Der Tagelöhner

Es waren einmal ein Pope und seine Frau, die stellten einen Tagelöhner ein, und der Tagelöhner sagte zu dem Popen: „Wenn ich ‚falsch’ sage, darfst du mir das Fell abziehen, und wenn du es sagst, werde ich es dir abziehen.“
So einigten sie sich.
Der Pope hatte Ochsen und schickte den Tagelöhner zum Pflügen. Er sagte: „Söhnchen, pflüge mit den Ochsen und nimm die kleine Hündin mit! Nimm auch ein Semmelchen zum Frühstück mit! Iß davon und füttere auch das Hündchen damit, aber paß auf, daß das Semmelchen ganz bleibt. Pflüge mit deinen Ochsen immer da, wo das Hündchen hinläuft.“
Das Hündchen lag morgens noch ruhig da (denn es war noch nicht heiß), und der Tagelöh-ner pflügte. Da fielen die Fliegen über die kleine Hündin her, und sie rannte bald hierhin, bald dorthin. Er aber folgte ihr immer mit den Ochsen. Schließlich rannte die kleine Hündin nach Hause, und er lief mit den Ochsen hinter ihr her.
Der Stall war gut verschlossen. Die Hündin lief in den Stall hinein. Der Tagelöhner sah die kleine Hündin im Stall. Aber der Stall war ja verschlossen. Da pflügte er den Ochsen die Beine ab. Dann ging er zu dem Popen in die Hütte.
„Nun, Söhnchen, hast du überall dort gepflügt, wo die Hündin hingelaufen ist?“
„Ja, Väterchen!“
„Hast du gefrühstückt?“
„Ja, Väterchen!“
„Hast du die Hündin gefüttert?“
„Ja!“
„Ist das Semmelchen noch ganz?“
„Ja, Väterchen, es ist noch ganz!“
„Und wohin hast du die Ochsen gebracht, Söhn-chen?“
„Die Hündin ist dort im Stall, Väterchen, aber den Ochsen habe ich die Beine abgehackt, denn der Stall war verschlossen.“ Dann sagte er: „War das vielleicht falsch?“
„Nein, nein!“
„Wenn nicht, dann ziehen wir den Ochsen die Felle ab, geben sie zum Bearbeiten, machen Schuhe daraus und essen das Fleisch. Schade um die beiden Ochsen!“
Der Pope hatte auch viele Schafe. Er sagte: „Geh, Söhnchen, und schlachte ein Schaf!“
„Welches soll ich denn schlachten, Väterchen?“
„Welches dich ansieht.“
Der Tagelöhner zog den Mantel an und ging in den Stall. Die Schafe aber sahen ihn alle an. Es waren ja schließlich Schafe. Nur eines lag im Sterben und schaute aufs Heu. Da begann er zu schlachten und schlachtete alle Schafe.
Er blieb so lange im Stall, bis er alle Schafe ge-schlachtet hatte.
Der Pope aber fragte ihn: „Warum hast du dich so lange aufgehalten, Söhnchen?“
„Weil ich alle Schafe geschlachtet habe.“
„Warum hast du alle Schafe geschlachtet, Söhnchen?“
„Das, was mich nicht angeschaut hat, weil es im Sterben lag, habe ich nicht geschlachtet. Ärgert Euch nicht darüber, daß ich die anderen Schafe alle geschlachtet habe, Väterchen. Wir ziehen ihnen die Felle ab und geben sie zum Gerben, dann haben wir Mäntel und können Fleisch essen.“
Einmal bat man den Popen zu einer Familie, in der ein Kind geboren worden war, wie das in unserem Dorfe so ist. Er wollte mit seiner Frau hinfahren. Da sagte er zu dem Tagelöhner: „Söhnchen, paß auf die Tür auf, hinter der das Fleisch liegt!“ Dann fuhren sie ab.
Auf der Feier aßen und tranken sie die ganze Nacht hindurch. Der Tagelöhner aber nahm die Tür heraus und ging damit dorthin, wo die Feier stattfand. „Macht Platz, Leute, ich bringe die Tür des Popen!“
Die Leute gingen auseinander, er stellte sich mit der Tür an den Ofen und sah sich um. Der Po-pe glotzte mit aufgerissenen Augen, denn er war betrunken. „Du bist hier, Söhnchen? Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf die Tür aufpassen.“
„Ich bin hier, Väterchen, und die Tür ist auch hier.“
Als sie nach Hause kamen, war kein Fleisch mehr da. Nur die Tür war noch da.
Da beriet der Pope mit seiner Frau, und sie beschlossen, vor dem Tagelöhner zu fliehen.
Der Pope füllte ein Faß mit Branntwein. Der Tagelöhner nahm das Faß und warf es irgendwohin. Dann stieg er in einen Sack und blieb darin liegen. In den Sack aber hatte sich der Pope etwas zu essen gepackt.
Der Pope holte den Sack und warf ihn auf die Schulter. Er ging voran, seine Frau folgte ihm, und der Tagelöhner steckte im Sack.
Der Tagelöhner konnte es nicht mehr aushalten und machte sich voll. Da sagte die Popenfrau zum Popen: „Ein Faß ist aufgegangen, der Wein läuft heraus.“
„Das macht nichts, Mütterchen!“
Schließlich waren der Pope und seine Frau mü-de, aber der Tagelöhner noch nicht. Als sie zu einer Brücke kamen, band der Pope den Sack auf. „Du bist hier, Söhnchen?“
„Ja!“
„Ei, ei, ei!“
Nun übernachteten sie zu dritt.
Die Popenfrau lag neben dem Popen in der Mitte. Die beiden schliefen bald ein, denn sie waren müde. Der Tagelöhner aber schlief nicht. Er stand auf, schob die Popenfrau zur Seite und legte sich zu dem Popen.
Da wachte der Pope auf, packte die Popenfrau bei den Beinen, weil er dachte, es wäre der Tagelöhner, und warf sie in den Fluß.
Der Tagelöhner aber sagte: „Was hast du getan?“
Da sagte der Pope: „Du hast mich zugrunde ge-richtet, denn deinetwegen habe ich meine Frau ertränkt!“
Da antwortete der Tagelöhner: „War das etwa falsch?“
„Was denn sonst, meine Schafe und Ochsen sind dahin, und ich habe meine Frau umgebracht. Nun bin ich ganz allein.“
Da zog der Tagelöhner dem Popen das Fell ab, rieb es mit Gerstenspreu ein und verschwand.
Hier ist das Märchen zu Ende.

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