Der Pfaffe und der Orgelspieler

Es waren einmal ein Pfaffe und ein Orgelspieler. Der Pfaffe war reich und hatte an allem Überfluß. Der Orgelspieler aber war arm und hatte sieben Kinder. Als das Weihnachtsfest kam, hatte er nichts zu essen. Da überlegte er, wie er einen von den Ebern des Pfaffen umbringen könne, ohne daß der Pfaffe etwas davon erführe. Er ging zu einem guten Schlosser und bat ihn, ihm ein kleines Gewehr herzustellen. Der Schlosser baute es ihm, und der Orgelspieler ging in den Stall, wo die Eber lagen, schob einem einfach das Gewehr in den Hintern und tötete ihn, ohne daß etwas davon zu hören war.
Am Morgen kam die Dienerin in den Stall und sah, daß ein Eber tot war. Sie ging zum Pfaffen und sagte: „Ein Eber ist verreckt!“
Da antwortete der Pfaffe: „Geh zum Orgelspieler und sag ihm, er soll ihn sich holen!“
Sie ging zum Orgelspieler und sagte: „Der Pfaffe hat gesagt, daß du einen toten Eber holen sollst!“
Der Orgelspieler ging zum Pfaffen und sagte: „Einen lebendigen Eber habt Ihr mir nicht gegeben, aber den verreckten wollt Ihr mir schenken.“
„Für dich armen Mann ist das doch einerlei“, sagte der Pfaffe. „Du stirbst nicht daran, und deine Familie stirbt auch nicht daran. Nehmt ihn und eßt ihn!“ Der Pfaffe befahl einem Knecht, den Eber zum Orgelspieler zu bringen und ihm das Fell abzusengen.
Als der Eber aufgegessen war, wollte der Orgelspieler noch einen zweiten holen, denn das Verfahren hatte ihm gefallen. Er tat es auch, und mit dem dritten Eber machte er es ebenso wie mit dem ersten und dem zweiten.
Da wunderte sich der Pfaffe und dachte: „Nirgends ist eine Krankheit ausgebrochen, alle haben gesunde Eber, nur meine verrecken dauernd.“
Einmal mußte der Pfaffe für einen Tag verreisen und schloß die Dienerin in den Schrank ein, damit sie hörte, was der Orgelspieler und seine Frau sprachen. Die Frau fragte den Orgelspieler: „Wie machst du denn das?“
Er aber sagte: „Das geht dich nichts an!“
Die Frau wollte es aber genau wissen, und so erzählte er ihr nach und nach alles. Als er es ge-sagt hatte, bewegte sich etwas im Schrank. Da öffnete er die Tür und fand die Dienerin. Er er-würgte sie gleich und steckte ihr eine Wurst in den Mund, damit der Pfaffe dachte, daß sie daran erstickt sei.
Als der Pfaffe zurückkam und nach ihr rief, lag sie tot mit einer Wurst im Munde da. Er erschrak, lief zu dem Orgelspieler und sagte: „Komm nur und sieh, was mit ihr geschehen ist!“
Der Orgelspieler ging hin und sah es. Der Pfaffe gab ihm hundert Rubel, er solle sie so begraben, daß niemand etwas davon erfährt.
Es war gerade Winter, und der Orgelspieler versteckte die Leiche im Stroh. In einer mondhellen Nacht setzte er sie auf ein Pferd und band die Zü-gel an ihren Beinen fest. So ritt sie nachts auf dem Pferd umher.
Als der Pfaffe sie auf dem Pferd reiten sah, er-schrak er und gab dem Orgelspieler weitere hundert Rubel, damit er sie wieder begrabe.
In der dritten Nacht setzte der Orgelspieler die Leiche auf eine Kuh.
Als der Pfaffe sie sah, gab er dem Orgelspieler wiederum hundert Rubel, damit er sie begrabe.
Einmal fiel es dem Pfaffen ein, all sein Geld zusammenzutragen, auf den Tisch zu legen und zu zählen. Das Fenster war offen, und der Orgelspie-ler nahm die Leiche und warf sie dem Pfaffen auf den Tisch. Die Tote fiel auf das Geld, der Pfaffe lief weg und sagte zu dem Orgelspieler: „Geht und nehmt sie, und auch das Geld soll alles Euch gehören. Vergrabt sie in einer tiefen Grube, damit sie nie mehr nach oben kommen kann!“
So bekam der arme Orgelspieler das ganze Geld und lebte von der Zeit an als reicher Mann.

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