus, die kühnen Burschen, gin-gen auf ein Steilufer, erblickten die Eiche Dorochwej mit ihren zwölf Wurzeln und kletterten in ih-ren Hohlraum.
Die Zarin mit dem jüngsten Sohn schwamm drei Tage und drei Nächte auf dem Meer. Am vier-ten Tag sagte ihr Sohn: „Liebes Mütterchen, ich höre, daß wir auf einer Insel angekommen sind. Wie sollen wir aus dem Faß herauskommen?“
„Ach, Kindchen“, sagte die Zarin, „wie sollen wir das Faß zertrümmern?“
„Meine liebe Mutter! Du hast mich zur Welt gebracht, hast mich zum Glück gesegnet, segne mich auch jetzt!“
„Gott segnete dich, und auch ich segne dich!“
„Nun hast du mich einmal gesegnet, segne mich noch ein zweites Mal!“
Sie segnete ihn auch ein zweites Mal.
„Nun hast du mich zum zweiten Mal gesegnet, segne mich auch noch ein drittes Mal!“
Und sie segnete ihn ein drittes Mal. Nach dem dritten Mal machte er sich stark, schlug mit der Faust an das Faß, und da zerplatzte es nach allen Seiten. Da gingen sie hinaus auf die Insel Budai, und er baute dort die Stadt Kitai. Sie blieben dort, und einmal fragte er die Mutter: „Wo sollen wir die elf Brüder suchen, Mütterchen?“
Da antwortete ihm die Zarin: „Die finden wir nicht, Kindchen, die sind im blauen Meer umgekommen!“
Da sagte er zu ihr: „Nein, Mütterchen, im drei-malneunten Lande, im dreimalzehnten Zarenreich steht die Eiche Dorochwej mit den zwölf Wurzeln, in ihr ist ein großer Hohlraum, und in dieser Höhle sitzen sie und können nicht heraus, weil ein Vogel bei dieser Eiche ist, der Menschen frißt. Der will sie auch fressen, aber er kommt nicht in die Höh-le, und sie können auch nicht heraus. Backe mir aus deiner Milch und feinem Teig zwölf Kuchen und segne mich für die weite Reise, ich will zu meinen Brüdern gehen!“
Das tat sie auch.
Nun zog der kühne Bursche in das dreimalneunte Land, in das dreimalzehnte Zarenreich. Dort erblickte er die Eiche Dorochwej mit ihren zwölf Wurzeln. Es war eine große Eiche, aber der Vogel war noch größer!
Der Vogel sagte zu ihm: „Sei gegrüßt, kühner Bursche! Ich habe schon ganz andere als dich ge-sehen und gefressen, und dich zu fressen kostet keine Mühe.“
Da antwortete er dem Vogel: „Warte ein wenig mit dem Prahlen, Vogel, laß uns miteinander kämpfen!“
Und er ergriff den Vogel, schlug ihn gegen die starke Eiche, und da brachen die zwölf Äste von der Eiche ab. Der Bursche schlug ihn noch einmal auf die feuchte Erde, und da ging es zu Ende mit dem Vogel. Da rief er: „Wer in der Höhle ist, komme heraus! Wenn es ein alter Mensch ist, sei er mir Vater, wenn er so alt ist wie ich, sei er mein Bruder!“
Da kamen die elf kühnen Burschen heraus und baten ihn um etwas zu essen. Er holte die zwölf Kuchen hervor, gab ihnen je einen und nahm sich auch einen. Als sie die Kuchen gekostet hatten, erkannten sie sofort, daß sie aus Muttermilch ge-backen waren. Und so errieten sie, daß er ihr leib-licher Bruder war.
Nun gingen sie alle mit ihm in die Stadt Kitai.
Einmal fuhren seefahrende Kaufleute durch die Stadt. Sie wollten in das Zarenreich ihres Vaters. Der jüngste Bruder begab sich als Fliege auf ihr Schiff und kam zum Zaren. Der Zar fragte die Kaufleute, wo sie waren und was sie gesehen hat-ten.
Da antworteten sie ihm: „Wir waren im dreimalneunten Lande, im dreimalzehnten Zarenreich. In diesem Zarenreich gibt es eine Insel Budai und darauf die Stadt Kitai. Sie glänzt ganz hell, weil dort zwölf kühne Burschen sind, die haben alle die gleiche Stimme, das gleiche Haar, den gleichen Gang, die gleiche Sprache und das gleiche Ge-sicht; sie sind bis zum Knie aus Gold, bis zum Gürtel aus Silber und haben an der Stirn einen klaren Mond, im Rücken kleine Sternchen und an den Schläfen eine rote Sonne.“
Der Zar erriet sogleich alles und sagte: „Das sind bestimmt meine Kinder.“
Die älteste Schwester aber sagte: „Ach Zar, was ist das für ein Wunder? Das sind nicht deine Kinder. Deine Kinder sind die, die in dem dreimal-neunten Lande, in dem dreimalzehnten Zarenreich den Kater Waldai finden. Dort steht die Eiche Dorochwej mit ihren zwölf Wurzeln. Auf dieser Eiche wohnt der Kater. Beim Hinunterklettern spricht er Fabeln, beim Hinaufklettern erzählt er Märchen.“
Der Zarensohn hörte alles, und als die Kaufleute zurückfuhren, da kehrte er mit ihnen in seine Stadt zurück und sagte seinen Brüdern und der Zarin: „Die Tante hat uns einen Auftrag gegeben. Ich weiß nicht, wie wir ihn erfüllen sollen! Segne uns dazu, Mütterchen!“
Sie segnete sie, und sie, die jungen Burschen, gingen ins freie Feld, auf die grünen Wiesen, in die Wälder. Sie riefen und schrien mit Recken-stimme, und in der Nacht holten sie die Eiche mit dem Kater. Die Kaufleute fuhren wiederum durch die Stadt in das Zarenreich ihres Vaters. Der klei-ne Zarensohn verwandelte sich wieder in eine Fliege, flog auf das Schiff und fuhr mit ihnen. Der Zar fragte die Kaufleute wieder, wo sie waren und was sie gesehen hatten.
Da sagten sie, daß es auf der Insel Budai, in der Stadt Kitai, eine Eiche Dorochwej mit zwölf Wurzeln gibt. Auf dieser Eiche geht der Kater Waldai spazieren. Klettert er nach unten, spricht er Fabeln, und wenn er nach oben klettert, erzählt er Märchen. Da konnte sich der Zar nicht genug wundern und sagte: „Den haben bestimmt meine Kinder geholt.“
Die älteste Schwester aber sagte wiederum: „Dieses Wunder, Zar, ist kein Wunder. Ein Wunder ist es, daß im dreimalneunten Lande, im dreimalzehnten Zarenreich ein silberner Apfelbaum steht, ein goldener Apfelbaum; ein silbernes Äpfelchen, ein goldenes Äpfelchen; ein silbernes Zweiglein, ein goldenes Zweiglein. Wer dieses Wunder herbeischafft, das werden deine Kinder sein.“
Der Zarensohn hatte wiederum alles gehört. Er kehrte mit den Kaufleuten in seine Stadt zurück und erzählte alles seiner Mutter und den Brüdern. Da sagte die Zarin zu ihnen: „Nein, ihr lieben Kin-der. Dieses Wunder können wir nicht herbeischaf-fen, und ihr könnt auch euren Vater nicht zurück-bekommen!“
Die Söhne aber baten sie um ihren Segen.
Dann gingen sie wieder ins freie Feld, in die grünen Wiesen und in die Wälder, sie schrien und riefen mit Reckenstimme, und in der Nacht wuchs ein silberner Apfelbaum, ein goldener Apfelbaum; ein silbernes Zweiglein, ein goldenes Zweiglein; ein silbernes Äpfelchen, ein goldenes Äpfel.
Wieder fuhren die Kaufleute durch die Stadt Ki-tai und zum Zaren auf Besuch. Der jüngste Za-rensohn, der sich wieder in eine Fliege verwandelt hatte, kam mit ihnen. Der Zar fragte sie wieder-um, ob sie ein Wunder gesehen hätten. Da erzähl-ten sie, daß sie auf der Insel Budai, in der Stadt Kitai, einen silbernen Apfelbaum, einen goldenen Apfelbaum; einen silbernen Zweig, einen golde-nen Zweig; ein silbernes Äpfelchen, ein goldenes Äpfelchen gesehen hätten.
Der Zar wunderte sich darüber und sagte: „Das haben bestimmt meine Kinderchen getan.“
Da sagte die älteste Schwester wiederum: „Nun, Zar, wer ins Wasser gestürzt wird, der stirbt auch! Deine Kinder sind die, die im dreimal-neunten Lande, im dreimalzehnten Zarenreich ei-ne silberne und goldene Brücke haben. Wenn du darüber gehst, hast du sie vor dir, aber hinter dir verschwindet sie.“
Der Zarensohn kehrte mit den Seefahrern nach
Hause zurück und erzählte den Brüdern und der
Mutter, welche Aufgabe ihnen die Tante gestellt
hatte. Da sagte die Zarin zu ihnen: „Nein, liebe
Kinderchen, diesen Auftrag erfüllt ihr nicht. Euren
Vater bringt ihr nicht zurück!“
Da antwortete der jüngste Sohn: „Vielleicht wird es unser großes Glück, Mütterchen. Segne du uns, wie du uns vorher gesegnet hast!“
Sie segnete sie. Die Burschen zogen wieder hin-aus ins freie Feld, in die grünen Wiesen und in die Wälder. Sie schrien und riefen mit Reckenstimme, und in der Nacht erschien die Brücke.
Als die Kaufleute dem Zaren von diesem Wun-der erzählten, da sagte er: „Das haben meine Kinder geschafft. Ich werde zu ihnen fahren!“
Darauf konnte die älteste Schwester nichts sa-gen, und er fuhr los. Sie fuhr ihm hinterher. Als sie zu der Brücke kamen, hatte er eine Brücke, aber sie nicht. Für ihn war eine Brücke da, für sie aber nicht. Und so kam nur der Zar auf die Insel Budai, in die Stadt Kitai. Und die Stadt glänzte ganz von seinen Söhnen. Als der Zar die Zarin er-blickte, erkannte er sie sofort. Sie zeigte ihm die zwölf Söhne mit den gleichen Stimmen, mit den gleichen Haaren, mit dem gleichen Gang, mit der gleichen Sprache und dem gleichen Gesicht; sie waren bis zum Knie aus Gold, bis zum Gürtel aus Silber, und an der Stirn hatten sie einen klaren Mond, im Rücken kleine Sternchen und an den Schläfen eine rote Sonne.
Vor Freude veranstalteten sie ein Fest für die ganze Welt. Die älteren Schwestern aber ließ der Zar an Pferdeschwänze binden und ins freie Feld hinausjagen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


1 + eins =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>