Der Ziegenbock und der Schafbock

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die besaßen einen Ziegenbock und einen Schafbock. Der Ziegenbock und der Schafbock waren sehr befreundet; einer tat ohne den anderen keinen Schritt. Wenn der Ziegenbock in den Gemüsegarten ging, um sich am Kohl zu laben, so folgte ihm der Schafbock, als wäre er sein Schatten. Ging der Ziegenbock in den Obstgarten, so heftete sich der Schafbock gleichfalls an seine Fersen.
„Ach, Weib“, sprach der Mann, „laß uns den Schafbock mitsamt dem Ziegenbock wegjagen, sonst werden sie den Gemüse- und den Obstgarten noch zugrunde richten.“ Das Weib erklärte sich einverstanden. Da schrie der Mann: „Weg von unserem Hof, Ziegenbock und Schafbock! Lauft, wohin ihr wollt, aber kommt uns nie mehr unter die Augen!“
Sobald der Ziegenbock und der Schafbock diese Worte vernahmen, machten sie sich augenblicklich bereit, den Hof für immer zu verlassen. Sie nähten sich einen Sack und zogen ihrer Wege.
Nun liefen sie dahin, liefen und liefen, bis sie plötzlich inmitten des Feldes den Kopf eines Wolfes liegen sahen. Während der Schafbock kräftig, aber feige war, fehlte es dem Ziegenbock nicht an Mut, obwohl er viel schwächer war.
Der Ziegenbock sprach:
„Heb du den Kopf auf, Schafbock! Du bist der Stärkere!“ „Ach, heb du ihn auf, Ziegenbock! Du bist der Mutigere!“ Schließlich aber hoben sie ihn beide zugleich auf und steckten ihn in den Sack.
Und sie liefen weiter, liefen und liefen, bis sie auf einmal ein Feuer erblickten. Da sprachen sie:
„Gehn wir hin und übernachten dort, damit uns die Wölfe nicht fressen.“
Als sie an dem Feuer anlangten, saßen dort drei Wölfe, die einen Brei kochten. Ängstlich sagten die beiden:
„Seid gegrüßt, ihr Braven!“
Die Wölfe erwiderten:
„Seid gegrüßt, ihr kommt uns gerade recht. Der Brei ist gleich gar. Dazu fressen wir euch mit Haut und Haar.“
Ach, wie da dem Schafbock der Schreck in alle Glieder fuhr. Dem Ziegenbock aber war längst das Herz in die Hosen gerutscht. Allein nach kurzem Nachdenken faßte er sich und sprach:
„Schafbock, gib mal den Wolfskopf her!“
Der Schafbock holte sogleich den Wolfskopf hervor.
„Aber nein, nicht diesen, gib den größeren!“ rief der Ziegenbock.
Der Schafbock packte wieder denselben Kopf.
„Nein, nein, gib einen noch größeren her!“
Als die Wölfe das sahen, erschraken sie sehr und sprahen: „Das scheinen gefährliche Burschen zu sein. Mit denen ist nicht zu spaßen. Seht nur, wie sie einen Wolfskopf nach dem anderen aus ihrem Sack holen!“
Darauf wandte sich einer der Wölfe schmeichlerisch an die beiden Freunde:
„Wir sind hier lauter ehrliche Burschen, eine lustige Gesellschaft. Wie ihr seht, kocht der Brei schon auf der Glut. Nur ein wenig Wasser ist noch vonnöten. Gleich werde ich es holen gehen…“
Wie er aber fort war, dachte er bei sich: ,Ein Glück, daß ich die beiden übertölpeln konnte. Jetzt will ich schnell das Weite suchen.’ Die beiden anderen Wölfe, die noch am Feuer saßen, trachteten danach, sich gleichfalls aus dem Staube zu machen. Und der zweite Wolf sprach:
„Na, dieser Tölpel kommt nicht zurück und läßt noch den Brei verkohlen. Ich werde ihm mit einer Keule Beine machen, daß er vor Schmerzen aufheult.“
Auch er lief weg und ließ sich nicht wieder blicken. Da sprach der dritte Wolf:
„Wo sie nur bleiben? Ich will doch einmal nachsehen gehen!“
Sprach’s und machte, daß er davonkam.
Nun sprach der Ziegenbock zum Schafbock:
„Bruder, laß uns schnell den Brei zum Abendbrot verzehren. Dann aber rasch fort von hier.“
Inzwischen hatten die Wölfe wieder Mut gefaßt, und es gereute sie, ihren Brei den beiden überlassen zu haben. Sie sprachen:
Ach, hat man je gehört, daß drei Wölfe vor einem Schafbock und einem Ziegenbock Reißaus nahmen! Kehren wir zurück und fressen die beiden!“
Doch als sie zurückkamen, war nicht nur der Brei verschlungen, sondern auch von dem seltsamen Paar nichts mehr zu sehen. Diese saßen, ein gutes Stück entfernt, hoch oben auf einer Eiche. Die Wölfe berieten lange, wie sie die beiden einholen könnten, und machten sich endlich auf die Suche. Bald sahen sie die beiden auf der Eiche sitzen. Der mutige Ziegenbock war bis in den Wipfel hinaufgeklettert, jedoch der feige Schafbock wagte sich nicht so hoch hinauf.
„Leg dich hin“, sagten die Wölfe zu einem ihrer zottigen Gefährten, „du bist der Älteste, zaubere du sie herunter!“
Als der Wolf sich auf den Rücken legte, die Beine nach oben streckte und sein Zauberwerk begann, erschrak der Schafbock sehr. Er stürzte hinunter und fiel auf den Wolf. Der mutige Ziegenbock aber dachte nicht lange nach und rief:
„Reiche mir den Zauberer herauf!“
Da packte die Wölfe das Entsetzen. Sie zitterten wie Espenlaub und jagten davon, daß der Staub nur so hinter ihnen herwirbelte.
Nun kletterte der Ziegenbock bedächtig von der Eiche herunter. Beide errichteten sich eine Hütte und lebten noch lange friedlich miteinander.

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