Der Wildwolf und Iwan Zarewitsch

Hinter dreimal neun Ländern, im dreimalzehnten Zarenreich, in einem berühmten, mächtigen Staat lebte einmal ein mächtiger Zar, der hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Fjodor Zarewitsch, der jüngere Iwan Zarewitsch. Der Zar starb, und Fjodor Zarewitsch übernahm die Herrschaft. Fjodor gedachte zu heiraten und sah sich nach einer Braut um. Da hörte er, daß hinter dreimal neun Ländern, hinter dreimal neun Meeren, im dreimal-zehnten Zarenreich, im berühmten Lande der Jungfrauen eine wunderschöne Zarin lebt. Zusammen mit seinem Bruder Iwan brach er auf, um die wunderschöne Jungfrau zu freien. Als sie mit ihren Schiffen in jenem Lande der Jungfrauen angekommen waren, freite Fjodor Zarewitsch die wunderschöne Zarin, und sie machten sich auf die Heimreise. Unterwegs begegnete ihnen ein anderes Schiff. Iwan Zarewitsch fing mit den Leuten vom anderen Schiff ein Gespräch an, denn er wollte zu ihnen hinüber. So kam er denn auf das fremde Schiff. Dort erblickte er eine Jungfrau von unbeschreiblicher Schönheit. Iwan Zarewitsch freite um sie, aber sie sagte:
„Ich werde nicht heiraten, ehe ich meine Ver-wandten nicht gesehen habe.“
Wer aber ihre Verwandten waren, das sagte sie nicht. Als Iwan Zarewitsch sich nach seinem Schiff umsah, war es nicht mehr da. Der Bruder war mit seinem Weib in sein Reich gefahren. Iwan begriff sehr wohl, daß der Bruder auf sein halbes Erbe neidisch war und es an sich bringen wollte.
Iwan Zarewitsch nahm die wunderschöne Jung-frau und bat den Kapitän des Schiffes, er solle sie beide ans trockene Ufer bringen. Der Kapitän des Schiffes brachte sie ans andere Ufer. Iwan machte sich mit seiner Schönen auf den Weg in sein Reich. Auf einmal breitet die Jungfrau einen Teppich aus und heißt Iwan Zarewitsch, sich darauf zu setzen. Er denkt, sie wolle ausruhen, da sagte sie:
„Nun, fliegender Teppich, erhebe dich über die ragenden Wälder, unter die ziehenden Wolken!“
In einer Minute waren sie in ihrem Reich. Die Jungfrau sagt zu Iwan Zarewitsch, er solle niemandem verraten, daß sie bei ihm wohne. Iwan brachte sie heimlich in sein Schlafgemach, und niemand hatte die beiden gesehen. Wenn er aber ausging, verschloß er die Tür, und kam er wieder, schob er immer den Riegel vor. Nun merkt er, daß es zwischen dem älteren Bruder Fjodor und dessen Weib nicht gut steht: immer schalt sie ihn, sagte ihm böse Worte und begann zu guter Letzt sogar ihn zu prügeln. Da dauerte Iwan sein Bruder Fjodor.
Einmal sagt die Zarin zu ihrem Mann Fjodor Zarewitsch:
„Wenn du mir nicht den wilden Eber bringst, der mit dem Rüssel wühlt, mit dem Schwanze eggt, und hinter ihm wächst das Korn, dann sper-re ich dich ins Gefängnis, und du wirst in Ewigkeit nicht wieder herauskommen!“
Da erschrak Fjodor Zarewitsch, sah sich nach Hilfe um und wandte sich an seinen Bruder Iwan:
„Lieber Bruder, kannst du mir nicht helfen in meiner Not? Mein Weib peinigt mich aufs Blut.“
„Womit?“ fragt Iwan Zarewitsch.
„Sie befiehlt mir, ihr den wilden Eber zu bringen, der mit dem Rüssel wühlt, mit dem Schwan-ze eggt, und hinter ihm wächst das Korn.“
Iwan Zarewitsch versprach, seinem Bruder zu helfen, und sagt:
„Laß mir Zeit, ich will erst ein wenig nachdenken und überlegen. Dann sage ich dir Bescheid.“
Er kommt in sein Schlaf gemach und fragt seine Schöne:
„Was soll ich tun? Mein Bruder bittet um Hilfe. Sein böses Weib peinigt ihn aufs Blut und befiehlt ihm, ihr den wilden Eber zu bringen, der mit dem Rüssel wühlt, mit dem Schwanze eggt, und hinter ihm wächst das Korn. Sage doch, meine Teure, gibt es einen solchen Eber?“
Die schöne Jungfrau sagt:
„Es gibt ihn.“
„Und kann man ihn herbringen?“
„Das ist durchaus möglich“, sagte die Jungfrau.
„Dann hilf mir, ihn herzubringen. Mein Bruder dauert mich!“
Sie nimmt ihr Tüchlein aus der Tasche und gibt es ihm.
„Sobald du diesen Eber triffst, winke ihm mit diesem Tüchlein entgegen, und er wird zahmer als ein Kälbchen werden. Wohin du auch gehen magst, er wird dir folgen.“
Iwan Zarewitsch ging aufs freie Feld, in die wei-te Welt. Ob nah, ob fern, ob hoch, ob tief – ein Märchen ist bald erzählt, eine Tat aber nicht so bald getan. Er geht einen Tag, dann einen zwei-ten, und am dritten begegnet ihm der wilde Eber, wühlt mit dem Rüssel, eggt mit dem Schwanz, und hinter ihm wächst das Korn. Als der Eber Iwan Zarewitsch erblickte, stürmte er auf ihn los und wollte ihn auf seine Hauer spießen, Iwan aber winkte ihm mit dem Tüchlein entgegen, und der Eber wurde zahmer als ein Kälbchen. Iwan Zarewitsch ging voran, und der Eber folgte ihm nach.
Iwan Zarewitsch brachte den Eber in sein Reich. Als der Eber hinter Iwan den Schloßhof betrat, begann er, mit dem Rüssel zu wühlen, mit dem Schwanze zu eggen, und hinter ihm ging das Korn auf. Da kommt die Zarin aus dem Schloß ge-sprungen und bittet Iwan, er solle den Eber auf die Straße jagen, er würde sonst das ganze Haus umwühlen, und man könne nirgends mehr gehen.
Iwan Zarewitsch ging hinaus auf die Straße, der Eber hinter ihm her. Er winkte mit dem Tüchlein die Straße entlang, da lief der Eber aufs freie Feld, in die weite Welt. Danach lebte Fjodor Zarewitsch mit seiner Zarin in Eintracht. Aber nicht gar lange lebten sie so. Die Zarin begann wieder der Teufel
zu reiten, denn sie mochte Fjodor Zarewitsch nicht leiden. Wieder begann sie, ihn zu schlagen, ihn anzuschreien, und schließlich sagt sie zu ihm:
„Wenn du mir nicht die Stute mit den vierzig Blessen bringst, zu jeder Blesse vierzig Hengste und zu jedem Hengst vierzig Stuten, dann werfe ich dich in die Mistgrube!“
Fjodor Zarewitsch erschrak und läuft wieder zu seinem Bruder Iwan:
„Lieber Bruder, errette mich aus diesem Unheil!“
Iwan Zarewitsch hatte Mitleid mit seinem Bruder.
„Warte, Bruder, ich will ein wenig nachdenken.“
Er geht in sein Schlafgemach und erzählt seiner Auserwählten, wie es dem Bruder geht. Dann bittet er sie, sie möge ihm helfen, den Bruder zu ret-ten und die Stute mit den vierzig Blessen herzubringen. Ohne langes Überlegen holt sie einen schmalen Zügel hervor und sagt:
„Wenn du gehst und die Stute mit den vierzig Blessen erblickst, wird sie wütend auf dich losstürmen. Dann winke ihr mit diesem Zügel entgegen, und sie wird stehenbleiben wie angewurzelt. Tritt dann an sie heran, leg ihr den Zügel an, setz dich auf ihren Rücken und reite los: Alle Hengste und Stuten werden dir nachlaufen.“
Iwan Zarewitsch nahm den Zügel und ging aufs freie Feld, in die weite Welt. Er geht einen Tag, einen zweiten, und am dritten kommt die Stute gelaufen. Sie stürmt auf ihn los und wollte ihn auf der Stelle totbeißen. Er winkte ihr mit dem schmalen Zügel entgegen, und sie blieb stehen wie angewurzelt. Iwan Zarewitsch legte ihr den Zügel an, setzte sich auf ihren Rücken und ritt los. Alle Hengste und Stuten, wie viele ihrer auch waren, liefen ihm nach. Er kam in sein Reich und ritt ins Schloß zu seinem Bruder Fjodor Zarewitsch. Fjodor trat mit seiner Zarin auf die Schloßtreppe heraus, da stürmten die Hengste auf die beiden los und hätten ihnen beinahe die Köpfe abgerissen. Sie konnten gerade noch in ihre marmornen Gemächer springen. Die Zarin brüllt zum Fenster heraus, er solle alle hinausjagen, dieser Spaß sei nicht nach ihrem Geschmack. Iwan Zarewitsch führte die Stute auf die Straße hinaus, nahm ihr den Zügel ab, und die Stute lief mit ihrer Herde aufs freie Feld, in die weite Welt. Iwan Zarewitsch ging in sein Schlafgemach, Fjodor Zarewitschs Weib aber war gleich ganz zahm geworden.
Es verging eine kleine Weile, da begann die Zarin, ihren Fjodor Zarewitsch wieder zu plagen. Sie drohte ihm mit einem schrecklichen Tode, wie ihn kaum jemand aussinnen kann.
„Wenn du mir aber vom Wildwolf das stählerne Schwert bringst, will ich dich vom Tode begnadigen.“
Fjodor Zarewitsch wurde sehr betrübt, härmte sich und vergoß heiße Tränen. Er ging zu seinem lieben Bruder Iwan Zarewitsch, verneigte sich vor ihm und bat, er möge ihm helfen in seiner Not.
„Und was ist deine Not?“ fragt Iwan Zarewitsch.
Fjodor Zarewitsch antwortet ihm:
„Wieder peinigt mich mein böses Weib. Sie droht mir mit einem schrecklichen Tode, so schrecklich, daß niemand ihn aussinnen kann, und befiehlt mir, vom Wildwolf das stählerne Schwert zu holen.“
Iwan Zarewitsch antwortet ihm mit folgenden Worten: „Lieber Bruder, ich will zuerst ein wenig nachdenken und überlegen.“
Er entfernte sich in sein Schlafgemach und sprach zu seiner Schönen:
„Teure schöne Jungfrau, ist es möglich, vom Wildwolf das stählerne Schwert zu beschaffen? Wenn es möglich ist, dann sag’s, wenn aber nicht, dann will ich lieber gehen und mein junges Leben lassen.“
Die schöne Jungfrau sagt zu ihm:
„Wie kannst du so sprechen, Iwan Zarewitsch, eher will ich mein Leben lassen als du das deine; aber ich will dir helfen, das stählerne Schwert zu holen. Geh zuerst und sage deinem Bruder Fjodor, er soll eine Flotte ausrüsten, und der Kapitän des Schiffs soll unter deinem Befehl stehen.“
Iwan Zarewitsch ging zu seinem Bruder Fjodor und trug ihm auf, er solle eine Flotte ausrüsten und den Kapitän ihm, Iwan Zarewitsch, unterstellen. Dann ging er wieder in sein Schlafgemach. Wie er eintritt, erwartet ihn seine schöne Jung-frau. In ihren Händen hält sie ein Handtuch und gibt Iwan Zarewitsch ihren Siegelring:
„Wenn dir der sichere Tod bevorsteht, dann wasch dich und trockene dich mit diesem Handtuch ab.“
Sie küßte Iwan Zarewitsch auf seinen süßen Mund, begleitete ihn zur Tür und versank darauf in tiefes Nachdenken.
Iwan verließ sein Reich und kam ans blaue Meer. Am Ufer stand die ausgerüstete Flotte. Er betritt das Schiff und befiehlt dem Schiffskapitän, nach Osten zu segeln.
Sie segelten sehr lange, segelten ein Jahr, ein zweites, im dritten Jahr aber kamen sie ans ande-re Ufer. Iwan Zarewitsch nimmt eine Schaluppe und zwei Matrosen und läßt sich an Land fahren. Als sie ihn an Land gefahren hatten, befahl er den Matrosen, auf ihn zu warten, was auch geschehen möge. Dann ging er in den finsteren dichten Wald. Ging er nun nah oder fern, hoch oder tief – ein Märchen ist bald erzählt, eine Tat aber nicht so bald getan. Er trat aus dem Wald heraus auf eine große Wiese, auf der Wiese aber steht ein Schloß aus weißem Marmor. Zu diesem Schloß geht er, macht das Tor auf und tritt ins Innere. Drinnen saß eine Alte, ein steinaltes Weib, das hatte schlohweißes Haar. Er begrüßte die Alte, sie begrüßte ihn gleichfalls und fragte:
„Woher kommst du, und wohin führt dich dein Weg?“
Iwan Zarewitsch sagte ihr ohne Umschweife:
„Ich bin aus einem fernen Reich hergeschickt worden und möchte den Wildwolf sehen.“
„Den Wildwolf zu sehen, wird dir keine Freude, sondern Leid bringen, er wird dich ganz bestimmt auffressen. Das wichtigste aber ist, seinen Grimm zu besänftigen. Ich will dich in eine Nadel verwandeln und dann hier sitzen und nähen. Wenn der Wildwolf geflogen kommt, wird er dich wittern und nach dir verlangen. Ich zeige dich aber nicht eher, als bis sein Grimm besänftigt ist.“
Während sie ihn noch in eine Nadel verwandel-te, ließ sich der Wildwolf auf die Schloßtreppe fallen; da erzitterte das Schloß in allen Fugen. Er kommt in das Marmorgemach und sagte:
„Fuh, fuh, fuh! Von Menschenfleisch kriegt man sonst nichts zu sehen, nichts zu riechen, aber heute ist ein Mensch von selbst ins Schloß gekommen.“
Dann sagt er zu der Alten:
„Gib her, ich will ihn fressen.“
Die Alte sagt zu ihm:
„Du bist über die ganze Welt geflogen, hast dich voll Menschengeruch gesogen, und jetzt sagst du, ein Mensch wäre von selbst ins Schloß gekommen.“
Der Wildwolf lief ein wenig umher und legte sich dann hin, um auszuruhen. Sein Grimm schwand, und er bat die Mutter, sie möge ihm etwas zu essen geben. Da ließ sie Iwan Zarewitsch los.
„Oho, Iwan Zarewitsch“, sagt der Wildwolf, „weswegen bist denn du hierher zu mir gekommen?“
Iwan Zarewitsch antwortet:
„Was heißt denn das, Wildwolf, du hast mir noch nichts zu essen, noch nichts zu trinken gegeben und fragst schon nach Neuigkeiten!“
Da stellte die Mutter Eisensuppe und Stahlbrot auf den Tisch. Der Wildwolf bittet Iwan Zarewitsch, sich an den Tisch zu setzen, und sie be-gannen zu essen. Iwan Zarewitsch hatte erst ei-nen Löffel gegessen, da hatte der Wildwolf schon zwei oder drei hinuntergeschlungen und im Nu alles, was da war und was nicht da war, aufge-fressen. Darauf unterhielten sie sich. Der Wildwolf sagt zu Iwan Zarewitsch:
„Trotzdem muß ich dich fressen, Iwan Zare-witsch, das ist in meinem Reich so üblich.“
Iwan aber sagt zu ihm:
„Trotzdem sollst du mich nicht fressen. Erst wollen wir Karten spielen. Gewinnst du, dann magst du mich fressen, gewinnst du nicht, darfst du mich nicht fressen.“
Der Wildwolf begann, am Tisch die Karten zu mischen, und sagt:
„Wir wollen aber ausmachen, daß wir Karten spielen und nicht einschlafen. Wer einschläft, hat verspielt.“
Sie setzten sich und begannen zu spielen. Sie spielten einen Monat, einen zweiten, im dritten Monat aber wurde Iwan Zarewitsch müde. Da sagt der Wildwolf zu ihm:
„Was ist, Iwan Zarewitsch, bist du müde?“
„Nein, ich bin nicht müde.“
„Und warum hast du den Kopf sinken lassen?“
„Ich habe nachgedacht.“
„Und was hast du gedacht, Iwan Zarewitsch?“
„Ich habe nachgedacht, – ob es mehr Bäume gibt, die stehen, oder mehr, die liegen.“
Da sagt der Wildwolf:
„Wer kann denn wissen, ob es mehr Bäume gibt, die stehen, oder mehr, die liegen?“
Der Zarewitsch sagt:
„Du kannst doch großartig fliegen, Wildwolf, flieg los und sieh nach, ich werde inzwischen die Karten mischen.“
Der Wildwolf ließ sich sofort zu Boden fallen, stand auf, schüttelte sich und flog los, Iwan Zarewitsch aber legte sich aufs Sofa und schlief. Der Wildwolf flog einen Monat, einen zweiten, im dritten Monat aber kam er zurück, da hatte Iwan Za-rewitsch inzwischen ausgeschlafen, sitzt da und mischt die Karten. Als der Wildwolf das Schloß betrat, fragt ihn Iwan Zarewitsch:
„Nun, weißt du jetzt, ob es mehr stehende oder mehr liegende Bäume gibt?“
„Mehr liegende“, antwortete der Wildwolf.
Die Mutter setzte ihnen wieder Eisensuppe und Stahlbrot vor, und sie begannen zu essen. Iwan hatte erst einen Löffel gegessen, da hatte der Wildwolf schon zwei oder drei hinuntergeschlungen und die ganze Suppe aufgefressen, Iwan Zarewitsch aber blieb hungrig. Wieder begannen sie Karten zu spielen. Sie spielen einen Monat, einen zweiten und spielen auch einen dritten Monat. Da wurde Iwan Zarewitsch wieder müde. Der Wildwolf sagt:
„Was machst du?“
„Ich denke nach“, antwortet Iwan Zarewitsch.
„Und worüber denkst du nach?“
„Ich denke nach, ob es mehr Frauen oder mehr Männer gibt.“
„Wer kann denn das wissen“, sagt der Wildwolf.
„Ihr könnt doch großartig fliegen. Fliegt und seht nach!“
Der Wildwolf ließ sich zu Boden fallen, stand auf, schüttelte sich und flog los, Iwan Zarewitsch aber legte sich schlafen. Der Wildwolf flog einen Monat, flog einen zweiten, im dritten Monat aber kam er zurückgeflogen, da ist Iwan Zarewitsch beim Kartenmischen. Der Wildwolf kommt an und betritt das Schloß. Iwan Zarewitsch fragt ihn:
„Nun, weißt du jetzt, ob es mehr Männer oder mehr Frauen gibt?“
„Ja, jetzt weiß ich’s: mehr Frauen.“
Die Mutter stellte Eisensuppe und Stahlbrot auf den Tisch. Sie setzten sich und begannen zu es-sen. Iwan hatte erst einen Löffel gegessen, da hatte der Wildwolf schon zwei oder drei hinuntergeschlungen. Die ganze Suppe fraß der Wildwolf, Iwan Zarewitsch aber blieb hungrig. Sie setzten sich wieder zum Spiele; spielen einen Monat, spie-len einen zweiten, im dritten Monat aber wurde Iwan Zarewitsch sehr müde und schlief schließlich ein. Der Wildwolf stieß ihn in die Seite:
„Warum schläfst du?“
Iwan Zarewitsch entschuldigte sich, daß er eingeschlafen war.
„Du kannst mich jetzt fressen, erlaube mir nur, mich vor dem Tode ein letztes Mal zu waschen.“
Der Wildwolf zeigte ihm das Waschbecken. Als Iwan aber am Waschbecken stand, zog er den kostbaren Ring seiner schönen Auserwählten ab und wusch sich. Als er sich gewaschen hatte, holte er das Handtuch hervor und trocknete sich ab. Da bemerkte der Wildwolf das Handtuch und sprang hinzu:
„Woher hast du dieses Handtuch?“
„Das ist mein Handtuch.“
„Wie kann es deines sein, wenn es das Handtuch meiner leiblichen Schwester ist.“
Als der Wildwolf aber den Ring erblickte, da blieb er wie gebannt stehen. Es war das der Ring des Wildwolfs, und er fragte sogleich:
„Wo ist meine Schwester?“
Iwan Zarewitsch sagte:
„Wir haben uns gelobt, einander ewig zu lieben.“
Da riß ihn der Wildwolf in seine Arme, drückte ihn an sich und küßte ihn.
„So wirst du also durch meine Schwester mein lieber Schwager.“
Als der Wildwolf aber ging und seiner Mutter von der Schwester erzählte, ihrer Tochter, und sagte: „Dieser hier ist Euer Schwiegersohn“, da wurde die Alte mit einem Male wieder jung wie eine Dreißigjährige. Der Wildwolf trat an einen Tisch aus Eichenholz, klopfte mit seinem Zeigefinger darauf, da erschienen, man sah nicht woher, mannigfaltige Speisen, Getränke und Leckerbissen, eingemachte Früchte von jenseits des Meeres und süße Erfrischungen. Sie setzten Iwan Zarewitsch an den Tisch und begannen zu trinken, zu feiern und fröhlich zu sein. Da nun erzählte Iwan Zarewitsch seinem Schwager, daß er vom Bruder geschickt worden sei, das stählerne Schwert zu holen, denn des Bruders Weib verlange, was ihr gefiele. „Deswegen bin ich also hier.“
Der Wildwolf machte sich geschwind fertig, warf sich auf die Erde, stand als Wildwolf wieder auf und gab Iwan Zarewitsch sein stählernes Schwert. Dann hieß er Iwan Zarewitsch, sich auf ihn, das heißt den Wildwolf, zu setzen:
„Steig auf und halt dich an meinem Fell gut fest!“
Und er flog dahin, schneller als der Sturmwind, wie ein stählerner Pfeil vom straff gespannten Bo-gen. Er erhob sich über die ragenden Wälder, un-ter die ziehenden Wolken. Sie holten die Flotte ein, mit der Iwan Zarewitsch gekommen war. Die Flotte hatte nämlich nicht auf Iwan Zarewitsch gewartet, sondern war zur Heimfahrt wieder in See gestochen. Der Wildwolf ließ sich auf das Schiff fallen, daß die ganze Flotte erzitterte. Alle glaubten, es sei irgendeine Katastrophe eingetreten, doch statt einer Katastrophe waren es Iwan Zarewitsch und der Wildwolf. Der Schiffskapitän entschuldigte sich, daß er nicht gewartet hatte. Iwan Zarewitsch verzieh dem Kapitän.
Sie kamen in Fjodor Zarewitschs Reich, und der Wildwolf und Iwan Zarewitsch gingen heimlich in Iwans Schlafgemach. Als die Schwester ihren Bruder Wildwolf erblickte, begann sie vor Freude zu weinen. Alle drei setzen sich an den Tisch, und nun beginnt das Fragen und Antworten. Iwan Zarewitsch erkundigte sich nach seinem leiblichen Bruder Fjodor Zarewitsch, wie es ihm gehe. Die wunderschöne Jungfrau sagt, daß Fjodor Zarewitsch jetzt die Schweine hüte. Die Zarin hatte ihn einfach aus dem Schlosse gejagt.
Am nächsten Tag gingen der Wildwolf und Iwan Zarewitsch frühzeitig aufs Feld, wo Fjodor Zarewitsch die Schweine hütete. Fjodor Zarewitsch ging barfuß, in Lumpen, treibt die Schweine mit einer Knute, und als er seinen Bruder Iwan Zarewitsch erblickte, traute er seinen Augen nicht. Erst als Iwan zu ihm trat und seinen lieben Bruder küßte, traute Fjodor Zarewitsch seinen Augen und begann zu erzählen, wie es ihm ergangen war und wie er mit seinen Schweinen auf dem Felde umherzieht.
Der Wildwolf warf sich auf die Erde, stand als Fjodor Zarewitsch wieder auf, nahm die Knute und zog mit den Schweinen los. Als er die Schweine ins Schloß hineintrieb, kam die Zarin mit einer Peitsche herausgestürmt und wollte ihn auspeitschen. Der Wildwolf aber packte sie am Kragen, drückte sie nach unten an seine Beine und ließ sie die Knute kosten; und er prügelte sie, bis sie kaum noch am Leben war. Sie leistete dem Fjodor Zarewitsch einen Eid, ihn ihr ganzes Leben lang in Ehren zu halten und zu lieben. Der Wildwolf verlangte von ihr das Zarengewand, und als er es angelegt hatte, ging er zu Iwan Zarewitsch, als wäre er sein Bruder Fjodor Zarewitsch. Fjodor Zarewitsch aber saß bei Iwan Zarewitsch im Schlafgemach. Der Wildwolf kommt hinein und sagt zu Fjodor Zarewitsch:
„Laß dir’s wohlgehen und mach deine Sache gut: von nun an wird dir dein Weib gehorchen.“
Sie nahmen alle voneinander Abschied, und Fjodor Zarewitsch ging in seine Gemächer. Die anderen gingen auf den Hof hinaus. Die wunderschöne Jungfrau breitete ihren fliegenden Teppich aus, alle drei setzten sich darauf und flogen in des Wildwolfs Reich. Dort feierten sie ein schönes Fest. Alle Welt war eingeladen. Auch ich bin dort gewesen, hab Honigbier getrunken und Gurken drauf gegessen.

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