Der Zaubermusikant

Es war einmal ein Musikant, der hatte seit seiner Kindheit nichts anderes getan als gespielt. Schon als Junge hatte er sich, wenn er die Ochsen oder Pferde hütete, aus Weidenruten Schalmeien gemacht, und wenn er zu spielen begann, hörten die Ochsen auf zu weiden, spitzten die Ohren und horchten. Im Wald verstummten die Vögel, und nicht einmal die Frösche quakten mehr. Im Sommer, wenn die Nächte schwül und warm waren, brachten die Jungen und Mädchen aus dem ganzen Dorf die Pferde in den Eichenwald, trieben Unfug dort, lachten und sangen Lieder, denn be-kanntlich ist die Jugend immer lustig. Aber wenn der Musikant an der nächtlichen Lagerstätte der Pferde auf seiner Schalmei zu spielen begann, dann verstummten gleich alle. Da schien es ihnen, als ob sich ihr Herz mit Wonne füllte und sie eine Kraft an den Schultern packte und sie immer hö-her trag – zu den klaren Sternen in den blauen weiten Himmel. Dann saßen sie, dachten an nichts, vergaßen, daß ihre Hände und Füße von der schweren Arbeit wehtaten und daß ihnen vor Hunger der Magen knurrte. Sie saßen nur und hörten zu und hätten gerne so das ganze Leben dort gesessen und dam Spiel des Musikanten gelauscht. Wenn er verstummte, wagte sich niemand zu bewegen, um nicht den Klang zu stören, der wie Gesang, wie Lerchentrillern durch den Eichenwald zog und zum Himmel emporstieg. Wenn der Musikant etwas Trauriges spielte, weinten der Wald und der Eichenhain, eine Wolke zog auf, und der Himmel vergoß Tränen. Männer und Frauen, die auf dem Heimweg spät vorbeigingen und diese Musik hörten, blieben stehen, lauschten und weinten, ihr ganzes bitteres Leben erstand vor ihren Augen, und es überkam sie eine so große Trauer, daß auch die Bauern, die alten bärtigen Bauern weinten wie Frauen bei der Beerdigung oder wenn sie ihre Söhne zu den Soldaten begleiten. Aber wenn nach einiger Zeit der Musikant nach dem Traurigen wieder etwas Lustiges spielte, da ließen die Männer und Frauen die Sensen, die Rechen, die Gabeln, die Töpfe und die Flaschen stehen, faßten sich an und begannen zu tanzen. Da tanz-ten die kleinen Kinder, da tanzten die Büsche und der Wald, da tanzten die Sterne, da tanzten die Wolken, alles tanzte und lachte.
So einer war der Zaubermusikant; er machte mit den Herzen, was er wollte.
Der Musikant wuchs heran, baute sich eine Gei-ge und zog in die Welt hinaus. Wohin er kam, spielte er, und dafür gab man ihm zu essen und zu trinken, bewirtete ihn wie den liebsten Gast und gab ihm noch etwas auf den Weg mit. Lange zog der Musikant so durch die Welt, erfreute die guten Menschen, und die Bösen stach er ohne Messer ins Herz.
Als der Musikant einmal durch den Wald ging, hetzten die Teufel zwei hungrige Wölfe auf ihn. Diese versperrten dem Musikanten den Weg, standen da und fletschten die Zähne, und ihre Augen brannten wie glühende Kohlen. Der Musi-kant hatte nichts in den Händen, nur die Geige unter der Jacke in einem Sack. Was war da zu tun? Der Musikant überlegte, was er machen sollte. Sein Ende schien gekommen zu sein. Da holte er die Geige und den Geigenbogen aus dem Sack, um noch ein letztes Mal zu spielen, lehnte sich an den Baum und strich mit dem Bogen über die Saiten. Die Geige sprach, als ob sie lebte, der ganze. Wald erklang. Er schien den Atem anzuhalten, bewegte nicht ein Blatt, und die Wölfe standen mit aufgerissenen Mäulern wie versteinert da. Sie standen da und lauschten, und die Tränen liefen ihnen nur so aus ihren Wolfsaugen. Als der Musikant zu spielen aufhörte, liefen die Wölfe wie im Schlafe zurück in den Wald.
Der Musikant ging weiter. Er ging und ging und kam zu einem Fluß. Die Sonne war bereits hinter dem Walde untergegangen, nur die Baumspitzen beleuchtete sie noch und übergoß sie mit Gold. Es war still wie in einem Ohr, und nicht ein Blättchen bewegte sich. Es war ein sehr schöner Abend. Der Musikant setzte sich auf einen Stein am steilen Ufer des Flusses, holte seine Geige heraus und begann zu spielen, so schön, daß ihm der Himmel, die Erde und das Wasser zuhörten und alle zu tanzen begannen. Die Sterne flimmerten wie Schneeflocken im Winter. Die Wolken segelten am Himmel entlang wie Schwalben vor dem Regen, und die Fische gerieten so außer Rand und Band, daß der Fluß siedete wie Wasser im Topf. Aber als sich der Nixenkönig im Fluß erhob und zu tanzen begann, da schwoll das Wasser dermaßen, daß es die Ufer überschwemmte und die Teufel erschraken und davonliefen. Als sie sahen, daß sie nirgends vor dem Musikanten Ruhe haben würden, da überlegten sie schnell, wie sie ihn umbringen könnten. Als der Musikant bemerkte, daß der Ni-xenkönig den Menschen viel Leid zufügte, hörte er auf zu spielen, legte seine Geige in den Sack und wollte weitergehen. Da traten zwei Herren zu ihm und baten ihn, auf einer Feier zu spielen. Sie versprachen ihm so viel zu zahlen, wie er haben wollte. Der Musikant dachte daran, daß er noch kein Nachtlager hatte und auch kein Geld, darum hörte er auf die Herren und ging mit ihnen, um abends zum Tanz aufzuspielen. Die Herren brachten den Musikanten in einen Palast. Dort waren viele Her-ren und Damen. Gerade als er anfangen wollte zu spielen, sah er alle diese Herrschaften an einen Tisch laufen, den Finger in eine Schüssel stecken und sich über die Augen streichen. Er tat das auch, und als er es getan hatte, da sah er, daß das keine Herren waren, sondern Teufel und He-xen und daß er nicht in einem Palast, sondern im Fegefeuer war.
Da begann er so laut zu spielen, daß das ganze Fegefeuer auseinanderflog und die Teufel über die ganze Welt verstreute.
Seit der Zeit fürchten die Teufel sich vor dem Musikanten und rühren ihn nicht mehr an.

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