Der nackte Richter

In einer Stadt lebte einmal ein Richter, der war sehr grausam. Es brauchte nur einmal jemand zu husten oder ein böses Wort zu sagen, so bestrafte er ihn sofort. Einmal fuhr er mit seinen Dienern auf die Jagd. Da kam eine Füchsin gesprungen. Die Jäger zielten auf sie, der Richter aber sagte: „Schießt nicht, ich fange sie mit dem Pferd ein!“
Er jagte hinter der Füchsin her. Die Füchsin stürzte sich in den Fluß und er ihr nach. Die Füchsin lockte ihn in das Dickicht und in den Sumpf. Der Richter kam vom Wege ab, verlor das Pferd und die Kleidung. So lief er nackt umher. Dort hü-tete ein alter Mann mit seinem Enkel Vieh. Als sie den Nackten erblickten, erschraken sie. Er ging auf sie zu. Da faßte der alte Mann Mut und begann den Richter mit seiner Peitsche und seinem Schäferhorn zu schlagen.
„Ich bin doch euer Richter!“ schrie der Nackte.
Der alte Mann aber schlug ihn immer weiter auf den nackten Körper. Dann gab er ihm einen Sack. Er schnitt Löcher für die Arme hinein, und der Richter ging weiter, um seine Stadt zu suchen.
In der Stadt aber nahm ihn niemand auf. Seinen Platz hatte schon ein anderer Richter eingenommen.
Weil der nackte Richter nichts zu essen hatte, führte er die Blinden und Bettler, denn jene bekommen zuweilen ein Almosen.
Als sein Nachfolger gestorben war, sagte man zu ihm: „Komm zu uns als Richter!“
„Nein“, antwortete er, „ich will lieber die Bettler führen.“
Und noch heute führt ein Richter in einem fremden Land die Blinden und Bettler.

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