Die diamantene Mauer

Das ist nun schon lange her, da gab es noch keine Eisenbahn, und die reichen Herren quälten die Leute, schlugen und mißhandelten sie und fürchteten weder Gott noch den Teufel. Nur vor der Pest hatten sie Angst, denn die raste wie eine Furie durch die Welt. Und wo sie sich blicken ließ, da verließen sogar die reichsten Leute ihre Häuser und eilten davon wie gehetzte Hasen.
Einen reichen Gutsherrn traf die Pest zu Hause an. Der Mann konnte sich mit seiner Frau retten, denn sie waren auf einen Baum geklettert und warteten dort ab, bis sie sich in ihrem Haus ausgetobt hatte. Die Pest hatte alle Kinder des Gutsbesitzers hinweggerafft. Der Gutsbesitzer und seine Frau grämten sich sehr. Sie beerdigten ihre Kinder und lebten fortan in großer Trauer. Tage vergingen, Wochen und Monate, doch im Haus waren keine Kinderstimmen mehr zu vernehmen.
Einmal kehrten der Gutsbesitzer und seine Frau vom Jahrmarkt heim, und da erblickten sie im Straßengraben ein Kind.
„Wessen Junge ist das?” fragte der Gutsherr die Leute.
„Seinen Vater und seine Mutter hat die Pest geholt.”
„Und was macht das Kind im Graben?”
„Es stirbt vor Hunger.”
„Ich will mich seiner annehmen.”
Er setzte das Kind in die Kalesche und fuhr nach Hause. Die Frau badete den Jungen, fütterte ihn und zog ihm schmucke Kleider an. Das Kind war nun gar lieblich anzusehen. Einige Jahre später widerfuhr dem Jungen ein Unglück — er erblindete. Der Gutsbesitzer und seine Frau verfielen abermals in Trauer. Da sprach die Frau:
„Wozu brauchen wir ein fremdes und obendrein noch blindes Kind? Fortan soll es im Stall schlafen.”
Der Herr brachte es jedoch nicht fertig, den Jungen aus dem Haus zu vertreiben. Er richtete ihm in einer Ecke das Nachtlager her und fütterte ihn aus einer alten Schüssel. Der Junge lief verwahrlost umher, und niemand wollte mehr mit ihm reden.
Der Gutsherr hatte sich nun zu seinem Vergnügen ein Gewehr gekauft und ging auf die Jagd. Einmal geriet er in einen finsteren Wald. Wie vom Himmel gefallen stand plötzlich ein Hirsch vor ihm. Der Mann drückte ab, verfehlte jedoch das Ziel. Er schoß abermals — vergeblich. Als er zum drittenmal abdrückte, wandte sich der Hirsch zu ihm um, denn er hatte gar nicht vor zu fliehen. Da erzürnte der Mann. Er zielte noch einmal, doch es fiel kein Schuß, denn ein Teufel hielt sein Gewehr fest, ein anderer klammerte sich an seinem Arm und ein dritter an seinem Bein fest. Der Gutsherr stürzte zu Boden.
Die Teufel ließen ihn nicht lange liegen, sondern schleppten ihn in die Hölle und warfen ihn dort in eine Grube. Den ganzen Tag über saß nun der Mann in der Grube, den andern auch, und am dritten Tag rief er die Teufel herbei:
„Laßt mich nach Hause gehen, meine Herren, denn meine Frau und mein blinder Junge sind bekümmert und weinen.”
Der oberste Teufel erwiderte:
„Ich lasse dich laufen, aber zuerst mußt du deine Unterschrift und dein Siegel darunter setzen, daß du nun zeit
deines Lebens zu uns gehörst. Wenn zwei Wochen um sind, wird vor deinem Haus ein furchtbares Gewitter donnern, da werde ich kommen, um dich zu holen.”
„Wie es Euch beliebt, gnädiger Herr”, erwiderte der Mann kleinlaut. „Ich setze meine Unterschrift und mein Siegel darunter, denn ich möchte so gern nach Hause.”
Der Teufel brachte das Schriftstück, eine Feder und ein Tintenfaß. Der Gutsherr setzte, ohne zu lesen, was er
da unterschrieb, seinen Namen darunter.
Nach Hause zurückgekehrt, wandelte er mehrere Tage lang in seinem Haus und in seinem Garten umher und ging auf seinen Acker hinaus — er konnte sich einfach nicht sattsehen. Doch alsbald versank er in Trübsinn. Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht, er aß und trank nichts mehr und sah sehr mitgenommen aus.
„Warum bist du so traurig, mein Mann?” fragte ihn die Frau.
„Wie soll ich nicht traurig sein, wo ich doch den Teufeln meine Unterschrift gegeben habe, daß ich in zwei Wochen für immer ihnen gehöre. Ich bin der Pest entronnen, aber den Teufeln werde ich wohl nicht entgehen. Ich würde lieber sterben, als in die Hölle zurückkehren. Rette mich doch, Frau!” Die Frau schwieg. Sie rührte die Arbeit nicht mehr an, weil sie immerfort überlegte, wie ihrem Mann zu helfen war.
Im Nu waren die zwei Wochen verstrichen. Der letzte Tag brach an. Der Mann ging gar nicht erst zu Bett, weil er wußte, daß er ja doch keinen Schlaf finden würde. Er saß auf einem Stuhl und klapperte vor Angst mit den Zähnen. Plötzlich brauste, donnerte und heulte es draußen los.
Ein schrecklicher Wirbelsturm kam auf, der das Dach des Hauses davonzutragen drohte.
Irgend jemand pochte ans Fenster und sprach:
„Es ist an der Zeit, komm heraus!”
Da sagte das Weib zu seinem Mann:
„Schick Iwanko hinaus, soll er doch nachsehen, ob der Wind nicht das Dach vom Stall abgerissen hat.”
Der Mann hatte begriffen. Er nahm den Jungen bei der Hand und führte ihn zur Tür:
„Lauf nachschauen, ob der Stall nicht offensteht.”
Sprach’s und stieß den Jungen zur Tür hinaus. Der Sturm hob den Knaben wie ein Strohhälmchen empor und trug ihn davon.
Eine Zeitlang flog Iwanko dicht unter den Wolken. In einem breiten Tal setzte ihn der Wind ab, verwandelte sich
in einen Teufel und fragte den Jungen:
„Bist du jener Herr, der uns seine Unterschrift gegeben hat?”
„Nein, ich bin der blinde Iwanko. Der Herr hat mich im Straßengraben gefunden und sich meiner angenommen, doch seit ich blind bin, gibt mir die Herrin kein menschenwürdiges Essen mehr.”
„Folge mir”, sprach der Teufel und führte den Jungen zu einem Brunnen. Er schöpfte eine Handvoll Wasser
und spritzte es ihm in die Augen.
„Schau mal her, Junge!”
Iwanko riß die Augen auf und jauchzte.
„Ich kann wieder sehen! Bin ich nicht mehr blind?”
„Nein, aber dafür mußt du uns dienen”, krächzte der alte Teufel.
Der Junge war sehr froh.
Da führte ihn der Teufel in einen Stall und zeigte ihm drei Hengste:
„Dem Schwarzen sollst du jeden Tag als Futter drei Eimer glühende Kohlen geben und drei Peitschenhiebe versetzen. Der Weiße soll zwei Eimer glühende Kohle und zwei Peitschenhiebe bekommen, der Graue aber nur einen Eimer glühende Kohlen und weiter nichts.”
Der Teufel gab Iwanko eine Peitsche und ging mit ihm zu einem Brunnen, um den ringsherum allerlei Kräuter wucherten. Das Wasser schimmerte nur schwach hindurch.
„An diesen Brunnen tritt nur nicht heran und schöpf auch kein Wasser daraus.”
„Was sollte ich auch mit dem Wasser anfangen?” entgegnete Iwanko gleichgültig.
Danach traten sie an drei Kessel heran. Der Teufel klopfte mit einem Stock an den größten Kessel und sprach:
„Hier mußt du immer tüchtig Holz nachlegen, damit es ständig brodelt, doch unter diesen beiden sollst du das
Feuer nur ein wenig schüren. Untersteh dich nicht zu ergründen, wer darin kocht.”
„Darüber braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen, mein Herr, ich mach alles so, wie Ihr es befehlt.”
Der Teufel ließ den Jungen allein. In der Hölle herrschte eine solche Hitze, daß Iwanko vor Durst die Zunge
am Gaumen klebte. Er verging fast vor quälendem Durst.
Da trabte er zum Brunnen und schöpfte mit der Hand Wasser, um sich sattzutrinken. Als er die Hand heraus-
nahm, sah er, daß sie vergoldet war.
,Ei, was für ein Wunderding!’ dachte er und steckte den Kopf in den Brunnen. Auch der Kopf ward golden.
Er zog nun die Mütze tief in die Stirn und ging zu den Kesseln zurück.
Im größten Kessel dampfte es nicht mehr. Der Junge legte Holz nach und setzte sich hin, um zu verschnaufen.
Doch er fand keine Ruhe, denn die ganze Zeit juckte es ihn zu erfahren, wen die Teufel da kochten. Schließlich stellte er sich auf einen Holzstapel und guckte in den Kessel: dort zappelten in siedendem Pech sein Herr und seine Herrin. Sie hatten den Jungen erkannt und flehten ihn an:
„Iwanko, lösch das Feuer, denn uns fallen schon die Knochen auseinander.”
„Was, das Feuer soll ich löschen? Nie werde ich das tun!”
„Warum müssen wir so furchtbar büßen, Iwanko?”
„Weil ihr mich dem Teufel ausgeliefert habt.”
„Wie lange müssen wir hier noch kochen?”
„Bis ihr zerkocht seid!”
Iwanko legte Holz nach und ging zu den Hengsten.
Im Stall fand er die Peitsche, schwang sie und knallte damit in der Luft. Der graue Hengst fragte:
„W’arum willst du uns schlagen?”
„Ich weiß nicht. Der oberste Teufel hat es befohlen.”
„Höre nicht auf den Beelzebub, Iwanko. Schlage uns nicht, denn wir haben eine Seele wie du. Irgendwann wird
dich der Teufel auch in ein Pferd verwandeln, mit glühenden Kohlen füttern und mit der Peitsche schlagen. Laß
uns fliehen. Schwing dich auf meinen Rücken, und schon sind wir beide fort…”
Der Junge überlegte eine Weile und willigte ein.
„Zuerst mußt du uns aber losbinden, denn auch die anderen Pferde sind alles rechtschaffene Leute.”
Iwanko band die Pferde los und ließ die ganze Herde aus dem Stall. Er stieg auf das graue Pferd, welches losstürmte, daß es in der Hölle dröhnte. Die anderen Pferde galoppierten hinterher. Wie von Sinnen jagten sie durch Fluren und Wälder, durch Schluchten und über Berge.
Der oberste Teufel hielt gerade sein Mittagsschläfchen.
Ein fürchterliches Geschrei in der Hölle weckte ihn auf.
„Was ist los?” erkundigte er sich.
„Die Pferde sind geflohen, und zusammen mit ihnen auch der blinde Junge.”
Der Teufel sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Lager auf und nahm die Verfolgung auf. Wo er aufstampfte, bekam die Erde Risse. Iwanko brannten die Schultern vom Feueratem des Teufels. Er konnte den Schmerz nicht länger ertragen und sprach:
„Liebes Pferdchen, die Schultern brennen mir so sehr.
Der Teufel holt uns ein. Was sollen wir nur tun?”
„Keine Angst, Iwanko, halte noch ein Weilchen durch.
Hole aus meinem rechten Ohr zwei Handtücher heraus.
Wenn sich der Teufel uns nähert, so wirf ihm eins davon an den Kopf!”
Als der Teufel schon ganz nahe war, warf ihm Iwanko das Tuch entgegen. Es war aber kein gewöhnliches Handtuch,
denn es wickelte sich um des Teufels Kopf, so daß er über einen Stein stolperte und auf die Nase fiel. Geschwind fing
er an, das Tuch loszuwickeln. Doch das war nicht so leicht, denn es drehte und wand sich wie eine Schlange. Endlich
gelang es dem Teufel, das Tuch abzustreifen, doch sofort schlang es sich um seine Beine und verknüpfte sich zu
einem Knoten. Der Teufel fiel abermals auf die Nase. Ehe er den Knoten löste, war Iwanko schon weit weg. Wie ein
Besessener setzte ihm der Teufel nach. Und wieder war er ihm dicht auf den Fersen. Iwanko sprach:
„Liebes Pferdchen, der Teufel versengt mir schon die Schultern. Was sollen wir tun?”
„Wirf ihm das zweite Tuch entgegen!”
Der Teufel war schon ganz nahe, als ihm Iwanko das zweite Handtuch entgegenwarf. Wieder hatte der Beelzebub seine Plage mit dem Tuch — es hatte ihm die Sicht genommen, so daß er sich wie besessen im Lehm und im Sumpf hin- und herwälzte. Bald sah er wie ein schmutziges Ferkel aus. Vor Wut stampfte er mit den Füßen. Mit heraushängender Zunge setzte er den Flüchtlingen nach. Und wieder versengte ein höllisches Feuer Iwankos Schultern. Der Junge schrie:
„Liebes Pferd, es brennt so stark, daß mir scheint, ich muß lebendigen Leibes verbrennen. Was sollen wir tun?”
„Hole aus meinem linken Ohr eine Peitsche heraus.”
„Schon herausgeholt, Pferdchen.”
„Wirf sie dem Teufel zwischen die Beine!”
Das tat er auch. Oh, wie die Peitsche auf den Teufel einherschlug! Jener winselte laut. Doch die Peitsche
sauste immer wieder auf den Teufel nieder. Der Böse sah, daß gegen die Peitsche nicht anzukommen war und rannte
in die Hölle zurück, so schnell ihn die Beine trugen.
Alsbald erreichte Iwanko die Hauptstadt. Das Pferd hielt, schnaubte und sprach:
„Hier wollen wir uns trennen, Iwanko. Reiß aus meiner Mähne drei Haare heraus. Wenn du in Not gerätst,
dann streiche über ein Haar, und ich eile herbei, um dir zu helfen.”
Das Pferd flog davon. Iwanko aber hielt die Haare in der Hand fest. Dann zog er los, um sich nach einer Arbeit
umzusehen, denn er hatte großen Hunger bekommen.
Aber wo er auch einkehrte, überall mieden ihn die Leute:
„Er ist nicht so wie alle. Wie aus Gold…”
Am andern Tag kam er am riesigen königlichen Garten vorbei. Er sah dort den Gärtner, grüßte ihn mit einer
tiefen Verbeugung und fragte:
„Gibt es keine Arbeit für mich?”
„Worauf verstehst du dich?”
„Auf alles, was Ihr nur sagt.”
„Dann stutze die Bäume und Sträucher. Doch wehe, wenn sie eingehen, das würde dich den Kopf kosten.”
Iwanko ging mit der Schere durch den Garten und stutzte die Bäume und Sträucher. In jenem Garten wuchsen drei Blumen, die die Prinzessin sehr gern hatte. Sie kam jeden Morgen und erfreute sich an deren Anblick. Nun geschah es, daß Iwanko diese drei Blumen dabei verletz¬te. Sie ließen ihre Köpfchen hängen und verwelkten.
Der Bursche wurde traurig. Abends fand er keine Ruhe und konnte nicht einschlafen. Denn wenn die Prinzessin erfährt, daß ihre Blumen verwelkt sind, reißt ihm der Gärtner den Kopf ab. Er ging in den Hof hinaus und rieb das Pferdehaar. Im selben Augenblick kam das Pferd herbeigeflogen und fragte:
„Was möchtest du, mein Freund?”
„Ich bin in großer Not, liebes Pferdchen. Ich möchte, daß der Zaun, der den königlichen Garten umgibt, morgen früh zu einer diamantenen Mauer wird.”
„Es wird so sein, wie du befiehlst. Geh nur ruhig schlafen.”
Das Pferd eilte davon, und Iwanko fiel bald darauf in den Schlaf. In der Frühe erblickte er rings um den königlichen Garten eine hohe diamantene Mauer, die so sehr funkelte, daß man gar nicht hinschauen konnte. Der Gärtner ging an ihr entlang und traute seinen Augen nicht.
Alsbald erschien auch die Prinzessin. Sie erblickte die Mauer und war so entzückt, daß sie ihre Blumen ganz vergaß.
„Wer hat diese Mauer gebaut?” fragte sie den Gärtner.
Der Gärtner verbeugte sich vor ihr und erwiderte:
„Das weiß ich nicht. Fragt meinen Gehilfen.”
Man rief Iwanko herbei.
„Wie heißt du?” fragte die Prinzessin.
„Iwanko.”
„Hast du diese diamantene Mauer gebaut?”
„Jawohl.”
„Wie hast du das fertiggebracht?”
„Ich weiß eine Kraft, die imstande ist, diamantene Mauern zu errichten.”
„Willst du mit mir Spazierengehen?” lud ihn die Prinzessin ein.
Das Mädchen hörte sein Herz schneller schlagen als gewöhnlich. Es hatte sich auf den ersten Blick in Iwanko verliebt, so daß es die diamantene Mauer gar nicht mehr beachtete.
Am nächsten Tag tat der König allen Leuten auf der Erde kund, daß sich seine einzige Tochter vermählen wollte. Derjenige, der ihr den schönsten Blumenstrauß schenkt, soll ihr Mann werden.
Aus aller Welt trafen nun im königlichen Schloß die herrlichsten Blumensträuße ein.
Iwanko ließ den Kopf hängen. Auch er war in die junge Prinzessin verliebt. Er irrte im Garten umher und sehnte sich danach, daß sie wenigstens für ein Weilchen zu ihm käme. Endlich trafen sie sich. Die Prinzessin sprach:
„Ohne deine Blumen wird es keine Hochzeit geben.”
Ehe Iwanko etwas sagen konnte, war sie schon im Schloß verschwunden.
Als es dämmerte, rieb Iwan das zweite Haar. Das asch¬graue Pferd kam herbeigeflogen.
„Was wünscht mein Freund?” erkundigte es sich bei dem Jungen.
„Morgen früh möchte ich einen Blumenstrauß haben, wie man ihn noch nie zuvor auf der ganzen Welt gesehen hat.”
„Mach dir keine Sorgen. Es wird so sein, wie du befiehlst. Geh und leg dich schlafen.”
Das Pferd flog davon, und Iwanko begab sich zur Ruhe. Als er morgens erwachte, stand ein wunderschöner Strauß auf dem Tisch. Welche Blumen es da nur gab! Weiße, gelbe, rote, blaue. Die allerverschiedensten. Aber sie waren nicht von der Art wie die anderen Blumen. Sie strahlten solch ein klares Licht aus, wie es nur die Sonne
hervorbringen kann.
Iwanko trug den Strauß ins Schloß und legte ihn zu den anderen.
Der König hatte nun verkünden lassen, daß sich alle, die Blumensträuße geschickt hatten, am nächsten Tag im
Schloß einfinden mögen.
Iwanko verzagte. In welchen Kleidern wird er vor die Herren treten?
Da rieb er das dritte Haar. Das aschgraue Pferd kam sofort herbeigeflogen.
„Mein Freund, was möchtest du?”
і „Ich bin in großer Not, liebes Pferdchen. Ich muß solche Kleider haben, wie sie nicht einmal die reichsten
Prinzen besitzen.”
„Sei nicht traurig, geh und leg dich schlafen. Morgen früh sollst du alles haben.”
Das Pferd flog davon. Iwanko hatte gut geschlafen, und am andern Morgen sah er auf der Bank die Kleider
liegen, die er sich gewünscht hatte. Er zog sich rasch an und ging ins Schloß. Dort hatten sich bereits allerlei Könige, Prinzen und Fürsten eingefunden.
Iwanko verbeugte sich vor dem König, der Königin und der Prinzessin. Dann trat er beiseite und wartete, was sich weiter ereignen würde.
Der König erhob sich vom Thron und sprach: „Liebe Gäste, nehmt eure Sträuße, denn meine Tochter will sich ihren Bräutigam aussuchen.” Alle befolgten das Geheiß des Königs. Die Blumen der Könige, Fürsten und Prinzen waren schon ganz verwelkt, nur Iwankos Strauß strahlte wie die Sonne. Er selbst war so schön anzusehen, daß es gar nicht zu beschreiben ist.
Die Prinzessin ging auf die jungen Männer zu, die sich um ihre Gunst bewarben, besah sich deren Sträuße und schwieg. Dann schritt sie zu Iwanko und sprach: „Dieser Strauß gefällt mir am besten…” Noch am selben Tag wurde die Hochzeit gefeiert. Zu dieser Zeit war auch ich in der Hauptstadt des Königreichs. Das ganze Schloß dröhnte von der Musik, und da kehrte ich ein, um das junge Paar zu beglückwünschen. Ich wurde an die Hochzeitstafel geladen und reichlich bewirtet, damit ich’s den Leuten weitererzählen kann.

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