Der Unterfähnrich

Irgendwo in einem fernen Lande lebte ein Zar Ar-tus. Dieser Zar hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Helena. Eines schönen Tages ging sie spazieren und kehrte vom Spaziergang nicht mehr zurück. Es verging ein Tag, es verging ein zweiter, aber von der Tochter war noch immer nichts zu sehen. Da läßt der Zar bekanntmachen: „Wer sei-ne Tochter findet, dem will er sie zur Frau geben, und nach seinem Tode soll er sein Erbe sein.“
Und wer immer auch auszog, keiner konnte sie finden, und alle kehrten unverrichteterdinge zurück. Da erließ er eine zweite Bekanntmachung, eine strengere: „Wer die Tochter nicht findet, darf nicht zurückkehren, kehrt er aber zurück, soll er in den Kerker geworfen werden.“
Danach aber war es das gleiche: Wer immer auch auszog, keiner fand sie; einige kehrten zurück, andere blieben verschollen.
Eines schönen Tags kommt zu diesem Zar Artus ein armseliger Soldat aus seiner Armee und sagt:
„Laßt mich fahren!“
Der Zar musterte ihn und sagt:
„Wohin willst du wohl fahren? Da sind schon andere ausgezogen und haben sie nicht gefunden.“
Er bleibt beharrlich und dringt in den Zaren: „Ich werde sie finden, erlaubt mir nur, zwei Kameraden mitzunehmen, gleichfalls Soldaten. Mein Name ist Unterfähnrich.“
Der Zar schrieb sich den Namen auf und gab ihm noch die zwei Soldaten bei, deren Namen nicht bekannt sind.
Danach gab er Anweisung, ein Schiff auszurüsten. Das Schiff wurde ausgerüstet, beladen, mit Lebensmitteln und Waffen versehen. Der Unterfähnrich ging mit seinen zwei Kameraden an Bord, und der Zar sagte dem Kapitän, er solle allen Befehlen des Unterfähnrichs gehorchen.
Und gegen Abend fuhr das Schiff aus, Helena, die Zarentochter, zu suchen.
Ob sie nun lange oder kurze Zeit fuhren, jeden-falls legten sie einige Male in Häfen und an Küsten an. Der Unterfähnrich forschte überall nach Zar Artus’ Tochter. Eines Nachts nun ging er auf Deck, einfach so, um sich zu ergehen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Ringsum aber war das Meer von Wald umgeben. Unweit vom Ufer leuchtete im Walde ein Licht auf. Da gab er dem Kapitän Anweisung, auf diese Uferstelle zuzuhalten und anzulegen.
Der Kapitän gehorchte, fuhr zur angegebenen Stelle, und sie legten am Ufer an. Der Kapitän ließ den Anker werfen, ging selbst zum Unterfähnrich, ihm zu melden, es sei alles in Ordnung. Als er zum Unterfähnrich kam, gibt der ihm folgenden Befehl:
„Bis zu meiner und meiner Kameraden Rückkehr darf das Schiff ohne Erlaubnis nirgends hinfahren!“
Dann füllte er eine Tasche mit Schiffszwieback und Nahrungsmitteln, nahm ein Gewehr und ging mit den Kameraden auf jenes Licht zu.
Ob sie nun lange oder kurze Zeit gegangen sind, jedenfalls kamen sie schließlich zu diesem Licht. Sie machten halt und blieben dort über Nacht. Am nächsten Morgen stehen sie auf und nähern sich der Hütte. Der Unterfähnrich ließ seine Kameraden zurück und ging hinein. Als er ins Innere trat, war da noch eine Tür. Er sah nach – sie war verschlossen. Da jedoch niemand in der Hütte war, kehrte er zu seinen Kameraden zu-rück.
Wie er bei ihnen ist, sagt er:
„Ich werde mit einem von euch auf die Jagd gehen, und einen lassen wir hier zum Suppekochen“ (weil ihnen nämlich, während sie zu dieser Hütte liefen, alle Lebensmittel ausgegangen waren).
Einer der Kameraden blieb zurück und kochte Suppe. Es geht aber schon auf den Abend zu. Plötzlich tritt ein Mann ans Feuer heran, nicht gar zu klein, nicht gar zu groß – so hoch wie ein Haus.
„Sei gegrüßt, Freund!“ sagt er.
Er antwortet ihm:
„Sei gegrüßt.“
Der Riese fragt:
„Gibst du mir etwas Brei?“
Er antwortet ihm:
„Wir sind selbst unser drei, schon für uns ist’s zuwenig, und Proviant haben wir nicht.“
Da wurde der Riese böse und verprügelte den Soldaten.
Als der Unterfähnrich und seine Kameraden zu dem Soldaten zurückkamen, der Suppe kochen sollte, fragen sie:
„Ist die Suppe fertig?“
Er antwortet ihnen:
„Nein, sie ist nicht fertig, ich habe sie gar nicht gekocht. Ich bin krank geworden und konnte nicht kochen.“
Am zweiten Tag ließ der Unterfähnrich den anderen Soldaten zurück, den aber, der die Suppe hatte kochen sollen, nimmt er mit auf die Jagd.
Dieser Soldat machte ein Feuer, setzt sich hin, kocht seine Suppe und wartet, daß die Kameraden von der Jagd kommen. Doch statt der Kame-raden erscheint ein Mann, nicht gar zu klein, nicht gar zu groß – so hoch wie ein Haus.
„Sei gegrüßt, Freund!“, sagt er.
Der Soldat antwortet:
„Sei gegrüßt.“
Der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu groß“ fragt:
„Wie steht’s“, sagt er, „gibst du mir etwas Suppe?“
Darauf jener:
„Wir sind selbst unser drei, ‘s ist für uns selbst zuwenig. Wollte man aber dich füttern, wär’s noch billiger, dich zu begraben, so ein Kerl, wie du bist.“
Da verprügelte der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu groß“ auch diesen Soldaten und schüttete die Suppe aus.
Am Abend kommt der Unterfähnrich mit seinen Kameraden von der Jagd zurück, tritt ans Feuer und fragt:
„Nun, wie steht’s“, sagt er, „ist die Kohlsuppe fertig?“
Der antwortet:
„Nein, ich habe Bauchschmerzen bekommen und konnte sie nicht kochen, kann kaum noch sitzen.“
Da legten sie sich hungrig schlafen.
Am dritten Morgen sagt der Unterfähnrich:
„Geht ihr auf Jagd, ich will selbst hierbleiben und Suppe kochen.“
Die Kameraden gingen auf die Jagd. Unterwegs sprechen sie zueinander:
„Soll’s ihm nur ergehen wie uns, soll er seine Suppe nur kochen!“
Der Unterfähnrich sitzt und kocht Suppe. Der Tag neigt sich schon dem Abend zu, die Suppe ist fertig, und der Unterfähnrich wartet – bald müssen die Kameraden von der Jagd kommen. Doch statt der Kameraden sieht er, wie ein Riese näherkommt, nicht gar zu klein, nicht gar zu groß, so hoch wie ein Haus.
Als der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu groß“ beim Unterfähnrich ist, begrüßt er ihn:
„Sei gegrüßt, Freund.“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Sei gegrüßt.“
Da fragt ihn der Riese:
„Gibst du mir etwas Suppe?“
Der Unterfähnrich gibt ihm zur Antwort:
„Nicht nur etwas Suppe, auch eine Ente werden wir aus der Suppe fischen. Für einen Gast können wir alles tun, auch das Letzte mit ihm teilen.“
Da antwortet der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu groß“:
„So lange lebe ich schon hier“, sagt er, „und suche einen Kameraden, mit dem man sich ein wenig unterhalten und die Zeit vertreiben kann, aber außer dir habe ich noch keinen getroffen. Laß deine Suppe stehen“, sagte er, „und komm mit in mein Haus.“
Als sie im Hause des Riesen waren, klopfte der auf den Tisch, da erschienen auf dem Tisch verschiedene Weine, Leckerbissen, alles, was das Herz begehrt. Der Mann „nicht gar zu klein und nicht gar zu groß“ sagt:
„Trink, soviel du willst! Ich werde auch mittrinken.“
Der Unterfähnrich trank ein halbes Glas und nicht mehr, doch der Mann „nicht gar zu klein und nicht gar zu groß“ trank sich einen gewaltigen Rausch an, legte sich dann auf den Fußboden, von der einen Zimmerecke bis zur andern, und fiel in einen tiefen Schlaf.
Da warf der Unterfähnrich einen Blick ins andere Zimmer.
Dort stand ein Tisch, und an diesem Tisch saß ein steinaltes Weib, die Haare schlohweiß. Das sagt:
„Junger Mann, warum bist du hierher gekommen? Wenn der Mann ‚nicht gar zu klein und nicht gar zu groß’ aufwacht, wird er dich totschlagen.“
Als die Alte diese Worte gesprochen hatte, ging sie hinaus und kehrte nicht wieder. Da nahm der Unterfähnrich des Riesen Schwert und schlug ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Als er den Kopf abgeschlagen hatte, untersuchte er die Taschen des Mannes „nicht gar zu klein und nicht gar zu groß“ und fand darin ein Schlüsselbund. Er öffnete die erste Tür – dort war es leer; er öffnete die zweite Tür – dort war es auch leer. So lief er durch fünf Zimmer, und immer waren sie leer. Darauf öffnete er noch eine Tür, und im sechsten Zimmer war es etwas heller. Und als er die siebente Tür öffnete, saß da die wunderschöne Hele-na, des Zaren Artus Tochter.
Als er dieses Zimmer betreten hatte, sagte sie zu ihm:
„Ach, kleiner Soldat wie bist du nur hierherge-kommen. Solange ich hier sitze, ist noch niemand bei mir gewesen. Gleich wird der Riese kommen und dich zermalmen.“
Er antwortet ihr:
„Keine Angst. Dem Riesen habe ich schon den Kopf abgeschlagen, und du“, sagt er, „bist frei. Jetzt wollen wir an Bord gehen und abfahren. Nicht weit von hier wartet das Schiff. Wir gehen an Bord und fahren nach Hause zu deinem Vater.“
Sie verließen das Zimmer und machten sich auf den Weg zum Schiff. Unterwegs erzählte er ihr, daß er hergeschickt sei, sie zu finden, und daß sie sein Weib werden solle.
Wie sie schon auf dem Schiff waren, fiel ihr ein:
„Ach, Liebster, ich habe meinen Siegelring auf der Fensterbank liegengelassen.“
Der Unterfähnrich gibt dem Kapitän Anweisung, ohne ihn nicht in See zu stechen, und geht, den Ring zu holen. Als er das Schiff verlassen hatte, ließ der Kapitän den Anker lichten, die Taue kappen und machte sich auf die Heimfahrt zu Helenas Vater, dem Zaren Artus. Unterwegs sagte er zu ihr:
„Sage, daß ich dich gefunden habe, oder ich werfe dich ins Meer.“
Da schwur sie ihm, wenn sie ankämen, wolle sie dem Vater sagen: Du hast mich gerettet.
Als sie in der Heimat anlegten, hatte sie Angst, den Schwur zu brechen, und sagte zum Vater:
„Gerettet hat mich der Kapitän.“
Da segnete der Zar die beiden, gab seine Tochter diesem Kapitän zum Weib und vermachte ihm das ganze Erbe.
Nun wollen wir die beiden ein wenig verlassen und sehen, wie es dem Unterfähnrich erging. Als der Unterfähnrich mit jenem Ring aus dem Haus getreten war, hatte er sich nach der Stelle begeben, wo das Schiff lag. Doch als er hinkam, erblickte er nur den leeren Platz und die liegengebliebenen Tauenden. Da wurde er sehr betrübt, blieb zwei Stunden dort sitzen und dachte nach. Dann stand er auf und ging durch den Wald, ein Obdach zu suchen: „Es ist doch unmöglich, daß dieser Wald kein Ende nimmt!“ Wir wissen nicht, ob er lange Zeit lief oder kurze Zeit, jedenfalls verließen den Unterfähnrich nicht weit von einem Haus die Kräfte, da er ohne etwas zu essen so lange umhergestreift war; er legte sich hin, um ein wenig auszuruhen, und konnte sich nicht wie-der erheben. So lag er etwa einen Tag und eine Nacht. Am zweiten Tag kommt ein unbekannter Mann zu ihm und will ein Gespräch mit ihm anfangen, doch der Unterfähnrich kann ihm schon nicht mehr antworten. Da nahm der unbekannte Mann ihn mit, brachte ihn nach Hause, goß ihm ein kleines Gläschen Wein ein und gab ihm ein kleines Stückchen Brot. Nach einer Weile goß er ihm noch ein Gläschen Wein ein und gab ihm ein Stück Brot. Und beim dritten Mal goß er ihm wie-der ein Gläschen Wein ein und gab ihm eine größere Portion zu essen. Da sagt der Unterfähnrich:
„Warum gebt Ihr mir nicht mehr zu essen?“
Der unbekannte junge Bursche, Wanjuscha mit Namen, antwortet ihm:
„Du darfst nicht mehr bekommen, weil du sehr ausgehungert bist; du könntest dich überessen und sterben.“
Am nächsten Tag fragt Wanjuscha:
„Wie heißt du?“
„Ich heiße Unterfähnrich.“
Da sagt er zu ihm:
„Höre, Unterfähnrich, verdinge dich bei uns als Knecht. Du wirst nicht bloß Knecht sein, sondern fast ganz dein eigener Herr.“
Dazu gab der Unterfähnrich sein Einverständnis.
Darauf holte Wanjuscha Schlüssel aus der Tasche und gibt sie ihm.
„Hier hast du die Schlüssel“, sagt er. „Wieviele ihrer auch sind, du kannst überall hineingehen, aber dieser Schlüssel hier ist von dieser Kammer. Die verbiete ich dir, und wenn du diese Abmachung übertrittst, werden wir dich bestrafen. Doch jetzt komm, du mußt mir erzählen, wie es dich in diesen Wald verschlagen hat und wer du bist.
Da begann der Unterfähnrich, ihm alles zu erzählen.
„Ich bin“, sagt er, „ein Soldat aus Zar Artus’ Reich. Dessen Tochter war verschollen. Ich äußerte den Wunsch, diese Tochter zu suchen und sie Zar Artus wiederzubringen, wofür er mir versprach, sie mir zum Weib zu geben und mir nach seinem Tode seinen Besitz zu vermachen.“
Dort lebt also der Unterfähnrich einen Monat, einen zweiten, auch einen dritten, und er bekam große Sehnsucht, so schön war Helena gewesen, als er sie im Zimmer bei dem Mann „nicht gar zu klein und nicht gar zu groß“ gesehen hatte, und er dachte:
„Ich will doch in diese Kammer gehen und sehen, was darin ist. Was soll schon daraus werden! Wenn sie mich davonjagen, gehe ich eben.“
Nahm den Schlüssel und ging, die verbotene Kammer aufzuschließen. Als er sie geöffnet hatte, ertönten Kanonenschüsse, Lärm und Sausen. Und im gleichen Augenblick kam Wanjuscha herzugerannt und begann, den Unterfähnrich auszuschelten.
„Ach, du Tölpel, was habe ich dir denn gesagt! Was hast du angerichtet! Wie soll man dich jetzt bestrafen? Nun gut, das erste Mal will ich dir noch vergeben.“
Und der Unterfähnrich verbrachte dort ein Jahr seit dem Tage, da er die Abmachung übertreten und die Kammer geöffnet hatte.
Da wurde er noch trauriger und beschloß, die verbotene Kammer ein zweites Mal zu öffnen. Als er sie geöffnet hatte, geschah darin ganz das gleiche: Sausen und Kanonenschüsse. In diesem Augenblick kam Wanjuscha herzugelaufen, nahm ihm den Schlüssel weg und jagte ihn davon. Als jedoch eine halbe Stunde vergangen war, bekam Wanjuscha Mitleid mit dem Unterfähnrich, rief ihn zurück und sagt:
„Du bist sicher wegen deiner Geliebten sehr traurig?“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Ja.“
Da sagt er zu ihm:
„Ich will“, sagt er, „mit meinem Onkel über dich sprechen. Vielleicht können wir dir mit irgend etwas helfen.“
Als Wanjuscha mit dem Onkel gesprochen hatte, erlaubte dieser, dem Unterfähnrich ein altes Pferd und einen verrosteten Zaubersäbel zu geben. Wanjuscha läßt den Unterfähnrich kommen, ruft die Diener und sagt zu den Dienern:
„Bringt Großvaters verrosteten Säbel!“
Als sie diesen verrosteten Säbel gebracht hatten, nahm Wanjuscha ihn und gibt ihn dem Unterfähnrich.
„Und jetzt“, sagt er, „geht und bringt das alte Pferd!“
Die Diener gingen, sattelten das Pferd und bringen es Wanjuscha.
Da sagt Wanjuscha:
„Gebt es dem Unterfähnrich!“
Der Unterfähnrich bestieg das Pferd, nahm den Säbel und denkt:
„Was soll ich mit diesem Säbel, da er doch ganz verrostet ist, und dazu dieses alte Pferd?“
Wanjuscha antwortet:
„Reite bis zu diesem Wald dort“, sagte er, „schwinge einmal den Säbel und paß auf, was geschieht. Was jedoch das Pferd anlangt, so wirst du dich selbst überzeugen können.“
Der Unterfähnrich ritt bis zu jenem Wald, schwang einmal den Säbel – gleich lag der halbe Wald am Boden. Da kehrte er um, dankte Wanja und seinem Onkel und machte sich auf den Weg in Zar Artus’ Reich.
Als er beim Zaren angekommen war und sich im Schloß meldete, war Helena schon verheiratet und lebt mit dem Kapitän.
Da ging der Unterfähnrich zum Zaren selbst hinein und sagt:
„Warum habt Ihr wider Euer eigenes Gesetz gehandelt? Als ich auszog, Eure Tochter zu suchen, habe ich sie gefunden. Ihr aber seid Eurem Wort untreu geworden und habt sie einem anderen zum Weib gegeben!“
Zar Artus fragt ihn:
„Womit kannst du beweisen, daß du sie gefunden hast, und wie ist das alles vor sich gegangen?“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Nachdem ich Helena in einer mir auch jetzt noch unbekannten Gegend gefunden hatte, nahm ich sie und ging mit ihr zum Schiff. Als wir auf dem Schiff waren, sagt sie zu mir: ,Ich habe meinen Ring liegen lassen, den mir der Vater geschenkt hat.’ Ich kehrte um, den Ring zu holen, unterdessen aber stach der Schiffskapitän in See, und ich blieb allein zurück. Zum Beweis aber nehmt dies hier, Väterchen Zar!“
Und er streckt die Hand aus und zeigt den Ring, den Helena bei dem Mann „nicht gar zu klein und nicht gar zu groß“ vergessen hatte.
Da befahl Zar Artus, ihm seine Tochter zu bringen. Als die Tochter erschien, sagte er:
„Wie hat sich das zugetragen, daß du mich belogen hast? Denn hier steht der Mann, der dich fand, und er hat bewiesen, daß er dich fand und rettete.“
Sie sagt zu ihm:
„Ja, es ist wahr, ich habe dich belogen. Aber ich war gezwungen, dich zu belügen, denn der Kapitän hatte die Anker lichten lassen, und als wir auf hoher See waren, bedrohte er mich: ‚Sage, daß ich dich gerettet habe, sonst werfe ich dich ins Meer.’ Daraufhin habe ich ihm geschworen, dir zu sagen, er habe mich gerettet.“
Da rief Zar Artus den Henker und ließ den Kapitän in Gegenwart des Unterfähnrichs hinrichten, seine Tochter aber vermählte er zum zweitenmal, mit dem Unterfähnrich. Und auf den dritten Tag lieg er im Schloß ein großes Fest zu Ehren der Wahrheit veranstalten, zu dem aus dem Nachbarreich der König Dadon eingeladen wurde.
Auf dem Feste verliebte sich Helena in den König, und als die Gäste wieder heimgefahren waren, schrieb sie diesem König Dadon einen Brief, in dem es hieß:
„Überziehe meinen Vater in einem halben Monat mit Krieg. Ich werde dir helfen.“
Zwei Wochen vergingen, und König Dadon erklärt dem Zaren Artus den Krieg. Aber Zar Artus war zu dieser Zeit nicht vorbereitet und wurde sehr bekümmert. Er ruft den Schwiegersohn zu Hilfe und sagt ihm:
„König Dadon hat uns den Krieg erklärt, aber unser Heer ist noch nicht bereit.“
Darauf antwortet ihm der Unterfähnrich:
„Väterchen, treib mir ein Heer wenigstens so groß wie ein Regiment auf, und selbst das ist noch zu viel. Ich will allein die ganze Welt bezwingen!“
Der Vater sagt ihm:
„Ich werde dir nicht nur ein Regiment, nein, zwei werde ich dir aus dem ganzen Reich geben.“
Das Heer König Dadons aber nähert sich schon der Grenze von Zar Artus’ Reich. Da zog der Unterfähnrich mit zwei Regimentern aus, gegen das zahlreiche Heer König Dadons zu kämpfen. Kaum hatte er sich mit seinem Heer aufgestellt, begann sein Gegner zu höhnen:
„Was ist er mit zehn Soldaten ausgezogen? Was will er damit ausrichten?“
Der Unterfähnrich zog seinen Säbel und schwang ihn einmal – sogleich lag das halbe Heer am Boden. Er schwang ihn ein zweites Mal, und von Dadons Heer war nichts mehr zu sehen. Da kehrt der Unterfähnrich heim zu seinem Schwie-gervater, ohne auch nur einen einzigen Mann aus seinem Heer verloren zu haben, und der Schwie-gervater freute sich sehr über ihn.
Darauf schreibt sie ihm einen zweiten Brief:
„Mein Liebster, sammle ein noch größeres Heer und ziehe aus, denn mein Vater hat überhaupt kein Heer, und du kannst ihn besiegen.“
König Dadon erklärte Zar Artus zum zweiten Male den Krieg. Zar Artus aber rief wieder seinen Schwiegersohn, den Unterfähnrich, und sagte ihm, daß König Dadon erneut den Krieg erklärt habe.
Der Unterfähnrich antwortet:
„Ziehe nicht erst überflüssige Truppen zusam-men; die in der Festung liegen, genügen.“
Und er zog mit seinem Heer aus, mähte das Heer König Dadons nieder und kehrte heim zu seinem Schwiegervater. Da sagt Helena, des Unterfähnrichs Weib und Zar Artus’ Tochter, zu ihrem Mann:
„Liebster, woher bist du so stark und klug? Warum siegst du immer, und woher kommt dir solche Stärke?“
Doch der Unterfähnrich antwortete ihr hierauf nichts, denn ihm war aufgetragen worden, nichts von dem Zaubersäbel zu erzählen, nicht einmal seinem lieben Weib: denn die wird dich noch eher als ein Kamerad verraten.
Aber Helena gab sich hiermit nicht zufrieden. Bald umarmt sie ihn, bald küßt sie ihn und tut, als ob sie den Unterfähnrich sehr, sehr liebe. Sie gießt ihm ein Glas Wein ein und sagt:
„Trink dies von mir!“
Er trank aus. Da fragt sie:
„Nun sag mir doch, warum bist so stark, so tapfer, warum siegst du immer?“
Der Unterfähnrich argwöhnte nichts und sagt zu seinem Weib:
„Ich habe einen Freund, er hängt an der Wand, mit dem ich die ganze weite Welt bezwingen kann. Dort dieser Säbel“, sagt er, „es ist ein Zaubersäbel. Du brauchst ihn nur einmal zu schwingen, und ganze Heere sinken zu Boden.“
Und nach diesen Worten fiel der Unterfähnrich in einen tiefen Schlaf.
Als er eingeschlafen war, rief Helena ihre Dienerin und sagte:
„Geh in die Rüstkammer und bringe von dort einen Säbel, ganz genau wie diesen da, der an der Wand hängt!“
Die Dienerin ging und brachte einen Säbel, genau so einen, wie dieser war. Da wickelte Helena den Zaubersäbel in Papier, schrieb König Dadon einen Brief und schickte Brief und Säbel mit einem Eilboten zu König Dadon. Den Säbel aus der Rüstkammer aber steckte sie in die Scheide des Unterfähnrichs.
Als König Dadon Brief und Säbel erhalten hatte, erklärt er Zar Artus zum dritten Mal den Krieg.
Da ruft Zar Artus wieder seinen Schwiegersohn und sagt zu ihm:
„König Dadon hat uns zum dritten Mal den Krieg erklärt.“
Worauf der Unterfähnrich antwortet:
„Väterchen, ich brauche keinen einzigen Mann, ich werde allein mit ihm fertig.“
König Dadon aber, nachdem er Brief und Säbel erhalten hatte, nahm gleichfalls kein Heer mit, sondern zog auch allein ins Feld.
Als sie auf dem Schlachtfeld angekommen waren, zog der Unterfähnrich, von der Vertauschung nichts ahnend, seinen Säbel und schwang ihn, doch oh weh, er wirkt nicht. Da zieht König Dadon seinen Säbel aus der Scheide und schwang ihn gewaltig; doch erschlug er den Unterfähnrich nicht, sondern warf ihn nur aus dem Sattel und befahl seinen Leibwächtern, ihn an den Schwanz seines eigenen Pferdes zu binden: Soll das Pferd ihn zu Tode schleifen.
Zar Artus’ Schloß besetzte er, nahm Helena zum Weibe und sperrte ihren Vater und ihre Mutter in eine steinerne Säule. Aber nun wollen wir die beiden in Ruhe lassen, sollen sie leben und herrschen, wir aber gehen über zur weiteren Be-schreibung des Lebens unseres Unterfähnrichs.
Das Pferd des Unterfähnrichs war sehr klug. Als sie ihm den Unterfähnrich an den Schwanz ge-bunden hatten, war es zunächst losgerannt, hatte dann aber zweimal das Hinterteil in die Höhe geworfen und sich den Unterfähnrich auf den Rükken gesetzt. Dann war es davongejagt zu eben dem Onkel, von dem es zusammen mit dem Unterfähnrich gekommen war.
Kaum lief es in den Hof ein, begann es zu wiehern. Der Onkel hörte das:
„Wanjuscha, sieh, unser Pferd ist wieder da!“
Als Wanjuscha hinausging und nachsah, war tatsächlich ihr altes Pferd wieder da, und darauf saß, verkehrtherum, der Unterfähnrich.
Da befahl Wanjuscha seinen Knechten, den Un-terfähnrich vom Schwanz des Pferdes loszubinden und mit einem Kehrichtbesen vom Hof zu jagen, das Pferd aber in den Stall zu führen.
Weit ging der Unterfähnrich nicht vom Hof fort. Er setzte sich hin, sitzt und weint. Ob er nun lan-ge Zeit dort gesessen hat oder kurze, das wissen wir nicht, jedenfalls ging er zu dem Onkel zurück und bat, er möge ihm helfen, sich irgendwie an König Dadon und seinem Weib Helena zu rächen.
Der Onkel bekam Mitleid, als er des Unterfähnrichs Bitte hörte, rief seinen Wanjuscha und sagte:
„Bring die drei Blumen aus meiner Kammer, aus der, in die nur ich gehe.“
Wanjuscha ging und bringt drei Blumen: die er-ste rot, die zweite weiß und die dritte blau. Brachte sie und gibt sie dem Unterfähnrich:
„Hier nimm die rote Blume. Kommst du in einen Wald, dann iß diese Blume, und du wirst zur Blindschleiche und kannst an allen Tieren vorbeischleichen, die in diesem Walde sind. Die Tiere werden wittern, daß ein Mensch da ist, aber dich nicht finden. Die zweite, weiße aber sollst du essen, wenn ein Fluß kommt. Du wirst zum Fisch und kannst diesen Fluß durchschwimmen. Wann du aber die dritte essen sollst, das wirst du aus dem erkennen, was geschieht, und mußt du selbst entscheiden.“
Nachdem der Unterfähnrich die Blumen be-kommen hatte, bedankte er sich bei Wanjuscha und seinem Onkel und machte sich auf den Weg. Als er an einen undurchdringlichen Wald kam, voll wilder Tiere, aß er die rote Blume, wurde zur Blindschleiche und kroch wohlbehalten durch die-sen Wald.
Danach geht er weiter – da fließt ein reißender Strom, so breit, daß er ihn nicht durchwaten noch durchschwimmen kann. Er aß die weiße Blume, wurde zum Fisch und kam gut durch den Fluß. Als er am anderen Ufer war, stand er auf und ging weiter. Lief und lief und denkt:
„Wie lange soll ich noch gehen? Ich will doch die letzte, die blaue Blume essen und sehen, was daraus wird.“
Als er die blaue Blume gegessen hatte, wurde er zu einem Hengst mit goldener Mähne und goldenem Schweif und rannte in jenes Reich, wo König Dadon mit seiner Helena lebte.
Er kommt in jenes Reich, rennt in ein Dorf und läuft in den Hof eines armen, armen Bauern. Läuft in den Hof und geradenwegs zur Krippe. Die alte Bäuerin aber kam heraus, erblickte dieses Pferd, geht wieder in ihre Hütte hinein und sagt:
„Alter, Alter, sieh nur, was für ein schönes Pferd bei uns steht. Wir wollen’s in die Hauptstadt brin-gen, wo der König wohnt, und es dort auf dem Markt verkaufen!“
Gerade als sie es auf den Markt gebracht hat-ten, fuhr König Dadon durch die Stadt. Er sah dieses Pferd und fragt:
„Hör, Bauer, wie steht’s, verkaufst du das Pferd?“
„Ja, Väterchen“, sagt der, „ich verkauf’s.“
„Und wieviel willst du dafür?“
Der Alte antwortet:
„Zweitausend, Väterchen.“
König Dadon holte zweitausend Rubel hervor, bezahlte dem Alten das Pferd, nahm’s und führte es in sein Schloß.
Als er es ins Schloß gebracht hatte, kam Helena heraus und sagte:
„Höre, Liebster, das ist kein Pferd, sondern mein früherer Gemahl und dein schlimmster Feind!“
Er fragt sie:
„Und was soll mit ihm geschehen?“
Sie antwortet ihm:
Man muß es töten, verbrennen und die Asche in den Wind streuen, damit nichts übrig bleibt.“
Er befahl seinen Dienern, das Pferd anzubinden und es am nächsten Tage frühmorgens aufs Feld hinauszuführen, zu töten, zu verbrennen und die Asche zu verstreuen.
Eine Dienerin aber hörte dieses Gespräch. Sie kam heraus und sagt:
„Ach, was für ein schönes Pferd, und sie wollen’s töten. Wie können sie das nur tun?“
Das Pferd aber spricht zu ihr mit Menschenstimme:
„Wenn sie mich aufs Feld geführt haben und mich das erste Mal schlagen, wird mir ein Zahn herausspringen, dir gerade in den Schuh. Blicke dich ja nicht um, geh und vergrabe diesen Zahn unter der Ecke der Kammer, in der Zar Dadon mit seinem Weibe schläft.“
Als sie es aufs Feld hinausgeführt hatten, schlugen sie es gegen die Stirn, ein Zahn sprang heraus und der Dienerin in den Schuh. Sie sagte kein Wort, drehte sich um, ging und pflanzte diesen Zahn unter die Ecke der Kammer, wo König Dadon mit seinem Weibe schlief. Das Pferd aber erschlugen sie, verbrannten’s und streuten die Asche in den Wind.
Am nächsten Tage wacht König Dadon früh am Morgen auf, tritt aus der Kammer ins Freie, da wächst nicht weit von der Kammer ein goldener Apfelbaum, und darauf sind goldene Äpfel. Er weckt sein Weib:
„Helena, sieh, was für ein schöner Apfelbaum bei uns steht!“
Sie antwortet ihm:
.Ach, Liebster, rühr ihn nicht an, das ist kein Apfelbaum, sondern mein früherer Gemahl, und für dich der Tod!“
Er sagt:
„Und was soll mit ihm geschehen?“
„Man muß ihn umhauen, verbrennen und die Asche in den Wind streuen.“
Die Dienerin aber hört dieses Gespräch, kommt heraus und sagt:
„Was für ein schöner Apfelbaum, und sie wollen ihn umhauen!“
Da sagt er zu ihr:
„Sobald sie zum ersten Mal mit der Axt auf mich einbauen werden, wird ein Span zu dir in den Schuh fliegen. Drehe dich um und geh, nimm den Span und wirf ihn in den Teich, wo frühmorgens König Dadon zu baden pflegt.“
Die Dienerin tat dies auch. Sobald sie mit der Axt den ersten Schlag getan hatten, flog ihr ein Span in den Schuh, sie sagte kein Wort, drehte sich um und ging zum Teich, holte den Span hervor und warf ihn hinein. Dann kehrte sie um und ging ins Schloß.
Am nächsten Tag erhebt sich König Dadon früh am Morgen vom Lager und geht zum Teich baden. Wie er an den Teich kam, sah er einen sehr schö-nen Erpel, der schwimmt in der Nähe des Ufers, hat einen goldenen Kopf und goldene Federn. Er wirft das Zauberschwert von sich (denn sonst legte er es nie ab und schlief sogar mit ihm), zieht sein Gewand aus und steigt in den Teich, diesem Erpel nach. Doch der Erpel entfernt sich ein wenig vom Ufer. Und er lockte König Dadon so weit, bis ihm das Wasser schon an die Schultern reichte. Da erhebt er sich vom Wasser, läßt sich am Ufer zu Boden gleiten und wird zu einem Menschen, zum Unterfähnrich. Nimmt seinen Zaubersäbel und sagt:
„Nun, Bösewicht, komm heraus!“
In diesem Augenblick kommt sein früheres Weib Helena gelaufen und schreit:
„Ach, Liebster, das ist kein Erpel, sondern mein früherer Gemahl und für dich der Tod!“
Da dreht sich der Unterfähnrich zu ihr und sagt:
„Ja, ich bin dein früherer Gemahl, und für euch beide der Tod!“
Er holt mit dem Säbel aus und schlägt durch vom Kopf bis zu den Füßen. Und kaum war König Dadon ans Ufer gekommen, schlug er ihm den Kopf ab.
Danach kehrte er ins Schloß zurück und heiratete die Dienerin, die ihn gerettet hatte, als er ein goldenes Pferd und ein goldener Apfelbaum gewe-sen war.
Nun wurde er der Erbe von Artus’ Reich und gab ein Fest für alle Welt, auf dem auch ich war. Denn auch mich lud er ein, ich trank Honigbier und Wein! Nun, und damit wollen wir Schluß machen.

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