Die drei Körner und ihre Gaben

Es lebte einmal in einem Dorf ein reicher Gutsherr.
Er nannte so viele Fluren, Wälder, Tiere und sonstigen Reichtum sein eigen, daß ihn sogar ein König darum hätte
beneiden können. Jenem Herrn diente der arme Maxym – Der Knecht lebte in einer Hütte mit nur einem
kleinen Fenster. Der Wind hatte das Stroh vom Dach gerissen, und wenn es regnete, rann das Wasser von den Wänden. In dieser Hütte wohnte Maxym mit seiner ganzen Familie. Sie war groß, doch zu essen gab es wenig.
Das Frühjahr hielt Einzug. Es mußte gesät werden, doch im Sack war kein einziges Körnchen.
Die Frau war sehr betrübt und weinte.
„Die Leute haben schon alle gesät, wir aber haben noch nicht einmal gepflügt. Tu doch was, Mann, denn sonst werden wir das nächste Jahr nicht mehr erleben!”
„Gräme dich nicht”, entgegnete Maxym. „Ich will zum Herrn gehen und ihn bitten, uns ein wenig Saatgut zu leihen. Wir säen es, und nächstes Jahr werden wir unser eignes haben.”
„Dann lauf rasch hin zu ihm.”
Maxym ging zu dem Herrn, stellte sich vor dessen Tür und sprach:
„Gnädiger Herr, es hat sich so ergeben, daß ich nichts habe, womit ich mein Stückchen Acker bestellen könnte.
Gebt mir ein wenig Saatgut, damit meine Kinder nicht Hungers sterben.”
Der Herr sah ihn böse an und brüllte los:
„Wer etwas haben will, muß arbeiten!”
„Ich arbeite ja auch so Tag und Nacht bei Euch.”
„Rede keinen Unsinn, du Faulenzer!”
Maxym kehrte gesenkten Hauptes heim. Er erzählte seiner Frau, wie der Herr mit ihm umgegangen war.
Draußen schien die Sonne. Die Vöglein waren aus den warmen Ländern zurückgekehrt, und überall ging es lustig zu. Maxym aber saß mit seiner Frau vor der Hütte und grämte sich, denn die Kinder waren hungrig und entkräftet.
Da kamen plötzlich zwei Schwalben herbeigeflogen und begannen unter dem Strohdach von Maxyms Hütte ein Nest zu bauen. Maxym erblickte sie und sprach:
„Ihr armen Schwalben, was baut ihr euer Nestlein unter einem solch schäbigen Strohdach? Sobald es regnet, werden eure Kinderchen ertrinken.”
Doch die Schwalben verstanden die Sprache der Menschen nicht, und hätten sie etwas verstanden, so schwiegen sie doch. Sie bauten ihr Nestlein, polsterten es mit Flaumfedern aus, legten Eier und brüteten eine ganze Schar kleiner Schwälbchen aus. Rings um Maxyms Hütte spielte sich jetzt ein so fröhliches Leben ab, daß einem das Herz im Leibe lachte. Aber einmal kam eine riesige Schlange angekrochen und schlich sich an das Schwalbennest heran. Die Kinder riefen in großer Angst:
„Vater, eine Schlange will unsere Schwälbchen auffressen!”
Maxym lief auf den Hof, packte einen Stock, und es begann ein Kampf auf Leben und Tod. Er schlug der Schlange solange aufs Rückgrat, bis es zerbrach. Sie schleppte sich mühsam fort in eine finstere Schlucht und ward nicht mehr gesehen. Doch hatte die schreckliche Schlange drei Schwälbchen gefressen, nur das vierte Vöglein konnte gerettet werden. Aber es hatte auch argen Schaden genommen, denn während des Kampfes ward ihm ein Beinchen gebrochen.
Maxym brachte das Vöglein in die Hütte, und die Kinder pflegten und fütterten es. Als es flügge war, ließen sie es ins Freie hinaus, damit es Mutter und Vater fände.
Der Sommer verging, und der Herbst stellte sich ein. Die Schwalben zogen in warme Länder. Bald war die Erde mit Schnee bedeckt. Doch auch der Winter verstrich, und die Vöglein kehrten zu ihren Nestern zurück.
Indes herrschte in Maxyms Hütte so große Not, daß sie weder aus noch ein wußten.
Doch da klopfte eine Schwalbe mit ihrem Flügel ans Fenster.
Maxym trat hinaus und fragte:
„Was möchtest du, liebes Vöglein?”
Die Schwalbe legte ihm ein Körnchen in die Hand und zwitscherte:
„Säe es vor der Tür.”
Nach einer Weile kam sie wieder herbeigeflogen.
Legte ihm ein zweites Körnchen in die Hand:
„Säe es vor dem Fenster.”
Flog fort und kehrte mit dem dritten Korn zurück:
„Säe es vor dem Brunnen.”
Maxym dankte herzlich und tat, wie ihn die Schwalbe geheißen. Er säte die drei Körner und wartete auf die Ernte. Am nächsten Tag standen die Kinder in aller Frühe auf und liefen hinaus. Doch bald kamen sie ganz verwirrt
und aufgeregt wieder in die Hütte zurückgelaufen.
„Vater, vor unserer Hütte ist etwas Wundersames gewachsen!”
„Ihr träumt wohl mit offenen Augen!”
„Nein, Vater, schaut doch selbst.”
Maxym trat hinaus und sah: vor der Tür, unter dem Fenster und am Brunnen lagen drei riesengroße Kürbisse.
Er wollte sie hochheben — wo! — dazu brauchte man eine Riesenkraft. Die Kürbisse waren schon reif und strahlten wie die Sonne.
„Mach das Feuer im Ofen an, Frau”, sprach Maxym freudig, „koche zum Mittagessen Kürbisbrei.”
Er rollte einen Kürbis in die Hütte und wetzte das Messer. Als er ihn durchgeschnitten hatte, traute er seinen
Augen nicht: drinnen fand er Weißbrot, Kuchen, Schafkäse, Fleisch, Wurst und Eingesalzenes, Gesottenes und Gebratenes, Süßes, Saures und Bitteres und obendrein noch eine Flasche Rum. Maxym legte alles auf den Tisch, doch
der Kürbis wurde und wurde nicht leer.
Als sie sich sattgegessen hatten, deckte die Frau den wundersamen Kürbis mit einem weißen Tuch zu. Maxym
rollte den zweiten in die Hütte. Er zerteilte ihn und fand Kleider vor, wie sie die vornehmsten Herren wohl nicht
gesehen hatten: Seidenhemden, neue Schuhe, allerlei Unterwäsche, Perlen und Korallen. Es war alles da, was
Maxym, seine Frau und seine Kinder sich nur wünschen konnten. Die Frau brach vor Freude in Tränen aus und
bedeckte den Kürbis mit der schönsten Tischdecke.
Maxym rollte nun den dritten Kürbis in die Hütte. Er schnitt ihn durch und erschrak: es kullerten lauter Goldstücke heraus. Er füllte eine Truhe voll damit, und die Frau bedeckte den Kürbis mit einem Tuch „Jetzt braucht ihr Kinderchen nicht mehr zu hungern, und ich muß mich nicht mehr für den geizigen Herrn abrackern”, sprach Maxym freudig.
Seine Kinder und seine Frau waren nun hübsch gekleidet, und er selber ging stolz durch das Dorf — ein Herr, kein Knecht mehr. Einige Tage darauf begann er sich ein Haus zu bauen.
Die Leute wunderten sich, woher der arme Maxym wohl solchen Reichtum haben mochte. Jemand trug es
dem Herrn zu. Da kam der Herr und fragte:
„Sag, Maxym, woher hast du das Vermögen?”
Maxym erwiderte:
„Herr, ich habe nichts gestohlen, und keiner hat sich um meinetwillen abgeplagt. Eine kleine Schwalbe hat es mir gebracht.” Darauf erzählte er, wie sich alles zugetragen hatte.
Der Herr hörte Maxym zu und ging in seinen Palast zurück. Ihn peinigte nun das Verlangen, noch reicher zu werden. Er baute unter der Dachrinne ein Schwalbennest und lockte die Vögel an. Nun geschah es, daß zwei Schwalben in das Nest hineinflogen, Eier legten und sie ausbrüteten. Als die Jungen ausgeschlüpft und etwas herangewach-
sen waren, hielt der Herr nach der Schlange Ausschau. Doch die Schlange kam nicht. Der Herr erzürnte, denn
bald waren die Vögel flügge, und dann würde er sie nicht mehr einfangen können!
Da stellte er eine Leiter an die Palastwand und kletterte zum Nest hinauf. Statt der Schlange brachte er selbst
die Vögel um, außer einem, den er am Bein verletzte. Dieses Vöglein trug er in seinen Palast und umsorgte es den
ganzen Sommer über. Im Herbst ließ er es fliegen, damit es in die warmen Länder zöge.
Der Herbst und der Winter vergingen. Der Frühling hielt Einzug. Die Vögel kehrten aus den warmen Ländern zurück. Vor dem Palast schwirrte eine Schwalbe umher. Der Herr lief hinaus und fragte sie:
„Welche Gaben hast du mir mitgebracht, Schwalbe?”
Sie gab ihm drei Körner und zwitscherte:
„Säe sie vor der Tür, vor dem Fenster und vor dem Brunnen.”
„Dank dir, Vöglein. Jetzt werde ich reicher als der König!”
Beim Herrn wuchsen ebensolche riesengroßen Kürbisse heran.
Er nahm ein Beil und hieb einen davon durch. Da flog ein ganzer Schwärm Heuschrecken heraus. Sie fielen über seine Felder her und fraßen alles auf, was dort Wuchs.
Da zerteilte er den zweiten Kürbis. Mit einem fürchterlichen Knall brach Feuer hervor. Zuerst ging der Palast in Feuer auf und dann auch das ganze Anwesen.
Den dritten Kürbis zu zerteilen wagte er nicht, denn er nahm Reißaus und ließ sich in dieser Gegend nie mehr blicken. Die Leute sagen, darin wäre ein ganzes Knäuel von Ottern gewesen, die herauskriechen würden, sobald der Herr zurückkehrt und erneut schalten und walten will.
Maxym aber lebte vergnügt bis an sein Lebensende.

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