Der Wind, der Frost und die Sonne

Bei uns ist man der Ansicht, daß der Wind stärker als Frost und Sonne sei. Ich glaube, das ist nicht so, sondern die Sonne ist am stärksten.
Man erzählt, daß Sonne, Frost und Wind einmal miteinander spazierengingen und einen Mann tra-fen, der auf dem Feld Getreide säte.
Sie gingen zu ihm und fragten, was nötig wäre, damit das Getreide gut wächst.
„Was dazu nötig ist? Es ist nötig, daß Gott eine gute Ernte gibt“, antwortete der Mann.
„Wie kann dir Gott schon helfen, wenn der Frost kommt und alles erfrieren läßt?“ fragte der Frost.
„Der Frost kann gar nichts machen, wenn Gott es nicht zuläßt.“
„Und wenn die Sonne nicht scheinen will?“
„Was will die Sonne schon machen? Wenn der Wind die Wolken auseinandertreibt, muß sie scheinen, ob sie will oder nicht.“
„Und wenn sie nun alles verdorren läßt?“
„Wie kann sie das tun, wenn der Wind weht? Der Frost ist doch auch nur stark, wenn ihm der Wind hilft.“
Sie gingen weiter, und der Wind prahlte, daß er am stärksten sei. „Der Mann hat es ja auch gesagt.“
Da bissen sich der Frost und die Sonne auf die Zunge, denn sie sahen, daß hier nichts zu machen war, denn was wahr ist, muß wahr bleiben. Schließlich sahen sie einen Mann vorbeifahren.
„Laß uns unsere Kräfte an diesem Mann messen!“ sagte die Sonne zum Wind. „Laß sehen, wer von uns dreien ihm den Rock auszieht!“
„Nun, dann mal los!“ Der Wind blies die Backen auf und begann den Mann aus Leibeskräften anzublasen. Er blies und blies, da schlug der Mann den Kragen hoch, band einen Gürtel darum und zog den Gurt um seinen Leib fester. Da erkannte der Wind, daß er nichts erreichen konnte.
„Na, ich sehe schon, daß ich auch nichts erreichen kann“, sagte der Frost.
Da kam die Sonne hinter einer Wolke hervor und brannte auf den Mann nieder.
„Gott sei Dank, jetzt wird es warm!“ sagte der Mann, setzte die Mütze ab und rieb sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Da werde ich mich wohl ausziehen müssen.“ Er hielt seine Stute an, band den Gürtel ab und zog sich den Rock aus.
„Seht ihr nun, was man mit Güte erreichen kann?“ fragte die Sonne. „Man sagt ja immer, daß ein zärtliches Kälbchen sich von zwei Müttern tränken läßt.“

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