Die bösen Hausgeister

Es waren einmal zwei Brüder, der eine war arm, der andere reich. Der Reiche besaß Felder, Vieh, Korn und viel Geld. Der Arme hingegen hatte nicht einmal etwas zu beißen. Früher war es ihm gar nicht so schlecht gegangen, aber seitdem sich böse Hausgeister bei ihm hinter dem Ofen eingenistet hatten, ging es stetig abwärts mit ihm. Was versuchte der arme Mann nicht alles, um die Armut loszuwerden. Allein nichts half. Und schließlich wollte der Reiche ihn nicht einmal mehr als Bruder anerkennen.
Der Reiche verlebte ein Jahr, verlebte das zweite, hoffte auf Nachkommenschaft, doch Gott schenkte ihm keine Kinder. Was nutzte es ihm da, daß er Geld, Vieh, alles in Hülle und Fülle besaß, wenn er doch keine Kinder sein eigen nennen konnte! Und was tat er nicht alles, um Kinder zu haben! Er gab fromme Spenden, die Kirchendiener nahmen mit beiden Händen; er kniete vor den Ikonen beim Morgen- und Abendgebet, doch alles blieb ohne Erfolg. Da sah der Reiche endlich, daß Gott sein Gebet nicht erhören wollte, ging zu seinem armen Bruder und sagte zu diesem:
„Versuche du es mal und bete für mich zu Gott, daß er mir Kinder schenke! Du wirst dafür bei meinem ersten Kinde Pate stehen!“
„Gut, ich werde darum beten.“
Und der Arme schloß in seine Gebete auch den Bruder mit ein, auf daß Gott ihm wenigstens ein Kindlein schenke. Nachdem ein Jahr verstrichen war, drang zu dem Armen das Gerücht, dem Bruder sei ein Kind geboren. Da ging er zu seiner Frau und sprach:
„Hast du, mein liebes Weib, nichts gehört?“
„Und was sollte ich gehört haben, lieber Mann?“
„Daß meinem Bruder ein Kind geboren ward.“
„Ist’s möglich?“
„So wahr ich hier stehe.“
„Und wer erzählte es dir?“
„Die Leute sprechen davon. Und weißt du noch etwas, liebes Weib?“
„Was sollte ich denn wissen?“
„Nun, ich werde jetzt zu meinem Bruder gehen und mir die Tauffeier ansehen. Er sagte mir doch, ich dürfe bei seinem Kinde Taufpate stehen.“
„Gehe nicht, lieber Mann“, sprach da die Frau. „Wollte er wirklich, daß du Gevatter stehest, so hätte er dich schon längst, eingeladen.“
„Ich gehe trotzdem, mein liebes Weib. Wenigstens das Tauffest will ich mir ansehen.“
Und er ging. Als er bei seinem Bruder anlangte, fragte ihn dieser:
„Was suchst du hier?“
„Na, hm“, erwiderte er, „ich kam, dich um ein Pferdchen zu bitten. Ich habe nichts zu heizen und möchte aus dem Wald Reisig holen.“
„Nimm’s“, sprach der Reiche. „Doch paß auf, lade nicht zuviel auf, damit das Pferd keinen Schaden nehme.“
Der Arme spannte das Pferd vor den Wagen, fuhr nach Hause und sprach:
„He! Ihr bösen Geister, kommt hervor! Wir fahren in den Wald!“
Die bösen Geister-es waren ihrer ein volles Dutzend- kamen hinter dem Ofen hervor, stiegen in den Wagen, und los ging’s in den Wald. Als sie dort angekommen waren, spannte der arme Mann das Pferd aus, ließ es weiden und machte sich ans Fällen einer großen, mächtigen Eiche. Er haute sie um, spaltete sie bis zur Hälfte und sagte zu den bösen Geistern: „He, Brüderchen! Helft mir diesen Baum zerspalten!“
„Und wie“, fragten diese, „sollen wir dir helfen? Wir haben ja kein Beil.“
„Ihr vermögt’s auch ohne Beil. Legt alle die Hände in diese Spalte und reißt den Baum auseinander. Sechs von euch ziehen auf der einen Seite und sechs auf der anderen, und schon ist der Baum entzwei.“
Die bösen Geister eilten zu dem Baum, steckten die Hände bis zu den Ellbogen in die Spalte und gaben sich alle Mühe, ihn auseinander zu reißen. Ehe sie sich’s versahen, schlug der Mann mit dem Rücken der Axt den Keil heraus, die Spalte schloß sich und klemmte die Hände der bösen Geister fest. Da aber brach plötzlich ein fürchterlicher Sturm los, knickte und entwurzelte die Bäume. Die Hölle schien los zu sein! Ein Baum stürzte um und zerschmetterte den Wagen, ein anderer tötete das Pferd. Mit Mühe und Not rettete sich der arme Mann aus dem Walde.
„Na, Gott sei gelobt, daß ich mit dem Leben davonkam! Daß doch der Teufel die verfluchten Geister hole!“
Und der arme Mann kam zu seinem Bruder, stand vor ihm und schwieg.
„Was stehst du so herum?“ fragte ihn der Bruder. „Hast du gar den Wagen im Wald zerbrochen?“
„Ach“, sprach der Arme, „wenn’s nur der Wagen wäre!“ „Und was noch? Sag nur nicht, dem Pferd ist etwas geschehen!“
„Ach, wenn’s nur das Pferd getroffen hätte!“
„Dann hast du also den Wagen zerbrochen und das Pferd getötet?“
„Ach, Brüderchen, ja, ach ja, mein Teurer!“
Da stand der Arme und schwieg, und der Bruder schimpfte und fluchte, verfluchte ihn wegen des Pferdes, wegen des Wagens, schimpfte und fluchte gar lange. Dann sprach er:
„Führe mich in den Wald. Ich möchte mir wenigstens ansehen, was du dort angerichtet hast.“
Der Arme führte also den Bruder in den Wald, gerade zu jener Stelle, wo er die bösen Geister zurückgelassen hatte.
Als die bösen Geister den Reichen erblickten, flehten sie ihn an und baten ihn, er solle sie aus ihrer furchtbaren Lage befreien.
„Befrei uns, Lieber, befrei uns, Täubchen, Falke edler…“
Als sie ihn also baten und anflehten, erbarmte sich ihrer der Reiche. Er trieb einen Keil in die Spalte und machte diese breiter. Schnell befreiten die bösen Geister ihre Hände und sagten zu ihm:
„Nun, lieber Mann, du hast uns befreit, nun nimm uns auch in dein Haus!“
„Und was seid ihr für Leute?“ fragte der Reiche.
„Wir sind“, erwiderten sie, „böse Hausgeister.“
„Nein“, sprach er, „wenn ihr böse Hausgeister seid, wozu zum Teufel brauche ich euch dann?“
Sie aber riefen: „Da du uns befreit hast, mußt du uns aüch in dein Haus aufnehmen!“
„Ich will aber nicht!“
Allein kaum hatte er die Worte „Ich-will-aber-nicht!“ über die Lippen gebracht, da krallten sich auch schon die bösen Geister an seinem Halse fest. Vergeblich versuchte er, ihre Hände zu lösen. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als die bösen Geister an seinem Halse nach Hause zu tragen. Kaum war er über die Schwelle getreten, zerstreuten sie sich in alle Ecken und Winkel seines Hauses. Seit dieser Zeit leben die bösen Geister bei dem Reichen.
Nachdem aber der Arme die bösen Geister losgeworden war, atmete er erleichtert auf, und es erging ihm von nun an besser; der Reiche jedoch wurde noch um vieles ärmer, als sein Bruder einst gewesen war.

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