Der zu kluge Pope

Ein Bauer aus dem Süden Belorußlands hatte einen Sohn, der Pope werden sollte. Der Sohn trieb sich einige Jahre herum, verbrauchte das ganz Geld des Vaters, heiratete und kam nach Hause.
Inzwischen hatten die Bauern eine Kirche ge-baut und waren sehr froh darüber, daß sie nun ihren eigenen Popen hatten.
Am Sonntag ließ der Pope die Bauern zur Predigt kommen. Alle Leute waren in der Kirche versammelt. Der Pope trat mit seinem Buch heraus und fragte: „Leute, Leute, wißt ihr, was in diesem Buche steht?“
„Nein“, sagten sie, „das wissen wir nicht, geist-licher Vater.“
„Ich kann euch auch nichts predigen, wenn ihr solche Dummköpfe seid!“
Dann verschwand er durch das Paradiestor1 und zeigte sich nicht mehr.
Die Leute standen und standen, schimpften ein-ander aus, und einer sagte: „Warum hast du gleich geantwortet? Wahrscheinlich darf man ei-nem Geistlichen nicht so antworten.“ Der eine sagte es dem anderen und dieser wieder dem nächsten. So gingen die Bauern nach Hause und ließen die Köpfe hängen.
Am nächsten Sonntag ließ der Pope sie wieder zur Predigt kommen. Die Bauern hatten sich schon vorher vor der Kirche versammelt und ab-gesprochen, was sie dem Väterchen antworten wollten.
Sie traten in die Kirche, der Pope trat heraus und fragte: „Leute, Leute, wißt ihr, was in diesem Buche steht?“
„Das wissen wir, heiliger Vater“, antworteten sie, um ihren ersten „Fehler“ zu berichtigen.
„Ja, warum soll ich mir dann die Zunge wundreden, wenn ihr es schon wißt?“ sagte er. Damit drehte er sich um und verschwand. Und wieder standen die Bauern da mit Gesichtern, als hätten sie Seife gegessen. Als sie die Kirche verlassen hatten, waren sie ganz traurig, weil sie einen zu klugen Popen hatten, denn nun wußten sie wirklich nicht mehr, was sie ihm antworten sollten. Damit war die Sache erledigt.

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