Der Pope und der Diakon

In einem Dorfe lebten einmal ein Pope und ein Diakon. Beide waren Säufer, aber – wie es so ist – sie bekamen nur wenig Gehalt. Sie tranken gern, hatten aber kein Geld. Da sagte einmal der Diakon zum Popen: „Väterchen, du hast doch ein dik-kes Buch. Du wirst aus diesem Buche Ratschläge erteilen, und ich werde stehlen gehen. Dann werden wir Geld zum Trinken haben.“
„Wohin gehst du denn stehlen?“ fragte der Pope.
„Unser Afanas im Dorfe hat doch gute Ochsen. Ich werde einen davon stehlen, in den Wald bringen und an eine Birke binden. Dann wird Afanas gleich zu dir gelaufen kommen, Väterchen, und dich um Rat fragen. Ich aber werde einen jungen Burschen beauftragen, Wache zu stehen, damit niemand den Ochsen stiehlt.“ Wie der Diakon es gesagt hatte, so geschah es auch. Bald kam Afa-nas gelaufen und warf sich – schwupp – dem Vä-terchen in den Arm.
„Warum bist du zu mir gekommen, mein Lieber?“
„Ich will Euch von meinem Unglück erzählen, Väterchen! Man hat mir einen Ochsen gestohlen!“
„Und was gibst du, mein Lieber, wenn ich dei-nen Ochsen wieder herbeischaffe? Ich habe nämlich ein Buch, aus dem ich erfahren kann, wo dein Ochse ist.“
„Wenn das wahr ist, Väterchen, dann gebe ich Euch, was Ihr haben wollt.“
„Ich habe dir doch gesagt, daß ich es in dem Buch lesen kann. Wenn du mir fünf Rubel und ei-nen Krug Branntwein gibst, bekommst du deinen Ochsen wieder.“
„Ja, Väterchen, ich werde deswegen mit Euch nicht streiten. Ich gehe gleich und bringe alles.“
„Bring nur gleich den Krug Branntwein, und die fünf Rubel erst später, wenn du den Ochsen wiederhast!“
Der Bauer lief, um den Branntwein zu holen. Er brachte einen Krug voll. Der Pope und der Diakon setzten sich und begannen zu saufen. Schließlich schaute der Pope in das Buch und sagte zu dem Bauern: „Weißt du, Afanas, ich habe bereits er-fahren, wo dein Ochse ist. Geh in den Wald. Dort in unserer Lichtung ist dein Ochse an einer Birke angebunden. Man wollte ihn schon wegholen, hatte aber Angst, daß es zu hell war.“
Der Diakon hatte vorher zu dem Jungen gesagt: „Wenn jemand den Ochsen holen kommt, dann lauf schnell weg!“
Der Bauer ging zu der Stelle, die der Pope ihm genannt hatte, und fand dort seinen Ochsen. Als er ihn gefunden hatte, ging er zu dem Popen, bedankte sich bei ihm und gab ihm die fünf Rubel. Der Pope und der Diakon nahmen das Geld ent-gegen und begannen zu saufen. Da sie bald kein Geld mehr hatten, aber weitersaufen wollten, betrieb der Diakon die Sache schließlich als Gewerbe. Dem einen stahl er ein Schäfchen, dem anderen ein Schwein, oder er trieb ein Stück Vieh in ein anderes Dorf. Dann kamen die Leute zum Popen, brachten ihm Geld, und der Pope verriet immer, wo ihr gestohlenes Gut war. So lebten sie eine lange Zeit mit Branntwein und Heiterkeit.
Da stahlen einmal ein Kutscher, ein Lakai und ein Koch ihrem Herrn ein Kästchen mit Geld. Der Gutsherr, der gehört hatte, daß der Pope alles he-rausbekam, ließ drei Pferde vor seine Kutsche spannen und nach ihm schicken. Als man zum Po-pen kam, war er betrunken, und seine Augen waren vom Branntwein so rot wie rote Rüben .
„Der Herr bittet darum, daß das Väterchen zu uns auf den Hof kommt“, sagte der Kutscher.
Da kämmte der Pope schnell seine Locken, zog den Priesterrock an, setzte sich in die Kutsche und fuhr zum Gutsherrn. Als er angekommen war, bewirtete ihn der Gutsherr und sagte: „Ich habe gehört, Väterchen, daß Ihr den Menschen im Un-glück helft. Helft mir also bitte auch! Man hat mir viel Geld gestohlen. Wenn Ihr es wiederfinden könnt, Väterchen, dann gebe ich Euch dafür zwei Fuhren Weizen und tausend Rubel.“
„Gleich kann ich Euch nichts sagen, lieber Guts-herr. Ich habe nämlich mein Buch zu Hause, vielleicht brauche ich sogar die ganze Nacht dazu.“ Er dachte nur daran, so schnell wie möglich vom Hof wegzukommen (denn der Diakon hatte das Geld nicht gestohlen, und so wußte der Pope auch nicht, wo es war).
Der Gutsherr sagte: „Gut! Morgen schicke ich nach Euch!“ Dann befahl er, den Popen wieder nach Hause zu bringen.
Als der Pope nach Hause gekommen war, rief er schnell den Diakon zu sich und erzählte ihm alles. „Jetzt müssen wir für unseren Scherz bezahlen, denn wir können doch nicht feststellen, wer dem gnädigen Herrn das Geld gestohlen hat. Wir müs-sen aus diesem Dorfe fliehen.“
Da fragte der Diakon: „Wann wollen wir denn fliehen?“
„Laß uns noch bis zum Abend hier sitzen und den Branntwein austrinken“, sagte der Pope. „So-wie der Hahn zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal gekräht hat, fliehen wir aus dem Dor-fe; denn wenn der Gutsherr dem Bischof hinter-bringt, daß wir die Leute betrügen, geht es uns schlecht.“
„Gut!“ sagte der Diakon. „Du wirst dort, wohin wir gehen, wieder Pope, und ich Diakon.“
Die Nacht kam, der Pope und der Diakon saßen beim Branntwein, und sie schwatzten miteinander.
Der Kutscher, der Lakai und der Koch hatten den Popen auf dem Hofe gesehen. Sie befürchteten, daß er sie verraten würde, und beschlossen, zu ihm zu gehen, wenn sich die Herrschaften zu Bett gelegt hätten, und ihn zu bitten, nichts davon zu sagen, daß sie das Geld gestohlen hatten.
Sobald die Herrschaften eingeschlafen waren, gingen sie zu dem Popen. Als sie auf dessen Hof kamen, tranken der Pope und der Kirchendiener noch immer Branntwein.
Der Kutscher trat an das Fenster. In diesem Augenblick krähte der Hahn, und der Pope sagte: „Diakon, Diakon, da ist schon der erste (Hahnen-schrei)! Als der Kutscher hörte, daß ihn der Pope erkannt hatte, lief er zu den beiden anderen und sagte: „Der Pope hat mich erkannt, er hat gesagt, ich sei schon der erste.“
„Dann werde ich jetzt hingehen und horchen“, sagte der Lakai. So traten sie zu zweit an das Fenster. Da krähte der Hahn zum zweiten Mal, und der Pope sagte: „Diakon, Diakon, nun sind es schon zwei.“
Da liefen der Kutscher und der Lakai voller Angst zu dem dritten und erzählten ihm, daß der Pope sie erkannt habe, als sie beide zu ihm gekommen seien.
„Laßt uns zu dritt hingehen und horchen!“ sagte der Koch. Sie gingen alle drei an das Fenster, da krähte der Hahn zum dritten Mal. Der Pope sagte: „Diakon, Diakon, nun sind es drei.“ Da liefen sie schnell in die Hütte. Der Pope erschrak, denn er dachte, daß man schon vom Hofe nach ihm ge-schickt hätte. Aber sie warfen sich ihm – schwupp – vor die Füße. „Väterchen, verratet nicht dem gnädigen Herrn, daß wir das Geld gestohlen haben! Wir geben Euch dafür jeder dreißig Rubel. Aber verratet uns nur nicht!“
Der Pope freute sich und fragte: „Aber wohin habt ihr denn das Geld getan?“
„Wir haben es im Pferdestall vergraben. Es liegt in der zweiten Box von der Tür aus.“
„Habt ihr noch nichts von dem Geld weggenommen? Ist noch alles da?“ fragte der Pope.
„Wir haben nichts weggenommen, Väterchen, es ist noch alles da. So wie wir es gestohlen haben, haben wir es auch vergraben.“
„Dann geht nach Hause! Ich werde euch nicht verraten.“
Da küßten sie alle drei dem Popen die Hand und verließen die Hütte.
Der Pope dachte bei sich: Da habe ich aber Glück gehabt.
Dann weckte er den Diakon, der unter dem Tisch eingeschlafen war. „Steh auf, Diakon, wir wollen bis zum Morgen Branntwein trinken, denn wir haben Schwein gehabt!“
Am anderen Morgen schlief der Pope noch, als die Kutsche mit den vier Pferden ankam, die der Gutsherr zu ihm geschickt hatte. Er wurde geweckt, wusch sich, nahm das dicke Buch und fuhr zum Gutshof. Er kam ins Zimmer und sagte: „Ich habe es erfahren, gnädiger Herr. Euer Geld hat sich wieder angefunden.“
Da bewirtete der Gutsherr den Popen vor Freude, der Pope aber trank keinen Branntwein, sondern sagte nur: „Gebt mir zwei Arbeiter!“ Man gab sie ihm. Dann ging er mit ihnen in den Pferdestall.
Dort legte er sein dickes Buch hin. Er sah sich um, murmelte etwas vor sich hin und sagte: „Grabt in der zweiten Box!“ Sie gruben, fanden das Geld. Da mußte der Gutsherr dem Popen zwei Fuhren Weizen und tausend Rubel geben. Der Weizen machte ihm nichts weiter aus, aber um die tau-send Rubel tat es ihm leid. Was konnte er nur tun, um die tausend Rubel zu sparen?
Da kam ein Käfer angeflogen, und der Gutsherr fing ihn. Er kam in das Zimmer zurück und sagte zu dem Popen: „Väterchen, sagt mir, was ich hier in der Hand habe! Wenn Ihr es erratet, dann gebe ich Euch alles, was ich Euch versprochen habe, und noch Branntwein dazu.“
Der Pope kratzte sich am Kopf und sagte: „Nun hat der Herr den Käfer in der Hand.“
Der Gutsherr aber wußte nicht, daß der Pope Shukowski hieß, und sagte: „Ihr habt richtig geraten, Väterchen.“ Er zeigte ihm den Käfer und warf ihn auf den Boden.
Da konnte der Gutsherr nichts machen. Er mußte dem Popen das geben, was er ihm versprochen hatte. Er ließ zwei Fuhren Weizen aufschütten, gab ihm tausend Rubel und einige Eimer Branntwein, bedankte sich bei ihm und ließ den Popen nach Hause fahren.
Als der Pope zu Hause angekommen war, rief er den Diakon und sagte zu ihm: „Auch dieser Spaß ist uns gelungen. Jetzt werden wir trinken, feiern und an das Geldkästchen des Gutsherrn denken!“

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