Der Zauberstab

Es lebte einmal ein alter König, der hatte zwei Söhne. Er lebte und lebte, und als er starb, blieben seine Söhne sich selbst überlassen. Da sagte der jüngere zu dem älteren: „Wir wollen durch die Welt wandern und sehen, wie die Menschen leben!“
Und sie zogen los. Sie gingen, gingen und kamen schließlich an eine Wüste, so daß sie nicht weiterkonnten. Da sagte der ältere zu dem jüngeren Bruder: „Laß uns unsere Messer in einen Baum stechen. Wessen Messer verrostet, der wird nicht mehr auf der Welt sein, aber wessen Messer sauber bleibt, der ist noch am Leben.“
Sie legten sich getrennt schlafen. Am Morgen lief der ältere Bruder zu dem Baum. Er zog die Messer heraus, sie waren beide sauber. Aber der jüngere Bruder war nicht da. Die Brüder fanden einander nicht mehr und gingen verschiedene Wege, aber die Messer blieben dort stecken.
Es vergingen drei Jahre. Da erblickte der Ältere einmal auf einem Baum eine Schildkröte. Er nahm die Flinte und sagte: „Na Alte, was machst du dort? Alte gehören nicht auf einen Baum. Ich werde dich totschlagen!“
Da sagte sie: „Tue es nicht! Ich gebe dir einen Zauberstab, schlag an diesen Steinhaufen, und du wirst sehen, was daraus wird.“
Er nahm den Zauberstab und schlug zu, da erblickte er eine Hochzeitsgesellschaft. Er drohte ihr wieder: „Ich schlage dich tot, wenn du nicht alle lebendig machst!“
Sie winkte mit der Hand, und die Leute kamen alle herbei. Auf einmal begrüßte ihn auch der Bruder.
„Na, wie geht es dir?“
„Weißt du, ich bin eingeschlafen, und während ich schlief, hat die Alte gewinkt, und ich bin aufgewacht.“
„Aber du warst schon zu Stein geworden.“
Sie beschlossen, die Alte totzuschlagen. Der ältere Bruder erschlug sie. Sie hatte gebettelt, daß er es nicht tun sollte, aber er erschlug sie. Er sag-te: „Wie viele Menschen du zugrunde gerichtet hast!“
Und dann fragte er den jüngeren Bruder: „Wie wollen wir jetzt weitergehen, zusammen oder einzeln?“
Der jüngere Bruder sagte: „Nein, ich gehe jetzt nach Hause.“
Da sagte der ältere Bruder: „Aber ich wandere noch weiter.“
Und so ging er los. Nach einiger Zeit sah er auf dem Weg einen Mann stehen. „Woher bist du?“
„Von nicht weit her.“
„Wohin gehst du? Vielleicht hast du etwas Neues gehört?“
„Nein, nur daß der König in unserem Lande eine Tochter hat und einen Bräutigam für sie sucht. Er versammelt alle Freier auf der Promenade und sucht einen aus.“
Der Bursche zog sich zerrissene Kleider an und ging zu jener Menschenmenge. Dort waren alle Recken gut angezogen, nur er (Janok hieß er) war zerlumpt. Doch die Kleider paßten ihm. Die Braut ging an allen vorbei, erblickte ihn und wurde rot. Ein Fürstensohn, der ihr folgte (der wollte sie auch heiraten), fragte: „Warum siehst du den Zerlumpten so an?“
Sie setzte sich an den Tisch und sagte: „Väterchen, ich verlange, daß dieser Bursche ausgewählt wird und daß er bei uns Herrscher wird!“
Der Vater sagte: „Warum willst du den, es gibt auch hübschere.“
„Nein, Väterchen, ich bitte dich, nimm ihn! Mir ist gesagt worden, daß ich auswählen kann, und nun wähle ich auch aus.“
Die Fürsten lachten alle darüber, daß sie den Zerlumpten ausgewählt hatte, sie aber sagte: „Wenn er auch zerlumpt ist, aber er gefällt mir!“
Sie zogen ihn an und brachten ihn in ein Arbeitszimmer. Er fragte die Königstochter: „Also gefalle ich dir?“
Sie sagte, daß er ihr gefalle.
Er winkte mit dem Zauberstab, den ihm die alte Schildkröte gegeben hatte, und Vögel brachten sogleich reiche Kleidung und auch Waffen.
„So einer bin ich. Ich bin ein Königssohn aus einem anderen Königreich. Ich bin mit meinem Bruder auf Wanderschaft gegangen und zu Euch gekommen.“
Sie ließ bekanntgeben, daß sie keinen Fürsten heiraten wolle. Die Fürsten wurden ärgerlich und überzogen das Land mit Krieg.
Der König sagte: „Mein Königreich wird untergehen, wenn sie Krieg machen.“
Janok aber sagte: „Väterchen, du kannst ruhig schlafen, denke an nichts, morgen klären wir die Sache!“
Sie fingen einen Krieg an. Janok aber regte sich nicht auf und zog in den Kampf. Als er mit dem Zauberstab winkte, wurden sie alle zu Stein. Der Vater dachte, daß niemand mehr am Leben sei, er aber kämpfte und eroberte vier Königreiche.
Dann feierten sie die Hochzeit der Königstoch-ter mit dem Sieger.
Der junge Bräutigam sagte zum Vater der Frau: „Vater, regiere du über die vier Königreiche, ich will zu meinem Bruder gehen und mir unser Kö-nigreich ansehen!“
Die junge Frau fing an zu weinen, weil er nicht fortgehen sollte: „Sonst gehe ich auch mit!“
Er sagte: „Ich gehe zu Fuß, es wird für dich schwierig sein, euer und unser Königreich zu durchlaufen. Ich habe mich dem Wandern ge-weiht, um den Menschen ein gutes Leben aufzu-bauen und alles Schlechte gutzumachen.“
Sie machte sich reisefertig und sagte: „Spanne lieber die Pferde an!“
So nahm er sie mit, und sie fuhren los. Sie durchfuhren ihr Königreich und gelangten zu seinem. Als sie zu jenem Baum kamen, war des Bru-ders Messer verrostet. Das hieß, daß der Bruder umgekommen war. Sie kamen zum Palast und erfuhren, daß der jüngere Bruder unterwegs ge-storben war und daß im Palast der Verwalter wohne, den die Brüder eingesetzt hatten, als sie wandern gegangen waren.
Jetzt wollte dieser Verwalter auch noch den älteren Bruder beseitigen.
Da kam eine Taube geflogen und gurrte: „Nimm vom Verwalter nichts zu essen und paß auf, daß er nicht schießt!“
Janok fragte den Verwalter: „Willst du für immer hier König sein?“
„Ich will, daß du von neuem auf die Wanderschaft gehst“, antwortete der Verwalter.
„Na, dann wandern wir weiter.“
Er winkte mit dem Zauberstab und machte den „König“ zu einem Haufen Dreck.
Die junge Frau sagte: „Sage, mein Liebling, was hast du für eine Kraft? Damals hast du vier Königreiche besiegt und jetzt diesen König? Womit konntest du das vollbringen?“
„Das ist nun einmal so, meine liebe Frau, aber sagen kann ich dir das nicht. Das geht nicht.“
Sie fragte: „Aber du liebst mich doch und achtest mich. Ich sage dir alles, du aber nicht.“
Er sagte: „Ich sage es dir noch. Mein Bruder ist dadurch ums Leben gekommen. Ich habe ihn wieder auferstehen lassen, aber jetzt ist er wieder umgekommen, und ich kann nicht erfahren wie.“
Sie ließ sich nicht beruhigen und fragte wieder.
Er antwortete: „Ich will es dir sagen, aber möge uns Gott helfen, daß es niemand erfährt außer dir und mir. Mit diesem Zauberstab komme ich durch die ganze Welt. Wenn ich damit winke, so kom-men alle Tiere auf mich zu und bleiben bei mir stehen, und wenn ich damit abwinke, gehen sie wieder fort. Wenn ich will, kann ich alles damit in Bäume und Steine verwandeln.“
Sie dachte nach: Ich weiß schon. Und dann bat sie ihn: „Zeig mir mal den Zauberstab.“
Er sagte: „Ich sehe, meine liebe Frau, daß du damit nicht fertig wirst. Du bittest um Sachen, die ich dir nicht zeigen darf. So ist unser Leben. Das geht dich nichts an.“
So redete er ihr zu, aber sie sagte: „Man erkennt dich kaum wieder, wenn du solche Sachen sagst.“
Er schwieg und sprach dann: „Durch diesen Zauberstab ist mein Bruder umgekommen und zu einem Stein geworden. Ich habe die alte Schildkröte auf dem Baum gesehen und bemerkt, daß sie ein ungerechtes zänkisches Weib ist. Ich wollte sie erschlagen, da sagte sie, daß sie alle Getöteten lebendig machen könnte, und auch mein Bru-der stand auf. Wir beschlossen, sie totzuschlagen, und taten es auch. Den Zauberstab bekam ich. Die Knochen der Alten liegen noch dort.“
Sie sagte: „Ich sehe, daß du jetzt mein Mann bist.“
Dann dachte sie: Kann ich denn nicht auch so stark sein wie mein Mann? Wenn er eingeschlafen ist, versuche ich es an ihm. Ich versuche es nur, und dann gebe ich ihm den Zauberstab wieder zurück.
Sie winkte mit dem Stab und verwandelte ihn auf dem Bett in Moos. Aber als sie dann wieder winkte, half es nichts. Tag und Nacht konnte sie nichts ausrichten. Auf dem Bett war Moos. Sie saß und weinte und betete, daß man ihr vergeben sol-le. „Ich würde alles hingeben und nicht mehr neugierig sein, wenn ich ihn nur zurückbekäme.“
Er hörte alles, konnte aber nichts machen. Sie weinte nur immer. Dann wurde sie müde und schlief ein. Er erschien ihr im Traum. „Liebe Frau! Du hast mich verzaubert, nun bemühe dich auch, mich wieder zu entzaubern. Winke nicht nach je-ner Seite, nach der du gewinkt hast, sondern nach der anderen!“
Sie wachte auf, ergriff den Zauberstab, winkte, und wieder geschah nichts. Da sagte sie: „Ich bringe mich um. Aber ich will es noch ein letztes Mal versuchen!“
Sie winkte – und ihr Mann stand auf. Er sagte: „Ich habe es dir doch gesagt, aber du hast ja nicht gehört!“
Sie dachte: Solange ich lebe, werde ich es nicht mehr tun.
Und nun lebten sie wieder zusammen.
Einmal sagte sie: „Wir wollen den Vater besuchen fahren.“
Sie fuhren also. Nachdem sie eine Zeit gefahren waren, kamen sie an einen Fluß und mußten über eine Brücke. Es waren dicke Bohlen, die gingen auseinander, als sie darüberfuhren, und es entstand ein Weg. Sie fragte, wie das komme.
Er antwortete: „Das kam dir nur so vor.“
Sie kamen wieder zu einem Fluß und hätten über eine Brücke fahren müssen. Er aber fuhr ins Wasser, winkte hin und her, und es entstand ein Graben. Als sie hindurchgefahren waren, kam das Wasser wieder zurück.
Wieder fragte ihn die Frau: „Mein Mann, du Königssohn, warum sind wir durch das Meer gefah-ren, ist ein Graben entstanden und dann wieder Wasser gekommen?“
„Ach, das schien dir nur so durch das schnelle Fahren. Wir fuhren doch auf dem Land.“
Sie fuhren weiter und kamen zum Njemen. Sein Wasser floß schnell. Er sagte: „Wir fahren auf ei-ner Brücke über den Njemen.“
Aber es war gar keine Brücke da. Er winkte, da entstand eine Brücke, und sie fuhren darüber hinweg. Sie sagte: „Mein Mann, ich weiß alles. Wirf den Stab in den Njemen, sonst werden wir alle umkommen.“
„Beruhige dich, liebe Frau, wenn wir beim Vater waren, fahren wir wieder fort. Niemand auf der Welt wird mich umbringen, solange der Zauber-stab nicht in fremde Hände fällt.“
Sie fuhren weiter. Im dichten Wald stießen sie auf Räuber. Als die Königstochter diese erblickte, erstarrte sie förmlich. Er sagte: „Reg dich nicht auf, wir kommen schon durch.“
Janok sagte zu den Räubern: „Was wollt ihr?“
Sie sagten: „Was wir gewollt haben, das haben wir bekommen. Wir haben den König gesucht und gefunden.“
Er winkte und verwandelte sie in Säulen.
Sie fuhren an den Säulen vorbei, und sie sagte: „O Herrgott, sie waren Räuber und sind zu Säulen geworden.“
Sie bat ihren Mann: „Lieber Mann, mache sie wieder lebendig! Es tut mir leid um sie.“
„Warum soll man mit ihnen Mitleid haben? Sie haben viele umgebracht…“
Sie fuhren noch sechs Werst, und sie sagte wieder: „Mache sie wieder lebendig! Sie holen uns doch nicht ein.“
„Nun, wenn du es so willst, tue ich es.“
Der Wind begann zu pfeifen, es kam die Nacht, da hörten sie ein Getrappel.
Janok sagte zu seiner Frau, als sie ihn fragte, was das sei: „Als wir durch den Wald fuhren, rauschten die Bäume. Das ist wohl dasselbe.“ Dann schaute er nach hinten.
Die Räuber ritten ihnen auf Pferden nach und schrien: „Halt!“
Er hielt an. Er winkte, und sie erstarrten regungslos.
Er bat: „Kommt heran!“
Sie kamen heran, und er sagte: „Was wollt ihr?“
„Deinen Tod!“
Er sagte: „Ja, meine Lieben, meine Frau hat euch das erste Mal gerettet, aber jetzt ist es genug!“
Er winkte mit dem Zauberstab, und alle Räuber wurden zu Staub.
Als sie zum Vater kamen, war die junge Frau verängstigt. Der Vater hatte Mitleid mit ihr. Sie sagte, daß sie nicht ausgeschlafen habe. Sie un-terhielten sich. Die Mutter fragte sie aus: „Wie ich sehe, hast du ein schlechtes Leben.“
„Nein, Mütterchen, alles ist gut. Nur eine Sache stört mich.“
„Ach, Töchterchen, das mußt du erzählen.“
Der Vater verlangte das gleiche. Da sagte sie es. Als der Mann sich schlafen gelegt hatte, nah-men sie ihm den Zauberstab fort. Die Tochter sagte: „Mütterchen, verwende ihn nicht, sonst verwandelst du ihn und kannst ihn nicht wieder lebendig machen!“
Doch die Mutter konnte es nicht aushalten und war neugierig. Als alle eingeschlafen waren, stand sie auf und wollte es versuchen.
Sie winkte, alle wurden zu Stein, und sie allein blieb zurück. Soviel sie auch weinte, sie konnte nichts tun. Bald kam sie auch um, denn ihr Herz zersprang.
Die junge Frau hatte ihren Mann zu Hause gerettet, als sie ihn aber zu den Eltern gebracht hatte, kam sie auch um. Hätte sie der Mutter das Herz herausgenommen, dann würde sie ihn vielleicht wieder zum Leben erweckt haben, aber so hat sie alle Königreiche zugrunde gerichtet.

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