Der Schuster und der Gutsherr

Es kam einmal ein Gutsherr in ein Dorf, um Arbeiter anzuwerben. Er sagte: „Wer für ein Jahr, für dreihundertfünfundsechzig Tage, zu mir kommt, braucht nicht zu arbeiten, sondern nur zu trinken, zu essen und zu feiern… Aber am letzten Tag im Jahr muß er arbeiten.“
Da beschloß ein armer Schuster, sich bei dem Gutsherrn zu verdingen. Der Gutsherr nahm ihn mit und brachte ihn zu einem großen Berg. Dort sagte er: „Berg, öffne dich!“
Der Berg öffnete sich, und der Gutsherr stieß den Schuster hinein. Dann schloß sich der Berg wieder. Der Schuster lief im Berg umher, aber es war nichts zu trinken und zu essen da. Schließlich fand er einen Tisch, auf dem ein Stab lag. Er war wütend, weil nichts zu essen da war, nahm den Stab und schlug kräftig damit auf den Tisch. Da kamen zwölf Recken heraus und fragten: „Was willst du?“
Er sagte: „Ich will essen und trinken, ich will, daß alles da ist!“
Da bekam er zu essen und zu trinken. Als er sich sattgegessen und sattgetrunken hatte, klopfte er wieder mit dem Stab und rief: „Ich will, daß hübsche Mädchen um mich herum singen und tanzen!“
Als er dies gesagt hatte, erschienen hübsche Mädchen und begannen zu singen und zu tanzen.
So lebte er lustig dahin, dreihundertfünfundsechzig Tage lang. Schließlich kam der Gutsbesitzer, der ihn angeworben hatte, zu ihm und sagte: „Nun, hast du es dir gutgehen lassen? Jetzt mußt du einen Tag lang arbeiten.“
Er nahm den Schuster mit, und sie fuhren davon. Sie kamen zu einem sehr hohen Berg. Sie hielten an, und der Gutsbesitzer sagte: „Laß uns erst ein wenig essen und trinken, dann wirst du arbeiten!“
Der Gutsbesitzer trank eine Flasche leichten Wein, dem Schuster gab er jedoch eine Flasche mit solch schwerem Wein, daß der sofort, als er davon getrunken hatte, betrunken war und einschlief. Der Gutsbesitzer steckte ihn in einen Le-dersack, legte ein Messer hinein und band Fleisch an diesen Sack. Dann ging er beiseite.
Ein Adler sah von der Bergspitze aus das Fleisch liegen. Er kam heruntergeflogen, stieß seine Kral-len in das Fleisch und trug das Fleisch zusammen mit dem Sack und dem Schuster auf die Bergspitze. Der Schuster in dem Sack wachte auf, fand das Messer und schnitt den Sack auf. Dann stieg er heraus, ging zum Rande des Berges und schaute nach unten. Dort sah er seinen Gutsbesitzer stehen und rief: „Herr, hole mich hier herunter!“
Der Gutsbesitzer sagte: „Sammle für mich acht Säcke Gold, dann hole ich dich herunter!“
Da lief der Schuster auf dem Berg herum und sammelte Gold. Er sammelte acht Säcke voll und warf sie dem Gutsbesitzer hinunter. Dann rief er: „Nun, hole mich herunter, Herr!“
Der Gutsbesitzer aber lachte: „Stürz dich doch kopfüber herab!“
Der Schuster beschloß jedoch: Ich werde mich nicht hinabstürzen.
Als der Gutsbesitzer weggefahren war, schüttete der Schuster einen Sack halb voll Gold und band ein Stück Fleisch an den Sack. Dann stieg er selbst in den Sack und legte sich an den Rand des Gipfels. Der Adler ergriff das Fleisch, und der schwere Sack zog ihn nach unten. Der Adler woll-te das Fleisch nicht aus seinen Krallen lassen, und er flog herab bis auf die Erde. Dort stieg der Schuster aus dem Sack und ging mit dem Gold nach Hause.
Es vergingen drei Jahre, da kam der Gutsbesitzer wieder in das Dorf, um sich Tagelöhner zu holen. In diesen drei Jahren aber war der Schuster durch das gute Leben dick geworden. Er hatte einen Bart bekommen und war nicht mehr so ärm-lich gekleidet wie früher. Der Gutsbesitzer wußte nicht, daß er vom Berg zurückgekommen war, und fragte: „Wer will bei mir arbeiten?“
Da sagte der Schuster: „Ich!“
Der Gutsbesitzer erkannte ihn nicht und nahm ihn mit. Er brachte ihn zum Berg und sagte: „Berg, öffne dich!“
Der Berg öffnete sich, und der Gutsbesitzer stieß den Schuster hinein.
Da begann der Schuster in dem Berg noch bes-ser zu leben, denn ihm war ja hier alles bekannt. Der Stab erfüllte alle seine Wünsche.
Einmal, als er mit dem Stab auf den Tisch schlug, kamen zwölf Recken heraus und sagten zu ihm wie zu einem alten Bekannten: „Wenn du mit dem Gutsbesitzer davonfährst, wirst du auf dem Wagen zwei Flaschen Wein sehen. Der starke Wein wird rechts stehen, der schwache links. Du mußt die rechte Flasche unbemerkt auf die linke Seite stellen und die linke Flasche auf die rechte Seite.“
Am letzten Tage, als die Jahresfrist abgelaufen war, fuhr der Schuster mit dem Gutsherrn zu dem hohen Berg. Unterwegs vertauschte der Schuster die Weinflaschen. Als sie ankamen, sagte der Gutsbesitzer: „Laß uns erst trinken, dann mußt du arbeiten!“
Sie tranken, und der Gutsbesitzer wurde gleich betrunken. Da nahm der Schuster den Sack her, steckte den Gutsbesitzer hinein und legte ihm ein Messer hinein. Er band ein Stück Fleisch an den Sack, das von dem Gutsherrn schon vorbereitet war, und ging beiseite.
Der Adler erblickte von dem hohen Berg aus das Fleisch, kam heruntergeflogen, ergriff das Fleisch und mit ihm auch den Sack und brachte ihn auf die Bergesspitze. Der Gutsherr in dem Sack wachte auf, schnitt ihn mit dem Messer auf und stieg hinaus. Er schaute vom Berggipfel hinunter und erblickte den Schuster.
„Hol mich herunter!“ schrie der Gutsbesitzer.
Der Schuster aber antwortete: „Sammle zwei Ladungen Gold, dann werde ich dich herunterholen!“ Da begann der Gutsherr das Gold zu sammeln. Er sammelte zwei Ladungen und warf sie dem Schuster hinunter. Dann rief er wieder: „Hol mich herunter!“
Der Schuster aber antwortete: „Stürz dich doch kopfüber herab!“
Der Gutsbesitzer dachte: Wenn ich mich kopfüber hinabstürze, breche ich mir das Genick. Und er blieb oben auf dem Gipfel. Dort fraßen ihn die Adler auf.
Der Schuster brachte das Gold nach Hause. In dem Berg, in dem er zwei Jahre gelebt hatte, wollten ihn die zwölf Recken und die verwünschten Mädchen zu ihrem Herrscher ernennen. Er aber wollte kein Herrscher sein. Er sagte: „Geht, wohin ihr wollt! Ich gehe nach Hause.“
Und so lebte der Schuster herrlich und in Freuden.

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