Der Recke als Arbeiter beim Popen

Als einmal ein paar Frauen in den Wald gegangen waren, um Beeren zu sammeln, überfiel sie ein Bär. Die Frauen konnten alle fliehen, nur eine junge Frau hatte der Bär gepackt und in seine Höhle geschleppt. Dort gab er ihr zu essen und lebte mit ihr ungefähr ein halbes Jahr. Da wurde die junge Frau von dem Bären schwanger. Der Bär glaubte ganz fest daran, daß sie nicht von ihm weglaufen würde. Eines Tages ging er weit fort, um Nahrung zu suchen. Da gebar die junge Frau das Kind und lief davon. Als der Bär zurückkam und in die Höhle kroch, fand er sie nicht mehr vor. Da lief er ihr nach. Er holte sie im Dorfe ein. Sie lief in einen Bauernhof, und der Bär folgte ihr. Als die Männer sahen, daß ein Bär auf dem Hofe war, versammelten sie sich, umringten und töteten ihn. Der Mann der jungen Frau aber hatte inzwischen eine andere geheiratet und sagte: „Geh dahin, wo du dich herumgetrieben und das Kind empfangen hast! Ich will nichts mehr von dir wis-sen.“
Da kamen die Leute zusammen, um zu beraten, wie die junge Frau jetzt weiterleben sollte, da ihr Mann sie nicht mehr haben wollte. Sie entschieden folgendermaßen: Er sollte ihr eine Hütte bauen und einen Gemüsegarten geben, damit sie und das Kind, das sie von dem Bären empfangen hat-te, etwas zu essen haben. So lautete die Ent-scheidung. Der Mann und seine Frau waren damit einverstanden. Sie bauten der jungen Frau eine Hütte und gaben ihr einen Gemüsegarten; sie wohnte mit ihrem Kind ungefähr zwei Jahre dort. Wenn das Kind auf die Straße ging, um mit den anderen Kindern zu spielen, und dabei einen Spielkameraden nur mit der Hand berührte, so stürzte er gleich zu Boden. Da kamen die anderen Frauen zu der jungen Frau und sagten, sie solle ihren Jungen nicht mehr mit den Kindern spielen lassen. „Sonst erschlägt er uns noch unsere Kinder!“ sagten sie.
Der Kleine sagte zu seiner Mutter: „Warum soll ich dir zur Last fallen, Mutter? Ich suche mir irgendwo Arbeit.“ Da sagte die Mutter zu ihm: „Wo willst du denn hingehen, du bist doch noch so klein!“ Er aber sagte: „Laß nur, ich will mir wenig-stens ein Stück Brot verdienen.“ Dann ging er fort. Unterwegs traf er den Popen. Der Pope frag-te: „Wo gehst du hin, Junge?“
„Ich möchte irgendwo als Knecht arbeiten, Väterchen.“
„Komm zu mir!“ sagte der Pope.
„Gut!“ sagte der Junge.
„Wie heißt du denn?“ fragte der Pope.
„Mischa“, sagte der Junge.
„Nun, setz dich zu mir, wir reiten weiter!“ sagte der Pope.
Der Junge setzte sich auf das Pferd, und sie ritten weiter. Der Junge war sehr schwer, und daher schwitzte das Pferd so, daß es ganz mit Schaum bedeckt war. Da fragte der Pope: „Weshalb schwitzt denn unser Pferd so?“ Da sagte der Jun-ge: „Es scheint so zu schwitzen, weil wir so schnell reiten.“ In Wirklichkeit aber ritten sie nur langsam. Der Pope aber schwieg und dachte, daß es wohl so sein müsse, denn er wußte ja nicht, daß der Junge so schwer war. Schließlich kam der Pope zu seinem Hof und gab dem Jungen zu es-sen. Dann fragte er: „Wieviel soll ich dir für ein halbes Jahr zahlen?“
„Ich will nichts von Euch haben, Väterchen“, sagte der Junge. „Ich möchte Euch nur, wenn ich ein Jahr gedient habe, einen Schlag auf den Rükken geben, Väterchen, und dem Mütterchen auch.“
Der Pope willigte ein, denn er dachte: Was ist schon dabei, wenn er uns eins ins Kreuz gibt? Er wußte ja nicht, daß ihn der Schlag des Jungen töten würde. Denn der Junge war ein Recke, der Pope aber glaubte nur einen kleinen Jungen vor sich zu haben. Er gab ihm ein Beil und sagte: „Geh Holz hacken, Mischa!“ Mischa aber sagte: „Wozu brauche ich da ein Beil, Väterchen? Ich hacke das Holz so.“ Der Pope dachte: Wie soll er das denn machen? Er ist doch noch so klein. Da ging Mischa zu dem Holzhaufen auf die Straße, nahm ein dickes Holzscheit, hob es hoch und warf es auf die Erde. Es zerbrach gleich in viele Teile. Der Pope, der am Fenster stand, sagte zu seiner Frau: „Wir haben einen Arbeiter eingestellt, der ohne Beil Holz hackt.“
Das war im Winter. Nun warteten sie auf den Sommer. Einmal wurde Mischa auf das Feld pflügen geschickt. Sie gaben ihm einen Pflug und ein Pferd und zeigten ihm, wo er pflügen sollte. Mi-scha spannte das Pferd an und begann. Das Pferd wurde überhaupt nicht müde, weil Mischa den Pflug schob. Der Pope brachte Mischa das Essen und sagte: „Nun hast du genug gepflügt, Mischa! Spann aus und iß!“ Mischa spannte das Pferd aus, und als er ihm mit der Hand auf den Rücken schlug, wälzte es sich auf dem Boden. Da fragte der Pope: „Warum wälzt sich denn das Pferd auf der Erde?“ Mischa antwortete: „Weil es ihm Spaß macht!“
Dann setzte er sich zum Essen nieder. Als er gegessen hatte, sagte er: „Nehmt Ihr den Pflug, Väterchen, und laßt uns zusammen pflügen!“ Der Pope nahm den Pflug, und Mischa legte sich das Kummet um und zog ihn. Sie pflügten, bis die Sonne untergegangen war. Da sagte der Pope: „Laß uns nach Hause gehen, Mischa!“
Als sie auf dem Hof angekommen waren, aßen sie Abendbrot und legten sich schlafen.
Der Pope prahlte vor seiner Frau, daß Mischa schon sehr viel geschafft habe, mehr als eine Desjatine. Dann erzählte er, daß Mischa dem Pferd eins auf den Rücken gegeben habe und das Pferd gleich zu Boden gestürzt sei. Da dachte die Frau nach und sagte: „Wenn sein Schlag das Pferd niedergestreckt hat, dann wird er uns töten, wenn er uns auf den Rücken schlägt. Wir wollen es so ma-chen: In unseren Hafer kommen doch immer die Bären. Wir schicken Mischa in der Nacht hin und sagen: ‚Geh und jage die Kühe aus dem Hafer. Wenn du eine fängst, dann bringe sie auf den Hof!’“ So geschah es auch. In der Nacht weckte der Pope Mischa und sagte zu ihm: „Geh! Jage die Kühe aus dem Hafer, und wenn du eine fängst, bringe sie auf den Hof!“
Mischa stand auf, nahm ein Seil und ging los, um die Kühe aus dem Hafer zu jagen. Als er zum Hafer kam, sah er die Bären. Da schrie er: „Schert euch fort!“ Die Bären liefen davon. Einen aber fing er, band ihn an das Seil und brachte ihn zum Po-pen. Als er auf den Hof kam, sagte er: „Macht auf, Väterchen!“ Der Pope öffnete nicht, denn er hatte Angst. Da trat Mischa mit dem Fuß gegen das Tor, und es ging gleich auf. Als er den Bären auf den Hof zog, stemmte dieser sich mit seinen Tatzen gegen die Pfosten, daß der Zaun einbrach. Das Väterchen und seine Frau ängstigten sich so, daß ihnen die Nissen krepierten. Sie dachten, daß Mi-scha und der Bär den ganzen Hof zerwühlen würden. Mischa aber sagte: „Väterchen! Wo soll ich denn die Kuh hinstellen?“ – „Bring sie in die Scheune!“ Mischa band die Kuh (den Bären) an, ging ins Zimmer und sagte: „Mütterchen, habt Ihr die Kuh gemolken? Geht sie melken!“
„Laß nur gut sein!“ sagte das Mütterchen.
Da überlegten der Pope und seine Frau wieder, und sie sagten: „Geh in der Nacht in die Mühle und laß dir vom Aufseher hundert Rubel geben. Wenn er dir das Geld nicht gibt, dann bringe ihn her!“ In dieser Mühle aber mahlten am Tage die Leute und in der Nacht die Teufel. Mischa kam genau um Mitternacht dort an und sagte: „Macht auf!“ Die Teufel öffneten nicht. Als Mischa mit dem Fuß gegen die Tür trat, ging sie auf, er trat ein, und die Teufel liefen davon. Er packte einen und sagte: „Bist du der Aufseher dieser Mühle? Gib das Geld her! Väterchen hat es befohlen!“ Der Teufel schwieg. Da schleppte Mischa den Teufel zum Väterchen. Als er ihn brachte, sagte er: „Ich habe den Aufseher mitgebracht, wo soll ich ihn hinstecken?“
„Sag ihm, er soll in die Scheune gehen und warten, bis ich aufstehe!“
Mischa brachte den Teufel in die Scheune und band ihn mit dem Bären zusammen an, dann legte er sich schlafen. Als der Pope am nächsten Morgen aufstand und in die Scheune schaute, wa-ren dort der Bär und der Teufel an einem Pfahl angebunden. Da sah er, daß sie gegen Mischa nichts machen konnten, und beriet sich mit seiner Frau, denn das Jahr ging schon bald zu Ende. Das Mütterchen sagte: „Wir machen es so: Wir schrei-ben einen Brief, geben ihm Pferd und Wagen und sagen zu ihm: ‚Fahre zum Zaren, Mischa, und hole dort unseren Lohn ab, achthundert Rubel!’ Während er verreist ist, ziehen wir in ein anderes Dorf, und er wird uns hier nicht mehr finden, wenn er zurückkommt. So retten wir uns vielleicht vor dem Schlag auf den Rücken.“ Der Pope rief Mischa zu sich und sagte zu ihm: „Hier hast du einen Brief, nimm Pferd und Wagen und fahre zum Zaren! Dort erhältst du unseren Lohn, achthundert Rubel.“
Mischa aber nahm weder das Pferd noch den guten Wagen, sondern eine alte Mistkarre, spannte den Bären und den Teufel davor und fuhr zum Zaren. Er fuhr bis zur Treppe des Zarenpalastes. Die Posten meldeten dem Zaren, daß ein kleiner Junge mit einem Bären und einem Teufel ange-kommen sei und unbedingt zu ihm wolle. Da befahl der Zar: „Fragt ihn, was er will!“ Mischa sag-te: „Ich habe einen Brief vom Popen, daß ich achthundert Rubel Lohn abholen soll.“ Die Posten nahmen den Brief und brachten ihn zum Zaren. Der Zar las den Brief, zählte achthundert Rubel ab, gab sie dem Posten und sagte: „Gib sie ihm und sage, daß er schnell zurückfahren soll.“
Nachdem Mischa das Geld erhalten hatte, fuhr er schnell zurück. Als er beim Popen angekommen war, nahm er den Bären und den Teufel, brachte sie in die Getreidedarre, ging in den Hof und sah, daß der Pope zur Abreise gerüstet hatte. Er hatte alles auf einen Wagen geladen und war wegge-gangen, um sich von seinen Angehörigen zu ver-abschieden. Mischa aber nahm einen Sack, in dem Zwiebäcke waren, vom Wagen, schüttete sie ir-gendwohin, kletterte selbst in den Sack und legte sich hin. Die Pferde wurden angeschirrt, und der Pope und seine Frau setzten sich auf den Wagen. Die Popenfrau saß auf dem Sack, in dem Mischa war, und sie fuhren los. Unterwegs bewegte sich Mischa. Die Popenfrau dachte, der Wagen ginge entzwei. Sie sagte zu ihrem Mann: „Väterchen! Bei mir wackelt etwas. Geht etwa der Wagen ent-zwei?“ Der Pope sah nach und sagte: „Das bildest du dir nur ein.“ Als sich Mischa in dem Sack aber nochmals bewegte, fiel die Popenfrau vom Wagen. Sie banden den Sack auf und fanden Mischa. „Was willst du denn hier?“ fragte der Pope.
„Wem soll ich denn sonst dienen?“ fragte Mischa. Der Pope aber schwieg. Dann setzte sich die Popenfrau nach vorn zu ihrem Mann, Mischa aber saß hinten. Unterwegs sagte der Pope zu seiner Frau: „Wir übernachten hier und nehmen Mischa in die Mitte. Wenn er eingeschlafen ist, dann legen wir die Hände unter ihn und werfen ihn in den See.“ Mischa hatte hinten alles gehört. Als sie am See ankamen, spannten sie die Pferde aus, setzten sich nieder, aßen Abendbrot und legten sich schlafen. Mischa lag in der Mitte.
Der Pope und seine Frau schliefen gleich ein. Mischa aber schlief noch nicht. Er legte sich zur Seite und den Popen in die Mitte zu seiner Frau. Dann blieb er ganz ruhig liegen, damit sie weiterschliefen. Als die Popenfrau aufwachte, reichte sie Mischa unter ihrem Manne hindurch die Hand. Mischa nahm die Popenfrau bei der Hand, und sie warfen den Popen in den See. Da sagte Mischa: „So kann es einem gehen. Wir hätten nicht am See übernachten sollen.“ Da sagte die Popenfrau: „Hast du ihn etwa in die Mitte gelegt?“
„Ja, ich war es, Mütterchen.“
Sie setzten sich auf den Wagen und fuhren dorthin zurück, woher sie gekommen waren.
So ein Prachtkerl war der Mischa!

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