Die Alte

Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Sie konnten nichts, und so hatten sie auch nichts. Die Alte sitzt da und sagt: „Alter, ich habe etwas ausgedacht! Die anderen gehen waschen und helfen Kinder zur Welt bringen, aber ich tauge zu nichts etwas!” – „Was ist denn mit dir los. Alte?” – „Ich habe etwas ausgedacht, weiß nicht, ob es dir gefällt oder nicht.” – „Nun, ob mir’s nun gefällt oder nicht – ich werde doch zuhören.” -„Jetzt kommt ein Feiertag – ein Sonntag; wir wollen Piroggen backen, einen Hammel schlachten. Schnaps holen und die jungen Burschen einladen – ihnen zu trinken und zu essen geben!”
Das machten sie auch. Buken Piroggen, holten Schnaps und luden die jungen Burschen ein. Sie hatten getrunken und gegessen und fingen an Musik zu machen. „Burschen, setzt euch in einen Kreis, ich will euch was erzählen! Spielt nur immer zu, aber geht und haltet die Augen offen, wo bei jemandem etwas schlecht verwahrt ist! Einer soll spielen und lustig sein, die anderen aber nehmen und verstecken! Dann kommt ihr und sagt es mir, und ich werde wahrsagen. Und ich werde Geld von den Bestohlenen nehmen, und wir können wieder Schnaps trinken!” Das war so recht nach dem Geschmack der Burschen. Sie hatten schön getrunken und gegessen, aber sie wollten noch mehr. „Was denn”, sagen sie, „es ist doch nicht so schlimm, sie nehmen’s ja nicht ganz weg!”
So ziehen sie also durchs Dorf und singen Lieder, sie lassen aber Säcke mitgehen. Sie kommen hin. „Nun, Großmütterchen, wir haben sieben Säcke gestohlen und zwei Kummete!” – „Und wohin habt ihr sie gelegt?” – „Dort in das Brachfeld!” Am Morgen nun erhoben die Weiber ein Geschrei, und die Männer waren ganz aus dem Häuschen: „Nein so etwas, ein Diebstahl – Säcke sind gestohlen worden!” Da kommen die Burschen: „Was ist los?” – „Seht nur, Burschen, jemand hat gestohlen!” – „Wißt ihr, daß hier die alte Salmoneja ist? Die sagt heimlich wahr und zaubert ein bißchen!” – „Ist das wirklich wahr?” – „Wirklich wahr! Ich habe sie wegen meiner Braut wahrsagen lassen, es ist haargenau eingetroffen!”
Da rennt der Bauer ins Haus. „Frau, geh mal zur Salmoneja, sie soll gut wahrsagen!” Die nahm ihr Kind und rannte los. „Bei uns haben sie die Kummete mit den Beschlägen gestohlen und sieben Sack dazu!” – „Ach, Kindchen, ich habe keine Lust wahrzusagen!” – „Ach, Großmütterchen, tu’s nur, ich zahl dir auch für die Mühe!” – „Nun, drei Rubel und ein Pud Getreide, dann will ich dir’s sagen und nicht lügen!” – „Wenn wir’s nur finden, dann soll mir nichts zu teuer sein!”
Sie goß Wasser in eine Schüssel, geht hin und her, sieht immer darauf und sagt: „Eure Säcke und Kummete liegen in diesem Brachfeld!” Die Bäuerin rannte nach Hause: „Großmütterchen Salmoneja sagt, unsere Säcke liegen unversehrt dort und dort!” Der Bauer rannte hin, alle sind unversehrt, liegen noch da. Er kommt gerannt, das Pferd holen. „Es ist wahr, sie hat’s richtig gesagt! Nun, Frau, halt den Mund, erzähle niemandem etwas!”
Er holte die Säcke zurück und brachte ihr ein Pud Mehl und drei Rubel.
Die jungen Kerle kommen am anderen Sonntag wieder, trinken und haben auch etwas Schönes zu essen. Sie singen und spielen, tanzen und führen nichts im Schilde. Ein Bauernlümmel band sein Pferd vorn am Hause an, die aber zogen’s weg und führten’s in den Wald. Später rennt der hin und her, das Pferd ist fort. Das tat dem leid, bei dem sie schon gestohlen hatten – er kam gerannt und erzählte: „Iwan, Iwan, ich habe dort wahrsagen lassen. Ach, wie gut Großmütterchen Salmo-nida wahrsagt.”
Der Bauer rennt gleich zu diesem Großmütterchen Salmonida. Kommt hin. „Großmütterchen Salmonida, kennst du schon mein ganzes Unglück?” – „Ich weiß, ich weiß, habe davon gehört!”
„Hilf!” – „Ja, ich kann helfen!” – „Was willst du von mir haben?” – „Einen Hammel!” – „Ach, wenn ich nur das Pferd finde, um einen Hammel ist mir’s nicht leid, ich lege noch für einen Schnaps drauf!” Sie gießt Wasser in die Schüssel, geht im Kreis herum und sieht auf die Schüssel. Sie sagt: „Sie wollen das Pferd dir stehlen, und kriegen sich an die Kehlen – du wirst sie gleich erwischen!” Er rennt dorthin, dort waren aber Schafhirten auf der Weide, die rannten ihren Schafen nach, er aber dachte, sie rennen zu seinem Pferd. Kam hin, sein Pferd steht angebunden da. Er band das Pferd los und ritt heim. „Ach, Frau, das ist eine Wahrsagerin! Wie kommt’s, daß wir nichts von ihr wußten?” – „Ja, eine Wahrsagerin, ich habe so etwas läuten hören, daß sie heimlich zaubert.”
„Ja, Frau, man darf nicht allen die Wahrheit sagen – sie könnten sie ja erschlagen!”
Die Alte wurde eine große Wahrsagerin und wurde in allen Gouvernements berühmt. Einmal nun wurde beim Zaren gestohlen. Da sagen die Leute: „Diese Alte wahrsagt doch!” Sogleich ließ der Zar das Pferd einspannen und schickt den Kutscher nach ihr.
Sein Geld aber hatten das Stubenmädchen und der Lakai fortgeschafft, dazu der Koch. Und sie hatten’s kurzerhand im Pferdestall versteckt.
Sie kommt zum Zaren. „Wie steht’s. Alte, bürgst du dafür, daß du’s herausbekommst?” -„Mal sehen, was die Bücher sagen, ich lese doch in den Büchern nach.” – „Und wann wird es soweit sein?” – „Ich werde in der Nacht nachlesen.” Die Alte konnte nirgendshin entfliehen, sie mußte sich irgendwie herauslügen. Der Lakai und die Köchin ließen den Kopf hängen und jammerten: „Wo haben sie diesen Satan her?” Die Köchin sagt: „Ach warte nur, was Gott uns beschert. Können wir nicht vorher mit ihr ins reine kommen?” Nun, der Lakai sagt: „Warte noch, dich zu verraten, wir wollen sie uns morgen früh einmal ansehen!”
Sie machte ihr Buch auf und betete. „Ich will wenigstens kurz vor meinem Tode noch einmal beten!” Dort aber steht einer von ihnen und lauscht, was sie sagen wird. Auf einmal begann der Hahn zu krähen. Sie sagte: „Das ist der erste!” Der kam zu seinen Spießgesellen gerannt: „Sie hat’s herausbekommen, daß ich dastehe!” Ein anderer macht sich dorthin auf den Weg. Sie stand und stand – der zweite Hahn fängt an zu krähen. „Gepriesen seist du Herr, auch der zweite ist da!” Der machte sich auf und davon. „Nun, wie steht’s dort?” – „Sie hat’s herausbekommen!”
Auch den dritten plagt die Neugier zu gehen und zu lauschen, und der Hahn schreit zum drittenmal. „Nun, gepriesen seist du, Herr, der dritte ist da – jetzt ist es für mich an der Zeit, schlafen zu gehen!” Sie sieht sie nicht, hat aber bis zur dritten Stunde zu Gott gebetet, und die dachten: sie hat’s herausbekommen.
„Nun, was sollen wir jetzt machen?” denken sie bei sich. „Nun, wir wollen zu ihr gehen.” – „Nein”, sagt der Lakai, „nicht hingehen, wir schaden uns selber damit!” Der Zar hatte ihnen eine Ente gegeben, der Lakai fing eine Krähe dazu. „Die will ich ihr braten, ob sie’s merkt oder nicht.” Er briet also die Ente und die Krähe. Dann setzt er ihr die Krähe vor. „Komm essen, gute Frau, Väterchen Zar hat dir ein Essen kochen lassen!”
Sie ging ins Haus des Zaren und sieht sich die Wände an, was für schön verzierte Wände dort sind. Und der Lakai hatte ihr aufgetragen und sich unter die Tür gestellt. Sie steht da und sagt: „Ach Krähe, Krähe, in was für einen Palast bist du geflogen!” Der Lakai kam schleunigst hervorgesprungen: „Warte, gute Frau, ich hab mich geirrt, habe dir nicht das richtige Essen aufgetragen!” Und rast mit der Krähe davon. Die stehen da: „Wie steht’s?” – „Sie hat’s gemerkt!”
Der Lakai kommt herbeigerannt – bautz, wirft er sich ihr zu Füßen. Die Alte reißt die Augen auf: „Was ist los?” – „Gute Frau, kannst du uns nicht aus unserer Not helfen?” – „Das kann ich!” Die Alte wurde lustig, lachte und machte sich guten Mutes über den Entenbraten her. Aß ein Stückchen Entenbraten und wollte ein Schnäpschen haben. Der Lakai ist froh, ihr gefällig sein zu können, und kommt mit einer Flasche angerannt. „Trink, Großmütterchen, soviel du willst, nur hilf uns aus der Not!” – „Ich helfe euch, ich helfe euch, Kindchen, es wird nichts herauskommen. Wo ist es denn aber?” – „Im Pferdestall!” – „Nun, ich will so tun, als ginge ich spazieren, du aber geh voran und zeig mir die Stelle, damit wir uns etwas ausdenken können, was wir sagen und wie wir euch herausreden können!”
Der Lakai machte sich also auf den Weg, wartet auf die Alte, hält Ausschau. Sie kommt so lange nicht! Das Sprichwort sagt: „Dem Dieb brennt die Mütze auf dem Kopf!” Er denkt, sie will es vorher dem Zaren erzählen. Der Kutscher sagt: „Was hast du dir denn gedacht: allein zu kommen, du hättest diese Alte mitbringen sollen!” Auf einmal erscheint die Alte. Dem Lakaien wurde froher zumute – er erzählte ihr alles und zeigte ihr das Versteck.
Am Nachmittag nun liegt sie mit vollem Bauch da und ruht sich aus. Nun, den Zaren verläßt die Geduld, er wartet nicht, bis sie wieder zu ihm ins Haus kommt. Er geht zu ihr dorthin. „Nun, wie ist’s gute Frau; hast du’s herausbekommen?” -„Ja, ich hab’s heraus!” – „Und wer hat das Geld gestohlen?” – „Das hast du selber im Schlaf genommen und dann vergessen; mit dir ist irgend etwas passiert, du hast es genommen, bist in den Pferdestall gegangen und hast es im Mist vergraben!” – „Ja, gute Frau, mich überkommt es manchmal: irgendeine Mondsucht befällt mich, ich schlafe, und dann gehe ich im Schlaf weg – ja, ja!”
Die Alte war froh, wie er ihr diesen Weg gesagt hatte. „Siehst du, du hast’s dorthin gelegt und vergessen!” – „Ach, du meine Güte, wieviele Leute habe ich verdächtigt, und wie haben sie geweint!” Der Lakai aber steht und lauscht. Rennt und sagt zu den anderen: „Die Alte hat uns herausgeredet!” Nein, die Diener haben keine Hoffnung, sondern erwarten alle den Tod: sie leben ja nicht bei einem Bauern, sondern ja beim Zaren. Und die Zarin schimpft auch auf den Zaren. Die Diener tun ihr leid, sie hat sie dorthin gerufen. Der Koch sagt: „Jetzt ist für uns Amen!” Nein, der Lakai hatte gelauscht und sagt: „Sie hat uns herausgeredet!” Sie kommen ins Haus, und sie steht bei ihm. Die Zarin sagt: „Los, prügelt den Zaren!” Die Diener schrien: „Was? Weswegen!?” – „Unseren Zaren hat die Mondsucht befallen. Wir haben ihm doch die Wahrheit gesagt, daß bei uns niemand stiehlt; ist das denn überhaupt denkbar, dem Zaren etwas unter dem Kopfkissen wegzunehmen und fortzutragen? Es ist doch ganz klar, daß er selber es fortgetragen hat!” Der Kutscher sagt: „Und die Herrin hat es gleich gesagt!”
Danach begibt sich die Alte nach Hause, er hat ihr alles mögliche für ihre Arbeit gegeben. Ihr Alter aber erwartete sie schon nicht mehr lebend zurück. Begrüßt sie, freut sich. „Wie war’s dort, Alte?” – „Habe alle herausgeredet!” – “Alle, und bist selber noch am Leben?” – „Und bin selber noch am Leben. Aber das ist eine üble Sache. Was können wir aussinnen, diese Arbeit aufzugeben?” Der Alte sagt: „Wenn du dich nur dort herausgeredet hast, hier habe ich etwas ausgedacht.” -„Und was brauchen wir jetzt noch, wir sind auch so schon reich geworden.” – „Ja, komm. Alte, wir wollen unser altes Zeug verbrennen und alle Schuld darauf schieben.” Weil sie das Wahrsagen überhatte, sagte sie: „Das Wahrsagebuch ist verbrannt!” Die Alte sagt dann: „Ich brauche jetzt nicht wahrzusagen, ich kann jetzt von diesem Reichtum leben.” Und so schlugen sie alles ab. Sie leben noch heute, herrlich und in Freuden. Ich war bei ihm und ihr, trank Honigbier, es ist auf die Brust geronnen, der Mund hat nichts abbekommen. Und der Alte ist so geradezu! Lustige Leute. Jetzt ist die Geschichte aus!

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